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Li-Fraumeni-Syndrom

Ein Leben mit dem Krebs

Diagnose: Brustkrebs. Sechs Tumoren in beiden Brüsten. Eine Diagnose, die Frau P. im Alter von 27 Jahren bekam. Eine Diagnose, die sie erschütterte. Und nicht nur sie – auch ihre Ärztin. Das frühe Erkrankungsalter sowie das Auftreten mehrerer Tumoren gleichzeitig veranlassten sie, Frau P. an einen Spezialisten zu überweisen. Nach umfangreichen Untersuchungen stand fest: Frau P. leidet am Li-Fraumeni-Syndrom.
Nadine Hoffmann
25.02.2019
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Benannt nach den Erstbeschreibern gehört das Li-Fraumeni-Syndrom (LFS) zu den erblichen Tumorerkrankungen. Hauptkennzeichen ist ein deutlich erhöhtes Risiko für maligne Tumorerkrankungen mit oftmals früher Manifestation. Bereits bis zum fünften Lebensjahr sind 22 Prozent der Betroffenen erkrankt; bis zum 18. Lebensjahr steigt die Inzidenz auf über 40 Prozent. Im Laufe ihres Lebens manifestiert sich eine Krebserkrankung bei 100 Prozent der weiblichen und 73 Prozent der männlichen LFS-Patienten. Nach Literaturangaben sind weltweit schätzungsweise 400 Familien betroffen.

Ursache der erhöhten Tumorinzidenz ist eine Punktmutation im TP53-Gen auf Chromosom 17, welches das Tumorsuppressorprotein p53 kodiert. Als »Wächter des Genoms« kontrolliert p53 den Zellzyklus und sorgt für Stabilität des Erbguts. Durch chemische oder physikalische Noxen aktiviert, stoppt es den Zellzyklus und leitet – je nach Ausmaß des Schadens – DNA-Reparaturmechanismen ein oder initiiert den programmierten Zelltod (Apoptose). Dadurch wird es zum Schlüsselprotein in der Vermeidung von Zellentartung und malignem Wachstum.

Je nach Art der Mutation im TP53-Gen kommt es beim LFS entweder zur Funktionseinschränkung des p53-Proteins oder zum völligen Funktionsverlust. Diese Mutation kann während der Embryogenese ent­stehen oder durch ein Elternteil vererbt werden (Keimbahnmutation). Im Gegensatz zu somatischen Mutationen, bei denen der Gendefekt nur in einzelnen Zellen eines Gewebes­ vorliegt, sind bei Keimbahnmutationen alle Körperzellen betroffen.

Anfällig für Mutationen

Dieser Aspekt hat beim LFS eine besondere medizinische Bedeutung: Da in allen Körperzellen der antikanzerogene Effekt des p53-Proteins fehlt, sind sie alle anfällig für weitere Mutationen und maligne Entartung. Ein breites Tumorspektrum, welches nahezu jedes Organ und Gewebe betreffen kann, ist die Folge. Am häufigsten treten Weichteilsarkome, Osteosarkome, Mammakarzinome, Leukämien sowie Nebennierenrindenkarzinome auf.

Ferner ergibt sich daraus ein deutlich früherer Krankheitsausbruch bei LFS-Patienten im Vergleich zur Normalbevölkerung. Zum Beispiel beträgt beim Mammakarzinom das mittlere Erkrankungsalter in Deutschland 64 Jahre ohne und 33 Jahre mit LFS. Auch treten erneute Krebserkrankungen oftmals schon sechs bis zwölf Jahre nach der ersten auf. Das Risiko ist dabei umso höher, je jünger der Betroffene bei der Ersterkrankung ist; und die Krebsart ist möglicherweise eine andere als die vorangegangene.

