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Dysphonien

Gut bei Stimme bleiben

Die Stimme dient nicht nur der Verständigung, sondern sie verrät auch einiges darüber, wie es einem Menschen geht und wer er ist. Störungen der Stimme, sogenannte Dysphonien, beeinträchtigen stark. Die Ursachen sind vielfältig und bedürfen unterschiedlicher Behandlungen.
Michelle Haß
10.01.2020
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Bei circa einem Drittel der Menschen versagt die Stimme im Laufe des Lebens mindestens einmal ihren Dienst. Prinzipiell erkranken Personen jedes Alters und Geschlechts an Stimmstörungen. Häufiger trifft es aber Ältere und diejenigen, die berufsbedingt viel sprechen oder singen.

Die bekannteste Stimmstörung ist die Heiserkeit. Viele Menschen verwenden die Begriffe sogar synonym. Damit bleiben sie allerdings an der Oberfläche, denn Heiserkeit beschreibt nur eine von vielen Möglichkeiten für eine Stimmstörung. Sagt jemand, er sei heiser, ist das Klangbild seiner Stimme verändert. Sie klingt rau und kratzig. Der Begriff Dysphonie greift hingegen weiter. Hier ist in der Regel die gesamte Sprachproduktion beeinträchtigt, was sowohl den Klang als auch die Leistung der Stimme einschließt. Die Medizin teilt Stimmstörungen in drei Kategorien ein: funktionelle, organische und psychogene Dysphonien (siehe Tabelle 1).

Art Pathologie Ursachen Therapie
Funktionell (hyperfunktionell, hypofunktionell, Mischformen) Keine erkennbaren organischen Veränderungen, Stimmlippen schließen und schwingen nicht mehr richtig • habituell
(stimmschädigender Sprachgebrauch)
• konstitutionell
• berufsbedingt
• Überbeanspruchung und Fehlbelastung
Stimmtraining,
Stimmhygiene
Organisch Anatomische Veränderung im Stimmapparat • Wucherungen (Knötchen, Ödeme, Zsyten, Polypen, Tumor)
• Entzündungen (Laryngitis, Reflux)
• Lähmungen und neuromuskuläre Funktionsstörungen (M.Parkinson, Schlafanfall)
•Traumata (Schädigung nach OP)
•Angeborene Kehlkopffehlbildungen
Je nach Ursache medikamentös (PPI, Antibiotika, Glucocorticoide) und operativ, Stimmtraining und Stimmhygiene als begleitende Maßnahme
Psychogen Keine organischen Veränderungen, psychosomatische und psychosoziale Einflüsse • Stress
•Traumata
Psychotherapie, Stimmtraining
Tabelle 1: Einteilung Stimmstörungen

Komplexes Zusammenspiel

Die Stimme entsteht in einem engen Zusammenspiel von Atmung, Stimmlippen sowie Muskeln und Nerven des Kehlkopfes. Stimmlippen, die fälschlicherweise häufig als Stimmbänder bezeichnet werden, erzeugen durch Schwingungen Töne. Sie sitzen waagrecht im oberen Teil der Luftröhre, im Kehlkopf. Im Normalzustand sind die Stimmlippen entspannt, und der Atem strömt durch die Stimmritze ungehindert ein und aus.

Beim Sprechen spannen sich die mit Schleimhaut überzogenen Bänder, und die Stimmritze verengt sich. Beim Ausatmen drückt nun der aufsteigende Luftstrom gegen die Stimmbänder und bringt sie zum Schwingen. Ein Ton entsteht. Lautstärken und Tonhöhen hängen von der An- und Entspannung der Stimmlippen ab, beziehungsweise davon, wie schnell diese schwingen. Je schneller, umso höher der Ton. Im Rachen, in Mund- und Nasenhöhle werden die Töne weiter geformt und verstärkt. Zunge und Lippen bilden daraus Geräusche und Wörter.

Schonend reden

Patienten mit funktionellen Stimmstörungen belasten ihre Stimme zu viel, zu wenig oder auf eine falsche Weise. Die Stimmlippen schwingen und schließen nicht mehr so wie bei einem Gesunden. Die Stimme verändert sich und bringt weniger Leistung. Häufig trifft es Menschen, die ihre Stimme dauerhaft beanspruchen und die sich keine Pausen gönnen. Um erste Anzeichen einer schwachen Stimme zu kompensieren, belasten Betroffene sie häufig noch zusätzlich, eine Art Teufelskreis entsteht.

