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Kinderlähmung

Impfung gegen Polio weiterhin nötig

Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung leben in Regionen, in denen die Spinale Kinderlähmung als ausgerottet gilt. Noch in den 1950er-Jahren herrschte in Deutschland große Angst vor der heimtückischen Infektionskrankheit. 40 Jahre nach einer 1960 in der ehemaligen DDR und 1962 in der Bundesrepublik gestarteten Impfkampagne erklärte die WHO Europa offiziell zum poliofreien Gebiet. Doch es gibt Länder, in denen noch Polio-Wildviren vorkommen.
Edith Schettler
13.09.2019  13:00 Uhr

Die Poliomyelitis, kurz Polio genannt, ist eine Infektionskrankheit mit dem ursprünglich weltweit verbreiteten Polio-Virus. Dieses gehört zu den Entero-Viren, die die Magen-Darm-Passage in ihrem Wirt aufgrund ihrer hohen Säuretoleranz unbeschadet überstehen. Sie befallen ausschließlich den Menschen und werden meist auf fäkal-oralem Weg oder, seltener, über das Rachensekret weitergegeben. Polio-Viren sind hüllenlos und damit unempfindlich gegenüber lipidlöslichen Desinfektionsmitteln und Detergenzien. Die Bezeichnung Poliomyelitis geht auf die griechischen Worte »polios« (grau) und »myelos« (Mark) zurück und beschreibt den Charakter der Erkrankung, den Befall der grauen Rückenmarksubstanz durch Polio-Viren.

Schrecken der Nachkriegsjahre

Krankheitserreger wie die Polio-Viren kommen immer dort gehäuft vor, wo ein niedriger Hygienestandard herrscht. Diese Bedingungen waren auch Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland gegeben, so dass die Erreger allgegenwärtig waren. Die Kinder kamen schon frühzeitig mit ihnen in Kontakt, was den Namen »Kinderlähmung« für die Erkrankung erklärt.

Für die meisten Infizierten verläuft die Krankheit symptomlos und hinterlässt eine lebenslange Immunität, was Experten als »stille Feiung« bezeichnen. Da das Virus aber in drei Typen (1, 2 und 3) existiert, ist der Betroffene nur einem Typen gegenüber geschützt und kann noch an einer Infektion mit den anderen beiden Typen erkranken. Bereits kurze Zeit nach der Infektion vermehren sich die Viren explosionsartig zunächst im Rachen- und kurz darauf im Darmepithel, so dass der Patient schon im frühen Krankheitsstadium, etwa 36 Stunden nach Infektion, ansteckungsfähig ist. Die Gefahr einer Weitergabe der Viren besteht, solange der Patient das Virus im Darm trägt. Das kann ein Zeitraum von sechs Wochen sein, bei Immungeschwächten sogar mehrere Jahre.

Bis zum Auftreten der ersten klinischen Symptome dauert es drei bis 35 Tage. Unter kurzzeitigen unspezifischen Symptomen wie Gastroenteritis, Übelkeit, Fieber, Muskel-, Hals- und Kopfschmerzen leiden 4 bis 8 Prozent der Patienten, ohne dass das Zentrale Nervensystem (ZNS) befallen ist. Dieses Stadium bezeichnet man als abortive Poliomyelitis. Danach klingt die Krankheit bei den meisten Patienten ab.

Bei 2 bis 5 Prozent findet im Anschluss die gefürchtete Infektion der Zellen des ZNS statt. Diese tritt in zwei verschiedenen Formen auf. Die paralytische Poliomyelitis ist die seltenere und folgenschwerere der beiden Formen, die nicht-paralytische Poliomyelitis ist etwa zehn Mal so häufig. In ihrem Verlauf tritt wenige Tage nach der abortiven Phase Fieber mit den Symptomen einer aseptischen Meningitis auf: Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelkrämpfe. Im Falle einer paralytischen Poliomyelitis folgt auf eine Besserung der Meningitis-Symptome ein erneuter Fieberanstieg mit asymmetrischen Lähmungen der Muskulatur der Extremitäten, der Augen, des Rumpfes und der Atemmuskulatur. Diese Paresen verschwinden teilweise, aber nicht vollständig im weiteren Verlauf wieder und hinterlassen eine lebenslange Behinderung.

Jahre oder Jahrzehnte nach einer Infektion kann die Patienten das Post-Polio-Syndrom ereilen. Die Lähmungen kehren zurück, begleitet von einem fortschreitenden Muskelschwund. Ein hoher Prozentsatz der ursprünglich genesenen Patienten leidet unter diesen Spätfolgen, Statistiken zufolge sind es 65 bis 85 Prozent. Zu den Erschöpfungszuständen, den Schmerzen und der Muskelschwäche kommen noch respiratorische Symptome hinzu. Forscher vermuten eine Degeneration der Motoneurone, als den für die Bewegung zuständigen Nervenbahnen, während des krankheitsfreien Intervalls.