Keine Strahlentherapie

So auch bei Frau P.: Zwei Jahre später, im Alter von 29 Jahren, wird bei ihr ein anaplastisches Astrozytom diagnos­tiziert, ein infiltrierend wachsender, höhergradig maligner Hirntumor. Erneut beginnt sie mit einer Chemotherapie, Temozolomid gegen den Hirntumor, dazu On­dansetron und Dexamethason gegen die permanente Übelkeit. Die Therapie richtet sich dabei primär gegen die Krebserkrankung und ist in der Regel die gleiche wie bei Patienten ohne LFS, mit einer Ausnahme: Eine Bestrahlungstherapie kommt für sie nicht infrage. Denn da die Strahlung selbst als starkes Karzinogen wirkt, kann sie zu neuen DNA-Schäden und Mutationen führen. Die Folge ist ein erhöhtes Risiko für Sekundärtumoren im Bestrahlungsgebiet sowie eine erhöhte Mortalitätsrate durch die Bestrahlung selbst.

Häufung in der Familie

Nach Ansicht der Ärzte von Frau P. war dies vermutlich die Todesursache ihrer Mutter. Auch sie erkrankte in jungen Jahren an Brustkrebs, erhielt eine Bestrahlungstherapie und verstarb unerwartet plötzlich. Obwohl das Li-Fraumeni-Syndrom bei ihr nie diagnostiziert wurde, spricht ein weiterer Aspekt dafür: Wie alle erblichen Tumorsyndrome tritt auch LFS gehäuft innerhalb einer Familie auf. Die ausführliche Familienanamnese ist daher ein wesentlicher Bestandteil bei der Diagnosestellung. Neben der genetischen Beratung des Patienten und einer Genanalyse seines Erbguts werden zudem auch möglicherweise betroffene Angehörige untersucht. Insbesondere Eltern, Geschwister und Kinder haben eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, ebenfalls zu erkranken. Grund dafür ist die autosomal-dominante Vererbung des mutierten TP53-Gens, wodurch das Vorliegen auf einem der beiden Chromosomen ausreicht, damit die Erkrankung ausbricht.

Frau P. hat eine achtjährige Tochter. Sollte sie getestet werden? Ihr Mann und ihre Ärzte sagen ja. Frau P. ist dagegen. Sie weiß, wie schwer das Leben mit dieser Diagnose ist; und gerade deshalb möchte sie ihrer Tochter die Möglichkeit geben, unbeschwert aufzuwachsen.

Bis zum heutigen Zeitpunkt gilt LFS als unheilbar. Therapien, die die Mutation des TP53-Gens korrigieren oder ein funktionsfähiges p53-Protein in die Zellen einbringen, gibt es bisher nicht. Daher sind umfangreiche Krebspräventionsmaßnahmen von essenzieller Bedeutung. Neben einer Reihe ärztlicher Vorsorgeuntersuchungen (siehe Kasten) beinhalten sie auch ein umfangreiches Selbstmanagement im Umgang mit krebserregenden Stoffen. Dazu gehört unter anderem, den schädlichen Einfluss der UV-Strahlung weitestgehend zu senken. Während des gesamten Jahres sollten Betroffene auf einen ausreichenden Sonnenschutz achten und Sonnenschutzmittel mit Lichtschutzfaktor 50 und höher verwenden. Im Sommer empfiehlt sich zudem das Tragen von UV-Schutzkleidung. Auf Solariumbesuche und ausgedehnte Sonnenbäder sollte ganz verzichtet werden. Weiterhin sollten Betroffene zu stark geröstetes oder gegrilltes Essen ebenso vermeiden wie übermäßigen Alkoholkonsum; das Rauchen sollte eingestellt werden.

Begleitend kann eine psychologische Beobachtung der LFS-Patienten sinnvoll sein, da sie anfällig für Depressionen und Angstzustände sind. Bei Frau P. ist davon nichts zu merken. Seit drei Jahren lebt sie mit der Diagnose Li-Fraumeni-Syndrom.

Zwei Tumorerkran­kun­gen und sechs Chemotherapien liegen hinter ihr. Trotzdem wirkt sie wie eine ganz normale junge Frau – offen, herzlich und lebensfroh. »Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man gibt sich dem Selbstmitleid hin oder man akzeptiert es und lebt damit.« 

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