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Wirksamer Rausch?

Halluzinogene Pilze bei Depressionen?

Psilocybin ist der Wirkstoff in halluzinogenen Pilzen, den »Magic Mushrooms«. Die durch die Pilze hervorgerufenen Rauschzustände sind auch therapeutisch interessant: Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat Psilocybin im vergangenen Jahr als »breakthrough therapy« bei therapieresistenten Depressionen eingestuft. Entwicklung und Zulassung eines entsprechenden Medikaments sollen so gefördert werden.
Ulrike Viegener
06.12.2019  09:30 Uhr

Schamanen benutzen magische Pilze seit jeher, um sich in Trance zu versetzen und so in »die Welt der Götter zu reisen«. Vor allem in Mexiko besitzt die kultische Verwendung der Pilze eine lange Tradition, die auch heute in indigenen Volksgruppen Mittel- und Südamerikas noch lebendig ist. Fleisch der Götter – Teonanacatl – werden die als heilig geltenden Pilze in Mexiko genannt.

Der »beflügelnde« Wirkstoff heißt Psilocybin, in Anlehnung an den griechischen Gattungsnamen der magischen Pilze. Die meisten Arten zählen – ebenso wie der Teonanacatl – zur biologischen Gattung der Kahlköpfe (Psilocybe). Auch in Europa kommen Psilocybin-haltige Pilze vor, von denen weltweit fast 200 Arten bekannt sind. In gemäßigten Klimazonen Mitteleuropas wächst vor allem der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata), der im Herbst besonders im Alpenvorland häufig auf Weiden und Wiesen anzutreffen ist. Die Österreicher sagen »narrische Schwammerl« dazu. Die Pilze sehen einigen hochgiftigen Pilzen sehr ähnlich, was wiederholt tödliche Verwechslungen zur Folge hatte. Andererseits können die narrischen Schwammerl auch mit Speisepilzen wie dem Hallimasch verwechselt werden und dann zu toxischen Rauschzuständen führen.

Verwandt mit LSD

Die närrischen Kahlköpfe haben es in sich: Psilocybin ist chemisch verwandt mit LSD und hat eine ähnliche halluzinogene Wirkung. Der Trip ist aber deutlich kürzer. Der Entdecker des LSD (Lysergsäurediethylamid) – der Chemiker Albert Hoffmann – war es auch, dem 1957 die Isolierung des psychoaktiven Wirkstoffs aus den magischen Pilzen gelang. Der Gehalt der Pilze an Psilocybin variiert von Art zu Art. Die Konzentration bewegt sich zwischen 0,01 bis 0,2 Prozent des Frischgewichts und 0,1 bis 2 Prozent des Trockengewichts.

Psilocybin gehört zu den Tryptaminen. Durch Abspaltung einer Phosphatgruppe wird es zur psychoaktiven Form Psilocin. Chemisch ähnelt Psilocin dem Neurotransmitter Serotonin, was die psychedelische Wirkung erklärt. Psilocin ist ein Serotonin-Partialagonist, der seine Wirkung am Serotonin-Rezeptor vom Subtyp 5-HT2A entfaltet. Wird dieser Rezeptor mit dem Serotonin-Antagonisten Ketanserin blockiert, bleibt nach Konsum von Psilocybin die berauschende Wirkung aus. Am Dopamin-Rezeptor wirkt Psilocin im Unterschied zu LSD nicht.

Ebenso wie LSD zählt Psilocybin zu den Halluzinogenen. Es ist typisch für diese Klasse psychoaktiver Substanzen, dass sich ihre Wirkung kaum vorhersagen lässt. Die Effekte von Psilocybin sind dosisabhängig und damit abhängig vom Wirkstoffgehalt der konsumierten Pilze. Aber auch die individuelle Konstitution des Konsumenten hat einen Einfluss auf die Intensität des Trips: Manche Menschen scheinen auf Psilocybin empfindlicher zu reagieren als andere. Die Stimmung, in der sich der Konsument vor dem Trip befindet, spielt ebenfalls eine Rolle. Sie wirkt in den Rauschzustand hinein und ist maßgeblich dafür, ob es – salopp formuliert – eine erfreuliche Reise oder ein mit Angst und Schrecken verbundener Horrortrip wird. Der Psilocybin-Rausch setzt nach einer halben bis zu einer Stunde ein und hält dann bis zu 2,5 Stunden an. Nach etwa drei Stunden beginnt die Wirkung abzuklingen, und spätestens nach sechs Stunden ist es vorbei.

