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Chemsex

Die Risiken von Sex auf Drogen

Chemsex ist gefährlich – ein trügerischer Himmel auf Erden, dem schnell die Hölle folgen kann. So berichten zumindest Menschen, die schon einmal Drogen wie Crystal Meth beim Geschlechtsverkehr eingenommen haben.
dpa/PTA-Forum
03.01.2020  12:30 Uhr

Den Begriff Chemsex prägte der Brite David Stuart schon im Jahr 2001. Es bezeichnet die Einnahme spezieller synthetischer Drogen beim Sex oder davor. Laut Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe erhoffen sich Chemsex-Nutzer mehr Erfüllung, mehr Durchhaltevermögen, mehr Selbstsicherheit.

Doch das Verlangen nach Mehr kann schwierig werden. Auf der Suche nach intensiveren Gefühlen steigern Betroffene ihre Dosis häufig immer weiter. »Es gibt offenkundig immer mehr Männer, die durch ihren Substanzkonsum Probleme haben«, so Wicht. In Arztpraxen und Beratungseinrichtungen hätten Anfragen dazu stark zugenommen.

Neben Crystal Meth werden Wicht zufolge bei Chemsex etwa auch andere Amphetamine, das euphorisierende Mephedron sowie Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) und dessen Vorstufe Gamma-Butyrolacton (GBL), konsumiert. Letztere, in der Szene auch als »Liquid Ecstasy« oder einfach »G« bekannt, gelten wegen ihrer schwierigen Dosierung als besonders gefährlich und können Atemlähmungen und Kreislaufschocks verursachen.

Bei Chemsex nehmen die Konsumenten die Substanzen freiwillig ein, weil sie sich eine stimulierende Wirkung erhoffen. GHB und GBL werden aber auch als Vergewaltigungsdroge missbraucht, wenn sie Leuten gegen deren Willen als K.-o.-Tropfen in Getränke gemischt werden.

Liebesakt mit Rauschzugabe: Auf diese Idee kamen Menschen bereits in der Antike. Doch im Gegensatz zu Sekt-Schwips und Vergnügungen zwischen Marihuana-Rauchschwaden können Amphetamine laut Anne Iking gravierendere Schäden verursachen: Sie machen schnell abhängig, putschen zu tagelangen Wachphasen auf, unterdrücken das Durstgefühl - »das kann schnell lebensbedrohlich werden«, sagt die Therapeutische Leiterin Sucht an der Salus Klinik in Hürth bei Köln.

Dem Tübinger Suchtmediziner Carsten Käfer zufolge können Psychosen, Depressionen, Organschäden bis hin zur tödlichen Überdosis Folgen eines Konsums synthetischer Drogen sein. Er schließt auch einen kontrollierten Konsum aus: »Das ist nicht möglich. Das ist wie ein Tanz auf einem Vulkankrater.«

An der Rehabilitationseinrichtung entstand 2015 das nach eigenen Angaben bundesweit einzige stationäre Behandlungskonzept speziell für Chemsex. »In der klassischen Suchthilfe finden sich die Männer kaum wieder, weil sie sich nicht als Süchtige definieren«, sagt Iking. In Hürth sind bis zu 15 Betroffene mit diagnostizierter Drogenabhängigkeit in Therapie. Diese zielt auf Abstinenz: Die gewohnte Allianz von Sex und Konsummittel soll aufgebrochen werden. Bis zu 26 Wochen dauert das in der Regel. Zum Vergleich: Alkoholkranke bleiben bei einer Erstbehandlung etwa 15 Wochen in der Suchtklinik.

Besonders unter Homosexuellen beliebt

Die Chemsex-Patienten an der Salus Klinik sind Männer, die Sex mit Männern haben. Die Praktik ist vor allem bei Schwulen verbreitet. Es gebe auch Heterosexuelle, die Sex mit Substanzen schätzten, sagt Iking. Aber diese verabredeten sich seltener gezielt dazu als manche Homosexuelle. Iking vermutet, dass bei Schwulen mitunter Ausgrenzungserfahrungen oder gefühlter Attraktivitätsverlust beim Drogenkonsum eine Rolle spielen könnten. Prakash W. bewegt sich selbst in der Schwulenszene und beschreibt die Attraktivität von Chemsex. »Sexualität hat hier einen hohen Stellen- und Identifikationswert und ist mit einem gewissen Leistungsdruck verbunden.«

Die maximale Enthemmtheit ist aber nicht nur Motivation, sondern bedingt auch die Gefahr von Chemsex: 60 Prozent von Ikings Patienten sind HIV-positiv, teils war die Infektion direkte Folge von Chemsex. Den Experten zufolge kann mit dem Drogenkonsum Kontrollverlust und ein laxer Umgang mit Kondomen einhergehen – das Risiko für eine Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten steigt. Laut Holger Wicht von der Aidshilfe gehören Chemsex-Praktizierende besonders zur Zielgruppe der sogenannten PrEP, der Prä-Expositions-Prophylaxe, einer relativ neuen Methode zur Vorbeugung einer Infektion mit dem Aids-Erreger HIV. Dabei nehmen HIV-negative Menschen ein Medikament ein, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen.

Die Aidshilfe schätzt den Anteil homo- und bisexueller Männer, die Sex immer oder fast immer unter stimulierenden Substanzen haben, in größeren Städten auf bis zu 20 Prozent. Chemsex ist allerdings nicht nur ein Phänomen von Metropolen mit pulsierender Partykultur. Nach Angaben der Universitätsklinik Tübingen gibt es im Südwesten Deutschlands etwa auf der Schwäbischen Alb und am Bodensee Schwerpunkte der Szene.

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