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Facts und Feelings

PTA-Praxis-Workshop in Schleswig-Holstein

Zu Beginn des Jahres veranstaltete die Apothekerkammer Schleswig-Holstein den 14. PTA-Praxis-Workshop in Plön. Ziel war es, die Beratungskompetenz der PTA sowohl in der Selbstmedikation als auch bei der Rezeptbelieferung zu stärken.
Christiane Berg
18.02.2020  09:30 Uhr

Ob erklärungsbedürftige Arzneiformen, Management von Interaktionen, Beratung bei Tabuthemen oder neueste Erkenntnisse zu Antibiotika: Der zweitägige, in dieser Form als bundesweit einmalig geltende Kongress – mit vier Vorträgen und zwei parallel laufenden Arbeitsgruppen – bot nicht nur »Hard Skills«, also Fachwissen, sondern auch »Soft Skills«, in Form persönlicher, sozialer und methodischer Kompetenzen.

»Damit der Umgang mit den Mitmenschen, und hier gerade auch mit schwierigen Patienten, gelingt, kommt es stets auf eine positive Grundeinstellung an«, konstatierte Dr. Hiltrud von der Gathen Apothekerin und Autorin aus Recklinghausen im ersten Vortrag. »Training macht den Meister«, so die AMTS-Managerin, die mit Blick auf die »Maslowsche Bedürfnispyramide« beziehungsweise die »Klientenzentrierte Gesprächsführung« nach Carl R. Rogers ausgewählte Methoden zur professionellen Kommunikation mit dem Kunden schilderte.

»Bestätige Dein Gegenüber. Beachte Feelings und Facts«, riet von der Gathen den Teilnehmern. In schwierigen Gesprächssituationen könne es helfen, sich bewusst zu machen, dass der Mensch zu 95 Prozent mit dem Gefühl und nur zu 5 Prozent mit dem Verstand reagiert. Ob Wut, Ärger, Enttäuschung oder Frustration: Gerade bei Beschwerden und Reklamationen in der Apotheke sei es daher stets angezeigt, dem Patienten vor Prüfung der Sachlage Verständnis entgegenzubringen, am besten indem PTA und Apotheker dessen Emotionen widerspiegelten.

Offene Körperhaltung, Blickkontakt und zustimmendes Nicken seien Bestandteile eines ergebnisorientierten und erfolgreichen Kundengespräches. So manche Kommunikation sei dennoch eine Herausforderung, doch »bestimmte Gesprächsregeln können helfen, im Konfliktfall die Wogen zu glätten oder diesem sogar vorzubeugen«, sagte sie.

Unsichere Patienten

Verständnis, Mitgefühl und sprachliche Zuwendung sind nicht nur bei schwierigen Patienten, sondern insbesondere auch bei Menschen angezeigt, die durch zunächst nicht zuzuordnende Symptome massiv verunsichert und beunruhigt sind. Das zeigte auch der folgende Vortrag von Claudia Peuke, Holle, mit dem Titel »Dem Schwindel auf der Spur«.

Ob Benommenheit, Gangunsicherheiten, Dreh- oder Schwankschwindel: »Das Gefühl der Orientierungslosigkeit im Raum kann viele Gründe haben. Es ist wichtig, dem Patienten im Gespräch durch entsprechende Informationen Sicherheit zu vermitteln und Handlungsoptionen aufzuzeigen«, sagte Peuke, selbst PTA und Apothekerin. Sie machte deutlich, dass ein Unterschied zwischen somatoformen Schwindel-Erkrankungen im Zusammenhang mit Phobien, Angststörungen, Panikattacken und Depressionen und Schwindel-Attacken bei Organstörungen wie HNO-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Fehlfunktionen der Halswirbelsäule (HWS) bestehe.

