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Paramyxoviren

Hoch ansteckend und gar nicht harmlos

Die bekanntesten humanpathogenen Vertreter der Paramyxoviren sind die Erreger von Masern und Mumps. Zumindest das Masern-Virus ist schon seit der dem 6. Jahrhundert v. Chr. aktiv. Seit rund 25 Jahren sind zwei weitere Vertreter dieser Familie bekannt: Nipah- und Hendra-Viren. Noch spielen diese beiden gefährlichen Erreger in unseren Breiten keine Rolle.
Edith Schettler
30.11.2020  12:30 Uhr

Neben den genannten Viren haben für den Menschen die Humanen Respiroviren eine größere Bedeutung als Auslöser grippaler Infekte und der Parainfluenza. Zur Virenfamilie gehören daneben noch weitere Arten, die für Tiere gefährlich werden können, so zum Beispiel die Erreger der Staupe bei Hunden, Katzen und Bären oder der atypischen Geflügelpest der Vögel, auch Newcastle-Krankheit genannt. Auf den Menschen übertragen sich diese Krankheiten nicht. Die meisten Paramyxoviren verbreiten sich durch Tröpfcheninfektion direkt von Mensch zu Mensch beziehungsweise Tier zu Tier und benötigen keine Vektoren.

Paramyxoviren sind behüllte RNA-Viren. Die Lipide ihrer äußeren Struktur sind gewissermaßen von ehemaligen Wirtszellen aus deren Zellmembran »geborgte« Bestandteile einer Lipid-Doppelmembran. Darin eingelagert befinden sich viruseigene Proteine. Im Unterschied zu nicht behüllten Viren erkennt das Immunsystem des Wirtes behüllte Viren in ihrem Zelllipid-Tarnanzug nicht so gut. Auch bei Influenza-Viren, den SARS-Viren, SARS-CoV-2-, HIV, Ebola- und West-Nil-Viren handelt es sich um behüllte Viren.

Kein Kinderkram

Mit Hilfe ihrer Hülle dringen die Viren nicht nur schneller in die Wirtszelle ein, sie können sie auch einfacher wieder verlassen. Ihnen fällt es auch leichter als den nicht behüllten Viren, ihre Oberfläche an veränderte Bedingungen anzupassen, was ihnen einen Evolutionsvorteil verschafft.

Auf die Wirksamkeit von Desinfektionsmaßnahmen hat das Vorhandensein einer Virushülle großen Einfluss. Der Lipidanteil der Hülle macht die Viren angreifbar für fettlösende Desinfektionsmittel, beispielsweise auf der Basis von Alkoholen, und für Detergenzien. Die Desinfektionsmittel tragen die Bezeichnung »begrenzt viruzid«. Nicht behüllte Viren hingegen sind nach außen durch das Kapsid geschützt, dessen dichte Proteinstruktur sich nicht so schnell auflöst wie das poröse, netzartige Kapsid behüllter Viren. Sie werden durch »viruzide« Desinfektionsmittel inaktiviert, die natürlich auch gegen behüllte Viren wirken. In der Regel enthalten sie die gleichen Wirksubstanzen wie begrenzt viruzide Desinfektionsmittel, sie unterscheiden sich von ihnen jedoch durch eine sehr viel längere Einwirkungszeit und/oder eine höhere Konzentration. Das Robert-Koch-Institut (RKI), der Verbund für Angewandte Hygiene e. V. (VAH) und die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e. V. (DVV) haben Listen mit geprüften Desinfektionsmitteln zur Inaktivierung von Viren zusammengestellt.

Das möglicherweise am längsten dem Menschen vertraute Paramyxovirus ist das Masern-Virus. Erbgutanalysen zeigten, dass es sich im 6. Jahrhundert v. Chr. vom Erreger der Rinderpest differenziert und auf den Menschen spezialisiert hat. Die Entstehung der ersten Großstädte im Altertum und das Leben von Menschen auf engem Raum beschleunigte seine Ausbreitung.

Heute ist es vor allem ein Problem der Entwicklungsländer. Dort fehlen sowohl das Geld als auch die Infrastruktur, um die Bevölkerung flächendeckend zu impfen. Zehn Millionen Menschen erkranken jährlich weltweit, 140.000 von ihnen sterben, vor allem Kinder unter fünf Jahren. In den Industrienationen kommen immer wieder Ausbrüche vor, häufig nach Masern-Parties, auf denen sich die Kinder von Impfgegnern gegenseitig anstecken. Im Jahr 2019 gab es dem Robert-Koch-Institut zufolge 514 Masernfälle in Deutschland.

Dabei sind die Masern alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit. Die Viren befallen zunächst die Immunzellen und vermehren sich in ihnen. Die nächste Generation erreicht über die Lymphbahnen die Zellen in den Atemwegen. Von hier aus gelangen die Virionen über Schleimtröpfchen beim Husten oder Niesen ins Freie. Das Masern-Virus ist das ansteckendste bekannte Virus, seine Reproduktionszahl R liegt bei 12 bis 18.

