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Hygiene

Die wichtigsten Regeln der Desinfektion

Desinfektionsmittel waren immer schon gängige Produkte des Apothekensortiments, zum Beispiel zur Prävention von Magen-Darm-Infekten. Seit der Pandemie sind sie neu ins Blickfeld gerückt.
Annette Immel-Sehr
07.01.2021  16:00 Uhr

Laut Definition sind Desinfektionsmittel antimikrobiell wirksame Substanzen, die zur Infektionsprophylaxe eingesetzt werden. Sie haben den Zweck, Krankheitserreger und Sporen, die sich auf Körperoberflächen, Gegenständen oder Flächen befinden, in einen Zustand zu versetzen, in dem sie nicht mehr infizieren können. Die verschiedenen Desinfektionsmittel unterscheiden sich in ihrem Wirkspektrum. Die meisten töten Bakterien, Mykobakterien, Pilze und Pilzsporen zuverlässig ab sowie meist behüllte Viren wie SARS-CoV-2, Influenza- und Ebolaviren. Nur wenige Mittel wirken ausreichend gegen unbehüllte Viren, wie Rhino- und Noroviren, und gegen Bakteriensporen.

Desinfektionsmittel, die in der Lage sind, behüllte und unbehüllte Viren abzutöten, werden als viruzid bezeichnet. »Begrenzt viruzid« sind solche, die nur gegen behüllte Viren wirken. Desinfektionsmittel mit der Angabe »begrenzt viruzid plus« inaktivieren alle behüllten Viren sowie zusätzlich Adeno-, Rota- und Noroviren. Die drei letztgenannten Virusfamilien gehören zwar zu den unbehüllten Viren, reagieren aber empfindlich, weil sie eine geringe Hydrophilie besitzen. Andere nicht behüllte Viren, die stärker hydrophil sind, werden dagegen nicht von Desinfektionsmitteln mit dieser Kennzeichnung erreicht. Das Robert-Koch-Institut (RKI) verwendet zur Einordnung des Wirkspektrums von Desinfektionsmitteln die beiden Kategorien A und B.

Desinfektionsmittel zur Abtötung von Bakterien einschließlich Mykobakterien sowie Pilzen und Pilzsporen werden mit dem Buchstaben A zugeordnet. Der Buchstabe B kennzeichnet die Wirksamkeit gegen Viren.

In der Apotheke spielt vor allem die Flächen- und Händedesinfektion eine Rolle. Keime können eine gewisse Zeit auf Oberflächen überleben und von dort aus über die Hände in den Körper gelangen. Hände- und Flächendesinfektion sowie regelmäßiges Händewaschen sind daher wichtige Maßnahmen, um einer Infektion vorzubeugen. Die Ansteckungsgefahr, die von Oberflächen ausgehen kann, hängt vom Material ab sowie von Umweltbedingungen wie Temperatur und Feuchtigkeit, von der Konzentration des infizierenden Materials sowie davon, wie lange dieses bereits an der Oberfläche haftet.

Breite Wirkstoffpalette

Als Wirkstoffe zur Flächendesinfektion werden vor allem Alkohole, Biguanide, organische oder anorganische Substanzen mit Chlor, Aldehyden, Per-Verbindungen sowie Phenol oder Phenolderivaten eingesetzt. Für die Anwendung auf der Haut eignen sich viele dieser Substanzen nicht, weil sie reizend wirken oder Allergien auslösen können. Häufig verwendete Wirkstoffe zur Händedesinfektion zählen zur Gruppe der Alkohole, Halogene oder zu den quartären Ammoniumverbindungen.

Desinfektionsmittel richten sich häufig gegen Proteinstrukturen von Krankheitserregern. So schädigen sie zum Beispiel Membranproteine und Enzyme der Mikroorganismen. Organische und anorganische Oxidationsmittel wirken oxidierend auf die Proteine; solche mit besonders hohem Oxidationspotenzial greifen auch Nukleinsäuren an. Detergenzien zerstören infolge ihrer Oberflächenaktivität die geordnete Struktur der Membranlipide.

Von den verwendeten aliphatischen Alkoholen wirkt Propanol stärker bakterizid als Ethanol, primäre Alkohole wirken stärker als sekundäre und tertiäre. Die Wirksamkeit gegen Viren ist bei den Alkoholen unterschiedlich und hängt zudem von der Einwirkzeit ab. Häufig werden auch Kombinationen verschiedener Alkohole oder mit quartären Ammoniumverbindungen eingesetzt.

Produkt zur ­Händedesinfektion Wirkstoffe (pro 100 g beziehungsweise 100 ml) Wirkungsbereich laut RKI Wirksam gegen Norovirus Wirksam gegen Influenza Wirksam gegen SARS-CoV-2
Sterillium® (oder classic pure ohne Farbstoffe und Parfum) Propan-2-ol 45,0 g, Propan-1-ol 30,0 g, Mecetroniumetilsulfat 0,2 g Bereich A und begrenzt viruzid Einwirkzeit jeweils 30 Sek. - + +
Sterillium® virugard Ethanol (99%) 95,0g Bereich A (Einwirkzeit 30 Sek.) Bereich B (Einwirkzeit 2 Min.) + + +
Aseptoman® viral 1-Propanol (Ph. Eur.) 10 g und Ethanol (96%) 57,6 g Bereich A (Einwirkzeit 30 Sek.) Bereich B (Einwirkzeit 1,5 Min.) + + +
Softa-Man® acute Ethanol (100%) 45 g und 1-Propanol (Ph. Eur.) 18 g Bereich A (Einwirkzeit 30 Sek.) Bereich B (Einwirkzeit 1 Min.) + + +
Produktbeispiele zur Händedesinfektion und ihre Wirksamkeit (modifiziert nach Pharm Ztg 2020; 6, 42-44)

