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Entzündung eindämmen

Essen bei Rheuma

Die Hüfte schmerzt beim Gehen, das Kniegelenk fühlt sich nach dem Aufstehen steif an, die Hand ist nicht mehr so beweglich – diese typischen Beschwerden bei Krankheiten des rheumatischen Formenkreises lassen sich mit einer bewussten Auswahl von Lebensmitteln positiv beeinflussen.
Franziska Horvat
17.05.2021  08:30 Uhr

»Das« Rheuma gibt es nicht. Hinter dem Begriff verbergen sich viele Erkrankungen mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern. Sie treten größtenteils am Bewegungsapparat auf, häufig verbunden mit Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit. Es können »harte« Strukturen wie Knochen, Gelenke oder Knorpel betroffen sein oder Weichteile wie Muskeln, Bänder oder Sehnen.

Rheumatische Erkrankungen werden durch Entzündungen, Abnutzungen (Arthrose) oder Stoffwechselstörungen hervorgerufen. Die rheumatoide Arthritis, auf die im Folgenden besonders eingegangen wird, stellt die häufigste entzündliche rheumatische Gelenkerkrankung dar. Sie ist eine Autoimmunerkrankung, die durch wiederkehrende akute Entzündungsschübe gekennzeichnet ist. Durch fehlgesteuerte Reaktionen des Immunsystems setzt der Körper vermehrt Entzündungsstoffe frei, die zerstörerische Prozesse in Gang setzen und unter anderem Gelenkknorpel und knöcherne Strukturen angreifen. Die betroffenen Gelenke sind druckempfindlich, geschwollen und schmerzen vor allem bei Bewegungen. Neben dieser klassischen rheumatischen Erkrankung zählen aber noch sehr viel mehr Krankheitsbilder zum rheumatischen Formenkreis wie Fibromyalgie, Morbus Bechterew, Gicht oder Arthrose. Arthrose ist beispielsweise eine degenerativ-rheumatische Erkrankung – auch Verschleißrheuma genannt, – bei der sich der Gelenkknorpel allmählich abnutzt.

Einfluss auf Botenstoffe

Neben entzündungshemmenden Medikamenten, Schmerzmitteln und krankengymnastischen Übungen ist auch eine Ernährungstherapie wirkungsvoll. Zu den Grundsätzen gehört, krankheitsverstärkende und entzündungsfördernde Stoffe in der Ernährung zu verringern und gleichzeitig mehr entzündungshemmende Stoffe aufzunehmen.

Hinter den immer wieder auftretenden schmerzhaften und gelenkschädigenden Entzündungen stecken verschiedene Entzündungsmediatoren wie Zytokine ( Interleukine) und Eicosanoide (Leukotriene und Prostaglandine). Der Stoffwechsel der Eicosanoide lässt sich über die Ernährung beeinflussen. Denn aus der in Lebensmitteln vorkommenden Arachidonsäure werden im Körper entzündungsfördernde Botenstoffe gebildet. Diese langkettigen Omega-6-Fettsäuren sind nur in tierischem Fett enthalten, hauptsächlich in Fleisch. Günstig ist daher eine vegetarische oder fleischarme Kost. Besonders reich an Arachidonsäure sind Eigelb, Schweineschmalz, Schweineleber und Leberwurst.

Vegetarisch schützt

Rheumapatienten sollten dagegen die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren steigern, denn sie können die Umwandlung der Arachidonsäure in entzündungsfördernde Eicosanoide hemmen. Besonders effektiv wirken die langkettigen Omega-3-Fettsäuren, Eicosapentaensäuren (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), die hauptsächlich in fettreichen Fischen wie Lachs, Hering oder Makrele vorkommen. Daher empfehlen Ärzte, möglichst zweimal pro Woche Seefisch zu essen. Auch in Pflanzen werden Omega-3-Fettsäuren in Form von alpha-Linolensäure angereichert. Allerdings gehen Experten davon aus, dass die Umwandlung in die biologisch wirksamen EPA und DHA im Körper nur in geringerem Umfang stattfindet. Somit hat die Zufuhr von alpha-Linolensäure keinen merklichen Einfluss auf das Entzündungsgeschehen. Trotzdem ist es vorteilhaft, Omega-3-reiche Öle in der Küche zu verwenden wie Lein-, Walnuss-, Soja- und Rapsöl.

Zahlreiche Studien zu rheumatoider Arthritis konnten zeigen, dass sich bei vegetarischer Ernährung Symptome wie Schmerzen oder Morgensteifheit verbessern. Auch Medikamente lassen sich dadurch einsparen, in jedem Fall aber nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt. Vegetarisch lebende Menschen nehmen durch den Verzicht auf Fleisch deutlich weniger Arachidonsäure auf als Menschen, die Fleisch essen. Dadurch bilden sich im Körper weniger entzündungsfördernde Eicosanoide. Mit der in westlichen Industrieländern typischen Kost werden etwa 200 bis 400 mg Arachidonsäure pro Tag aufgenommen, mit einer vegetarisch orientierten Kost lediglich etwa 50 mg pro Tag. Für eine ausreichende Eiweißversorgung können zum Beispiel mehr Hülsenfrüchte auf dem Speiseplan stehen.