Je nach Ausprägung unterscheiden Mediziner zwischen hyperfunktionellen und hypofunktionellen Störungen. Dabei beziehen sich die Vorsilben »hyper« und »hypo« darauf, ob sich die Stimmlippen zu stark oder zu gering spannen. Bei hyperfunktionellen Störungen ist die Stimmlage meist erhöht und der Umfang vermindert; gegebenenfalls fühlt sich der Hals trocken an. Der Patient hat das ständige Bedürfnis, sich zu räuspern. Im Gegensatz dazu nimmt die Muskelspannung der Stimmlippen bei hypofunktionellen Störungen ab, und die Stimme wirkt behaucht und kraftlos. Auch Mischformen sind möglich. So können Menschen mit hypofunktioneller Stimme bei hoher Belastung eine Hyperfunktion entwickeln, da sie mit viel Spannung und Anstrengung sprechen, um die fehlende Stimmkraft auszugleichen.

Funktionelle Dysphonien werden in der Regel mit einem gezielten Stimmtraining behandelt. Kommen noch psychisch bedingte Ursachen hinzu, kann eine begleitende Psychotherapie helfen. Die Stimmtherapie soll die Leistungsfähigkeit der Stimme verbessern beziehungsweise wiederherstellen.

Zu Beginn der Therapie führt der Logopäde ein ausführliches Anamnesegespräch, untersucht die Stimmfunktion und legt gemeinsam mit dem Patienten individuelle Therapieziele fest. Während der Therapie selbst werden bestimmte Bereiche wie Körperwahrnehmung und -haltung, Atmung und Artikulation in direkten Übungen trainiert. So verspannt sich der Kehlkopfbereich zum Beispiel in Folge einer starren Haltung. Die Stimmlippen schwingen nicht mehr frei, und die Stimmbildung ist gestört. Aber auch indirekte Maßnahmen (siehe Kasten Stimmhygiene), die dazu dienen, stimmschädigende Verhaltensweisen zu minimieren, bespricht der Logopäde mit dem Patienten.

Richtig sprechen

Bleiben Stimmstörungen unbehandelt, können sich so genannte Stimmlippenknötchen entwickeln, volkstümlich auch Sänger- oder Schreiknötchen genannt. Sie entstehen meist am Rand der Stimmlippen, wenn diese dauerhaft gereizt werden, beispielsweise durch Schreien oder häufiges Singen. Dann reiben die Stimmlippen aneinander, schwellen an, und es bilden sich an diesen Stellen Knötchen – ähnlich wie Hornhaut an stark beanspruchten Hautstellen. Die Stimmlippen schwingen nicht mehr in gewohnter Weise, und die Stimme klingt rau und heiser. Schonen Betroffene ihre Stimme und lernen in einer Stimmtherapie, sie richtig zu gebrauchen, bilden sich die Knötchen oft von alleine zurück. In allen anderen Fällen kann der Arzt sie mikrochirurgisch entfernen.

PTA und Apotheker müssen in ihrem Beruf viel sprechen und teilweise gegen eine laute Umgebung anreden. Um im Alltag dennoch bei Stimme zu bleiben, können ein paar vorbeugende Maßnahmen helfen: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist sehr wichtig, um die Schleimhaut im Mund-, Rachen und Kehlkopfbereich gut feucht zu halten. Zuckerhaltige und alkoholische Getränke eignen sich jedoch weniger, da sie die Schleimhäute zusätzlich austrocknen. Auch manche Teesorten wie Kamillentee haben diesen Effekt. Regelmäßiges Stoßlüften und ein Raumbefeuchter sorgen vor allem während der Heizperiode für eine ausreichende Luftfeuchtigkeit innerhalb der Apotheke. Bei beginnender Heiserkeit sollten PTA und Apotheker die Stimme, sofern möglich, weitestgehend schonen. Ansonsten kann sich eine falsche Sprechweise entwickeln, die den Stimmapparat zusätzlich belastet.

Akut entzündet

Bei organischen Sprachstörungen liegen pathologisch veränderte Strukturen im Bereich des Kehlkopfs und Ansatzrohres vor. Die Veränderungen können dabei ganz unterschiedlich aussehen und verschiedene Ursachen haben. Auch Entzündungen des Kehlkopfes (Laryngitis) zählen zu den organischen Dysphonien. Die akute Laryngitis macht knapp ein Drittel aller HNO-Erkrankungen aus. Ihre häufigste Ursache ist ein viraler Infekt der oberen Atemwege. Er äußert sich vor allem durch Heiserkeit und Husten. Die Entzündung limitiert sich meist selbst und heilt innerhalb weniger Tage folgenlos ab.

