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Update zum Bluthochdruck
Hypertonie: Herz und Hirn unter Druck

Zielwerte gesenkt

Was die Zielwerte für die Blutdrucksenkung betrifft, empfehlen die Leitlinien-Autoren insgesamt gesehen niedrigere Werte, vor allem bei älteren Patienten, bei denen man eher das biologische statt das chronologische Alter beachten sollte. Gleichzeitig definiert die neue Leitlinie aber erstmals eine Blutdruck­-Untergrenze für die Behandlung. So sollte der Wert nicht unter 120 mmHg gesenkt werden.

Primäres Ziel der Behandlung sollte es bei unter 65-jährigen Patienten sein, den Blutdruck unter 140/90 systolisch und diastolisch abzusenken. Voraus­gesetzt, die Therapie ist gut verträglich, ist eine weitere Senkung auf weniger als 130/80 mmHg anzustreben. Unter 120 mmHg sollte der systolische Wert aber dennoch nicht abfallen. In der Leitlinien-Version von 2013 galt noch ein Zielwert von < 140/90 mmHg. Laut den neuen Leitlinien kann ein diastolischer Blutdruck unter 80 mmHg für alle Patienten in Betracht gezogen werden; bisher galt < 90 mmHg und < 85 mmHg für Diabetiker.

Besonders bei älteren Patienten und Nierenkranken ist man großzügiger, obschon auch hier das Leitlinien-Update­ tiefere Zielwerte anstrebt. Bei 65- bis 80-Jährigen sollte der Blutdruck unabhängig von Begleiterkrankungen nun zwischen 130 und 139 mmHg liegen­, aber nicht darunter fallen (2013: 140 bis 150 mmHg). Selbst bei den über 80-Jährigen kann ein solcher Bereich angestrebt werden, wenn die Therapie gut vertragen wird.

Behandlung nicht zu früh

Ab wann beginnt hoher Blutdruck gesundheitsschädlich zu werden? Eine Studie von Forschern des Helmholtz Zentrums München und der Technischen Universität München, die aktuell im European Heart Journal zu lesen ist, gibt den europäischen Leitlinienautoren recht, nicht zu früh mit der medikamentösen Behandlung zu beginnen. Die Münchner Epidemiologen kommen zu dem Schluss, dass eine niedrige Schwelle für eine Behandlung nicht vor tödlichen Herzerkrankungen schützt – im Gegenteil, sie könnte sogar negative Auswirkungen für die Psyche der Betroffenen haben.

Anhand der Daten von knapp 12.000 Patienten hat die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Karl-Heinz Ladwig fest­gestellt, dass bei rund der Hälfte derjenigen mit hochnormalem Blutdruck zwischen 130 und 139 und 85 bis 89 mmHg, die Medikamente nahmen, depressive Stimmungslagen auftraten. Bei den nicht Behandelten war das nur bei etwa einem Drittel der Fall. »Wir nehmen an, dass es sich um ­einen Labeling-Effekt handelt«, wird Ladwig in einer­ Pressemitteilung des Helmholtz Zentrums München zitiert. »Wird man offiziell mit dem Etikett ›krank‹ ver­sehen, wirkt sich das auf die psychische Gesundheit aus.« In einer früheren Studie­ hatten er und sein Team gezeigt, dass Depressionen ­einen ähnlich hohen­ Risikofaktor für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen wie erhöhte Cholesterolwerte oder Adi­positas. Aus Ladwigs Sicht wäre es deshalb auch grundsätzlich falsch gewesen, die neuen Grenzwerte der US-Leitlinie hier­zulande zu übernehmen.

Die Erkenntnisse der Münchner Wissen­schaftler untermauern auch die Bedeutung der rechtzeitigen und dauer­haften Lebensstiländerung. Besonders bei einem Blutdruck im hochnormalen Bereich empfiehlt es sich laut der European Society of Cardio­logy, die Werte auf natürliche Weise zu senken. Auch wenn es erfahrungsgemäß schwer ist, dauerhaft durchzuhalten: Es lohnt sich. Durch eine Veränderung des Lebensstils kann es Menschen gelingen, ohne Medikamente auszu­kommen oder zumindest deren Dosierung zu reduzieren, teilt die Deutsche Herzstiftung mit.

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