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Kindererholungskuren

Heimweh verboten

Aus heutiger Perspektive wäre es unvorstellbar, ein kleines Kind für mehrere Wochen allein in eine Kur zu schicken. Noch bis in die frühen 1980er-Jahre hinein war dies jedoch eine weit verbreitete Maßnahme – über deren Umstände lange geschwiegen wurde.
Angela Kalisch
25.11.2020  16:00 Uhr

Sie galten als unterernährt oder übergewichtig, litten an chronischen Erkrankungen wie Asthma oder sollten sich einfach mal erholen: Mutmaßlich Millionen von Kindern im Grundschulalter und jünger wurden von Mitte der 1950er- bis Anfang der 1980er-Jahre in Erholungskuren verschickt, zumeist für sechs Wochen und vor allem ganz allein. Die frische Luft an Nord- und Ostsee oder in den Bergen sollte ihnen guttun. Doch stattdessen erlebten viele Kinder in den Kurheimen eine verstörende, teils traumatisierende Zeit.

Dieses Kapitel in der Geschichte der jungen Bundesrepublik war jahrzehntelang kaum bekannt. Zwar gab es schon vereinzelt Foren und Presseberichte, die breite Öffentlichkeit nahm davon aber noch wenig Notiz. Das änderte sich vor etwa einem Jahr mit Gründung der Initiative der Verschickungskinder, die sich untereinander vernetzt haben und sich mithilfe von Experten in der Aufarbeitung des Erlebten engagieren. Ein ergänzendes Angebot gibt es seit Kurzem zudem durch die Arbeitsgemeinschaft Verschickungskind.

Am 21. November fand der zweite Kongress der Initiative statt – aus Infektionsschutzgründen nicht wie geplant auf der Insel Borkum, sondern online. Herzstück der Initiative ist die Website. Hier tauschen sich Betroffene aus, erzählen von ihren Erfahrungen und recherchieren gemeinsam zu den Hintergründen der Verschickungsindustrie. Denn dass es sich nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern um eine systematische Unternehmung handelte, wird beim Lesen der Einträge auf der Website schnell deutlich. Fast 2000 Berichte von ehemaligen Verschickungskindern sind dort bereits zusammengekommen.

Es sind erschütternde Erinnerungen, die die Betroffenen dort schildern. In den Kurheimen, egal ob am Meer oder im Schwarzwald, herrschte demnach ein strenger, gefühlskalter Umgang mit den Kindern. Beschämung, Demütigung und Schuldgefühle prägten den Alltag. Die Kinder waren dem schutzlos ausgeliefert, da in den Heimen ein strenges Kontaktverbot nach außen galt. Besuche und Telefonate waren nicht gestattet, um das Heimweh nicht zu verstärken, wie es hieß. Die einzige Kommunikation zu den Eltern fand über Briefe statt, doch auch diese wurden zensiert, damit nur positive Nachrichten nach Hause berichtet wurden.

Betrieben wurden die Heime zumeist von Krankenkassen, Wohlfahrtsverbänden, christlichen und privaten Trägern. Warum so viele zumeist völlig gesunde Kinder auf ärztliche Veranlassung hin in Erholungskuren verschickt wurden, ist noch nicht ausreichend erforscht. Doch mit dem Projekt »Verschickungskinder« wollen die Betroffenen das jetzt ändern. Für viele von ihnen ist es schmerzlich und belastend, wieder mit den Jahrzehnte zurückliegenden und meist verdrängten Ereignissen der Kindheit konfrontiert zu werden. Die »Initiative Verschickungskinder« organisiert deshalb auch Unterstützung zur Selbsthilfe in Regionalgruppen. PTA-Forum sprach mit den beiden bayrischen Landeskoordinatorinnen Ingrid Runde und Sabine Zeis.

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