Nur zu häufig sei das plötzliche Gefühl der Unsicherheit im Raum keiner eindeutigen Ursache zuzuordnen. Im Gegensatz zu vestibulären Störungen wie dem benignen paroxymalen Lagerungsschwindel (BPLS) sowie Schwindelattacken durch kardiovaskuläre oder zerebrovaskuläre Ursachen seien andere Formen wie der psychogene Schwindel oder der Schwindel durch HWS-Syndrome diagnostisch nicht beweisbar. Die genaue ärztliche Anamnese sei unumgänglich. Bei anhaltenden Schwindelattacken müsse dem Patienten unbedingt zur ärztlichen Konsultation geraten werden.

Leitlinie beachten

Peuke verwies auf die S3-Leitlinie »Akuter Schwindel in der Hausarztpraxis« der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Dort betonen die Experten, dass sich die ärztliche Diagnose nicht nur an Art und Zeitdauer des Schwindels, sondern auch an modulierenden Faktoren orientieren solle. Registriert werden müsse, ob der Schwindel nur beim Laufen, bei bestimmten Bewegung des Kopfes, beim Aufrichten des Körpers, beim Heben oder Arbeiten mit den Armen über dem Kopf, bei körperlichen Anstrengungen, bei Diäten oder bei bedeutenden Lebensveränderungen auftritt.

Wie eine neue Brille könne auch die Einnahme spezifischer Medikamente und hier unter anderem von Antihypertensiva, Sedativa, Antiarrhythmika, nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), Antiepileptika, Muskelrelaxantien, Antidepressiva, Antibiotika oder Antimykotika Ursache des Schwindels sein. Zusätzliche Symptome wie Übelkeit oder Erbrechen, Ohren- oder Kopfschmerzen, Gefühllosigkeit oder Brennen in den Beinen, Sehstörungen oder Herzjagen solle der Arzt bei seiner Diagnose berücksichtigen. Auch ein Hörsturz, gegebenenfalls verursacht durch Stress, muss fachärztlich ausgeschlossen werden.

Als »Red Flags«, so Peuke, gelten Schwindel-Anfälle, die mit Gesichtsschmerzen und gegebenenfalls einseitigem »Hautausschlag« (Herpes zoster), Ohrdruck (Morbus Menière), hohen Tönen und Fazialisparese (Akustikusneurinom) oder aber Schluck- und Sehstörungen zum Beispiel einem »Augenzittern« (zentrale Störungen) beziehungsweise Synkopen (Herzrhytmusstörungen) einhergehen. In Abhängigkeit der jeweiligen Krankheitszeichen könne eine unmittelbare Krankenhauseinweisung zwingend erforderlich sein. »Akuter Schwindel, der trotz adäquater primärer Abklärung keiner spezifischen Diagnose zugeordnet werden kann, sistiert häufig spontan und macht oftmals eine Strategie des abwartenden Offenhaltens, also des Watchful Waitings, sinnvoll«, unterstrich die Referentin, die auf die große Bedeutung der Beratung auch in der Apotheke verwies.

Körper kann sich anpassen

Empfinde die Mehrzahl der Patienten die Gesamtsituation als sehr bedrohlich, könne es helfen, darüber zu informieren, dass sich der Körper oftmals an die verwirrenden »Fehlinformationen« zu seiner Lage im Raum anpasse, sodass der Schwindel mit der Zeit von selbst verschwinde beziehungsweise deutlich geringer werde. Für eine solche Anpassung brauche es jedoch Zeit. Dafür könne es notwendig sein, den Schwindel nicht völlig zu unterdrücken, sondern auszuhalten. Somit sollten laut Peuke Antivertiginosa zur symptomatischen Therapie von Schwindel wie Dimenhydrinat oder Diphenhydramin beziehungsweise Betahistin möglichst nicht beziehungsweise nur für wenige Tage eingenommen werden. Es sei denn, es treten heftige Attacken mit Übelkeit und Erbrechen auf.

Peuke betonte, dass Dimenhydrinat und Betahistin als Einzelsubstanzen oder aber Dimenhydrinat in Kombination mit Cinnarizin einen nachweisbaren Nutzen bei vertretbaren unerwünschten Wirkungen besitzen. Das Homöopathikum Vertigoheel mit Petroleum rectificatum D8, Anamirta cocculus D4, Ambra grisea D6 und Conium maculatum D3 sei bisher nicht gegen Placebo getestet worden. Es habe sich jedoch bei Äquivalenz-Tests ebenso wirksam wie Betahistin erwiesen.

