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Demenz

Hilfe mit moderner Technologie

Demenzerkrankungen beginnen schleichend. Sie stellen Patienten, Angehörige und Heilberufler gleichermaßen vor Herausforderungen. Moderne Technologien unterstützen nicht nur in frühen Phasen der Erkrankung. Sie leisten auch einen Beitrag zur Erforschung der Krankheit. Wo stehen wir aktuell?
Michael van den Heuvel
03.04.2019
Datenschutz

Häufiges Vergessen, Erinnerungslücken oder Orientierungsschwierigkeiten sind mögliche Vorboten einer Demenzerkrankung. Das Kurzzeitgedächtnis verschlechtert sich, und später erkennen Patienten ihre Ehepartner oder Kinder nicht mehr. Angehörige sind damit oft überfordert: Wie sollen sie mit der Situation umgehen, und wie Patienten sinnvoll beschäftigen oder betreuen? Dr. Konstantin Lekkos, Chefarzt der Klinik für Altersmedizin am Helios Klinikum Hildesheim, kennt diese Frage aus Gesprächen mit Angehörigen. Zusammen mit Kollegen hat er deshalb »Auguste« entwickelt. Mit der Demenz-App können Patienten wie beim bekannten Memoryspiel Karten durch wechselndes Auf- und Abdecken erkennen.

Wörter lassen sich entsprechenden Bildern zuordnen oder Bilderrätsel wie bei »Dalli-Klick« lösen. Gerade Senioren kennen noch Hans Rosenthals »Dalli Dalli«, das langjährige Ratespiel aus dem ZDF. Das klingt nicht unbedingt spektakulär. Doch es gibt einige Besonderheiten: Die App beginnt mit einem klassischen Holztisch als »Spielfeld«, um Anwendern mögliche Hemmungen zu nehmen. Außerdem lassen sich Bilder aus der eigenen Vergangenheit hochladen: eine Möglichkeit, um das Erinnerungsvermögen anzuregen. Lekkos' Erfahrung zeigt, dass Patienten mit Demenz »Auguste« schnell beherrschen. Die Hürden sind gering. Es geht aber nicht nur um Trainingseinheiten für das Gehirn, sondern auch darum, dass Menschen aus ihrer Vergangenheit erzählen. Das Zwischenmenschliche bleibt nicht selten auf der Strecke, was nicht sein muss. Erinnerungen über Bilder sind eine Chance, wieder mehr Kontakte zu knüpfen.

Eine App gegen das Vergessen

Von der Klinik in den Alltag. Oft beflügeln persönliche Schicksale die Entwicklung neuer Technologien, wie bei Emma Yang (14) aus den USA. Ihre Großmutter lebt in Hongkong und kann von der Familie nur schlecht versorgt werden. Damit bleibt nur noch ein Pflegedienst vor Ort. Yang hat auf Basis vorhandener Technologien die App »Timeless« entwickelt. Per Gesichtserkennung verrät das kleine Programm, welche Personen sich gerade im Raum befinden, falls Yang entsprechende Informationen vorab eingegeben hat. Außerdem erinnert »Timeless« an wichtige Dinge, etwa an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten oder an die Körperpflege. Im nächsten Schritt suchte Yang nach Fördergeldern, um ihre App weiterzuentwickeln. Eine Crowdfunding-Campagne, das ist der Versuch, von vielen Privatpersonen jeweils kleine Summen einzusammeln, ist leider gescheitert. Doch Yang gibt sich nicht geschlagen, sie will ihre App auf alle Fälle perfektionieren.

Demenz – schwer vorstellbar

Nicht immer geht es um Patienten. »A walk through dementia« verfolgt ganz andere Ansätze. Diese App wurde von Alzheimer's Research UK entwickelt, um per virtueller Realität Einblicke in die Krankheit zu geben. »Oft werden Demenzen missverstanden«, schreiben die Entwickler. »Wir neigen dazu, nur den Gedächtnisverlust wahrzunehmen.« Deshalb nimmt ihr Tool gesunde Menschen mit auf eine virtuelle Reise aus Sicht von Patienten. Sie erfahren, wie schwierig es ist, sich in belebten Straßen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtzufinden. Das Einkaufen im Supermarkt zählt ebenfalls zu den schwereren Aufgaben. Schon durch kleine Änderungen wie das Umräumen bestimmter Produktgruppen verlieren Demenzpatienten wichtige Anhaltspunkte. Angst und Desorientierung prägen früh das Krankheitsbild. Kein Wunder, dass Betroffene viel Zeit zu Hause verbringen, dabei aber auch vereinsamen. Mit »A walk through dementia« lernen Angehörige, die Welt von Demenzpatienten besser zu verstehen.

