PTA-Forum online
Der informierte Patient

Fluch oder Segen?

Digitale Technologien eröffnen im Gesundheitswesen völlig neue Möglichkeiten, haben aber auch ihre Schattenseiten. Im ersten Teil dieser neuen Serie gehen wir der Frage nach, wie Kunden digitale Ressourcen nutzen – und wie Apotheker beziehungsweise PTA sie bei der Suche nach guten ­Informationen unterstützen können.
Michael van den Heuvel
14.02.2019
Datenschutz

Unter E-Health (Electronic Health) versteht man den Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen. Dazu zählen Informations- und Kommunikationstechnologien in Zusammenhang mit der Gesundheit. Es geht um die Prävention, Diagnose, Therapie und Überwachung von Erkrankungen. E-Health hat auch die Verwaltung grundlegend verändert. Und nicht zuletzt stehen Laien heute ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung, um Informationen zu beschaffen oder mit Gesundheitsdienstleistern in Kontakt zu treten.

Im Jahr 2007 wurde das Internet mit Einführung des iPhones mobil. Heute sind Flatrates zum Standard geworden, und viele Menschen haben ihr Smartphone immer bei sich. Der Statistik-Dienstleister Statista fand heraus, dass 87 Prozent aller deutschen Internet-Nutzer mobil mit ihrem Smartphone surfen. 65 Prozent haben einen Laptop, 62 Prozent einen Desktop-Computer und 56 Prozent einen Tablet-Computer. Mehrfachnennungen waren möglich. Das bedeutet: Heute stehen Gesundheitsinformationen nahezu uneingeschränkt zur Verfügung. Hootsuite berichtet, dass 91 Prozent aller Bürger Deutschlands einen Internet-Zugang haben. Sie sind im Schnitt täglich 4 Stunden und 52 Minuten online.

Wissen nutzt nicht immer

Neben Wetter, Sport oder Shopping interessieren sich Online-User stark für ihre Gesundheit. Repräsentativen Befragungen im Auftrag von health tv zufolge haben sich knapp zwei Drittel aller Einwohner in den letzten sechs Monaten online über Krankheiten informiert. Und vor einem geplanten Arztbesuch »googelten« sogar 66 Prozent ihre Symptome.

Experten der Bertelsmann Stiftung wollten in Erfahrung bringen, wo sich Bürger generell über Gesundheitsthemen informieren. 62 Prozent nannten Fernseh- oder Hörfunkprogramme, Tageszeitungen und Zeitschriften. An zweiter Stelle rangierten persönliche Gespräche mit Ärzten (56 Prozent), dicht gefolgt von Tipps aus dem Freundeskreis (54 Prozent). Das Internet stand mit kostenlosen Informationsmaterialien von Ärzten, Apotheken oder Krankenkassen auf gleicher Ebene (je 46 Prozent). Die Autoren vermuten in ihrer Veröffentlichung, mit »hoher Wahrscheinlichkeit« werde das Web demnächst Platz 1 ihrer Rangliste erobern.

Dieser Trend löst bei Experten gemischte Gefühle aus. Laut health tv fanden 50 Prozent aller Befragten vermeintlich oder tatsächlich beruhigende Hinweise aufgrund ihrer Recherche. 43 Prozent erlebten genau das Gegenteil und fühlten sich verängstigt. 22 Prozent litten subjektiv sogar stärkere Beschwerden, nachdem sie sich informiert hatten. Und 40 Prozent der Studienteilnehmer fingen an, sich in Eigenregie zu behandeln. 18 Prozent schluckten ohne Rücksprache mit ihrem Arzt oder Apotheker Medikamente beziehungsweise setzten Präparate ab. Umso wichtiger ist, im Handverkauf gezielt nachzufragen, sollten Patienten einen speziellen Wunsch äußern.

Diesen negativen Trends stehen gewaltige Chancen gegenüber, um die Gesundheitskompetenz zu verbessern. Beim Stada-Gesundheitsreport zeigte sich, dass 49 Prozent aller Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren derzeit wenig und 17 Prozent kaum Kenntnisse in diesem Bereich haben. Einige der am weitesten verbreiteten Irrtümer: Nur 40 Prozent wissen, wie lange sie andere Menschen im Falle eines grippalen Infekts anstecken. 38 Prozent rätseln, wie bakteriellen Antibiotikaresistenzen entstehen, und 36 Prozent denken, Antibiotika würden gegen Viren helfen. Fehlendes Wissen führt zu weniger Adhärenz bei Gesundheitsfragen. Junge Erwachsene verstehen Anweisungen in ihrer Arztpraxis oder Apotheke schlechter. Sie kümmern sich auch weniger um ihre Gesundheit und wissen kaum, welche Maßnahmen im Bereich der Prävention sinnvoll sind. Gerade Adipositas, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in großen Teilen auf Lebensstil-Faktoren zurückzuführen. Hier bieten Portale Chancen, Zielgruppen mit passenden Informationen zu versorgen.

Qualität erkennen

Für Laien bleibt jedoch als Herausforderung, die Spreu vom Weizen zu trennen. Etliche Falschinformationen landen im Web. Deren Betreiber stecken viel Geld in die Suchmaschinenoptimierung, um bei Google weit oben gelistet zu werden. Das zeigten Forscher anhand einer Suchabfrage zum Thema »Krebsdiät«. Sie fanden insgesamt 60 deutschsprachige Quellen. Ein Großteil aller Angebote war rein kommerzieller Natur und verfolgte nur das Ziel, Produkte zu verkaufen.

