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Humane Papillomaviren

Impfquote bei HPV zu gering

In Deutschland sind weniger als die Hälfte aller 15-jährigen Mädchen und nicht einmal ein Fünftel der 15-jährigen Jungen gegen HPV geimpft. Frauenärzte sind besorgt und warnen vor möglichen Konsequenzen.
PZ
Christiane Berg
04.05.2021  12:00 Uhr

Neun von zehn Krebserkrankungen am Gebärmutterhals werden durch Humane Papillomaviren (HPV) hervorgerufen. »HPV-Viren werden durch Sexualkontakte übertragen und sind sehr weit verbreitet. Je nach Virustyp können sie Genitalwarzen verursachen oder aber zu weiteren Veränderungen der Haut und Schleimhäute führen, die in einen Krebs münden können«, erinnert Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF), Dr. Christian Albring, anlässlich der Europäischen Impfwoche.

»Früher ging man davon aus, dass es ausreicht, wenn die Impfungen kurz vor dem ersten Sexualverkehr abgeschlossen sind«, macht der Gynäkologe deutlich. »Heute ist bekannt, dass das Immunsystem einen umso stärkeren Schutz aufbaut, je eher die Mädchen und Jungen in den Frauen- beziehungsweise Kinderarztpraxen geimpft werden«, sagt Albring in einer BVF-Mitteilung mit Verweis auf das »Epidemiologische Bulletin« 32/33/2020 des Robert-Koch-Instituts (RKI). Spätestens wenn Mädchen zur ersten Beratung in die Frauenarztpraxis kommen, sollte daher die Chance zur Impfung ergriffen werden. Noch besser: »Mütter bringen ihre Töchter im entsprechenden Alter gleich mit, wenn sie selbst zur eigenen Kontrolle den Arzt konsultieren.«

Die HPV-Impfung ist keine Pflicht, aber ein »Must Have«, um sich vor Gebärmutterhalskrebs zu schützen. Das hat Albring bereits vor einem halben Jahr auf der vom BVF herausgegebenen Homepage Frauenärzte in Netz hervorgehoben. Er bezog sich dabei auf eine Analyse der schwedischen Gesundheits- und Bevölkerungsregister mit Daten von über 1,6 Millionen Mädchen und Frauen im Alter zwischen 10 und 30 Jahren aus der Zeit von 2006 bis 2017.

Wirksamkeit der Impfung steht außer Frage

Von 518.319 Frauen, die vor dem 18. Geburtstag einen quadrivalenten HPV-Impfstoff erhielten, erkrankten 19 an einem Zervixkarzinom. Von den 528.347 ohne Impfung erkrankten dagegen 538 Frauen. »Das sind fast dreißigmal so viel«, konstatierte Albring. Die Ergebnisse wurden im Oktober 2020 im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht.

Die Studie bestätige, was seit vielen Jahren bekannt ist: Die HPV-Impfung schützt vor HPV-Infektionen und auch vor Krebsvorstufen. »Alle diesbezüglichen Bedenken sind widerlegt«, betonte er. »Frauen, die vor dem Alter von 17 Jahren gegen HPV geimpft wurden, hatten ein um 88 Prozent geringeres Gebärmutterhalskrebs-Risiko als ungeimpfte Frauen«, resümierte der Gynäkologe.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die HPV-Impfung für Jungen und Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren. In Deutschland zum Einsatz kommend schützt der zweivalente Impfstoff Cervarix® gemäß Angaben des RKI vor HPV 16 und 18 und somit etwa 70 Prozent, der neunvalente Impfstoff Gardasil®9 zusätzlich vor HPV 31, 33, 45, 52 und 58 und somit etwa 90 Prozent der durch Hochrisiko-HPV-Typen ausgelösten Gebärmutterhalskarzinome. Die Impfung schütze nicht nur vor Gebärmutterhalskrebs, sondern auch vor HPV-bedingten Genitalwarzen sowie Penis-, Mundhöhlen-, Anal-, Vulva- oder Vaginal-Karzinomen. 

Die Verabreichung beider Impfstoffe unterscheide sich grundsätzlich nicht voneinander. Die jeweilige Zahl der zu verabreichenden Impfdosen (Zwei-Dosen- versus Drei-Dosen-Impfschema) hänge vom Alter bei Beginn der Impfserie ab. Unterschiede im Impfschema gebe es lediglich, wenn die Impfserie ab dem Alter von 15 Jahren beginnt. Zwischen der ersten und zweiten Impfstoffdosis sollten mindestens fünf Monate liegen. Wird die zweite Impfstoffdosis vor Ablauf dieser angestrebten fünf Monate gegeben, sollte eine dritte Impfstoffdosis gegeben werden.

Kondome schützen nicht komplett vor HPV

Studien, so das RKI, haben gezeigt, dass sich HPV-Infektionen zwar durch Kondomnutzung teilweise verringern, jedoch nicht verhindern lassen. Das Robert-Koch-Institut betont zudem, dass auch HPV-geimpfte Mädchen später unbedingt und regelmäßig am empfohlenen Gebärmutterhals-Screening teilnehmen sollten. So ließen sich frühzeitig Dysplasien erkennen, die durch restliche, nicht von den Impfstoffen abgedeckte HPV-Typen verursacht werden können.

An einem Zervixkarzinom erkranken derzeit in Deutschland pro Jahr etwa 4.500 Frauen. Circa 1.500 versterben jährlich daran. Bei Männern kommt es HPV-bedingt pro Jahr zu etwa 600 Anal- und 250 Peniskarzinomen sowie 750 Karzinomen in der Mundhöhle oder im Rachen. Die Therapie HPV-bedingter Karzinome hängt von der Tumorlokalisation und dem Schweregrad ab und kann eine chirurgische beziehungsweise Strahlen- und/oder Chemotherapie notwendig machen.

Der erste HPV-Impfstoff kam 2006 auf den Markt, der Nutzen der Impfung war anfangs nicht unumstritten. 2007 empfahl die STIKO die HPV-Impfung zunächst nur allen Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren. Da sich herausstellte, dass auch Jungen profitieren, wurde die STIKO-Empfehlung im Juni 2018 auf Jungen und nunmehr auf alle Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 14 Jahren erweitert.

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