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Je dünner, je schneller?

Essstörungen im Leistungssport

Dünne Ärmchen, kaum Busen und Po, hervorstehende Knochen: Viele Langstreckenläuferinnen der Weltklasse haben scheinbar jedes Gramm Fett wegtrainiert. Die Debatte um ungesundes Hungern schwelt in der Leichtathletik schon länger – geredet wurde darüber bisher nur hinter vorgehaltener Hand. Nun wird sie auch öffentlich geführt und vor Spätfolgen gewarnt.
dpa/PTA-Forum
03.03.2020  13:30 Uhr

Corinna Harrer, mehrfache deutsche Meister auf den Mittel- und Langstrecken, bestätigte in einem Interview der »Süddeutschen Zeitung«, dass das Gewichtsthema in Läuferkreisen seit einer Weile ein großes Thema sei. »Ich habe schon das Gefühl, dass es ein vorherrschendes Ideal gibt: Wenn du erfolgreich sein willst, musst du dünn sein. Beziehungsweise: Wenn du drei Kilo zu viel hast, bist du schlecht. Das hat es früher so extrem nicht gegeben«, so die 29 Jahre alte Regensburgerin.

Noch aktive Läuferinnen sprächen eher über das Thema. So hat Konstanze Klosterhalfen aus Leverkusenerin vor der WM im Oktober in Doha dem Magazin »Der Spiegel« gesagt: »Wenn man nicht genug isst, hätte man ja gar nicht die Energie, um auf so einem hohen Niveau Sport zu machen oder nach einer hohen Belastung schnell zu regenerieren.« Ansonsten sei das Thema – nicht nur bei der 48 Kilo leichten und 1,74 Meter großen Bronzemedaillengewinnerin über 5000 Meter – irgendwie tabu. »Konstanze und viele andere kriegen es offenbar hin, so viel zu essen, dass es reicht, aber die Frage ist ja schon: Wie viel ist gesund? Das ist eine ganz andere Frage wie: Wie viel Essen macht mich erfolgreich?«, sagte Harrer.

»Je stärker die Gewichtsoptimierung ausgereizt wird, desto stärker verändert sich der Hormonspiegel«, erklärte die frühere Handball-Nationalspielerin und heutige Sportmedizinerin Petra Platen von der Ruhr-Universität Bochum im »Spiegel«. »Im Hochleistungssport, in Sportarten, in denen Körpergewicht ein entscheidender Leistungsfaktor ist, kann das System schnell kippen.« Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen stimuliere auch das Knochensystem. Bei einem Mangel könne sich eine Osteoporose entwickeln, daraus wiederum eine Stressfraktur.

Anlaufstelle für magersüchtige Sportlerinnen

Sportlerinnen mit Essstörungen haben seit 2018 eine offizielle Anlaufstelle: An der Universität Tübingen bietet Christine Kopp eine Sprechstunde für Kadersportler an – für das »relative Energiedefizit im Sport, im Fachbegriff RED-S«.

Essstörungen im Leistungssport seien »ein ernstzunehmendes Phänomen geworden«, sagte die Sportmedizinerin in einem Interview des Fachblatts »Leichtathletik«. Das gilt natürlich auch für andere Sportarten wie zum Beispiel die Rhythmische Sportgymnastik.

Brüche, Depressionen, Infekte

95 Prozent der Betroffenen seien Frauen. Das Ausbleiben der Regelblutung, teilweise über Jahre hinweg, sei eine Begleiterscheinung. Dazu: Ermüdungsfrakturen, Depressionen und häufige Infekte. In besonderen Fällen lege sich der ausgemergelte Körper die von Babys bekannte Lanugo-Behaarung als Schutz vor Kälte zu. Zudem können anhaltende Hormonstörungen eine ganze Lebensplanung verändern – weil sie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können. Ab einem Bodymaßindex von 17, erklärte Kopp, solle man aufmerksam werden. Normal sei bei Frauen 20 bis 24.

Platen sieht die Gewichtsreduzierung nicht grundsätzlich negativ – »nur muss es so geschehen, dass es praktisch gerade noch gesund ist«. Erstaunlicherweise können untergewichtige Läuferinnen trotzdem Weltklasse-Leistungen bringen.

Der Verdacht von Magersucht kommt bei Experten und Zuschauern schnell auf angesichts von spindeldürren Ausdauerspezialistinnen. »Ja, man kann mit leerem Kühlschrank Weltklasse werden. Die Frage ist allerdings, wie lange der Körper das mitmacht«, betont Kopp. Viele Athletinnen trainieren regelmäßig mit leerem Magen.

Tabus durchbrechen

Yvonne van Vlerken rät dringend von dem »vielen Nüchterntraining« ab. Die 41 Jahre alte Niederländerin, die inzwischen ihre Karriere beendet hat, war über viele Jahre Weltklasse im Triathlon, also auch Marathon-Spezialistin. In einem ungewohnt offenen und persönlichen Bericht auf tri-mag.de hatte van Vlerken Ende vergangenes Jahr von »Frauensachen« berichtet: »Mit dem Ziel, mal Aufmerksamkeit für dieses Thema zu kriegen, Mädels zu informieren und Tabus zu durchbrechen.«

Die frühere Weltrekordhalterin und dreimalige Siegerin des Ironman von Roth warnte, dass das Ausbleiben der Menstruation »definitiv nicht okay« ist und unschöne Konsequenzen haben könne. Offen sprach sie über sexuelle Unlust als Folge der Dysbalance der Hormone, die bei ihr nach der langen Karriere »auf dem Kopf« stünden. »Hätte ich das alles gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich vieles anders gemacht. Dann hätte ich vielleicht in den vergangenen Jahren viele Schwimmeinheiten über Nacht nicht im Bett gehabt, denn Hitzewallungen und Schweißausbrüche sind die ersten Symptome von vorzeitigen Wechseljahren«, sagte Vlerken. »Auch darüber wird ja nie gesprochen.«

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