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Klostermedizin

Heilung mit Natur und Gottes Hilfe

Alternative Heilverfahren wie die Traditionelle chinesische Medizin oder indischer Ayurveda erleben in den letzten Jahrzehnten in unseren Breiten ungeahnten Zuspruch. Kaum ein Reiseveranstalter kommt an diesem Trend vorbei, der Markt für Kur- und Wellnessreisen auf diesem Gebiet boomt. Viel weniger bekannt ist hingegen, dass auch Europa auf eine eigene Medizin­tradition verweisen kann, die der asiatischen in nichts nachsteht.
Edith Schettler
13.02.2019
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Mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches im Laufe des 5. Jahrhunderts gerieten unter dem Einfluss der germanischen Stämme die medizinischen Kenntnisse der Medizin des römischen und griechischen Altertums in Westeuropa fast vollständig in Vergessenheit. Die Germanen selbst verfügten über ein weit weniger fortschrittliches Wissen auf diesem Gebiet: Heilpflanzen, heidnische Beschwörungen, Zauberformeln und Gebete.

Nach dem Niedergang der Medizin des Altertums entwickelte sich in den christlichen Klöstern zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert, also vom Früh- bis zum Hochmittelalter, eine neue naturheilkundliche Medizin. Als Begründer der Klostermedizin gilt der Heilige Benedikt (Benedikt von Nursia, um 480 – 547), der Gründer des Benediktinerordens mit seinem Stammhaus Montecassino bei Neapel. Seinen Mönchen gab Benedikt Ordensregeln vor, die Regula Benedicti, die auf dem sozialen Prinzip der Barmherzigkeit (caritas) beruhten. So war es selbstverständlich, dass die Mönche kranke Mitbrüder pflegten. Erstmals verpflichtete ein Ordensvater seinen Orden darüber hinaus, allen Kranken, die im Kloster Hilfe suchten, diese medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Dafür sollte es in jedem Kloster einen eigenen Raum für die Krankenpflege und einen eigens dafür ausgebildeten Infirmar geben. Papst Gregor der Große machte in seiner Amtszeit zwischen 590 und 604 diese Regeln für alle Klöster verbindlich und die medizinische Hilfe für die Allgemeinheit zur Pflicht der Ordensbrüder. So wurden die Klöster jener Zeit die einzige qualifizierte Anlaufstelle für die Bevölkerung bei gesundheitlichen Problemen.

Kloster – Ort der Bildung

Bis zur Gründung der ersten Klöster in Europa im 4. Jahrhundert wanderten die Mönche durch das Land und verbreiteten die christliche Lehre. Sie sammelten im Kontakt mit den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen aber auch selbst Wissen auf vielen ­Gebieten, so in Handwerk und Landwirtschaft, aber auch in der Volksmedizin und Heilpflanzenkunde. Von ihren Reisen brachten sie Samen und Wurzeln mit, zum Beispiel Salbei, Thymian und Rosmarin. Nach dem Willen des Heiligen Benedikt sollten die Mönche seines Ordens sesshaft werden und gemeinsam beten, arbeiten und lesen (»ora et labora et lege«). Die Mönche brachten in die Konvents ihre Kenntnisse und Erfahrungen aus allen Teilen des Landes und der Welt mit, so waren die Klöster von Beginn an Stätten des Wissens und wurden zu den geistigen Zentren des Landes.

Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert versank Europa im Chaos. Die Pest grassierte. Im Zuge der Völkerwanderung herrschte ein Dauerkriegszustand, in dem germanische Völker ständig neue Gebiete eroberten und mit den römischen Herrschern auch deren Kultur und Wissen aus dem Land vertrieben. Das einfache Volk kämpfte ums Überleben in primitivsten Verhältnissen. Auch der größte Teil der medizinischen Versorgung, die überwiegend von griechischen Ärzten geleistet worden war, konnte den Untergang des weströmischen Reiches nicht überdauern.

Mönche als Bewahrer

In diesen düsteren Zeiten des Mittelalters bewahrten die Klöster die Kultur und die Wissenschaft. Die Mönche waren die einzigen, die lesen und schreiben konnten. Sie studierten neben der Heiligen Schrift alle weltlichen Schriften des Altertums, deren sie habhaft werden konnten. Der Buchdruck war noch nicht erfunden, Bücher waren deshalb selten und wertvoll. Zahlreiche Ordensbrüder waren damit beschäftigt, Bücher zu kopieren, sie mit anderen Klöstern zu tauschen oder zu verkau­fen und Bibliotheken anzulegen.