Als oberste Priorität bei einer akuten Laryngitis gilt, die Stimme zu schonen und stimmschädigende Noxen wie Tabakrauch oder Alkohol zu meiden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich aus der akuten eine chronische Laryngitis entwickelt. Auf keinen Fall sollte der Patient flüstern, denn das spannt die Stimmlippen maximal und strapaziert sie noch mehr. Begleitsymptome wie Husten können mit einem Hustenstiller gelindert werden. Bei einer Sekundärinfektion mit Bakterien (Eiterbildung) verordnet der Arzt zusätzlich ein Antibiotikum.

Warme Umschläge empfinden Betroffene oft als angenehm, ebenso die Inhalation von Dampfbädern mit zum Beispiel Salbei, der zusätzlich antibakteriell wirkt. Solche Zusätze sollten keinen Alkohol enthalten, da dieser die Schleimhäute der Stimmlippen austrocknet. Vorsicht mit ätherischen Ölen bei Allergikern, Asthmatikern und Kindern: Bestimmte Stoffe (Menthol, Campher, Cineol) können die Schleimhäute stark reizen und unter Umständen sogar Verkrampfungen des Kehlkopfes mit Atemnot hervorrufen. Im Handel sind spezielle Präparate erhältlich, die auch für Kinder geeignet sind (zum Beispiel Transpulmin® für Kinder ab sechs Jahren, Babix® Inhalat N ab zwei Jahren).

Kleine Patienten

Zwei Sonderformen der Laryngitis sind die Kehldeckelentzündung (Epiglottitis) und der Pseudokrupp (siehe Tabelle 2). Beide treten vermehrt im Kindesalter auf, aber auch Jugendliche und Erwachsene können an einer Epiglottitis erkranken. Da die Atemwege von Kindern noch sehr eng sind, reagieren sie besonders empfindlich auf Entzündungen in diesem Bereich. Leichte Schwellungen verursachen bereits enorme Einschränkungen. Pseudokrupp-Hustenanfälle dauern in der Regel zwei Tage bis zu zwei Wochen und heilen ohne Probleme aus. Bei schweren Anfällen kann der Arzt Cortison-haltige Zäpfchen verordnen. Sie wirken antientzündlich beziehungsweise abschwellend und beugen somit einer Atemnot vor.

Eltern sollten einen Arzt aufsuchen, wenn ein starker Hustenabfall bei ihrem Kind das erste Mal auftritt. Er kann eine eindeutige Diagnose stellen und andere Erkrankungen wie eine Epiglottitis ausschließen. Denn gerade Laien können diese mit einem Pseudokrupp verwechseln. Auf Grund der Atemnot und drohenden Erstickungsgefahr muss eine Epiglottitis jedoch sofort stationär behandelt werden.

Dauern die Symptome einer akuten Laryngitis länger als drei Wochen an, ist ein Arztbesuch dringend erforderlich. Der Arzt ordnet in der Regel eine laryngoskopische Untersuchung an, um möglichen Ursache der Stimmstörung weiter auf den Grund zu gehen.

Pseudokrupp Epiglottitis
Erreger Viral: Meist Parainfluenza Bakteriell: meist Haemophilus Influenzae
Auftreten Säuglinge und Kleinkinder, ab dem 6. Monat – bis zum 4 Lebensjahr Vermehrt im Kindesalter, zwischen 2 bis 6 Jahre,
auch Jugendliche und Erwachsene können betroffen sein
Symptome •  trockener bellender Husten, vor allem nachts
• röchelnde Geräusche beim Einatmen
• Heiserkeit
• starke Schluckbeschwerden, Betroffene können oft den eigenen Speichel nicht mehr schlucken
• kloßiges Gefühl und Sprache
• Fieber
•meist kein Hustenreiz und Heiserkeit
• akuter Eintritt und Verschlechterung des Krankheitszustands
Was tun?/ Behandlung • Ruhe bewahren, Kind aufrichten
• kalte, feuchte Luft (Kühlschrank, Fenster) wirkt oft abschwellend
• bei Anzeichen von Atemnot (blasse Haut, bläuliche Lippen) Notarzt rufen, da Gefahr der Atemnot besteht
• Akuter Notfall: Drohende Erstickungsgefahr, Notarzt rufen
•stationäre Aufnahme
• medikamentöse Behandlung: Cephalosporine der 3. Und 4. Genration, Glucocorticoide gegen die Entzündung
Tabelle 2: Vergleich Pseudokrupp und Epiglottitis

Risiko Rauchen

Chronische Kehlkopfentzündungen entwickeln sich in der Regel durch dauerhafte äußere Reize wie Rauch, trockene Luft am Arbeitsplatz oder übermäßigen Alkoholkonsum. Menschen, die ständig durch den Mund atmen, weil ihre Nasenatmung behindert ist, tragen ebenfalls ein höheres Risiko, ebenso Patienten mit einem gastroösophagealen Reflux. Die aufsteigende Magensäure reizt die Stimmlippen dauerhaft, und sie entzünden sich. Hier kommen Protonenpumpeninhibitoren zum Einsatz.