Auf Antioxidantien achten

Entzündliche Prozesse im Körper sind dadurch gekennzeichnet, dass vermehrt Sauerstoffradikale gebildet werden. Die sehr reaktionsfreudigen Verbindungen sind zu oxidativen Angriffen auf Körperstrukturen fähig und wahrscheinlich an Gelenkschädigungen beteiligt. Dieser sogenannte oxidative Stress begünstigt außerdem die Entstehung verschiedener Erkrankungen wie Arteriosklerose und Krebs. Wichtig ist daher, dass Rheumapatienten genügend Antioxidantien aufnehmen, die dem Organismus dabei helfen, Sauerstoffradikale unschädlich zu machen und Entzündungsprozesse abzuschwächen. Zu den Antioxidantien in der Ernährung zählen Vitamin E und C, Beta-Carotin, die Spurenelemente Selen, Kupfer und Zink sowie zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide und Glucosinolate. Besonders Gemüse und Obst sind reich an antioxidativ wirksamen Inhaltsstoffen. Um den Gehalt bestmöglich auszuschöpfen, empfiehlt es sich, die Schale mitzuessen. Denn gerade sekundäre Pflanzenstoffe befinden sich in der Schale und direkt darunter in besonders hoher Konzentration. Vitamin C-reich sind etwa Paprika, Kohl, Zitrusfrüchte und Äpfel. Vitamin E findet sich vor allem in pflanzlichen Ölen wie Weizenkeimöl, aber auch in Nüssen und Samen wie Mandeln oder Sonnenblumenkernen. Zur Versorgung mit antientzündlich wirksamen Spurenelementen sind Vollkornprodukte sowie Nüsse eine hervorragende Quelle. Als Folge des chronisch entzündlichen Prozesses ist der Bedarf an Antioxidanzien bei rheumatischen Erkrankungen höher. Das dürfte die Ursache dafür sein, dass bei Patienten mit rheumatoider Arthritis die Spiegel an Selen, Vitamin E und Zink oft erniedrigt sind. Trotzdem ist es bisher wissenschaftlich umstritten, ob sich eine zusätzliche Einnahme der Substanzen günstig auf die Krankheitsaktivität auswirkt. Da vor allem bei den fettlöslichen Vitaminen auch die Gefahr einer Überdosierung besteht, sollten Patienten eine Substitution immer mit ihrem Arzt besprechen.

Fischöle günstig

Die derzeitige Datenlage deutet darauf hin, dass die Einnahme von Fischöl-Supplementen entzündliche Gelenkbeschwerden lindern kann. Die Wirkung beruht auf dem hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure. Der therapeutische Effekt von Fischöl scheint dabei umso größer, je geringer die Zufuhr von Arachidonsäure vor Behandlungsbeginn ist. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017, die 42 Rheumastudien einschließt, kommt zu dem Ergebnis, dass Omega-3-Fettsäuren von Meerestieren Schmerzintensität und Entzündung bei rheumatoider Arthritis signifikant verbessern. Einige Untersuchungen stellen fest, dass sich der Bedarf an nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAR) durch die Ergänzung mit Fischöl deutlich verringert. Gerade für Patienten, die aus ökologischen Gründen oder als Vegetarier einen häufigen Fischverzehr ablehnen, sind angereicherte Lebensmittel oder Fischölpräparate eine Möglichkeit, die empfohlenen Mengen an Omega-3-Fettsäuren zu erreichen.

Lebensmittel als Auslöser

Auslöser für die Schübe bei rheumatoider Arthritis kann auch eine Empfindlichkeit auf bestimmte Nahrungsmittel sein. Autoimmunerkrankungen gehen überdurchschnittlich häufig mit Unverträglichkeiten einher. Neben Fleisch und fettreichen Milchprodukten sind es vor allem auch Mais, Weizen und Hafer, die Patienten als schubauslösend für Gelenkbeschwerden nennen. Sie sollten jedoch nicht in Eigenregie verdächtige Lebensmittel weglassen, da dann die Gefahr einer Mangelversorgung besteht. Zusammen mit dem Ernährungsberater und Arzt gilt es, genau herauszufinden, welche Nahrungsmittel schlecht vertragen werden und Beschwerden hervorrufen.