Sichtbare Geräusche

In einem Dosisbereich zwischen 12 und 20 mg verhält sich Psilocybin wie ein klassisches Halluzinogen. Das heißt: Die Substanz kann tiefgreifende Bewusstseinsveränderungen hervorrufen. Eingefahrene Denkstrukturen werden durchbrochen und von assoziativen Gedankenketten abgelöst, wie es in ähnlicher Weise auch beim Träumen geschieht. Außerdem verändert sich die Wahrnehmung: Farben werden viel intensiver erlebt, und unbewegliche Dinge wie Wände beginnen zu fließen. Auch Synästhesien sind typisch: Mehrere, normalerweise getrennte Sinneskanäle werden miteinander gekoppelt, sodass zum Beispiel Geräusche sichtbar werden.

Die massivste Bewusstseinsveränderung jedoch, die Psilocybin ebenso wie andere Halluzinogene provoziert, ist der Verlust der Ich-Empfindung. Die Wahrnehmung, von der Umwelt getrennt zu sein, verflüchtigt sich, man wird eins mit der Welt. Diesen Zustand erleben manche Menschen als beglückend, andere versetzt diese Aufhebung der Ich-Grenze in Angst und Schrecken. Viele Psilocybin-Konsumenten berichten von tiefgreifenden spirituellen Erfahrungen während des Trips. Solche Erlebnisse wurden auch im Rahmen seriöser Studien dokumentiert. In einer Doppelblind-Studie, die an der renommierten Johns Hopkins University in Baltimore, USA, durchgeführt wurde, erklärten 67 Prozent der Probanden, unter Psilocybin eine bedeutsame spirituelle Erfahrung gemacht zu haben.

Kontrollverlust und Horrortrips

Von anderen Halluzinogenen ist bekannt, dass sie Halluzinogen-induzierte persistierende Wahrnehmungsstörungen (HPPD) hervorrufen können. Auch die Begriffe »Flashback« oder »Echorausch« sind gebräuchlich. Dabei handelt es sich um ein spontanes Wiederaufflammen von Rauscherlebnissen, ohne dass die Droge erneut angewendet wird. Die als real erlebten Flashbacks können stark belastend und behandlungsbedürftig sein. Die Inzidenz nach Psilocybin-Konsum wurde bisher nicht gezielt untersucht, allerdings wurden in Studien Flashbacks als Nebenwirkung beschrieben. Auf der Basis der vorliegenden Daten wird das Risiko als nicht sehr hoch eingestuft. Das Abhängigkeitspotenzial von Psilocybin gilt ebenfalls als gering. Als größte Gefahren des Konsums Psilocybin-haltiger Pilze werden Kontrollverlust und Horrortrips vor allem infolge Überdosierung angesehen.

Vor diesem Hintergrund sind Hinweise auf günstige Psilocybin-Effekte zu sehen, die sich eventuell medizinisch nutzen lassen. Kürzlich wurden Studiendaten veröffentlich, denen zufolge die Pilze die Kreativität zu beflügeln scheinen. Forscher an der Universität Leiden, Niederlande, verwendeten bei ihrem Experiment Psilocybin in Mikrodosierung: Die Probanden nahmen im Schnitt 0,37 mg getrocknete Pilze ein. Vor und nach dem Pilzkonsum absolvierten die Probanden eine Reihe von Tests zur Fähigkeit, logisch beziehungsweise kreativ zu denken. Zum Beispiel sollten die Probanden alternative Anwendungsmöglichkeiten für Haushaltsgegenstände finden.

Tatsächlich halfen die magischen Pilze den Testpersonen auf die Sprünge. Ihre Lösungsvorschläge für ein und dieselbe Aufgabe wiesen vor und nach dem Pilzkonsum deutliche Unterschiede auf. Mit pilzlicher Unterstützung schnitten die Probanden besser ab, wenn geradliniges Denken gefordert war. Besonders auffällig jedoch war der Zugewinn an Kreativität: Unter dem Einfluss der Droge hatten die Testpersonen deutlich mehr originelle Ideen. Es fiel ihnen offensichtlich leichter, eingefahrene Denkmuster zu verlassen.

