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Chronobiologie

Essen nach der inneren Uhr

Beim Essen spielt offenbar nicht nur die Lebensmittelauswahl, sondern auch der richtige Zeitpunkt eine Rolle. Immer mehr Studien weisen auf die Bedeutung sogenannter circadianer Rhythmen für die Gesundheit hin. Um welche Uhrzeit wir essen, nimmt Einfluss auf den Stoffwechsel und die Verwertung der Nährstoffe.
Ulrike Becker
04.06.2020
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Das Öffnen von Blüten, die Winterruhe eines Eichhörnchens oder das Zugverhalten von Vögeln – biologische Vorgänge verlaufen nach tages- und jahreszeitlichen Rhythmen. Dass auch Abläufe im menschlichen Stoffwechsel sich nach sogenannten circadianen (circa = etwa und dies = Tag) Mustern richten, gewinnt erst in jüngster Zeit zunehmend an Bedeutung. In der Pharmakologie weiß man bereits bei einigen Wirkstoffen um die tageszeitlich unterschiedliche Wirkung: So gilt beispielweise bei Glucocorticoiden die Empfehlung, sie in den Morgenstunden einzunehmen. Dann ist der körpereigene Cortisolspiegel am höchsten, und das Medikament stört den Stoffwechsel am wenigsten. Welchen Einfluss die Tageszeit auf die Aufnahme, die Verwertung und den Abbau bestimmter Nährstoffe ausübt, ist noch nicht abschließend erforscht. Ergebnisse aus aktuellen Studien deuten aber darauf hin, dass auch beim Essen der Zeitpunkt von Bedeutung ist. Gerade im Hinblick auf die Entwicklung von Übergewicht scheinen die circadianen Abläufe eine mögliche Stellschraube zu sein. Essen entgegen dem inneren Zeitplan kann den Stoffwechsel beziehungsweise die Organe hingegen unnötig belasten.

Mit der Erforschung von biologischen Rhythmen in der Natur und deren Einfluss auf den Stoffwechsel beschäftigt sich die Chronobiologie. Die Anfänge dieser Forschungsrichtung gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück, als französische Wissenschaftler das tägliche Öffnen und Schließen von Blättern auch unabhängig vom Tageslicht beobachteten. Das interpretierten sie erstmals als das Vorhandensein eines inneren Taktgebers. Erst in den 1950er-Jahren berichteten Forscher auch bei Tieren von solchen endogenen Zyklen. Trotz Fehlen äußerer Reize wie dem Hell-Dunkel-Wechsel behalten sie ihren konstanten Schlaf-Wach-Rhythmus bei. Kurze Zeit später lieferte der Mediziner Jürgen Aschoff den Beweis, dass auch der menschliche Stoffwechsel einem solchen Ablauf folgt. In seinem bekannten Experiment ließ er freiwillige Studienteilnehmer bis zu vier Wochen in einem unterirdischen Bunker wohnen und entzog sie so den üblichen Einflüssen ihrer Umgebung. Das erstaunliche Ergebnis: Alle Probanden behielten ihren Schlaf-Wach-Rhythmus weitgehend bei, er erhöhte sich allerdings auf eine 25-Stunden-Abfolge. Mittlerweile sind zahlreiche chronobiologische Rhythmen im menschlichen Stoffwechsel bekannt. Die Herz- und Atemfrequenz, die Funktion von Nieren und der Leber sowie der Blutdruck schwanken je nach Tageszeit. Auch die Körperkerntemperatur zeigt einen circadianen Takt. Für Biologen ist klar: Eine sogenannte »innere Uhr« hat sich als evolutionärer Vorteil erwiesen. Sie ermöglicht die optimale Anpassung eines Lebewesens an eine Umwelt mit Bedingungen, die nicht immer konstant sind, aber zeitlich einem regelmäßigen Rhythmus folgen.

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