Übergewicht abbauen

Untersuchungen zufolge produziert das viszerale Fettgewebe schädliche hormonelle Botenstoffe (zum Beispiel Interleukine, TNF-alpha), die unter anderem Entzündungsvorgänge begünstigen und an den Angriffen auf Gelenke beteiligt sind. Darin vermuten Forscher auch einen Grund, warum stark übergewichtige Menschen häufiger an rheumatoider Arthritis erkranken und ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Eine Gewichtsabnahme kann demnach die Symptome vermindern sowie das Ansprechen auf Medikamente verbessern.

Besonders bei Arthrose ist Adipositas ein Teil der Ursache und beeinflusst stark den Verlauf der Erkrankung. Durch eine Gewichtsabnahme können übergewichtige Patienten beschädigte Gelenke entlasten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Normalisierung von erhöhtem Körpergewicht Symptome bei Arthrose im Kniegelenk deutlich mildert.

Osteoporose entgegenwirken

Bei regelmäßiger Einnahme von Glucocorticoiden kann sich mit der Zeit eine Osteoporose entwickeln. Deshalb sollten Rheumapatienten auf eine ausreichende Zufuhr von Calcium und Vitamin D achten. Milch und Milchprodukte sind gute Calciumlieferanten, wobei die fettarmen Varianten zu bevorzugen sind. Denn auch das Milchfett enthält Arachidonsäure, und je mehr Fett, desto mehr des Entzündungsstoffes ist enthalten. Aber auch pflanzliche Lebensmittel wie Brokkoli, Fenchel, Grünkohl, Haselnüsse oder Mandeln können zur Versorgung mit Calcium beitragen, ebenso wie calciumreiche Mineralwässer. Vitamin D sorgt dafür, dass Calcium aus dem Darm aufgenommen und in den Knochen eingebaut wird. Der Körper produziert das Vitamin hauptsächlich selbst, indem er UV-Strahlen der Sonne über die Haut aufnimmt. Daher gilt für Rheumapatienten ganz besonders, sich genügend draußen zu bewegen und dem Sonnenlicht auszusetzen. Da viele Patienten zu wenig Vitamin D im Körper haben, wird es häufig als Nahrungsergänzung verordnet.

Fasten gegen Schmerzen

Außerdem können Arzneimittel pflanzlichen Ursprungs die verschiedenen Rheumabehandlungen unterstützen. Zum Beispiel haben Extrakte der Teufelskralle oder Nachtkerze schmerzlindernde sowie entzündungshemmende Eigenschaften. Die Wirksamkeit ist durch Studien aber nicht eindeutig belegt. Auch verschiedene Gewürze enthalten Wirkstoffe, die entzündliche Prozesse im Gewebe eindämmen. Ingwer und Kurkuma sind hier besonders hervorzuheben. Es spricht nichts dagegen, diese Gewürze reichlich ins Essen zu geben. Es gibt aber keine zuverlässigen Ergebnisse aus Studien, ob beispielsweise Kurkuma-Präparate gegen Gelenkbeschwerden helfen oder nicht. Um einen unkontrollierten Einsatz zu vermeiden, sollten Patienten solche Präparate nicht auf eigene Faust einnehmen.

In Untersuchungen, die sich mit dem Fasten bei Rheumapatienten beschäftigen, sinkt die Zahl der schmerzhaften und geschwollenen Gelenke während des Nahrungsverzichts ab. Außerdem verbessert sich nach wenigen Tagen die Beweglichkeit der Gelenke. Die positiven Effekte des Fastens beruhen unter anderem auf der ausbleibenden Zufuhr der Arachidonsäure. Während des Fastens vermindert sich außerdem das viszerale Bauchfett. Ergebnisse aus Fastenstudien zeigen, dass sich Fasten und eine anschließende vegetarische Ernährung langfristig günstig auswirken können. Betroffenen fällt es nach den erfreulichen Erfahrungen des Fastens zudem oft leichter, die Ernährung umzustellen, hin zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln. Kranke Menschen sollten aber nur unter fastenärztlicher Aufsicht, am besten in einer Klinik, fasten. Fastenärzte können unterstützende Maßnahme optimal und individuell einsetzen und mit der bestehenden Medikation sorgfältig umgehen.

Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen können ihre Therapie mit einer vorwiegend vegetarischen Ernährung aktiv unterstützen und ihren Krankheitsverlauf verbessern. Eine vollwertige Kost hilft außerdem, überflüssige Pfunde zu verlieren. Nicht zuletzt trägt die Ernährung maßgeblich dazu bei, Erkrankungen zu verbessern, die häufig gemeinsam mit Rheuma auftreten wie Typ-2-Diabetes, Arteriosklerose oder Fettstoffwechselstörungen. Beispielsweise senkt die Aufnahme von Omega-3-Fettsäure-reicher Kost zugleich das kardiovaskuläre Risiko. Neben der Ernährung spielen zudem Bewegung und Entspannung sowie genügend Schlaf eine große Rolle, um Entzündungsprozesse im Körper zu vermeiden. 

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