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Apps und Fitnesstracker

Die Vermessung des Körpers

Computer sind immer kleiner, leichter und besser geworden. Sie bringen die nötige Leistung in tragbare Geräte wie Smartphones oder Fitnesstracker. Besonders gerne nutzen Anwender auf ihren Geräten Apps aus dem Gesundheitsbereich. Welche Chancen bieten die kleinen Programme – und worauf sollten Patienten achten?
Michael van den Heuvel
04.04.2019
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Zwischen 2009 (6,31 Millionen Geräte) und 2018 (57 Millionen) ist die Zahl an Smartphone-Nutzern in Deutschland regelrecht explodiert. Das liegt vor allem an sinkenden Preisen bei steigender Leistungsfähigkeit. Ähnlich sieht es bei tragbaren Systemen aus, den sogenannten Wearables. Rund 6,2 Millionen Menschen nutzen die unterschiedlichsten Fitnesstracker, Stand 2018. Ein Jahr zuvor waren es noch 6,0 Millionen. Viele Menschen wollen ihre eigene Gesundheit erhalten oder verbessern. Welchen Beitrag moderne Technologien leisten, zeigen einige Fallbeispiele.

Per App zur optimalen Pharmakotherapie

Für PTA oder Apotheker stellt sich vorrangig die Frage, wie sich Pharmakotherapien optimieren lassen. Patienten halten sich aus unterschiedlichen Gründen nicht an die Anweisungen ihres Arztes oder Apothekers. Ohne Leidensdruck vergessen sie die Einnahme wichtiger Präparate – vor allem, wenn der Alltagsstress noch hinzukommt. Heilberufler machen sich zu Nutze, dass ältere Patienten mehr und mehr Smartphones verwenden. Aus einem Forschungsprojekt der Charité Berlin entstand zusammen mit dem Klinikum rechts der Isar (Technische Universität München) und der Deutschen Hochdruckliga eine Anwendung für Mobiltelefone. »MyTherapy«, so der Name, erinnert Patienten nicht nur daran, ihre Präparate einzunehmen. Sie können Vitalparameter, etwa Blutdruckwerte und Symptome im digitalen Gesundheitstagebuch erfassen: eine gute Basis für Arztgespräche. Außerdem fordert »MyTherapy» Nutzer auf, rechtzeitig neue Rezepte anzufordern. Studien zeigten, dass in der Anwendergruppe 89 Prozent aller Patienten mit Typ-2-Diabetes ihre Medikamente korrekt einnahmen. Ohne digitale Hilfe schwankt der Wert je nach Studie zwischen 55 und 60 Prozent.

Kopfschmerztagebuch 2.0

Auch bei Migräne spielen Apps ihre Stärken aus. Das klassische Kopfschmerz-Tagebuch kann im Schrank bleiben. Kleine Anwendungen wie »M-sense« unterstützen Patienten dabei, Faktoren wie Stress, Schlaf und Ernährung zu erfassen. Meteorologische Faktoren werden automatisch ergänzt. Und per Medikamenten-Tracker behalten Patienten alle eingenommenen Präparate im Überblick. Das System kann noch mehr. Es errechnet aus Parametern wie dem Zeitpunkt, der Dauer, der Schmerzintensität und etwaigen Begleiterscheinungen, welche Kopfschmerzart hinter den Beschwerden stecken könnte. Außerdem bietet »M-sense« verschiedene Entspannungsverfahren aus der klinischen Praxis wie die Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training und Atem-Meditationen. Ärzte haben jedoch das letzte Wort bei der Diagnose.

Tinnitus: Krankenkassen bezahlen die App

Das trifft auf »Tinnitracks«, eine Tinnitus-App, ebenfalls zu. Patienten mit entsprechender Diagnose erhalten vom HNO-Arzt ihren persönlichen Aktivierungscode. Als Basistherapie bietet die App umfangreiche Aufklärung und praktische Tipps zu Lösungswegen im Umgang mit dem Tinnitus. Dieses sogenannte Counseling gilt laut Leitlinie als wirksame Gegenmaßnahme. Es führt zu mehr Gelassenheit im Umgang mit Ohrgeräuschen. Um die subjektiv empfundene Tinnitus-Laustärke zu verringern, gibt es die App »Tinnitracks Neuro-Therapie«. Im ersten Schritt bestimmen HNO-Ärzte die Tinnitus-Frequenz. Anschließend wählen Patienten eigne Musikstücke für die Behandlung aus. Akustische Filter dämpfen Signalanteile stark innerhalb des persönlichen Tinnitus-Frequenzbereichs, verändern weitere Anteile jedoch nicht. Im Rahmen ihres Tailor-Made Notched Music Trainings, so heißt das Verfahren, hören Patienten regelmäßig diese aufbereiteten Musikstücke, was ihre Beschwerden lindert. Mittlerweile übernehmen 74 gesetzliche beziehungsweise private Krankenkassen sogar die Kosten.

Der Therapeut in der Hosentasche

Selbst der psychologische Bereich wird heute von Apps erschlossen. »Arya« hilftPatienten, ihre Emotionen und die dazugehörigen Verhaltensmuster zu dokumentieren. Ziel ist, Automatismen im eigenen Verhalten zu erkennen sowie zu durchbrechen. Im richtigen Moment schlägt »Arya« Aktivitäten vor, die Patientengut tun. Dafür gibt es 150 Vorschläge in einer »Toolbox«. Therapeuten aus Fleisch und Blut lassen sich durch keine Software der Welt ersetzen. Allerdings könnte »Arya« die Wartezeit überbrücken, bis ein Therapieplatz zur Verfügung steht. Und selbst danach kann sich der Behandler mit Zustimmung von Patienten ein detailliertes Bild machen, falls regelmäßig Informationen eingepflegt worden sind.

