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Analgetika-Kombinationen

Evidenz versus Mythos

Gegen koffeinhaltige Analgetika-Kombinationen bestehen selbst in Fachkreisen noch immer Ressentiments. »Völlig zu Unrecht«, sagte Privatdozent Dr. Charly Gaul von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein auf einer Veranstaltung anlässlich des Deutschen Kopfschmerztages Ende August.
Christiane Berg
09.09.2019
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Gemäß Empfehlungen, unter anderem von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), zur Selbstmedikation bei Migräne und Spannungskopfschmerzen zählen Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Ibuprofen sowie Kombinationen der jeweiligen Wirkstoffe mit Koffein zu den Mitteln der ersten Wahl. »Nach modernen Erkenntnissen sind Kombinationen aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen mit Koffein den Einzelsubstanzen überlegen«, unterstrich der Neurologe Gaul bei einer Veranstaltung von Sanofi-Aventis Deutschland.

»So steigert Koffein den schmerzlindernden Effekt von Ibuprofen um 40 Prozent. Der Wirkeintritt des Analgetikums wird um 36 Prozent beschleunigt«, erläuterte Gaul mit Verweis auf die Zulassungsstudie der entsprechenden Fix-Kombination (400mg Ibuprofen und 100 mg Koffein). Thomapyrin® Tension Duo ist seit Ende 2018 auf dem Markt.

Evidenz versus Mythos: »Haben Koffein-Kombinationen nach wie vor mit Vorurteilen zu kämpfen, lassen sich diese wissenschaftlich entkräften«, sagte der Referent, der von einer insgesamt positiven Datenlage zur Wirksamkeit Koffein-haltiger Analgetika sprach. Bei unsachgerechter, sprich zu häufiger und übermäßiger Einnahme von Analgetika kann es zu Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch kommen. »Allerdings kann das Risiko einer Chronifizierung des Kopfschmerzes auch durch eine unzureichend wirksame Akutmedikation erhöht werden«, warnte der Referent.

»Die kritischen beziehungsweise die in der Akuttherapie notwendigen Analgetika-Dosierungen werden in der Selbstmedikation vom Patienten häufig nicht korrekt eingeschätzt. Hier kann die Beratung und Information in der Apotheke bedeutsam sein«, so der Neurologe. Gaul betonte, dass zu den Risikofaktoren für die Entstehung eines Medikamentenüberkonsums unter anderem ein niedriges Bildungsniveau, chronische muskuloskelettale Beschwerden, Angsterkrankungen und Depressionen, körperliche Inaktivität und übermäßiger Nikotinkonsum zählen. »Nach Beendigung eines Übergebrauchs kommt es zum Rückgang der Kopfschmerzen durch übermäßige Analgetika-Einnahme«, machte er deutlich.

Vernünftiger Umgang

»Trotz der teils massiven Beeinträchtigungen vieler Menschen durch Spannungskopfschmerzen oder Migräne gehen die Deutschen mit Schmerzmitteln grundsätzlich offensichtlich sehr verantwortungsvoll und vernünftig um«, unterstrich in einem weiteren Vortrag Dr. Jan-Peter Jansen aus Berlin. Der jährliche Pro-Kopf-Gebrauch von verschreibungspflichtigen und verschreibungsfreien Schmerzmitteln hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren auf einen europa- und weltweit vergleichsweise unterdurchschnittlichen Wert eingependelt. »Zahlen aus dem Jahr 2018 zeigen, dass unter anderem in Australien fünf- und in Frankreich dreimal so viel Schmerzmittel eingenommen werden«, sagte der Ärztliche Leiter des Schmerzzentrums Berlin.

Stechen, Ziehen, Drücken, Pochen: »In der Bundesrepublik sind etwa 29 Millionen Menschen regelmäßig von Spannungskopfschmerzen betroffen. Etwa 9 Millionen leiden an einer immer wiederkehrenden Migräne«, betonte Jansen, der von einer Volkskrankheit sprach. Die Lebensqualität der Betroffenen sei teilweise erheblich eingeschränkt. Das zeige auch die Tatsache, dass allein im Jahr 2018 bei Google 190 Millionen Suchanfragen zur Kopfschmerztherapie gestartet wurden.

Sport zur Prophylaxe

»Bei Kopfschmerz- und Migränepatienten mit Funktionsstörungen im Nacken können physiotherapeutische Techniken prophylaktisch Linderung bringen beziehungsweise die Zahl der Migräne- oder Kopfschmerztage reduzieren«: Das erklärte Benjamin Schäfer von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Viele Kopfschmerz- und Migräne-Patienten könnten von manuellen Therapieoptionen und Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Körperwahrnehmung profitieren, sagte er. Auch aerober Ausdauersport (zwei- bis dreimal pro Woche 30 bis 40 Minuten) könne helfen, Migräne und Kopfschmerzen vorzubeugen.

Von einem weiteren Mythos, den es auszuräumen gilt, sprach abschließend Anna-Lena Guth, ebenfalls von der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königsstein. Werden Migräne- und Kopfschmerzpatienten seit jeher spezifische Eigenschaften wie übertriebener Ehrgeiz und Perfektionismus nachgesagt, so wisse die Medizin heute, dass es keine Kopfschmerzpersönlichkeiten gibt. »Kopfschmerzen haben eine biologische und oft auch eine genetische Grundlage. Die Psyche kann jedoch die Ausprägung der Symptomatik und die Krankheitsbewältigung erheblich beeinflussen«, sagte die Referentin.

Zur Senkung der Schmerz verstärkenden körperlichen Grundanspannung und Steigerung der Selbstwirksamkeit im Umgang mit Schmerz haben sich Entspannungsverfahren und autogenes Training sowie spezifische Atem- und Meditationstechniken bewährt, so Guth. Für positive Effekte sei regelmäßiges Training mindestens eine Viertelstunde pro Tag wichtig. Hilfreich sei es, die Übungen an feste Punkte im Tagesablauf zu knüpfen, zum Beispiel direkt am Morgen nach dem Aufstehen oder aber in regelmäßigen Pausen am Arbeitsplatz durchzuführen. Bei starker emotionaler Belastung durch Migräne und Kopfschmerzen beziehungsweise seelischen Stress könne eine psychotherapeutische Begleitung unumgänglich werden.

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