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Häusliche Gewalt

Für viele Frauen Alltag

In Deutschland ist jede vierte Frau mindestens einmal im Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Diese Gewaltform gilt als besonders belastend, da sie zu Hause stattfindet, einem Ort, der Schutz und Geborgenheit geben soll und von einem Menschen ausgeht, dem man vertraut.
Carina Steyer
30.04.2019
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Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist weltweit gut ein Drittel aller Frauen von Gewalt betroffen, die von ihrem Partner oder Ex-Partner ausgeht. In Deutschland wurden laut der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik im Jahr 2017 insgesamt 138.893 Fälle von Partnerschaftsgewalt bei der Polizei erfasst. In 113.965 Fällen waren die Opfer Frauen, 147 von ihnen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Erfasst werden in der Kriminalstatistik nur die Fälle, die bei der Polizei bekannt werden. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzungen von Experten noch wesentlich höher.

So zeigt die 2004 veröffentlichte repräsentative Studie »Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland«, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend erstellt wurde, dass rund 25 Prozent der Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt die im März 2014 veröffentlichte repräsentative Studie der Europäischen Grundrechteagentur zum Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in Europa.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt häusliche Gewalt zu einem der größten Gesundheitsrisiken für Frauen und ihre Kinder. Neben akuten Verletzungen wie Hämatomen, Frakturen, Stich-, Biss- und Platzwunden können bei den betroffenen Frauen bleibende Beeinträchtigungen auftreten. Dazu gehören zum Beispiel schlecht verwachsene Knochenbrüche, Narben und Entstellungen im Gesicht, fehlende Zähne, gekrümmte Finger, verminderte Seh- und Hörfähigkeit. Nicht oder zu spät behandelte Verletzungen können chronische Schmerzen verursachen oder im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Gewalterfahrungen wirken sich zudem auf die psychische Gesundheit aus. Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angstzustände, Panikattacken, Depressionen, Essstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen werden in diesem Zusammenhang häufig beschrieben. Und häusliche Gewalt betrifft nicht nur die misshandelten Frauen, sondern auch ihre Kinder. Sie werden in ihrer sozialen und kognitiven Entwicklung beeinträchtigt, entwickeln häufiger Schlafstörungen sowie Kopf- und Bauchschmerzen. In der Schule fallen die Kinder häufig durch Konzentrationsprobleme auf. Die Folgen der erlebten Gewalt belasten viele Kinder ein Leben lang.

Lange Geschichte

Häusliche Gewalt entsteht nur selten von heute auf morgen, und in den meisten Fällen beginnt sie nicht sofort mit körperlichen Übergriffen. Vielmehr handelt es sich um einen schleichenden Prozess, den die Betroffenen zunächst gar nicht richtig bemerken. Ziel der Täter ist es, Macht und Kontrolle über den Partner auszuüben. Die Spirale der dafür aufgewendeten Gewalt steigert sich oft über Jahre hinweg. Betroffen sind Frauen aus allen sozialen Schichten, mit unterschiedlichem Einkommen und Bildungsstand sowie jeder Herkunft.

Die Gründe, warum betroffene Frauen die Beziehung nicht verlassen, sind vielfältig. Viele Täter zeigen ein ambivalentes Verhalten, wechseln zwischen liebevollem und gewaltausübendem Partner hin und her. Nach einer Gewalthandlung äußern sie Bedauern, versprechen sich zu ändern. Andere Frauen fürchten die Reaktion auf einen Trennungsversuch, haben Angst davor, ihre Kinder zu verlieren oder gesellschaftliche Abwertung zu erfahren.

Darüber hinaus spielt die Sozialisation von Mädchen und Frauen eine wesentliche Rolle. Haben sie gelernt, dass Frauen in Beziehungen nachgiebig agieren müssen oder ihr Wert von einer Beziehung zu einem Mann abhängt, fällt eine Trennung sehr schwer. Und häufig ist es so, dass es umso schwerer wird, sich zu lösen, je länger die gewalttätige Beziehung bereits andauert.

Vielzahl von Faktoren

Gewalt in Paarbeziehungen lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Vielmehr wirken mehrere Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen zusammen. Sie betreffen sowohl die beiden Partner als Individuen und ihre Beziehung als auch die Gemeinschaft und Gesellschaft, in der sie sich bewegen. So wissen Experten heute, dass Kinder, die Opfer oder Zeugen von häuslicher Gewalt waren, als Erwachsene ein höheres Risiko tragen, selbst zu Opfern oder Tätern zu werden.

