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In der Krampfkralle

Hilfe bei Muskel- und Wadenkrämpfen

Gegen Muskel- und Wadenkrämpfe gibt es nur weniges, was hilft. Und altbewährte Maßnahmen wie Dehnung und Magnesium haben nicht bei allen Betroffenen Erfolg. Immerhin: Das in Verruf geratene Chinin zeigte sich bei hartnäckigen Fällen in einer aktuellen Studie weniger nebenwirkungsreich als erwartet.
Elke Wolf
04.05.2020  16:00 Uhr

Im Prinzip ist jeder der 656 Muskeln im Körper in der Lage, sich spontan und unwillkürlich zusammenzuziehen. Doch am häufigsten trifft es die Beine. Selbst junge Erwachsene kennen zu 90 Prozent den Krampf, der vorwiegend in Ruhe, während der Nacht, die Muskeln der Wade und des Fußgewölbes wie eine Kralle zusammenschnurren lässt. Die Frequenz nimmt mit dem Alter zu: 35 bis 50 Prozent der über 65-Jährigen haben regelmäßig mindestens einmal pro Woche diesen Schmerz, heißt es in der S1-Leitlinie »Crampi/Muskelkrampf« der Deutschen Gesellschaft für Neurologie von 2017.

Warum es hauptsächlich die unteren Extremitäten trifft, darüber lässt sich nur spekulieren. Vermutlich sind die dort arbeitenden tonischen, langsam kontrahierenden Typ-1-Faser-Muskeln besonders anfällig für die Art ihrer Erregung am Übergang von Nerv zu Muskel an der motorischen Endplatte. Denn einem Muskelkrampf liegt kein muskuläres Problem zugrunde, sondern ein neurologisches, teilte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer Presseinformation im Herbst des vergangenen Jahres mit. Ausgelöst werden Muskelkrämpfe durch spontane Depolarisationen der Nervenmembranen. Es bilden sich vermehrt Aktionspotenziale aus, also Nervenimpulse, die dann im Endeffekt zu einem »Erregungssturm« im Muskel führen, so die DGN.

Elektrolytverschiebungen können die Reizbarkeit der Nerven, die den Muskel umgeben, erhöhen und die Entstehung von Krämpfen begünstigen. Das könnte auch der Grund sein, warum mehr Menschen im Sommer Wadenkrämpfe bekommen – man schwitzt mehr und trinkt unter Umständen nicht genug, vermutet die DGN. Auch in der zweiten Schwangerschaftshälfte machen vermehrt Wadenkrämpfe zu schaffen, weil sich durch das ungeborene Kind die Mineralstoffdepots der Mutter schneller leeren.

Doch Muskelkrämpfe können auch ein Indiz für eine zugrunde liegende Erkrankung sein – man nennt sie dann symptomatisch. Sie sind dann mitunter etwas anders geartet, schießen häufiger ein, treten beidseitig auf oder werden etwa von Missempfindungen begleitet. Diese, das betont die Leitlinie deutlich, sind dringend von einem Arzt abzuklären; sie sind nicht selbstlimitierend und kein Fall für die Selbstmedikation. Solche Symptome weisen auf Krankheiten des zentralen und peripheren Nervensystems hin. Sind etwa die Nerven durch einen Bandscheibenvorfall oder eine Enge im Rückenmarkskanal gereizt, können sie dauerhaft die Muskeln befeuern. Infrage kommen auch Schädigungen der Myelinscheide, die die Nervenfasern wie eine Isolierschicht umhüllt. Das erhöht das Risiko für krampfauslösende Impulsentladungen. Eine solche Demyelinisierung kann durch unterschiedliche Erkrankungen wie eine Polyneuropathie, Schilddrüsenerkrankungen, Borreliose oder auch eine Multiple Sklerose hervorgerufen werden, informiert die DGN.

Hinzu kämen mechanische Auslöser: Senkt man die Zehenspitzen nach unten, sodass sich der Wadenmuskel verkürzt – wie das etwa der Fall ist, wenn der Fuß durch eine schwere Bettdecke heruntergerückt wird oder in Highheels steckt –, treten leichter Wadenkrämpfe auf. »Warum das so ist, wissen wir nicht genau. Es ist wahrscheinlich so, dass durch Gewebsverschiebungen die empfindlichen Nervenendstrecken im Muskel unter Druckspannung geraten, was die elektrischen Entladungen begünstigt«, wird Dr. Rainer Lindemuth, Siegen, in der Pressemitteilung zitiert. Er ist Erstautor der Muskelkrampf-Leitlinie.

Schmerz wegdehnen

Die Möglichkeiten, die Krampfkralle zu lösen, sind begrenzt. Im Akutfall bleibt leitliniengemäß eigentlich nur, die verkrampfte Muskulatur zu dehnen und die Antagonisten, also die entgegengesetzten Muskeln, anzuspannen. Eine Maßnahme, die die meisten Menschen intuitiv ergreifen. Dafür ziehen sie etwa beim durchgestreckten Bein die Zehen Richtung Knie und treten mit der Ferse, die Bodenkontakt hält, nach vorne.

Auch was die Vorbeugung betrifft, empfehlen die Leitlinienautoren ausdrücklich die Zweckmäßigkeit regelmäßiger passiver Dehnübungen und Massagen. Denn werden sie vor dem Sport gemacht, beugen sie belastungsinduzierten Krämpfen vor. Auch wenn Wadenkrämpfe wiederholt die nächtliche Ruhe stören, sorge regelmäßiges Dehnen der Wadenmuskulatur vor dem Schlafengehen für angenehmere Ruhe. Zumindest überbrücken sie die Zeit, bis sich das Problem von allein löst. Denn die Phasen wiederkehrender Kontraktionen ebben meist nach einiger Zeit wieder ab. Allerdings, so fügen die Autoren hinzu, wird die Wirksamkeit der passiven Dehnung in verschiedenen Studien unterschiedlich bewertet, eine klare Evidenz fehlt also.