Die Adeligen schickten ihre Kinder zur Ausbildung in ein Kloster, den einzigen Ort, wo Bildung vermittelt werden konnte. So kam es mit der Zeit zu einer Verflechtung der Klöster mit Staat und Verwaltung. Die Klöster wurden reich und mächtig. Sie waren unabhängige Städte und verfügten neben der Kirche und den Wohn- und Andachtsräumen der Mönche auch über Wirtschaftsgebäude wie Viehställe, eine eigene Mühle, eine Bäckerei, eine Metzgerei, eine Tischlerei, eine Schmiede und eine Apotheke. Die Ordensbrüder legten Beete und Felder zur Selbstversorgung an und pflegten Kräuter- und Blumengärten.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die wenigen medizinischen Schriften des Altertums, die in Europa vor dem Vergessen bewahrt wurden, in den Klöstern erhalten und vervielfältigt wurden. Sie dienten der Ausbildung der Mönchsärzte und des von Benedikt geforderten Infirmarius, der die Aufgaben eines Krankenpflegers erfüllte. Ein weiterer Teil ihrer Ausbildung war auch die Vermittlung des Wissens der Volksmedizin, das die Wandermönche zusammengetragen hatten. Benedikts Anweisung, Mitbrüder und -schwestern zum Heilen auszubilden, führte so zur Entstehung der Klosterheilkunde. Die Gründung der ersten medizinischen Universität in Salerno in den Jahren 995 bis 1087 schließt diese historische Entwicklung ab, indem sie die Medizin auf ein neues, universitäres und weltliches Niveau hebt. Avicennas (979 – 1037) großes wissenschaftliches Medizinwerk, das »Canon medicinae« (Kanon der Medizin) löste die Lehren der Klostermedizin ab, die dann für mehr als 800 Jahre in Vergessenheit gerieten.

Wertvolle Aufzeichnungen

Kaiser Karl der Große (um 747 – 814) unterstützte die Heilkunde seiner Zeit, indem er ein Gesetz erließ, das Klöstern und auch Städten das Anlegen von Kräutergärten verbindlich vorschrieb. In seiner Verordnung »Capitulare de villis et curtis imperialibus« gab er detaillierte Anweisungen über die zu verwendenden Sorten beim Anbau von Obst sowie von Heil- und Gewürzpflanzen. Der Abt des Klosters Reichenau, Walahfrid Strabo (808 – 849), führte später in seinem Gartengedicht, dem »Hortulus«, die vorgesehenen Pflanzen auf: Salbei, Weinraute, Eberraute, Flaschenkürbis, Melone, Wermut, Schwertlilie, Liebstöckel, Kerbel, weiße Lilie, Muskatellersalbei, Flohkraut, Heilziest, Odermennig, Rettich, Minze, Poleiminze, Frauenminze, Ambrosia, Andorn, Fenchel, Schlafmohn und Rose.

Die meisten Klostergärten sind nach dem gleichen Schema angelegt. In rechteckigen, nebeneinander aufgereihten Beeten kultivierten die Mönche jeweils nur eine Pflanzenart, um die Reinheit des Samens zu erhalten und Verwechslungen zu vermeiden. Als Modell für die Anlage des Kräutergartens diente der St. Galler Klosterplan, der noch heute in der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen aufbewahrt wird. Die dortige Sammlung beherbergt auch eine der ersten Abschriften der Regula Benedicti.

Eine der ältesten erhaltenen Handschriften der Klostermedizin im deutschsprachigen Raum ist das um 795 im Kloster Lorsch bei Worms verfasste Lorscher Arzneibuch. Das im Jahr 2013 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommene Werk ist auch heute noch in vielem aktuell. So findet sich in ihm die Forderung, dass Heilkunst allen Menschen unabhängig von ihrem Geldbeutel zugänglich sein müsse. Ebenso verweist das Werk auf kostengünstige Arzneimittel aus heimischen Kräutern, entgegen den damals teuren Importen aus dem Orient. Die Rezepturensammlung erwähnt die Anwendung von Digitalisglykosiden zur Kreislaufstabilisierung ebenso wie den Einsatz von Johanniskraut bei psychischen Beschwerden. Den letzten Teil des Arzneibuches bildet ein Kapitel über gesunde Ernährung.

Die Phytotherapie bildet das Herzstück der Klostermedizin, daneben gibt es jedoch noch drei tragende Säulen: Ordnungs- und Ernährungstherapie und der feste christliche Glauben. Nach damaliger Ansicht war eine Heilung ohne die Mitwirkung Gottes unmöglich.

Die medizinische Behandlung beruhte auf der Viersäftelehre, die auf das Prinzip der Humoralpathologie des griechischen Arztes Hippokrates von Kos (um 460 – 370 v. Chr.) zurückgeht. Nach seiner Lehre entstehen Krankheiten durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Entsprechend der Temperamentenlehre von Galen (um 129 – 216) ordneten die Klosterärzte ihre Patienten dem entsprechenden Typus zu (rotes Blut: Sanguiniker, weißer Schleim: Phlegmatiker, gelbe Galle: Choleriker und schwarze Galle: Melancholiker), nach dem sich die Auswahl der Therapie richtete. Auch die Therapieverfahren der Klostermedizin gehen auf Hippokrates zurück. Neben der Behandlung mit Arzneipflanzen gehörten Ernährungs- und Bewegungstherapie, Aderlässe und Schröpfen zum alltäglichen Handwerk der Ärzte. Die Klostermedizin folgte dem Grundsatz eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes: Sorge um den Körper (cura corporis) und Sorge um die Seele (cura animae), die untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen.