Weitere, den Einzelnen betreffende Faktoren können Alkohol- oder Drogenkonsum und fehlende Stressbewältigungsstrategien sein. Beziehungen, in denen ein Machtgefälle vorherrscht, ein Partner Dominanz und Kontrollverhalten ausübt, sind ebenfalls mit einem Risiko behaftet. Auch fehlende soziale Unterstützung oder soziale Isolation sowie eine Gesellschaft mit starren Rollenbildern, fehlender Gleichstellung von Mann und Frau und Toleranz sowie Akzeptanz von Gewalt gelten als Risikofaktoren.

Präventionsmaßnahmen gegen häusliche Gewalt setzen deshalb auf unterschiedlichen Ebenen an. Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit sollen Menschen aus dem sozialen Umfeld betroffener Frauen sensibilisieren und über existierende Beratungs- und Unterstützungssysteme informieren. Workshops in Schulen vermitteln Kindern wichtige Informationen zum Thema Gewalt. Betroffene Kinder erhalten über diesen Weg konkrete Hilfsangebote, an wen sie sich wenden können. Frauen und Mädchen können in speziellen Selbstbehauptungs- oder Selbstverteidigungskursen Fähigkeiten erlernen, die ihren Schutz erhöhen.

Gewalt beenden

Eine gewalttätige Beziehung zu beenden, erfordert häufig viel Mut. Über die kostenlose Telefonnummer des Hilfetelefons »Gewalt gegen Frauen« (08000 116016) sind immer Experten erreichbar. Sie informieren über Opferschutz und Strafverfolgung und vermitteln Kontakte zu Unterstützungseinrichtungen und Beratungsstellen in der Nähe des Opfers. Die Beratung erfolgt anonym, vertraulich und wird in 18 Sprachen angeboten. Neben betroffenen Frauen finden auch Angehörige, Freunde, Menschen aus dem sozialen Umfeld und Fachkräfte Unterstützung und Hilfe bei allen Formen von Gewalt gegen Frauen.

Hilfe und Unterstützung bieten auch Frauenberatungsstellen. Die Berater helfen, Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten, ein Sicherheitskonzept zu erstellen und kennen sich in rechtlichen Angelegenheiten aus. Bei Bedarf vermitteln sie auch einen Platz in einem Frauenhaus.

Im akuten Bedrohungsfall ist die Polizei der richtige Ansprechpartner. Sie kann den Täter der Wohnung verweisen und für die kommenden Tage ein Betretungsverbot verhängen. Längerfristigen Schutz können Betroffene mit einer Gewaltschutzverfügung erreichen, die dem Täter bestimmte Handlungen wie zum Beispiel die Kontaktaufnahme oder das Betreten von Wohnung, Arbeitsplatz oder Kita der Kinder verbietet. Der Antrag kann beim zuständigen Familiengericht gestellt werden.

Grundsätzlich liegt die Verantwortung für die Gewalt jedoch immer beim Täter. Ein Ausstieg aus der häuslichen Gewalt gelingt deshalb nur, wenn der Täter die Verantwortung für sein Verhalten übernimmt und mit professioneller Hilfe lernt, sein gewalttätiges Verhalten zu beenden. Dafür gibt es in Deutschland Programme der Täterarbeit. Sie sind Bestandteil der Interventionskette gegen häusliche Gewalt und finden in Kooperation und Vernetzung mit Institutionen wie Justiz, Frauenunterstützungseinrichtungen und Kinder- und Jugendhilfe statt.

Schlüsselrolle Gesundheitseinrichtung

Laut dem medizinischen Gewaltschutzprojekt Signal e.V. suchen von Gewalt betroffene Menschen Einrichtungen zur Gesundheitsversorgung häufiger auf als nicht betroffene Personen. Aus Studien ist zudem bekannt, dass Frauen es positiv empfinden, konkret nach Gewalterfahrungen gefragt zu werden und es ihnen dadurch leichter fällt, das Erlebte zu offenbaren. Mitarbeitern der entsprechenden Einrichtungen kommt damit eine entscheidende Rolle dabei zu, Gewalt zu erkennen, Präventionsprogramme anzubieten und Betroffene zu unterstützen. Signal e.V. stellt auf seiner Website einen Leitfaden zur Verfügung, der konkrete Empfehlungen für die Intervention bei häuslicher Gewalt gibt.

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