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Dissonanzen im Orchester

Funktionellen Beschwerden auf den Grund gehen

Erschöpfung, Schwindel, Kopf- und Rückenschmerzen, Verdauungs-, Gleichgewichts-, Gefühls- oder Schlafstörungen: Rund ein Drittel aller Arztbesuche ist auf Beschwerden funktioneller Natur, also Krankheitszeichen ohne erkennbaren Grund zurückzuführen. Eine neue Patientenleitlinie will Betroffenen helfen, therapeutisch den richtigen Weg einzuschlagen.
Christiane Berg
25.06.2020
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Funktionelle Beschwerden treten in allen Altersgruppen, Gesellschaftsschichten und Kulturen, allerdings bei Frauen häufiger als bei Männern auf. Ein Großteil der Patienten hat gleichzeitig mehrere organisch nicht zuzuordnende Symptome. Trotz ihrer Häufigkeit werden funktionelle Beschwerden jedoch nur allzu oft nicht erkannt, zu gering ist das Wissen bezüglich Entstehung, Ursachen und entsprechender Behandlung bei Patienten und oftmals auch Therapeuten.

Zur besseren Versorgung der Betroffenen ist 2018 für Mediziner eine neu überarbeitete S3-Leitline »Funktionelle Körperbeschwerden« erschienen. In Ergänzung haben die »Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie« (DGPM) und das »Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin« (DKPM) in Kooperation mit Dachverbänden der Selbsthilfegruppen nunmehr die zugehörige S3-Leitlinie für Patienten herausgegeben.

Diese soll Betroffenen das Verständnis für ihre Symptome sowie die Kooperation und das Zusammenspiel mit ihren Therapeuten erleichtern. Die Leitlinie, die den Titel »Funktionelle Körperbeschwerden verstehen und bewältigen« trägt, hilft nicht nur in der Arztpraxis, sondern auch in der Apotheke, mit Patienten ins Gespräch zu kommen und sie zur Selbsthilfe und Selbstfürsorge anzuregen.

Psyche in Schieflage

»Leidet der Mensch unter funktionellen Beschwerden, so ist dieses vergleichbar mit einem Orchester, das aus dem Takt geraten ist: Alle Instrumente funktionieren. Jeder einzelne Musiker spielt richtig, doch es fehlt am harmonischen Zusammenspiel. Als Ergebnis entstehen Missklänge: Ebenso reagiert der menschliche Körper bei seelischen Diskrepanzen mit eindeutig wahrnehmbaren Dissonanzen«, so die Leitlinienautoren. Diese sprechen von »Dysbalancen zwischen Körper und Psyche«, die nicht mit einer »Spezialisten-Lupe«, sondern nur einem »Weitwinkelobjektiv« aufgedeckt werden können.

Stress am Arbeitsplatz oder in der Familie, Sorgen, Ängste, Verlusterfahrungen, Beziehungsprobleme: Meist seien es mehrere psychische, soziale und körperliche Auslöser, die zusammenwirken, bis der Körper quasi ein Stoppsignal sendet. Bei der Betreuung, Information und Beratung müsse daher stets der ganze Mensch in den Blick genommen werden. »Es muss aufmerksam zugehört und gründlich nachgefragt werden. Überdiagnostik, Verlegenheitsdiagnosen und Betriebsblindheit sind hier fehl am Platz, zumal die Gefahr der Chronifizierung und Folgeschäden besteht«, so lautet die eindringliche Warnung der Experten.

Auch wenn eine medikamentöse oder gar operative Therapie bei funktionellen Beschwerden nicht zielführend sei, könne die ärztliche Konsultation unumgänglich sein, um die Beschwerden durch eine gründliche Anamnese und körperliche Untersuchung von anderen Syndromen abzugrenzen. Dann stehen seitens Therapeut und Patient »abwartendes Beobachten« oder noch besser »wachsames Offenhalten« auf dem Plan.

Nur allzu verständlich herrsche oft die Furcht, dass ein organisches Leiden übersehen wird. Doch die Sachverständigen beruhigen. Sie betonen, dass Fehleinschätzungen selten sind: Studiengemäß stellen sich bei höchstens vier von 100 Patienten zunächst als funktionell eingestufte Beschwerden später als manifeste und klinisch erkennbare Verletzungen oder Erkrankungen heraus.

Die Experten weisen darauf hin, dass der Patient durch entsprechende Vorbereitung anhand der im Rahmen der Leitlinie aufgezeigten Checkliste »Mein Arztgespräch« selbst zur richtigen Einordnung der Krankheitszeichen beitragen kann. Leiden circa 50 Prozent der Menschen mit schweren funktionellen Beschwerden an psychischen Grunderkrankungen wie Depressionen, Panik, Süchten oder posttraumatischen Belastungsstörungen, so erübrige sich die Frage nach der Henne und dem Ei: »Psychisches Leiden kann und muss benannt und behandelt werden.«

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