App trifft Arzt

Mittlerweile haben gesundheitspolitische Entscheidungen App-Entwicklungen weiter vorangebracht. Die altehrwürdige Trennung zwischen Technik und ärztlichen Vor-Ort-Untersuchungen ist seit Mitte 2018 nämlich Vergangenheit. Beim 121. Deutschen Ärztetag beschlossen Delegierte mehrheitlich, das bisherige Fernbehandlungsverbot zu lockern. Laut Musterberufsordnung dürfen Ärzte »im Einzelfall« auch bei ihnen noch unbekannten Patienten ausschließlich über digitale Medien diagnostizieren beziehungsweise therapieren. Das Prinzip lässt sich bei Hautläsionen gut umsetzen. Neuere Smartphones bieten mit gut auflösenden Kameras ideale Voraussetzungen. Bei der App »Skin Vision« fotografieren Anwender ihr Muttermal. Nach dem Upload wird die Aufnahme über Tools aus dem Bereich künstliche Intelligenz analysiert. Zum Vergleich zieht die App aus einer Datenbank Aufnahmen mit unterschiedlichen gutartigen beziehungsweise bösartigen Läsionen. Innerhalb von 30 Sekunden erhalten Patienten ihr Ergebnis in Form von Risikoabschätzungen. Bei Fotos mit einer hohen Risikoeinstufung werden die Nutzer innerhalb von 48 Stunden von Dermatologen beraten. Andere Apps wie »Mobile Skin« stellen den direkten Kontakt zu Dermatologen her.

Signale aus dem Körper

Die technischen Möglichkeiten gehen deutlich weiter. Tragbare Minicomputer, sogenannte Werables, sind unter anderem in Smartwatches beziehungsweise Fitness-Trackern zu finden. Sie erfassen zahlreiche Parameter wie die Schrittzahl, den Blutdruck, den Puls oder nächtliche Schlafphasen. Activity Tracker können ein Hilfsmittel zur Steigerung der Fitness sein, weil sie Bewegung zu einem Spiel mit konkreten Zielen machen (»Gamification«) oder über Social Media mit der Community teilen. Auch bei Krankheiten entscheiden sich Patienten, bestimmte Vitalparameter zu veröffentlichen. Die Idee dahinter ist alt: Selbsthilfegruppen gibt es seit Jahrzehnten, anfangs waren sie rein analog. Gerade bei seltenen Erkrankungen mit wenigen Betroffenen bietet das Web ideale Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Sie diskutieren Messwerte, erörtern Diagnosen und sprechen über Therapien. So lange sie ärztliche Ratschläge befolgen, ist dagegen nichts einzuwenden.

Einen Schritt weiter geht die ursprünglich aus Amerika stammende »Quantified Self«-Bewegung. In mehr als 130 Städten weltweit treffen sich deren Anhänger, um sich über neue Messverfahren auszutauschen. Sie arbeiten mit Kleidung, die Sensoren enthält (»Smart Clothes«), mit Schlafsensoren beziehungsweise vernetzten Waagen. Sie bestimmen die Körpertemperatur oder erfassen die Lichtintensität. Im Urin fahnden »Self-Tracker« nach allerlei Metaboliten. Ihr Ziel ist, den eigenen Körper besser zu verstehen, um anschließend ihre Gesundheit zu optimieren. Modellprojekte aus Japan zeigen, wohin die Reise gehen könnte. Schon beim morgendlichen Toiletten besuch erfassen Sensoren im Urinal diverse Parameter. Die Werte landen zur Analyse in einer App. Bei Abweichungen erhalten User zeitnah eine Warnung, um ihren Arzt aufzusuchen.

Das ist noch Zukunftsmusik. Im Gesundheitsbereich haben Apps aber ihren festen Platz erobert. Für Anwender ist die Vielfalt mittlerweile verwirrend. Systematische Überprüfungen sind kaum noch möglich. Worauf sollten sie achten?

Die Spreu vom Weizen trennen

Mehrere Verbände haben speziell für Anwender eine »Checkliste für die Nutzung von Gesundheits-Apps« entwickelt: ein Thema, das Anwendungen auf allen Endgeräten betrifft. Demnach sollten die kleinen Programme nicht nur einen konkreten Anwendungsbereich haben, sondern auch die eigenen Grenzen aufzeigen. Kein noch so gutes Tool ersetzt Arzt oder Apotheker. Therapieunterstützungen wie die Erfassung von Vitalparametern sind ein Pluspunkt.

Beim Thema Datenschutz lohnt ein Blick auf Qualitätsprädikate wie »Trusted App« der TÜV TRUST IT GmbH oder Siegel des TÜV Rheinland. Prädikate gibt es viele, ohne transparente Bewertungskriterien tun sich User mit der Einschätzung schwer. Ein Impressum verrät, ob Anbieter Interessenkonflikte haben. Wer frei verkäufliche Produkte aus dem Gesundheitsbereich anbietet, wird setzt die eigene App möglicherweise als Marketing-Instrument ein. Öffentliche oder gemeinnützige Träger stehen im Unterschied dazu meist für neutrale Inhalte. Dennoch sollten wir nicht vergessen: Datenschutz beginnt beim Anwender selbst. Wir entscheiden, welche Informationen wir preisgeben, und welche nicht. Wer im Web eigene Gesundheitsdaten in personalisierter Form veröffentlicht, etwa über Social Media, riskiert, dass Informationen in falsche Hände gelangen.

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