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Gewichtsreduktion

Geduld gefragt

Wenn Menschen, die abnehmen möchten, in der Apotheke nach einem Schlankheitsmittel fragen, hoffen viele, allein durch die Einnahme des Produktes ihr Wunschgewicht erreichen zu können. Es braucht dann Beratungsgeschick, um ihnen zusätzlich eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung schmackhaft zu machen.
Annette Immel-Sehr
25.06.2019
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Ein Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts aus den Jahren 2014/2015 zeigt, dass in Deutschland 54 Prozent der Erwachsenen von Übergewicht einschließlich Adipositas betroffen sind. Bei Männern findet sich häufiger Übergewicht (43 Prozent) als bei Frauen (30 Prozent). Dagegen ist Adipositas (BMI>30 kg/m2) bei Männern und Frauen ungefähr gleich häufig (etwa 18 Prozent). Die Studie ergab auch, dass das Körpergewicht bei Frauen wie Männern in Abhängigkeit von den Lebensjahren häufig zunimmt.

Bei der Entstehung einer Adipositas spielen zahlreiche, sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Manche sind ursächlich, manche wirken verstärkend. Die genetische Disposition beeinflusst beispielsweise die Regulation von Hunger und Sättigung sowie den Energieverbrauch. Weitere relevante Faktoren sind Fehlernährung, Bewegungsmangel, Schlafmangel, Stress, ständige Verfügbarkeit von Nahrung und ein niedriger Sozialstatus. Außerdem können etwa Depression, Hypothyreose oder Cushing-Syndrom eine Rolle spielen sowie die Einnahme von Medikamenten wie Neuroleptika, Antidepressiva oder Glucocorticoiden. Experten sehen Bewegungsmangel und eine überhöhte Kalorienaufnahme allerdings als die Hauptgründe für das weit verbreitete Übergewicht. Der Körper erhält über die Ernährung mehr Energie als er braucht. Aus dem Überschuss legt er eine Reserve in Form von Körperfett an. So steigt das Gewicht meist schleichend Monat für Monat, Jahr um Jahr.

Grenzen beachten

Die aktuellen Leitlinien zur Prävention und Therapie der Adipositas empfehlen Menschen mit Übergewicht (25 bis 30 kg/m2) abzunehmen, wenn eine androide Körperfettverteilung vorliegt oder durch das Übergewicht bedingte Gesundheitsstörungen wie Hypertonie oder Typ-2-Diabetes. Bei einer Adipositas dient die  Gewichtsreduktion medizinischen Gründen. Ebenso sollte der Betroffene bei hohem Leidensdruck oder bei Erkrankungen, die durch Übergewicht verschlimmert werden, abnehmen. Liegt eine Adipositas vor, eine Stoffwechselerkrankung oder einer Essstörung, endet der Beratungsbereich der PTA, hier muss ein Arzt weiterhelfen. Als Grenzen der Selbstbehandlung gelten auch Schwangerschaft und Stillzeit sowie eine plötzliche, für den Patienten unerklärliche Gewichtszunahme.

Erfolg auf lange Sicht

Was können PTA und Apotheker den Kunden empfehlen, die abnehmen möchten? Der erste Rat lautet wohl Geduld. Extreme Diäten, die »die Pfunde purzeln« lassen, bringen auf Dauer mehr Probleme als Erfolg. Denn das Körpergewicht steigt nach einer drastischen Gewichtsabnahme schnell wieder an, meist sogar über das Ausgangsgewicht hinaus. Durch mehrfache Gewichtsreduktion mit anschließender Gewichtszunahme klettert das Körpergewicht immer höher. Dies wird auch als Jojo-Effekt oder »weight cycling« bezeichnet. Die Leitlinien sind in ihren Empfehlungen realistisch und sehen es als Erfolg an, wenn der Patient innerhalb von sechs bis zwölf Monaten mehr als fünf Prozent des Ausgangsgewichts abbaut. Dies mag gering erscheinen, verspricht aber auf Dauer mehr Erfolg. Mit der Frage, seit wann der Kunde die Gewichtszunahme bemerkt, lassen sich möglicherweise im Beratungsgespräch Ursachen aufspüren, wie vermehrtes Essen oder Alkoholkonsum aufgrund von Stress, Einnahme bestimmter Medikamente oder Lebensumstände, die zu körperlicher Inaktivität geführt haben. Hier bietet sich ein erster Ansatz zur Veränderung.