Grund genug für das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), einige Tipps zusammenzustellen. Worauf sollten Online-User achten? Ein Blick in das Impressum lohnt sich immer. Das Telemediengesetz und die Datenschutzgrundverordnung verpflichten Betreiber, anzugeben, wer eigentlich hinter dem Informationsangebot steckt und wie mit Daten umgegangen wird. Der Anbieter sollte klarstellen, dass Portale keinen Arztbesuch ersetzen. Informationen zur Finanzierung und zu werblichen Inhalten sind ebenfalls wichtig. Pluspunkte bekommt jede Website, falls wissenschaftliche Quellen, Autoren und das Datum der letzten Aktualisierung zu finden sind.

Qualitätssiegel sind hier kein Allheilmittel. Die »Health on the Net« Foundation (HON) und das Aktionsforum ­Gesundheitsinformationssystem (afgis) zertifizieren zwar Internetseiten zu Gesundheitsthemen. Sie überprüfen aber nur formale Aspekte, etwa Angaben zur Finanzierung, zu den Autoren oder zum Informationsanbieter. Eine medizinisch-pharmazeutische Evaluation findet nicht statt.

Deshalb ist Kritik angebracht, falls die Autoren keine Wirkstoffe beziehungsweise internationale Freinamen (INN), sondern nur Präparatenamen verwenden. Das spricht gerade im OTC-Bereich für klare Verkaufsabsichten. Reißerisch geschriebene Inhalte, die Leiden verharmlosen oder schlimmer darstellen als sie sind, gelten auch als kritisch. Und sollten Therapien – was nur Apotheker, PTA oder Ärzte beurteilen können – stark von Leitlinienempfehlungen abweichen, sollte man ebenfalls vorsichtig sein. Solche Bewertungen können Apotheker oder PTA im Zweifelsfall selbst anhand der DISCERN-Website vornehmen. Das Portal hat wichtige Überprüfungskriterien zusammengestellt.

Seriös informieren

Die Arbeit ist nicht in allen Fällen erforderlich. Einige bekannte Websites liefern hochwertige medizinische Informationen für Laien. Bei »Was hab´ ich?« übersetzen Studierende der Medizin kostenlos Befunde in eine verständliche Sprache, und zwar maximal zwei DIN-A4-Seiten pro Fall. Anbieter ist die »Was hab‹ ich?« ­gemeinnützige GmbH. Auf der Seite ­gesundheitsinformation.de klärt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) Bürger zu einem breiten Themenspek­trum auf. Auch die unabhängige Pa­tientenberatung Deutschland hat viel Wissen zu Krankheiten und zu deren Therapie zusammengestellt. Daneben gibt es Portale mit Fokus auf speziellen Krankheitsbildern wie Allergien (Helmholtz Zentrum München), Krebs (Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg), Diabetes (Deutsches Diabetes-Zentrum), Lungenerkrankungen (Helmholtz Zentrum München) oder seltenen Erkrankungen aller Art (Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen). Und nicht zuletzt ­bewertet der IGeL-Monitor individuelle Gesundheitsleistungen anhand von Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Dahinter steckt der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen. Noch in dieser Legislatur­periode soll ein weiteres Großprojekt online gehen. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hat das IQWiG Ideen für ein großes, nationales Gesundheitsportal veröffentlicht. Geplant ist, dass neutrale Anbieter mit unterschiedlicher Expertise Inhalte ­anhand von ­Kriterien der evidenz­basierten Medizin veröffentlichen.

Was weiß Wikipedia?

Bei Google-Abfragen zu Gesundheitsthemen erscheinen hochwertige Portale nicht immer zu Beginn der Trefferliste. Weit vorne rangiert Wikipedia. Wissenschaftler diskutieren die Qualität von Beiträgen kontrovers. Sowohl im Jahr 2005 als auch im Jahr 2012 zeigten Untersuchungen, dass Themenseiten auf einem ähnlichen Niveau waren wie die damals noch gedruckt erhältliche Encyclopaedia Britannica. Bei aktuellen Vergleichen englischsprachiger Seiten mit der Medscape Drug Reference (MDR), einer Arzneimitteldatenbank, schnitt die Online-Enzyklopädie jedoch schlecht ab. Wikipedia beantwortete deutlich weniger Fragen zur Pharmakotherapie generell (40 Prozent) als die MDR (82,5 Prozent). Bei den Indikationen eines Pharmakons schnitt Wikipedia etwas besser ab als die MDR, hier wurden 60 gegenüber 50 Prozent aller relevanten Aspekte dargestellt. Dafür fehlten im Online-Lexikon Wirkstoff-Dosierungen fast immer, während die MDR in 90 Prozent aller Fälle solche Informationen zur Verfügung stellte. »Diese Studie deutet darauf hin, dass Wikipedia ein nützlicher Ansatzpunkt für Laien sein kann, die auf der Suche nach allgemeinen Informationen über Arzneimittel sind«, schreiben die Autoren. Sie sehen im Portal aus fachlichem Blickwinkel »eher eine Ergänzung als die einzige Quelle von Arzneimittelinformationen«.

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