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Tipps aus der Apotheke

Hauttoxizitäten unter Anti-EGFR-Therapie

Hauttoxizitäten wie das akneiforme Exanthem und Juckreiz sind mögliche Nebenwirkungen einer medikamentösen Krebstherapie. Apothekerin Annette Sieper erklärte beim interdisziplinären Onkologie-Talk »Supportivtherapie: Richtig? Wichtig!« am 25. August, wie Apotheken die betroffenen Patienten unterstützen können.
Juliane Brüggen
08.09.2021  14:00 Uhr

Hauttoxizitäten sind sehr belastend – zum einen, weil sie sichtbar sind, und zum anderen, weil Symptome wie starker Juckreiz (Pruritus) die Lebensqualität deutlich einschränken. Im Rahmen der Gesprächsrunde zur supportiven Therapie (veranstaltet von der Firma Riemser) erläuterte Sieper verschiedene Hauttoxizitäten, darunter die durch EGFR-Inhibitoren (englisch: epidermal growth factor receptor). Die Apothekerin hat häufig mit Patienten zu tun, die unter den Hautreaktionen leiden: »Wir versorgen eine onkologische Praxis. Die Patienten kommen zu uns, wissen, dass wir die Zytostatika zubereiten, und sehen uns als Fachleute.«

Eine typische Nebenwirkung der EGFR-Inhibitoren ist das akneiforme Exanthem, ein Akne-ähnlicher Hautausschlag. Er tritt vor allem an lichtexponierten Hautstellen wie dem Gesicht auf. Wie stark die Haut auf die Anti-EGFR-Therapie reagiert, sei ganz unterschiedlich, sagte Sieper, »angefangen bei der leichten Akne bis hin zu starken Hautveränderungen, Fissuren an Fingern und Zehen, Nagelhaut- und Nagelbettveränderungen.« Die Reaktion der Haut habe aber etwas Positives: Sie sei ein Zeichen für das Ansprechen der Therapie. Zudem sei »tröstlich, dass es etwa vier bis sechs Wochen nach Ende der Therapie zu einer Ausheilung kommen kann.«

Basismaßnahmen und Therapieoptionen

Um der Hautreaktion vorzubeugen, empfehle es sich, mechanische und chemische Noxen mit Mikrotraumatisierungen der Haut zu vermeiden. Sieper nannte als Beispiele Hitze (auch durch Föhnen), Feuchtigkeit, die Nassrasur und Okklusionseffekte, zum Beispiel durch zu enges Schuhwerk. UV-Schutz sei ebenfalls ein Muss. Sonnenschutzmittel allein reichten aber häufig nicht aus – Patienten sollten an bedeckende Kleidung und einen Hut denken. Das Solarium sei absolut zu meiden.

Für die prophylaktische Basispflege der Haut empfahl Sieper entsprechend der S3-Leitlinie »Supportive Therapie« (2020), zweimal täglich eine harnstoffhaltige Creme (5 bis 10 Prozent) aufzutragen. pH-hautneutrale Wasch- und Duschöle seien gut für die Reinigung. Parallel zur Basispflege erhielten Patienten in der Regel eine orale Prophylaxe mit Doxycyclin oder Minocyclin. Für den prophylaktischen Einsatz von topischen Steroiden fehle derzeit die Evidenz, so Sieper weiter.

Die Therapie des akneiformen Exanthems erfolgt nach dem vorliegenden Schweregrad (1 bis 4), wobei die Basismaßnahmen (Hautpflege und Antibiotika-Gabe) meist erhalten bleiben. Topische Therapieoptionen bestehen aus Antibiotika (Grad 1, zum Beispiel Metronidazol) und Steroiden (Grad 2, zum Beispiel Prednicarbat). Bei Grad 3 oder 4 kommen zusätzlich systemische Glucocorticoide oder Antibiotika sowie orales Isotretinoin infrage. Letzteres dürfe keinesfalls mit einem Antibiotikum kombiniert werden, warnte Sieper (Risiko Hirnödem).

»Es ist ganz wichtig, dass die Mitarbeiter der Apotheke darauf geeicht sind, dass sie Patienten mit solchen Hautproblemen fragen: ›Was ist denn Ihre Dauermedikation?‹«
Annette Sieper, Apothekerin

Bei Patienten, die mit den Symptomen des Akne-ähnlichen Hautausschlages in die Apotheke kommen, gelte vor allem eins: Nachfragen! »Es ist ganz wichtig, dass die Mitarbeiter der Apotheke darauf geeicht sind, dass sie Patienten mit solchen Hautproblemen fragen: ›Was ist denn Ihre Dauermedikation?‹«. Nur so könne adäquat behandelt und beraten werden. Klassische Aknemittel wie Salicylsäure seien beim akneiformen Exanthem absolut kontraindiziert. Zur Reinigung empfiehlt Sieper ein Thermalwasser, aufgesprüht und leicht abgetupft, für die Hautpflege leichte Öl-in-Wasser-Fluids oder Pflegeschäume (zum Beispiel von Eucerin® oder Dermasence).

Darüber hinaus sei es wichtig, dem Patienten zu erklären, dass die Nebenwirkung mit dem Ansprechen der Therapie korrelieren kann. Sieper sieht es außerdem als Aufgabe der Apotheke, bei Nichtansprechen der Therapie an Wechselwirkungen zu denken. Der Erlotinib-Spiegel werde beispielsweise durch die Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren (PPI), Nahrungsaufnahme oder durch Rauchen gesenkt.

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