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Forschung

Fibromyalgiesyndrom: Dem Schmerz auf der Spur

Das Fibromyalgiesyndrom ist ein heterogenes und nur in wenigen Ansätzen verstandenes Krankheitsbild. Über aktuelle Forschungsergebnisse und mögliche Therapieansätze sprach Professor Dr. Nurcan Üçeyler vom Universitätsklinikum in Würzburg bei einer Fortbildungsveranstaltung der Landesapothekerkammer Hessen.
Elke Wolf
04.12.2019
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Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist nach wie vor unverstanden, machte Neurologin Üçeyler klar. »Aktuelle Forschungsergebnisse haben zwar ein wenig Licht ins Dunkel gebracht, aber das Fibromyalgie-Syndrom ist eine Erkrankung, deren Kausalität genauso unklar ist wie deren Mechanismen. Und weiterhin gibt es keine Konsequenz für die Diagnose und Therapie.«

Das FMS mit seinen tief sitzenden Muskelschmerzen in diversen Körperregionen ist eine Ausschlussdiagnose. »Es gibt auch keinen objektiven Marker, der den Verdacht bestätigen könnte.« Üçeyler zeigte sich zufrieden, dass man von der ausschließlichen Diagnose über positive Tenderpoints, Schmerzpunkte an definierten Körperstellen, in der derzeitigen S3-Leitlinie abgekommen ist und nun auch Zusatzsymptome wie Schlafstörungen, allgemeine Erschöpfung, depressive Neigung oder Steifigkeitsgefühle in Füßen und Händen berücksichtigt.

Was die Pathophysiologie angeht, tappe man auf noch nebulösen Wegen, verdeutlichte die Referentin. Als auslösende Faktoren ausgeschlossen werden konnten bislang Viren und Borrelien, strukturelle Muskelveränderungen, Brustimplantate sowie Schilddrüsen- und weibliche Sexualhormone. Dagegen bestünden möglicherweise Zusammenhäng mit psychischen Traumata, entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und Genpolymorphismen des 5HT2-Rezeptors, fasste Üçeyler zusammen.

Störungen in der Peripherie

Die Neurologin berichtete von eigenen Untersuchungen, nach deren Ergebnissen »Dysbalancen im peripheren Nervensystem« eine Rolle im Fibromyalgie-Geschehen spielen könnten. In einer aktuell publizierten Studie nahm ihre Arbeitsgruppe die Nozizeptoren in der Haut von 117 Fibromyalgie-Patienten und 11 Patienten mit Depressionen und chronischen Schmerzen genauer ins Visier. Unter dem Strich konnten die Wissenschaftler eine Hautdenervierung (geringere Faserdichte, veränderte Hautinnervation, geringere elektrische Leitfähigkeit, Hyperaktivität) bei den Betroffenen nachweisen. »Diese Hautdenervierung korrelierte mit der Schwere der Symptome«, erklärte Üçeyler.

Therapeutisch gesehen, stellt das Schmerzsyndrom eine Herausforderung dar. Eine medikamentöse Standardtherapie gibt es nicht, zumal 30 bis 40 Prozent der Betroffenen auf Medikamente gar nicht ansprechen. »Primär sind es physikalisch-balneotherapeutische, physiotherapeutische und psychologische Verfahren, die den Patienten weiterhelfen, und das nach Möglichkeit im multimodalen Setting«, machte die Neurologin deutlich. Was die Pharmakotherapie betrifft, gibt es in Deutschland bislang keine Zulassung mit der Indikation FMS. In den USA sind Pregabalin und Milnacipran dafür zugelassen.

Was bedeutet das für die Therapie hierzulande? Nur wenn relevante Begleiterkrankungen wie etwa eine Depression vorhanden sind, kann der Arzt auch Antidepressiva verschreiben, da er die Antidepressiva nicht zur FMS-Behandlung, sondern zur Behandlung der Depression einsetzt. Gleiches gilt für andere Medikamente, wenn der Arzt die Therapie nicht off label, also außerhalb der eigentlichen Zulassung, verschreiben will, erklärte Üçeyler.

In Deutschland behelfe man sich mit einer zeitlich befristeten Therapie mit dem Ziel des Wiederabsetzens nach maximal sechs Monaten. Als Mittel der Wahl gilt laut Leitlinie von 2016 Amitriptylin in einer Dosierung von 10 bis 50 mg/d. Danach folgt für Üçeyler Pregabalin in einer Dosierung von 150 bis 450 mg und Duloxetin 60 mg. Von Quetiapin, Serotonin-Wiederaufnahmehemmern wie Fluoxetin und Paroxetin sowie schwachen Opioiden rät die Neurologin ab. Auch die Leitlinienautoren haben dazu nur eine offene Empfehlung abgegeben. 

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