Ebenso empfehlen die Leitlinienautoren die Einnahme von Magnesium, obwohl seine Wirksamkeit nicht ausreichend belegt ist. Am besten sei die Magnesiumgabe noch in der Schwangerschaft belegt. »Ein Therapieversuch sollte aber in jedem Falle unternommen werden. Magnesium führt an der Muskelmembran zu einer Stabilisierung und reduziert Aktionspotenziale, die Kontraktionen im Muskel auslösen. Viele Patienten berichten, dass es bei ihnen die Neigung zu Muskelkrämpfen lindert. Wenn es nicht überdosiert wird, ist Magnesium außerdem unbedenklich und hat keine Nebenwirkungen«, informiert Lindemuth. »Aufpassen müssen lediglich Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion, sie sollten vor der Dauereinnahme mit ihrem behandelnden Nephrologen sprechen.«

Die Leitlinienautoren geben ihr Votum organischen Magnesiumsalzen (wie Magnesium-Loges®, Magnesium Verla®, Magnesium Diasporal®, Biolectra® Magnesium, Magnetrans®). Diese scheinen eine höhere Bioverfügbarkeit zu haben als anorganische Verbindungen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält eine Tageshöchstmenge von 250 Milligramm Magnesium für probat. Überschüssiges Magnesium wird ausgeschieden, wobei weiche Stühle beziehungsweise Durchfälle anzeigen, dass die Magnesiumspeicher gefüllt sind. Bei bestehender Niereninsuffizienz, Herzrhythmusstörungen oder Störungen der Endplattenfunktion ist Vorsicht geboten. Die Leitlinienautoren raten zu einem Auslassversuch nach dreimonatiger Behandlung. Mit der Bewertung des Therapieeffekts sei es jedoch so eine Sache, da die Frequenz von Muskelkrämpfen bei Patienten häufig wechsle. Gegen den Einsatz während der Schwangerschaft bestehen keine Bedenken.

Chinin weniger restriktiv

Wenn die Muskelkrämpfe mit diesen Maßnahmen nicht in den Griff zu bekommen sind und die Lebens- und Schlafqualität stark beeinträchtigen, sollte der Weg zum Arzt erfolgen, raten die Experten von der DGN. Erst wenn alle behandelbaren Ursachen ausgeschlossen wurden und eine Magnesiumtherapie keine Besserung gebracht hat, sollten bei häufigen und sehr schmerzhaften Krämpfen Chininpräparate zum Einsatz kommen, so die derzeitige Leitlinienempfehlung.

Chinin ist zwar der einzige Arzneistoff, für den die Wirksamkeit als belegt gilt. Die abendliche Einnahme des Sulfatsalzes oder Hydrochinin in einer Dosierung von 200 bis 400 mg vor dem Schlafengehen hat sich als hilfreich erwiesen. Doch sein Risikoprofil ließ die Substanz für einen breiten Einsatz bei banalen Wadenkrämpfen bislang als ungeeignet erscheinen.

Diese Einschätzung könnte nun überholt sein, meldete die DGN. Eine im vergangenen Herbst im Fachjournal »MMW – Fortschritte der Medizin« veröffentlichte multizentrische, nicht interventionelle Studie (DOI: 10.1007/s15006-019-0921-x) bestätigte die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Behandlung mit Chininsulfat im Versorgungsalltag bei knapp 600 erwachsenen Studienteilnehmern mit sehr häufigen oder besonders schmerzhaften nächtlichen Wadenkrämpfen. Sowohl die Anzahl, die Dauer und die Schmerzintensität der nächtlichen Wadenkrämpfe hatten bei der Mehrzahl der Patienten abgenommen. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen traten bei 35 von 592 Patienten auf, schwere Nebenwirkungen überhaupt nicht. Nach Professor Dr. Hans-Christoph Diener, Erstautor der Studie, ist es möglich, »Chininsulfat weniger restriktiv einzusetzen, als es die Leitlinien derzeit vorsehen«.

Wegen zwar seltener, aber sehr schwerer Nebenwirkungen (wie Störungen der Blutgerinnung, immunologisch vermittelte und damit dosisunabhängige Thrombozytopenie und kardiale Reizleitungsstörungen) war 2015 das einzige in Deutschland erhältliche Präparat Limptar® der Rezeptpflicht unterstellt worden. Auch war eine missbräuchliche Anwendung bei gleichzeitiger Einnahme von Chinin mit Loperamid befürchtet worden.

Chininsulfat setzt genau dort an, wo die Krämpfe ausgelöst werden, an der motorischen Endplatte. Physiologischerweise löst der an den Nervenenden freigesetzte Botenstoff Acetylcholin am Muskel eine Kontraktion aus. Als Acetylcholinhemmer senkt Chinin die Erregbarkeit des Muskels und hemmt somit die Übertragung der Nervenreize auf die Muskeln. Die Folge: Der Muskel wird schwerer erregbar, seine Krampfneigung herabgesetzt. Zusätzlich verlängert Chininsulfat nach vorangegangener Muskelanspannung die Erholungszeit durch direkte Wirkung auf die Muskelfaser.

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