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Hitzestress

Heißes Wetter, erhitztes Gemüt?

Studien zeigen auf den ersten Blick ein eindeutiges Bild: Unter Hitzestress zeigen sich Menschen feindseliger, unsozialer, reizbarer. Kann das in Zeiten des Klimawandels Folgen für die Gesellschaft haben?
PTA Forum/dpa
28.06.2019
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Für den US-amerikanischen Gewaltforscher Craig Anderson ist offensichtlich, dass schnelle Klimaerwärmung mehr Gelegenheiten für aggressive und gewalttätige Situationen schafft. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich amerikanische Experten mit dem Thema; lange, heiße und auch mit Gewalt einhergehende Sommer sind dort nichts Neues. Sie stellten entsprechende Experimente an und werteten Kriminalitätsraten nach Regionen und Jahren aus.

Dass Hitzestress zu einer Zunahme von Gewalt und Aggression führe, sei durch solche Studien belegt, schreibt Anderson im Fachblatt »Current Climate Change Reports«. Er führt unter anderem eine frühere Studie mit Daten aus 60 Ländern an, der zufolge mit jedem Grad Celsius Klimaerwärmung die Mordraten um 6 Prozent zunehmen könnten.

Es muss aber nicht so kommen. Unter dem Strich sei die Datenlage uneindeutig, widerspricht Konfliktforscher Andreas Zick. Dass Hitze einen Effekt habe, sei unumstritten. Für sich genommen sei dieser Effekt jedoch gering, man müsse immer in Wechselwirkungen denken, betont der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld. Er nennt Hitze aber durchaus einen »Verstärker« in bestimmten Stimmungslagen.

Kurz pralle Sonne an der roten Ampel etwa sollte aber nicht für Aggressionsschübe sorgen: Entscheidend seien stabil hohe Temperaturen über einen längeren Zeitraum, erläutert Zick. Empfindet man das Klima als unangenehm, werde das auf das Umfeld übertragen. Das gelte aber nur bis zu einer gewissen Schwelle: Extreme Hitze hemme Aggression wieder eher – sie lähme schließlich.

»Wir werden uns anpassen«

Wissenschaftlern ist bewusst, dass Gewalt während Hitzephasen zumindest teils auch damit zusammenhängt, dass Menschen im Sommer mehr draußen sind und zum Beispiel Alkohol trinken. Schon dadurch entstehen mehr Streitgelegenheiten. Vielleicht sind die Menschen zudem auch noch unausgeschlafener, weil es zu heiß ist. Aus psychologischer Sicht sind Gewalttaten während Hitzewellen keineswegs programmiert. »Ich halte nichts von diesen Prognosen zu mehr Morden durch Hitze«, sagt Ralph Schliewenz vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. In Experimenten hätten Probanden oft allein durch das Studiendesign keine andere Option, als unter Hitzestress gewalttätig zu reagieren. Die Realität sei da komplexer. »Es gibt immer Möglichkeiten, damit umzugehen.«

Die Menschheitsgeschichte stimmt Schliewenz optimistisch: Menschen seien Problemlöser. »Wir werden lernen, wir werden uns anpassen.« Der Psychologe verweist auch darauf, dass in allen Klimazonen Menschen lebten und unser Körper konstant eine Temperatur von 37 Grad Celsius halten könne, etwa durch vermehrtes Schwitzen.

In der Forschung in Deutschland rechnet Zick mit einem wachsenden Interesse an dem Thema – nun, da der Klimawandel und Hitzewellen auch hier mehr ins Blickfeld rückten. »Wahrscheinlich werden wir in Zukunft mehr Daten sehen, weil wir erst jetzt feststellen, dass diese Faktoren eine Rolle spielen.«

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