Vor allem Tabakrauch schädigt den Stimmapparat langfristig. Neben einem erhöhten Krebsrisiko besteht die Gefahr, ein so genanntes Reinke-Ödem zu entwickeln. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Besonders häufig trifft es Frauen im mittleren Lebensalter, die rauchen, und solche mit Refluxerkrankung. Wissenschaftler vermuten, dass ein dauerhafter Tabakkonsum eine chronische Entzündung auslöst, mit einer Schwellung unterhalb der Stimmlippenschleimhaut. An dieser Stelle sondert sich Flüssigkeit ab, die sich später gallertartig verdickt. Die Stimmlippen schwingen langsamer, und die Stimme klingt tiefer, rau und männlich.

Normalerweise sind Reinke-Ödeme nicht bösartig und auch keine Vorstufen bösartiger Veränderungen. Sehr große Ödeme können jedoch den Kehlkopf verengen und das Atmen beeinträchtigen. Durch eine Nikotinkarenz bildet sich ein Reinke-Ödem zwar nicht zurück, dennoch nimmt die Raucherentwöhnung einen hohen Stellenwert ein, um zu verhindern, dass sich das Ödem ausweitet. Eine Stimmtherapie hilft, durch Kompensationsmechanismen die Stimmlage zu verbessern. Reicht diese Maßnahme nicht aus, kann der Arzt nach genauer Diagnose und Prüfung einen phonochirugischen Eingriff am Kehlkopf durchführen. Wichtig ist auch hier eine Nikotinkarenz, da sich ansonsten erneut ein Ödem bilden kann.

Medikation beachten

Klagen Patienten immer wieder über Stimmprobleme oder Heiserkeit, lohnt es sich, einmal einen Blick auf deren Medikation zu werfen. Denn auch Arzneistoffe können auf die Stimme schlagen. Anticholinerge Wirkstoffe wie urologische Spasmolytika, klassische Antidepressiva, Neuroleptika und Antihistaminika können die Schleimhäute in Mund und Rachen austrocknen – ebenso die der Stimmlippen. Auch einigen Antihypertonika wie ACE-Hemmern und Beta-Blockern wird ein solcher Effekt nachgesagt.

Unter der Einnahme von Diuretika scheidet der Körper vermehrt Flüssigkeit aus. Patienten, die nicht ausreichend trinken, können dann ebenfalls unter trockenen Schleimhäuten leiden. Inhalative Glucocorticoide bergen zusätzlich das Risiko von Infektionen im Mundraum. Um Mundsoor zu vermeiden, empfiehlt es sich, nach der Inhalation gründlich den Mund auszuspülen und anschließend noch eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken.

Stimmanalyse

Die Stimme verrät viel über die Persönlichkeit und das Befinden eines Menschen. Auch manche Krankheiten verändern sie und machen sich so bemerkbar. Bei Parkinsonpatienten zeigt sich beispielsweise schon relativ früh im Krankheitsverlauf ein leichtes Zittern in der Stimme, da auch die Nerven des Stimmapparates von der degenerativen Erkrankung betroffen sind. Die Sprache depressiver Menschen ist oft sehr monoton, und Patienten mit ADHS sprechen – anders als man es vielleicht erwarten würde – oft sehr starr und ohne Höhen und Tiefen.

Seit einiger Zeit versuchen Wissenschaftler, diese Stimmveränderungen bei der Diagnose bestimmter Krankheiten zu nutzen. Mithilfe von Computersystemen analysieren und werten sie Stimmproben aus und erkennen charakteristische Stimmveränderungen. Bislang sind solche Stimmanalysen noch nicht Teil der täglichen Praxis. Doch bisherige Studienergebnisse scheinen vielversprechend und so können solche Systeme vielleicht helfen, Erkrankungen sehr früh zu erkennen beziehungsweise Verdachtsdiagnosen zu bestätigen.

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