500 kcal einsparen

Um langsam abzunehmen, gelten etwa 500 kcal weniger pro Tag als gutes Maß. Ein Ziel, das sich erreichen lässt, indem der Übergewichtige kleinere Portionen isst und energieärmere Nahrungsmittel wählt. Am einfachsten gelingt das, wenn er an der Fettzufuhr spart. Doch auch »low carb« verspricht laut Leitlinien Erfolg. Somit kann jeder seinen persönlichen Geschmacksvorlieben folgen. Eine Kost mit 1500 bis 2000 kcal pro Tag schmeckt und sättigt, wenn sie viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte enthält. Hat der Patient sein Zielgewicht erreicht, kann er diese Kost - leicht ausgeweitet - im Grundsatz beibehalten. Formula-Diäten wie  Optifast®, Modifast® oder Almased® können für Abnehmwillige eine Hilfe sein, um überhaupt den ersten Schritt Richtung Gewichtsreduktion zu gehen. Sie ersetzen dann in der Regel ein bis zwei Hauptmahlzeiten. Schrittweise werden die Formula-Mahlzeiten später wieder durch normale Lebensmittel ersetzt. Die Mahlzeiten sollten dann jedoch gegenüber früheren Ernährungsgewohnheiten weniger Kalorien enthalten.

Gemeinsam zum Erfolg

Übergewichtige profitieren von wissenschaftlich evaluierten Programmen wie »Abnehmen mit Genuss«, »Ich nehme ab« oder »Weight Watchers«. Sie bieten ihren Kunden ganz konkrete Vorschläge und Rezepte. Im Vergleich zur Einzelberatung hat sich die Teilnahme an einem Gruppenprogramm als erfolgreicher erwiesen. Zum Abnehmen gehört neben der Ernährungsumstellung immer auch mehr körperliche Aktivität. Sie erhöht den Energieverbrauch und wirkt sich zudem positiv auf das Wohlbefinden, die Psyche und kardiovaskuläre Parameter aus. Für eine effektive Gewichtsabnahme sollten es pro Woche mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität sein. Sehr gute Effekte zeigen Ausdauersportarten. Doch auch der Muskelaufbau gehört dazu, denn Muskulatur ist ein Energieschlucker. Wer mehr Muskeln hat, verbraucht deshalb auch mehr Energie und verliert so besser an Gewicht. Verhaltenstherapeutische Einheiten können das Vorhaben abzunehmen unterstützen. Leitet eine Fachkraft dazu an, über die eigene Gewichtsentwicklung, gescheiterte Diäten und Esssituationen im Alltag nachzudenken, gewinnt der Patient neue Einsichten, die dazu beitragen, das eigene Essverhalten zu ändern.

Fettaufnahme blockiert

Medikamente spielen in der Behandlung von Übergewicht nur eine geringe, allenfalls ergänzende Rolle, wenn die kombinierte Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie nicht ausreicht. Orlistat ist der einzige Arzneistoff, den die Autoren der Leitlinien empfehlen. Bei allen anderen Arzneimitteln und Produkten sehen die Experten ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Profil oder bemängeln den fehlenden Nachweis der Wirksamkeit. Orlistat inaktiviert Lipasen im Magen und oberen Dünndarm. Dadurch können Triglyceride in der Nahrung nicht zu freien Fettsäuren und Monoglyceriden hydrolysiert und somit nicht resorbiert werden.

