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Schließung der Impfzentren Ende September

Die richtige Entscheidung?

Die Pandemie ist noch nicht überstanden, doch die Nachfrage nach Coronaimpfungen geht zurück. Am 30. September 2021 wurden viele Impfzentren geschlossen. Der Bundesverband der PTA (BVpta) hat Apotheker Dr. Stephan Barrmeyer, dem ehemaligen pharmazeutischen Leiter des Impfzentrums Dülmen in Nordrhein-Westfalen, dazu einige Fragen gestellt.
Peggy Becker
14.10.2021  11:00 Uhr

BVpta: Wo lagen Ihre genauen Aufgaben als pharmazeutischer Leiter im Impfzentrum?

Barrmeyer: Vor dem eigentlichen Arbeiten im Impfzentrum setzten sich die Organisatoren und Leiter zusammen, um die Planung und weiteren Vorgehensweisen zu besprechen. So planten Apothekerinnen und Apotheker die Räumlichkeiten und richteten diese ein.

Es tauchten Fragen auf wie: »Ist das Aufziehen der Spritzen eine pharmazeutische Tätigkeit?« Denn ursprünglich stand nur die Rekonstitution durch das pharmazeutische Personal in Zwei-Stunden-Schichten vormittags und nachmittags zur Debatte. Das Aufziehen wollte die Ärzteschaft ursprünglich selbst übernehmen. Schnell wurde aber klar, dass es anders kommt und somit Themen wie längere Schichten, mehr Personal, mehr Aufwand und Material zur Debatte stehen würden.

Dazu kam die Sorge, ob genug Personal zur Verfügung steht. Die Hauptaufgaben der Leiter nach Ablaufplanung waren die Verwaltung, Bestellplanung und Überwachung der Haltbarkeit des Impfstoffes. Es wurden Verfahrensanweisungen erstellt und bearbeitet, Teams eingewiesen und wenn nötig, Änderungen eingefügt. Insgesamt war es eine sehr spannende, aufregende Zeit und ich habe die Aufgabe sehr gerne gemacht.

BVpta: Wie viele PTA waren im Einsatz und wie hoch war die Beteiligung zur Unterstützung?

Barrmeyer: In Dülmen waren über 100 Leute im Einsatz, davon zwei Drittel PTA. Anfangs pro Team ein(e) Apotheker(in) und ein(e) PTA. Später stieg die Regelbesetzung sehr oft auf ein(e) Apotheker(in) und zwei PTA. Es gab nie Probleme, Termine mit Personal zu besetzen, da die Zahl der Freiwilligen sehr hoch war. Die Bereitschaft war teils sogar so groß, dass gar nicht alle, die sich bereit erklärt hatten, eine Einsatzmöglichkeit erhielten.

BVpta: Wie ist Ihre Meinung zur Schließung des Impfzentrums?

Barrmeyer: Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es war eine sehr spannende und neue Erfahrung für mich. Mein Wunsch wäre gewesen, die Infrastruktur des Impfzentrums für eine schnelle Wiederabrufbarkeit stehen zu lassen. Denn es bleibt die Frage: Schaffen die Ärztinnen und Ärzte das Impfpensum und die Organisation neben dem alltäglichen Ablauf in den Praxen? Wie viele Impfdosen bleiben ungebraucht? Da nun die Lagerung und Bestellung der Impfstoffe vermehrt über die Apotheken läuft, bleibt es spannend, wie es weitergeht.

Vorteile der Schließung sind ganz klar, dass die freiwilligen PTA und Apothekerinnen und Apotheker nun wieder in den Apotheken vor Ort im Einsatz sind. Wobei in den letzten Wochen deutlich wurde, dass viele PTA aufgrund ihrer positiven und neuen Erfahrungen auch weitergemacht hätten, teils sogar ehrenamtlich und unentgeltlich. Nachteile sind in der Finanzierung des Impfzentrums zu sehen. Allein die Miet- und Personalkosten waren sehr hoch. Ein weiterer Punkt ist das Fehlen eines zentralen Anlaufpunktes.

Ob es eventuell in naher Zukunft mobile Impfteams geben wird, liegt in der Entscheidung der KOCI (=Koordinierende Corona Impfeinheit), welche das Impfgeschehen bei den Ärzten beobachtet.

BVpta: Wie stehen Sie allgemein zum Thema »Impfen in der Apotheke«?

Barrmeyer: Ich stehe dem Thema sehr positiv gegenüber, denn die Nachfrage ist da. Viele Men-schen haben keine Hausärztin oder keinen Hausarzt. Auch die Angst der Ärztinnen und Ärzte, etwas zu verlieren, ist unbegründet. Sie haben ausreichend in den Praxen zu tun. In anderen Ländern, zum Beispiel in Frankreich und der Schweiz, wird bereits in Apotheken geimpft. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es Modellprojekte. Wenn alle Formalitäten und Voraussetzungen für die Apotheken geklärt und geregelt sind und auch das Personal entsprechende Schulungen erhalten hat, kann und wird es sicher auch bei uns losgehen.

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