Auch ein weiteres Ergebnis ist bemerkenswert: Psilocybin scheint zu nachhaltigen Persönlichkeitsveränderungen zu führen. Das jedenfalls legen weitere Untersuchungen der Forscher aus Baltimore nahe. 60 Prozent von 51 Probanden, die sich unter kontrollierten Bedingungen mehreren Pilztrips ausgesetzt hatten, berichteten beim Follow-up nach rund einem Jahr, dass sie sich seither selbst als aufgeschlossener erleben. Auch im »Big Five«-Test, der fünf verschiedene Persönlichkeitsbereiche erfasst, ließ sich eine gesteigerte Offenheit objektivieren. Den Forschern ist es ein Rätsel, wie es zu einem solchen Langzeiteffekt kommen kann, wo doch der Wirkstoff nur wenige Stunden mit dem Serotoninrezeptor interagiert.

»Breakthrough« bei Depressionen?

Bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts kamen erste Überlegungen auf, die magischen Pilze könnten von medizinischem Interesse sein. Bei der psycholytischen Psychotherapie werden psychotrope Substanzen wie Psilocybin eingesetzt, um die Abwehr der Patienten zu lockern und so Zugang zu verborgenen und verdrängten Gefühlen zu gewinnen. Dieser Ansatz ist nicht vom Tisch: 2018 hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA Psilocybin den Status einer »breakthrough therapy« bei therapieresistenten Depressionen verliehen und dem Unternehmen Compass Pathways grünes Licht für weitere klinische Prüfungen in dieser Indikation gegeben. In einer internationalen Studie soll die Wirksamkeit einer Psilocybin-assistierten Psychotherapie nun bei mehreren hundert Patienten mit therapieresistenten Depressionen geprüft werden.

Vielversprechende Pilotstudien waren der FDA-Entscheidung vorausgegangen. Darin hatte Psilocybin bei Depressionen eine schnell einsetzende Wirkung gezeigt – und das bei guter Verträglichkeit. Bereits nach wenigen Einzeldosen kam es bei Patienten, die bereits viele Jahre unter Depressionen litten, zu einer dauerhaften Stimmungsaufhellung. Unter dem Einfluss der Droge nahmen sie die Welt nicht mehr so düster wahr, sie grübelten weniger und öffneten sich für soziale Kontakte.

Das therapeutische Potenzial des Pilzwirkstoffs könnte darüber hinaus bei Angststörungen, posttraumatischen Stresssyndromen, Alkoholabhängigkeit sowie Migräne und Clusterkopfschmerzen helfen. 2016 wurden im »Journal of Psychopharmacology« zwei Studien veröffentlicht, die unabhängig voneinander eine Wirkung von Psilocybin auf das psychische Befinden von Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen dokumentieren. Dank einer Spezialgenehmigung konnten Forscher der New York University und der Johns Hopkins University in diesen Studien den nicht verkehrsfähigen reinen Wirkstoff anwenden, der über eine verlässliche Pharmakokinetik verfügt und sich deshalb in seiner Wirkung besser steuern lässt als die Pilze.

Alle Krebspatienten, die an den beiden Studien teilnahmen,– in der einen Untersuchung 51, in der anderen 29 – litten an schweren Ängsten und/oder Depressionen. Diese besserten sich durch Psilocybin signifikant und nachhaltig. In der kleineren New Yorker Studie erlebten 83 Prozent der Patienten (versus 14 Prozent in der Kontrollgruppe) eine rasche Stimmungsaufhellung. Der Effekt hielt in den meisten Fällen über mehrere Monate hinweg an, bei nur einer einmaligen Psilocybin-Gabe. Mit dem nahenden Tod konnten die Krebspatienten nach dem Konsum gelassener umgehen, wobei viele von ihnen einen Zusammenhang mit spirituellen Erlebnissen sahen, die sie unter Psilocybin hatten.

In Deutschland streng verboten

Auch in Deutschland wird über die magischen Pilze geforscht. Unlängst ist es der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Dirk Hoffmeister am Institut für Pharmazie der Universität Jena erstmals gelungen, die in vier Schritten ablaufende enzymatische Psilocybin-Biosynthese zu entschlüsseln und im Labor nachzustellen. Auf dieser Basis könnte zukünftig eine biotechnologische Großproduktion des Wirkstoffs erfolgen – vorausgesetzt, dass der Wirkstoff medizinisch genutzt werden würde.

Derzeit ist in Deutschland jeglicher Umgang mit Psilocybin/Psilocin-haltigen Pilzen beziehungsweise den reinen Wirkstoffen verboten. Besitz, Konsum und Verkauf sind strafbar, und eine Gesetzesänderung ist aktuell nicht in Sicht. Anders in den USA: Dort wurden in einigen Bezirken bereits erste Schritte in Richtung Legalisierung vollzogen. Das öffentliche Echo dazu war zweigeteilt.

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