Für die Selbstmedikation ist Orlistat in der Dosierung von 60 Milligramm zur Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Übergewicht (BMI ≥ 28 kg/m2) in Verbindung mit einer leicht hypokalorischen, fettreduzierten Ernährung zugelassen. Die Einnahme erfolgt dreimal täglich unmittelbar vor, während oder bis zu einer Stunde nach jeder Hauptmahlzeit mit Wasser. Entfällt eine Mahlzeit oder enthält sie wenig Fett, braucht der Patient das Medikament nicht. Die Behandlungsdauer im Rahmen der Selbstmedikation sollte sechs Monate nicht überschreiten. Falls nach zwölf Wochen Therapie keine Gewichtsreduktion eintritt, sollte der Patient mit dem Arzt oder Apotheker sprechen. Findet sich kein Grund für das Therapieversagen, bleibt nur, die Therapie abzubrechen.

Die Nebenwirkungen von Orlistat betreffen in erster Linie das Verdauungssystem: Blähungen mit Stuhlabgang, fettiger öliger Stuhl, Abgang öligen Sekrets und häufigere Stuhlfrequenz. Die unter Umständen sehr häufigen Darmentleerungen können die Sicherheit oraler Kontrazeptiva herabsetzen. Deswegen sollten Anwenderinnen entweder auf nicht-orale hormonelle Kontrazeptiva umstellen oder zusätzliche eine Barriere-Methode wie Kondom oder Pessar anwenden. Die Magen-Darm-Beschwerden bessern sich meist bei längerer Anwendung des Arzneimittels und unter einer Ernährung, die wenig Fett enthält. Wechselwirkungen mit HIV-Medikamenten, Levothyroxin und Antiepileptika sind möglich.

Die Gewichtsreduktion bringt häufig bessere Blutdruck-, Cholesterin- sowie Blutzuckerwerte mit sich. Sollte der Patient ein Antidiabetikum, Antihypertonikum oder einen Lipidsenker einnehmen, kann der Arzt deren Dosierung in vielen Fällen reduzieren.

Das neue Gewicht halten

Oft taucht in der Apotheke die Frage nach Nahrungsergänzungsmitteln und Medizinprodukten auf, die die Kunden aus der Werbung kennen. Dazu zählen sogenannte Fettbinder wie Chitosan und Litramin. Sie können Fettmoleküle und Cholesterol binden, so dass diese nicht resorbiert werden. Durch eine gewisse Quellfähigkeit sollen sie zudem das Sättigungsgefühl erhöhen. Chitosan (synonym: Poliglucosamim) ist ein quellfähiger Abkömmling des Chitins aus dem Panzer von Meerestieren. Litramin stammt aus den Blättern des Feigenkaktus. Studien, die eine Gewichtsreduktion aufgrund der Einnahme dieser Präparate belegen, gibt es nicht.

Auch Präparate mit Blasentang werden zum Abnehmen beworben. Meeresalgen können aufgrund ihres hohen Jodgehalts die Schilddrüse anregen und so beim Abnehmen helfen. Ein entsprechendes Präparat hat jetzt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als traditionelles Arzneimittel registriert. 

Auch Quellmittel wie Guar, Alginsäure, Glucomannan und Carmellose sollen beim Abnehmen helfen. Sie füllen den Magen lange und dämpfen damit das Hungergefühl. Ein positiver Langzeiteffekt ist allerdings nur zu erwarten, wenn auch die Ernährung dauerhaft umgestellt wird. Viel schwieriger als abzunehmen ist es, das erreichte Gewicht zu halten. Schon innerhalb des ersten Jahres nimmt die Mehrzahl derer, die erfolgreich Gewicht reduziert haben, zwischen 30 und 50 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zu. Nach fünf Jahren hat über die Hälfte wieder ihr Ausgangsgewicht erreicht oder liegt sogar darüber. Daher sind Programme zur Gewichtsreduktion sinnvoll, die die Betroffenen weiterhin unterstützen, wenn diese ihr Zielgewicht erreicht haben. Auch der langfristige Austausch einer Mahlzeit durch eine Formula-Mahlzeit kann helfen, auf Dauer schlanker zu bleiben.

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