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Viel Angst, viel Klopapier

Die Psychologie des Hamsterns

Zu Beginn der Corona-Krise waren die Klopapier-Regale von Supermärkten wochenlang leer – doch wer hatte die Hygieneartikel gebunkert? Einer Studie zufolge waren das unter anderem Menschen, die die Pandemie als besonders große Gefahr empfanden.
dpa
15.06.2020  14:30 Uhr

»Menschen, die sich bedrohter fühlten, neigten dazu, mehr Toilettenpapier zu horten«, schreiben die Autoren um Lisa Garbe von der Universität St. Gallen im Fachmagazin »PLOS One«. Das Verhalten sei teilweise persönlichkeitsbedingt, heißt es weiter: »Menschen, die grundsätzlich dazu neigen, sich viele Sorgen zu machen und ängstlich zu sein, fühlen sich mit höherer Wahrscheinlichkeit bedroht und horten Toilettenpapier.«

Nach Angaben von Herstellern war der Verkauf von Klopapier in der Corona-Krise zeitweise um bis zu 700 Prozent in die Höhe geschnellt, schreibt das Team – darunter Mitarbeiter der Universität Münster und des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie. Abschließend klären, wohin die Hygieneartikel aus den Supermarkt- und Drogerieregalen verschwunden sind, kann die Studie nicht.

Die Wissenschaftler räumen ein, dass ihre Ergebnisse wohl nur 12 Prozent des veränderten Klopapier-Kaufverhaltens erklären: »Die subjektive Bedrohung durch Covid-19 scheint ein wichtiger Auslöser für das Klopapier-Horten zu sein. Dennoch sind wir noch immer weit davon entfernt, dieses Phänomen umfassend zu verstehen.« Die Forscher hatten für ihre Untersuchung mehr als 1000 Erwachsene aus 35 Ländern unter anderem zu Persönlichkeit, Einschätzung der Corona-Gefahr sowie zu ihren Klopapier-Einkäufen befragt.

Auch Arznei- und Lebensmittel gebunkert

Eine Umfrage im Auftrag des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller, für die Mitte April rund 1000 Menschen repräsentativ befragt wurden, kam daneben zu dem Ergebnis, dass in der Corona-Krise vor allem junge Menschen Arzneien, Lebensmittel und Hygieneartikel gehamstert haben.

In der Umfrage des Marktforschers Nielsen gaben demnach 43 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, Arzneien über die in normalen Zeiten beschaffte Menge hinaus gekauft zu haben. Bei den 30- bis 39-Jährigen waren es 34 Prozent. Dagegen hamsterten nur 15 Prozent der 50- bis 59-Jährigen sowie 9 Prozent der Über-60-Jährigen. Damit lagen die älteren Menschen deutlich unter dem Durchschnitt von 23 Prozent.

Eine Ursache sehen die Marktforscher darin, dass Eltern Vorräte auch für ihre Kinder angelegt hätten. Das könne erklären, warum relativ junge Menschen bei Lebensmitteln und Arzneien verstärkt zuschlugen. Sie fühlten sich verantwortlich für andere Personen im Haushalt, zum Beispiel, wenn diese an Krankheiten litten.

Auch Arzneien gegen Erkältung, Fieber oder Schmerzen waren aus Angst vor der Pandemie bei den Verbrauchern stark gefragt. Rund drei Viertel der Befragten, die Arzneien auf Vorrat erwarben, beschafften sich rezeptfreie Medikamente für Krankheiten, die nicht akut vorlagen. Mehr als 80 Prozent nannten als Grund die Angst vor Versorgungsengpässen. Nur ein Drittel handelte auf Rat von Arzt oder Apotheker. Jeder fünfte Befragte gab ferner an, dass ein gewünschtes Medikament in den vergangenen acht Wochen nicht verfügbar gewesen sei, vor allem bei rezeptfreien Mitteln. Eine Mehrheit von 57 Prozent geht aber davon aus, dass die Verfügbarkeit von Arzneien gesichert ist.

Das bestätigt Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des BAH. Aus seiner Sicht gab und gibt es keinen Grund, sich auf Vorrat mit Arzneimitteln einzudecken, wenn nicht der Arzt oder Apotheker dazu raten. »In vielen Fällen führt erst der unverhältnismäßige Kauf von Arzneimitteln, die nicht benötigt werden, zu kurzfristigen Lieferengpässen zulasten anderer Patienten.«

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