Für pflegende Angehörige

Wesentlich greifbarer ist die Unterstützung durch »PflegeCoDe«, einen interaktiven Coach für Angehörige beziehungsweise Fachkräfte. Im Zuge des Projekts haben Experten unterschiedliche Programmbestandteile entwickelt. Das Tool erarbeitet automatisierte Tests, um Demenzerkrankungen frühzeitig zu erkennen, aber auch Sensoren zur Verlaufskontrolle. Abgestimmt auf den Verlauf empfehlen Programme maßgeschneiderte Angebote zur geistigen Aktivierung oder zur Pflege. Nicht zuletzt richten sich die Coaching-Applikationen mit Alltagstipps an pflegende Angehörige oder an Pflegedienste.

Daddeln für die Forschung

Apps helfen nicht nur Betroffenen. Sie können auch die Forschung selbst voranbringen, etwa »Sea Hero Quest«. Hier handelt es sich nicht etwa um ein Trainingsspiel, wie zu vermuten wäre. Vielmehr müssen User sich Positionen auf Landkarten einprägen, virtuelle Inseln erreichen oder Eisbergen ausweichen. Ziel ist es, große Datenmengen über das Orientierungsverhalten unterschiedlicher Nutzergruppen im Raum zu sammeln. Läuft alles gut, sind die Informationen eine Basis für Tests, um Demenzen früher als bislang zu erkennen. Ende 2018 haben Wissenschaftler ihre Resultate in der Fachzeitschrift »Current Biology« veröffentlicht. Insgesamt unterstützten eine halbe Million Menschen aus 57 Ländern das Projekt. Die Forscher fanden heraus, dass es Zusammenhänge zwischen dem räumlichen Orientierungsvermögen und dem materiellen Wohlstand eines Landes gibt. Generell verschlechtern sich die Ergebnisse beim Spiel ab dem frühen Erwachsenenalter: ein Trend, der sich auch ohne Demenz weiter fortgesetzt hat. Solche Resultate leisten einen Beitrag, um frühe Diagnosen präziser zu machen, indem man Störgrößen ausschließt

Per Armband zur individuellen Therapie

»Sea Hero Quest« hat jedoch zentrale Fragen offengelassen. Die meisten Informationen kamen von gesunden Menschen oder von Personen mit geringer mentaler Einschränkung. Mit frühen Erstdiagnosen könnte man Patienten rascher als bisher versorgen und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Doch wie soll das gehen? »Derzeit werden im Betreuungsverlauf anfallende Daten unstrukturiert dokumentiert«, kritisieren Forscher des Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration in Berlin. »Wichtige Informationen, um präventive Maßnahmen einzuleiten, liegen daher oftmals nicht rechtzeitig vor.“ Das wollen sie zusammen mit klinischen Partnern ändern. Bei ihrem Projekt Pyramid erhalten Demenzpatienten eine unauffällige Hightech-Armbanduhr mit diversen Sensoren. Ihr Gadget misst etliche Vitalparameter wie die Herzfrequenz, die Körpertemperatur, die Herzfrequenzvariabilität und den Hautwiderstand. Hinzu kommen die Außentemperatur, die Helligkeit und der Schalldruck. Auch Alarmsysteme, etwa ein Sturzsensor, sind denkbar. Bewegungsmuster werden ebenfalls erfasst. Ein sehr geringer Aktionsradius deutet auf eine schwere Demenz hin. Per Bluetooth landen Informationen unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Aspekte auf einer zentralen Plattform. Ärzte beziehungsweise Pflegekräfte greifen darauf zu. Sie ergänzen gegebenenfalls Diagnosen oder Pflegeberichte. Über Fragebögen beteiligen sich Angehörige ebenfalls. Auf Basis der Daten ist geplant, ein neues Versorgungskonzept zu etablieren. Im Fokus steht die Frage, welche speziellen Leistungen benötigen Menschen mit Demenz, um möglichst lange im heimischen Umfeld bleiben zu können. Mit dem neuen Messsystem lassen sich auch Verschlechterungen zeitnah erkennen. Ärzte haben früher als bisher die Möglichkeit, Medikationspläne anzupassen.

Ein Blick auf die Hardware

Noch ein Blick auf den Versorgungsalltag. Unabhängig von der Anwendung eignen sich für Patienten mit Demenz Tablet-Computer aufgrund ihrer Bildschirmgröße besser als Smartphones. In Einrichtungen sind die Geräte schon jetzt häufig zu finden. Apps laufen auf beiden großen Plattformen, nämlich Android oder iOS. Generell sollten Anwender darauf achten, dass gemäß Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) keine Informationen außerhalb der EU gespeichert beziehungsweise an Dritte weitergeben werden. Das Impressum verrät, wer hinter Tools steckt.

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