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Männer und Frauen
Gendermedizin – der große Unterschied

Studien meist männlich

Nicht nur in der Praxis, auch in der Entwicklung von Medikamenten haben Frauen immer noch das Nachsehen. In Tierstudien setzen Wissenschaftler meist nur auf männliche Tiere, und auch bei Humanstudien bilden weibliche Probanden nach wie vor meist eine Minderheit. »Man sieht häufig Hormone und Zyklus beim weiblichen Geschlecht als Störfaktor im Rahmen von Studien an«, konstatiert Regitz-Zagrosek. »Weibliche Mäuse seien viel inhomogener als männliche und führten somit zu inkonsistenteren Studienergebnissen. Das stimmt aber nicht«, so die Medizinerin. Im Gegenteil: »Männchen kämpfen ständig, deswegen muss man sie einzeln halten. Das führt zu einer höheren Variabilität als durch den Zyklus der Weibchen beeinflusst. Den Beweis erbrachte erst kürzlich eine große, in »Neuroscience and Biobehavioral Reviews« veröffentlichte US-amerikanische Studie.«

Die männliche Dominanz setzt sich auch bei Probanden in Humanstudien fort. Die Konsequenz: Für Frauen liegen bis heute häufig keine validen Daten vor. Regitz-Zagrosek: »Eine aktuelle Studie im New England Journal of Medicine zur Therapie von Herzinfarkt schließt nur 20 Prozent Frauen ein. Für die Probandinnen zeigte sich kein signifikanter Effekt. Das haben die Autoren der Arbeit aber gar nicht thematisiert. Sie sind einfach darüber hinweggegangen.« Das heißt für die Praxis: Käme der neue Arzneistoff auf den Markt, würde es auch Frauen verordnet, obgleich sie davon gar nicht profitieren. »Dann erhöhen die Ärzte die Dosierung, und die Frauen haben mehr Nebenwirkungen, aber immer noch keine Hauptwirkung«, skizzierte Regitz-Zagrosek ein mögliches Zukunftsszenario.

Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. In einer Zulassungsstudie mit einer Kombination von Sacubitril und Valsartan gegen Herzinsuffizienz wirkte das Mittel nur bei Frauen, nicht bei Männern. »Das war eine ganz große Überraschung für alle Beteiligten, und es ist noch völlig unklar, warum das so ist.«

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