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Zwei Neulinge seit Mitte Juli

Gegen MS und endogenes Cushing

Mitte Juli kamen zwei Medikamente mit neuen Wirkstoffen auf den deutschen Markt. Ozanimod ist ein neuer, oral verfügbarer Multiple-Sklerose-Wirkstoff. Osilodrostat wird ebenfalls oral eingenommen und ist eine neue Therapieoption beim endogenen Cushing-Syndrom.
Sven Siebenand
06.08.2020  09:00 Uhr

Das endogene Cushing-Syndrom ist selten. Es entsteht, wenn der Körper zu viel des Nebennierenrinden-Hormons Cortisol produziert. Ursache dafür ist häufig ein gutartiger Tumor in der Hirnanhangdrüse, der eine Überproduktion des Hormons Adrenocorticotropin zur Folge hat. Das regt die Nebennieren an, mehr Steroide zu bilden. Zusätzlich können Tumoren der Nebenniere direkt Cortisol produzieren.

Die Überproduktion der Steroide im Körper verändert unter anderem den Fettstoffwechsel. So werden die Fette bei Betroffenen verstärkt im Gesicht und im Rumpf abgelagert, was zu einem Vollmondgesicht, einem »Büffelnacken« und einem dicken Bauch führt. Die Patienten tragen auch ein erhöhtes Risiko für Diabetes und Osteoporose. Mehrere Therapieoptionen sind möglich, unter anderem eine Hypophysen-Operation. Bei manchen Patienten kommen aber auch sogenannte Adrenostatika, etwa Metyrapon (Metopiron®), zum Einsatz.

Der neue Arzneistoff Osilodrostat (Isturisa® 1, 5 und 10 mg Tabletten, Recordati) blockiert wie Metyrapon die Aktivität des Enzyms 11-β-Hydroxylase, welches an der Herstellung von Cortisol im Körper beteiligt ist. So sinken die Cortisolproduktion und der Cortisolspiegel im Körper, die Symptome der Erkrankung lassen nach. Zugelassen ist Osilodrostat bei erwachsenen Patienten.

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt zweimal täglich 2 mg. Patienten asiatischer Abstammung sollten mit einer Dosis von 1 mg zweimal täglich starten. Die Dosis kann je nach dem Cortisolspiegel im Körper, der durch regelmäßige Urin- oder Blutuntersuchungen gemessen wird, schrittweise bis zu einer Höchstdosis von 30 mg zweimal täglich erhöht werden. Die übliche Erhaltungsdosis lag in Studien zwischen 2 und 7 mg zweimal täglich. Wenn bei dem Patienten bestimmte Nebenwirkungen auftreten, sollte der Arzt die Dosis verringern oder die Behandlung vorübergehend unterbrechen.

Die häufigsten in der Zulassungsstudie beobachteten Nebenwirkungen von Osilodrostat sind Nebenniereninsuffizienz, Müdigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen und Ödeme.

Regelmäßig EKG

Osilodrostat kann die QT-Zeit am Herzen verlängern, weshalb regelmäßige EKG-Untersuchungen bei den Anwendern durchgeführt werden sollten. Isturisa sollte bei Patienten mit Risikofaktoren für eine QT-Verlängerung mit Vorsicht angewendet und das Nutzen-Risiko-Verhältnis sorgfältig abgewogen werden.

Osilodrostat kann fetale Schädigungen verursachen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter ist daher vor Beginn der Behandlung abzuklären, ob sie schwanger sind, und der Arzt muss die Patientinnen über das potenzielle Risiko für den Fetus und die Notwendigkeit der Anwendung einer zuverlässigen Verhütungsmethode während der Behandlung und mindestens eine Woche nach deren Ende aufklären. Die Anwendung von Isturisa während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Zudem sollte das Stillen während der Behandlung mit Osilodrostat und für mindestens eine Woche nach der Behandlung unterbrochen werden.

Rezeptor-Modulierer

Ebenfalls Mitte Juli kam das Präparat Zeposia® Hartkapseln der Firma Celgene in den deutschen Handel. Es enthält mit Ozanimod einen Wirkstoff zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS) mit aktiver Erkrankung.

Bei Multipler Sklerose greift das Immunsystem in Gehirn und Rückenmark die schützende Isolierung um die Nerven sowie die Nerven selbst an und schädigt diese. Wie die bereits verfügbaren oralen Wirkstoffe Fingolimod (Gilenya®) und Siponimod (Mayzent®) wirkt auch Ozanimod an sogenannten Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren modulierend. Diese Rezeptoren sind an der Bewegung von Lymphozyten im Körper beteiligt. Durch die Bindung an diese Rezeptoren halten die Wirkstoffe Lymphozyten davon ab, von den Lymphknoten zu Gehirn und Rückenmark zu gelangen, wodurch die von ihnen bei MS verursachten Schädigungen begrenzt werden. Während Fingolimod ein unselektiver Rezeptor-Modulator ist, docken Ozanimod und Siponimod selektiv an die Rezeptorsubtypen 1 und 5 an. Siponimod ist bisher nicht für die RRMS zugelassen, dafür aber als einziger der drei ähnlichen Arzneistoffe für die sekundär progrediente MS (SPMS).

Ozanimod wird einmal täglich als Kapsel eingenommen. Um das Risiko von Nebenwirkungen auf das Herz zu verringern, sollte die Dosis zu Beginn der Behandlung oder nach einer längeren Unterbrechung langsam gesteigert werden. Die Anfangsdosis beträgt während der ersten vier Tage eine 0,23-mg-Kapsel täglich, während der folgenden drei Tage eine 0,46-mg-Kapsel täglich und ab dem achten Tag eine 0,92-mg-Kapsel täglich.

Die am häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen von Ozanimod sind Nasopharyngitis und erhöhte Leberenzym-Werte. Kontraindiziert ist Zeposia bei Patienten mit schweren Lebererkrankungen, schweren aktiven Infektionen, Krebs oder geschwächtem Immunsystem. Das Präparat darf ferner nicht bei Patienten mit bestimmten Herzerkrankungen oder Patienten angewendet werden, die kürzlich einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder andere Herzprobleme hatten. Vor Einleitung der Ozanimod-Therapie ist bei allen Patienten ein EKG durchzuführen, um etwaige Vorerkrankungen des Herzens festzustellen. Der Blutdruck sollte während einer Ozanimod-Therapie regelmäßig kontrolliert werden.

Tabu ist der neue Wirkstoff darüber hinaus auch bei Schwangeren oder Frauen im gebärfähigen Alter, die kein zuverlässiges Verhütungsmittel verwenden. Aufgrund des Potenzials für schwerwiegende unerwünschte Arzneimittelwirkungen durch Ozanimod und seine Metabolite bei gestillten Säuglingen sollen Frauen, die mit Ozanimod behandelt werden, nicht stillen.

Eine Impfung während der Behandlung mit Ozanimod sowie bis zu drei Monate danach kann weniger wirksam sein. Die Anwendung von attenuierten Lebendimpfstoffen kann ein Infektionsrisiko bergen und sollte daher während der Behandlung mit dem Wirkstoff und für bis zu drei Monate danach vermieden werden.

Was gibt es in Sachen Wechselwirkungen zu bedenken? Die gleichzeitige Anwendung von Inhibitoren des Brustkrebsresistenz-Proteins (BCRP), MAO-Hemmern oder CYP2C8-Induktoren mit Ozanimod wird nicht empfohlen. Das kann zu erhöhten beziehungsweise erniedrigten Spiegeln des MS-Medikaments führen und damit dessen Wirksamkeit oder Sicherheit beeinflussen. 

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