Physikalische Therapie

Vereinzelte Studien hätten gezeigt, dass Physiotherapie bei vermutetem zervikogenem Schwindel, also Schwindel durch HWS-Syndrome, die Symptome signifikant und klinisch relevant verbessere. Der Nutzen von Chirotherapie bei zervikogenem Schwindel sei bisher nicht ausreichend in Studien untersucht worden.

Bei phobischem Schwindel oder Schwindel im Alter, so Peuke, können ebenfalls eine physikalische Therapie beziehungsweise Gleichgewichtsübungen versucht werden. Würden als Ursache beim benignen paroxymalen Lagerungsschwindel fehlplatzierte körpereigene kristallähnliche Steinchen in den Bogengängen des Ohres vermutet, so ließen sich diese durch spezifische Trainingsprogramme und Lagerungsmanöver gegebenenfalls beheben.

Mit einer 1-Jahres-Prävalenz von je nach Altersklasse 2 bis 5 Prozent der Beratungsanlässe in hausärztlichen Praxen sei Schwindel ein regelmäßiges Symptom, mit dem Hausärzte konfrontiert würden. Er werde von Patienten und Ärzten häufig mit unterschiedlichen Erlebnisinhalten verknüpft. Leitliniengemäß habe es sich bewährt, den Patienten zur genaueren Erhebung seiner Wahrnehmungen im Beratungsgespräch zu bitten. Das bedeute, die Beschwerden zu beschreiben, ohne dabei die Wörter Schwindel oder schwindelig zu verwenden. Das erlaube einen leichteren Zugang zum Verständnis des körperlichen und seelischen Empfindens.

Top im Job

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung unter Federführung von Jutta Clement, der Leiterin der Akademie für pharmazeutische Fortbildung und Qualitätssicherung der Kammer, standen Vorträge sowohl zu „Tabuthemen, über die sonst keiner spricht“ (Referent: Daniel Finke, Osnabrück) als auch zum „Wissens-Update Antibiotika“ (Referentin: Dörte Schröder-Dumke, Wedel) im Fokus.

Der zweite Kongress-Tag war Übungen in parallelen Arbeitsgruppen gewidmet. Hier konnten die Teilnehmer unter Anleitung von Grit Spading, Landespharmazierätin, und Apotheker Dr. Ralf Goebel ihre Kenntnisse zur »Information und Beratung des Patienten bei erklärungsbedürftigen Arzneiformen« beziehungsweise zum »Management spezifischer Interaktionen« vertiefen.

Mit Blick auf den vollen Saal zeigte sich Clement erfreut über die hohe Resonanz der Veranstaltung. »Die Teilnehmerzahlen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Das große Interesse an dieser Veranstaltung macht uns froh. Für uns ist es ein großes Lob, dass Sie auch dieses Mal so zahlreich erschienen sind, da es uns zeigt, dass wir mit unseren Fortbildungs-Aktivitäten auf dem richtigen Weg sind«, hatte sie bereits bei der Begrüßung der Teilnehmer deutlich gemacht.

Denn: »Wir sind auf das Können und Wissen der PTA als rechte Hand des Apothekers angewiesen. Nur mit ihr kann die Institution Apotheke die existenziellen Herausforderungen, vor denen sie steht, bewältigen«, zitierte Clement aus den Grußworten des Kammerpräsidenten Dr. Kai Christiansen, der aus persönlichen Gründen verhindert war.

»Sie werden geschätzt. Sie werden gebraucht. Es sind Ihre Teamfähigkeit, Ihre Motivation und Ihre fachliche Kompetenz, die im alltäglichen Zusammenspiel auch in der Apotheke zählen«, unterstrich Clement. Es stehe daher ganz oben auf der Agenda der Kammer, gerade für diese Berufsgruppe in der Apotheke auch weiterhin ein vielfältiges Angebot an fachspezifischen praxisorientierten Fortbildungsveranstaltungen bereit zu halten.

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