Schäden im Immunsystem

Nach einer Inkubationszeit von einer bis zwei, selten drei Wochen beginnt die Erkrankung mit dem katarrhalischen Stadium, das von Fieber, Konjunktivitis, Schnupfen und Husten geprägt ist. Typisch ist ein weißfleckiges Exanthem an der Mundschleimhaut, die so genannten Koplik-Flecken. Zwischen dem zweiten und vierten Tag zeigt sich dann das charakteristische Masern-Exanthem, das im Gesicht und hinter den Ohren beginnt und etwa sieben bis zehn Tage anhält. Auf das klinische Stadium folgt eine so genannte transitorische Immunschwäche. Die Viren hinterlassen Schäden im Immunsystem, die den Patienten nach überstandener Erkrankung anfällig für jede Art von Infektion machen. Sogar eine Löschung des Immungedächtnisses kann eintreten, die mehrere Jahre anhält. Zu den gefürchteten Folgeinfektionen gehören die Masernpneumonie, Meningoenzephalitis, Masernkrupp, Myokarditis und die subakute sklerosierende Panenzephalitis. Sie alle können bleibende Schäden hinterlassen.

Zwei Impfdosen genügen für einen lebenslangen Schutz, weil sich das Virus kaum verändert. Von den bisher identifizierten 24 Genotypen sind nur wenige tatsächlich aktiv und werden von der WHO ständig epidemiologisch erfasst. Für das Erreichen einer Herdenimmunität müssen 93 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.

Ebenso wie die Masern-Viren sind auch die Mumps-Viren weltweit verbreitet. In Deutschland gibt es jährlich etwa 700 Erkrankungen. Die Verbreitung erfolgt ebenfalls nur von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen, allerdings mit einer weitaus geringeren Reproduktionszahl.

Das Virus befällt in erster Linie die Ohrspeicheldrüse (Parotis) und ruft eine meist einseitige entzündliche Schwellung hervor. Als Komplikation kann, wie auch bei den Masern, eine Meningitis auftreten. Wegen der Nähe der Parotis zum Innenohr ist ein bleibender Hörverlust möglich. Männer sind durch eine Hodenentzündung (Orchitis) gefährdet, die bei 15 bis 30 Prozent der Patienten auftritt und in seltenen Fällen zu einer Sterilität führen kann. Eine Impfung ist deshalb besonders für Jungen ratsam und erfolgt meist zeitgleich mit der Immunisierung gegen Masern mit einem kombinierten Lebendimpfstoff.

Die Neuen

Seit 1995 sind die Hendra-Viren bekannt, 1999 entdeckten Forscher die Nipah-Viren. Beide gehören zur gleichen Gattung der Henipaviren und zeigen demzufolge ähnliche Eigenschaften. Wie ihre Verwandten, die Masern- und Mumps-Viren, greifen sie an den Zellen der Atemwege an, was bedeutet, dass sie sich ebenfalls über Tröpfchen in der Luft verbreiten. Während ihre Wirkung in den Atemwegen noch einigermaßen harmlos ist, wird dem Wirt meist ihre Affinität zu den Zellen des Zentralen Nervensystems zum Verhängnis. Sie können beim Menschen eine schwere Enzephalitis auslösen.

Von den Masern- und Mumps-Viren unterscheiden sich die Henipaviren in der Wahl ihres Wirtes. Sie können sowohl Tiere als auch den Menschen befallen, gehören damit zu den Erregern von Zoonosen. Während die Bekämpfung von Masern und Mumps theoretisch relativ einfach ist, gestaltet sie sich im Fall der Henipaviren viel komplizierter. Erreger, die nur den Menschen befallen, können mit flächendeckenden Impfungen gut kontrolliert und mit Glück ausgerottet werden. Sind die Erreger jedoch auch in Tieren, vor allem Wildtieren, aktiv, gelingt das nicht. Immer wieder sind diese Tiere Ausgangspunkt neuer Erkrankungswellen. Im Fall der Henipaviren konnten Wissenschaftler Flughunde als Reservoir ausmachen. Diese leben in Süd- und Südostasien, Nord- und Ost-Australien, auf Madagaskar und einigen westpazifischen Inseln.

Hendra-Viren kommen vorerst nur in Australien vor. Sie verursachen schwere Infektionen bei Pferden, an denen sich auch der Mensch anstecken kann. Allerdings sind bisher nur wenige Fälle bekannt geworden. Mittlerweile gibt es auch einen Impfstoff für Pferde.

Das Nipah-Virus trat erstmals 1999 als Auslöser einer Epidemie bei Schweinen und Menschen in Erscheinung. In Malaysia und Singapur erkrankten mehr als 200 Personen. Später gab es auch in Bangladesch und Indien Ausbrüche. Während die Schweine kaum Symptome zeigten, starb mehr als die Hälfte der infizierten Menschen. Die Betroffenen hatten sich entweder an den kranken Schweinen angesteckt oder an mit infektiösem Speichel oder Urin von Flughunden verunreinigten Früchten. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ist ebenfalls möglich. Ein Impfstoff existiert noch nicht, es wurden auch noch keine wirksamen Arzneimittel gefunden.

In Deutschland spielen diese beiden Viren noch keine Rolle, trotzdem gibt es bereits jetzt eine Meldepflicht, um sie an ihrer Ausbreitung zu hindern. Das Robert-Koch-Institut stuft sie als Erreger von bedrohlichen übertragbaren Krankheiten im Sinne des Infektionsschutzgesetzes ein. 

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