Pflanzen aus der Klosterapotheke

Ein wahrer Bestseller unter den mittelalterlichen Kräuterbüchern war das Werk von Odo von Meung »Macer floridus seu redivivus«. Das im 11. Jahrhundert verfasste Buch war überall in Europa verbreitet. Der französische Autor beschrieb 77 Heilpflanzen, ihre Eigenschaften und Anwendung im Sinne der Vier-Säfte-Lehre. In den heute noch erhaltenen Exemplaren der mittelalterlichen Kräuterbücher finden sich viele unklare Bezeichnungen, so rätseln die Forscher lange, welche Pflanze sich beispielsweise hinter »Zauberkraut« verbirgt. Durch das häufige Abschreiben der Bücher haben sich zudem Fehler und Verwechslungen eingeschlichen, die die Deutung heute erschweren. Die Forschung zur Klostermedizin hat noch viele Aufgaben vor sich.

Für eine Anzahl Pflanzen ist jedoch deren damalige Verwendung erkannt und zum Teil sogar schon wissenschaftlich belegt. Diese finden sich in den Monographien der Kommission E des BGA/BfArM. Einen wichtigen Beitrag leistet auch die Forschergruppe Klostermedizin der Universität Würzburg.

Heutzutage verwendet die Phytotherapie viele Klassiker aus der Klostermedizin, so Baldrian (Valerianane radix), Brennnessel (Urticae herba, Urticae radix), Ringelblume (Calendulae flos, Calendulae herba), Arnica (Arnicae flos), Thymian (Thymi herba), Lavendel (Lavandulae flos), Mistel (Visci albi fructus, Visci alba herba) und viele andere. Weniger bekannte Pflanzen aus der Klosterapotheke sind heute ebenfalls als Arzneidrogen zugelassen:

Andornkraut (Marrubii herba) dient als Droge oder Presssaft zur Behandlung dyspeptischer Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Blähungen und daneben von Erkrankungen der oberen Atemwege. Der Hauptwirkstoff ist die Marrubinsäure und wirkt choleretisch.

Weidenrinde (Salicis cortex) enthält den Wirkstoff Salicin, der bei rheumatischen Erkrankungen, Kopfschmerzen und Fieber eingesetzt wird. Die schon in der Antike verwendete Weidenrinde ist der Ursprung für die Synthese der Salicylate. Im Jahr 1828 fand Johann Andreas Buchner (1783 – 1852) in der Rinde der Sal-Weide (Salix caprea) das Salicin, aus welchem im menschlichen Körper durch Metabolismus die Salicylsäure entsteht.

Mädesüß (Spiraeae flos, Spriaeae herba) enthält in den Blüten ebenfalls Salicylate und Phenolglykoside und in der gesamten Pflanze Flavonoide. Die Anwendung erfolgt hauptsächlich als Teeaufguss bei Erkältungsbeschwerden.

Vom Liebstöckel (Levistici radix) wird die Wurzel verwendet, die ätherische Öle und Cumarinderivate enthält. Sie wirkt spasmolytisch und harntreibend, ihr Einsatzgebiet sind deshalb in erster Linie entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege.

Einige mittelalterliche Heilpflanzen, die eine große Rolle in den Klosterapotheken spielten, sind heute in Vergessenheit geraten. Alant (Inlua helenium), Heilziest (Betonica officinalis), Gewürzsumach (Rhus aromatica), Kornrade (Agrostemma githago) oder Akelei (Aquilegia vulgaris) verwendet heutzutage höchstens noch die Homöopathie, doch sie bergen sicher noch ein großes Potenzial für die Erforschung der Klostermedizin.

Ein Artikel zur Klostermedizin wäre unvollständig ohne die Erwähnung der Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Tatsächlich war die Äbtissin in ihrem Alltag kaum mit der Heilkunde befasst. Die angeblich auf sie zurückgehenden Rezepturen der »Hildegard-Medizin« sind eine Erfindung der heutigen Zeit. Sie schrieb ein medizinisches Werk, das »Liber simplicis medicinae« – das Buch der einfachen Medizin, heute bekannt unter dem Titel »Die Heilkraft der Natur-Physika«, und das »Liber compositae medicinae – causae et curae« – das Buch der zusammengesetzten Medizin, heute bekannt unter dem Titel »Heilwissen«. Ihre Heilkunde ist ganzheitlich und betrachtet neben den körperlichen Symptomen auch den spirituell-religiösen, den kosmischen, den seelischen und sozialen Aspekt. Sie baut auf der Lebenseinstellung auf und schließt die ganze Lebensführung wie Ernährung, Maßhalten in allen Lebensbereichen und die Freude als die am meisten heilende Kraft mit ein. »Der Mensch baue seinen Leib als ein wohnliches Haus, damit die Seele gern darin wohnt.«

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