Eine Liste geprüfter Desinfektionsmittel zur Flächen- und Händedesinfektion, ebenso wie zur Desinfektion beispielsweise von Wäsche und medizinischen Instrumenten findet sich auf der Homepage des RKI. Darüber hinaus gibt es weitere Desinfektionsmittellisten, die Produkte mit geprüfter Qualität aufführen. Die bedeutendste ist die sogenannte VAH-Liste vom Verbund für angewandte Hygiene e.V. (VAH). Auf den Verpackungen der dort gelisteten Desinfektionsmittel ist oft der Hinweis »VAH-zertifiziert« oder »VAH-gelistet« als Qualitätshinweis angebracht.

Gewusst wie

Ob ein geprüftes Desinfektionsmittel bei der Anwendung wirklich wirksam ist, hängt von drei Bedingungen ab: richtige Konzentration, ausreichende Benetzung und Einhalten der Einwirkzeit. Nicht alle Desinfektionsmittel kommen anwendungsfertig in den Handel. Vor allem für die Desinfektion großer Flächen stehen Konzentrate zur Verfügung, die zunächst mit kaltem Wasser verdünnt werden müssen. Nur korrekt dosierte Desinfektionsmittel können wirken. Klingt banal, ist es aber nicht. Denn beim Verdünnen auf die gewünschte Konzentration können Fehler passieren. Zu stark verdünnt, wirkt das Mittel nicht. Zu konzentriert, schädigt es die Materialien und möglicherweise die Gesundheit.

Grobe Verschmutzungen müssen vor der Desinfektion entfernt werden, da sie die Wirksamkeit einschränken können. Beim Aufbringen des Desinfektionsmittels ist darauf zu achten, dass wirklich die gesamte Fläche benetzt wird. Ein kritischer Bereich in der Rezeptur ist zum Beispiel der Platz hinter und unter der Waage. Es hat sich gezeigt, dass Wischen effektiver wirkt als Sprühen, weil sich so eine vollständige Benetzung der Oberfläche erreichen lässt – beim Sprühen hingegen muss man in der Regel noch nachwischen. Nachteilig beim Sprühen sind auch die dabei entstehenden kleinen Tröpfchen, die in die Atemwege gelangen können.

Händedesinfektionsmittel sollten nur auf trockenen Händen angewendet werden. Dabei ist es wichtig, die gesamte Hand zu benetzen, also auch Fingerkuppen, Nagelfalze, Daumen, Fingerzwischenräume, Handrücken und Handgelenke. Desinfektionsmittel ist großzügig anzuwenden, damit die Hände während der vorgeschriebenen Einwirkzeit auch tatsächlich feucht sind.

Die eingesetzten Mittel brauchen eine gewisse Zeit, um Mikroorganismen zu inaktivieren. Die sogenannte Einwirkzeit, die je nach Krankheitserreger und Produkt unterschiedlich sein kann, muss unbedingt eingehalten werden. Sie ist auf dem Produkt angegeben. Bei Händedesinfektionsmitteln beträgt sie meist zwischen 30 Sekunden und zwei Minuten. Für die Wirkung auf Flächen ist mit längeren Einwirkzeiten zu rechnen. Sie kann je nach Desinfektionsmittel bis zu vier Stunden betragen.

Handpflege wichtig

Händedesinfektionsmittel reizen die Haut weniger, als viele Verbraucher glauben. Wenn das Desinfektionsmittel aufgrund seines Alkoholgehaltes auf der Haut brennt oder Hautrötungen verursacht, so liegt es daran, dass die Haut schon vorher geschädigt war. Bei der Händedesinfektion werden Hautfette zwar durch den Alkohol aus der Hornzellschicht herausgelöst, sie verbleiben jedoch größtenteils auf der Haut. Beim Händewaschen mit Seife werden sie dagegen aus der Haut herausgelöst und abgespült. Das macht die Haut rau und empfindlich. Personen, die ihre Hände häufig waschen und desinfizieren müssen, sollten viel Wert auf die Handpflege legen und ihre Hände morgens, in Arbeitspausen und nach Dienstschluss mit einem hochwertigen Pflegeprodukt eincremen. Das dient zugleich dem Infektionsschutz. Denn auf glatter Haut setzen sich weniger Krankheitserreger fest als auf rissiger Haut und sie werden dort von Desinfektionsmitteln besser erreicht als in feinen Hautrissen.

In der Apotheke

Da Desinfektionsmittel zu Beginn der Pandemie knapp wurden, erließ die Bundesstelle für Chemikalien bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) im Frühjahr vergangenen Jahres eine Allgemeinverfügung, die den Apotheken die Herstellung bestimmter Hände- sowie Flächendesinfektionsmittel gestattete. Normalerweise ist dies nicht erlaubt, da die Produkte als Biozide und nicht als Arzneimittel gelten. Die Sonder-Erlaubnis zur Herstellung und Abgabe der hergestellten Flächendesinfektionsmittel ist bereits im Herbst abgelaufen. Nach derzeitigem Stand endet die Erlaubnis zur Herstellung von Händedesinfektionsmittel am 5. April 2021. Nach diesem Stichtag dürfen keine Desinfektionsmittel auf Grundlage der Allgemeinverfügung mehr hergestellt und bereits hergestellte Desinfektionsmittel nicht mehr abgegeben werden.

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