Impfen als einzige Option

Die Spezialisierung der Viren auf einen einzigen Wirt, den Menschen, erleichtert die Ausrottung des Virus und damit die Bekämpfung der Poliomyelitis. Da es keine kausale Therapie gibt, ist eine Impfung die einzige Möglichkeit, der Krankheit und ihren Folgen zu entkommen. Der erste Impfstoff gegen die Poliomyelitis, den der US-amerikanische Arzt und Immunologe Jonas Salk (1914-1995) entwickelte, enthielt inaktivierte Polio-Vakzine (IPV). Nach der Zulassung des Impfstoffes im Jahr 1955 konnte innerhalb weniger Jahre die Rate an Neuerkrankungen in den USA auf 20 Prozent gesenkt werden.

Der polnisch-amerikanische Arzt und Virologe Albert Sabin (1906-1993) brachte wenig später im Jahr 1962 einen attenuierten Lebendimpfstoff zur Marktreife, der als Schluckimpfung appliziert wurde und die Immunisierung logistisch sehr erleichterte. Groß angelegte Impfkampagnen, die so genannten »Sabin Sundays« brachten schnelle Erfolge im Kampf gegen die Poliomyelitis auf dem amerikanischen Kontinent. Auch die Impfkampagnen in Deutschland unter dem Motto »Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam« waren Schluckimpfungen.

Allerdings stellen Lebendimpfstoffe immer ein Infektionsrisiko für nicht geimpfte Kontaktpersonen dar. In der Mehrheit der Fälle erwerben auch diese an der Impfpoliomyelitis erkrankten Personen nach einer abortiven Polio eine lebenslange Immunität, immer wieder beobachten Ärzte aber auch schwerwiegende Verläufe mit tödlichem Ausgang. Zudem können sich die Viren aus dem Impfstoff nach einem mehrmaligen Körperdurchgang zur Wildform rückentwickeln.

In den Jahren 2000 und 2001 verursachten mutierte Impfstoff-Viren in Haiti und der Dominikanischen Republik eine lokale Epidemie. Die ungeimpften Patienten infizierten sich an mit Lebendimpfstoff behandelten Kindern mit einer genetischen Variante des Impfstoffes. Seit dem Jahr 1998 wird deshalb in Europa aus Gründen der Sicherheit nur noch der Totimpfstoff nach Jonas Salk verwendet. Auch das Robert-Koch-Institut empfiehlt seitdem den Lebendimpfstoff nicht mehr. Weil die Krankheit weltweit zurückgedrängt ist, spielt die geringere Wirksamkeit des IPV-Impfstoffes gegenüber dem attenuierten Lebendimpfstoff keine entscheidende Rolle.

Nach zehn Jahren erneuern

Entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beginnt die Grundimmunisierung im Alter von zwei bis drei Monaten mit drei aufeinander folgenden Impfdosen im ersten und einer weiteren im zweiten Lebensjahr in Kombination mit der Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Tetravac®, Infanrix IPV + Hib®, Pentavac®, Infanrix hexa®, Hexyon®, Hexacima®). Der Monoimpfstoff (Poliovaccine SSI®, IPV Merieux®) wird im gleichen Lebensalter in zwei oder drei Dosen verabreicht. Wenn noch eine Auffrischimpfung im Alter von neun bis 17 Jahren erfolgt, gilt die Immunisierung als vollständig. Für medizinisches und Laborpersonal oder Reisende in Risikogebiete empfiehlt die STIKO eine Auffrischimpfung, wenn die letzte Immunisierung länger als zehn Jahre zurückliegt.

Pakistan und Afghanistan sind zurzeit die Länder, in denen nach wie vor Reservoirs der Wildform des Polio-Virus existieren. Von dort aus breiten sich immer wieder importierte Epidemien in verschiedenen afrikanischen Ländern mit niedriger Impfquote aus. In diesem Jahr wurden bislang 56 Polio-Wildvirusinfektionen gemeldet: 45 in Pakistan und elf in Afghanistan. 2018 waren es zu diesem Zeitpunkt 16 Erkrankungen, insgesamt wurden im vergangenen Jahr 33 Fälle verzeichnet. Neben Erkrankungen durch die Wildform gibt es auch immer wieder Ausbrüche durch vakzine-abgeleitete Polioviren (VDPV) in Ländern mit niedriger Impfquote, so zuletzt in den Jahren 2014 und 2015 in Nigeria, Madagaskar und der Ukraine. Die letzte Infektion in Deutschland mit einem Wildvirus wurde im Jahr 1990 dokumentiert. Im Jahr 1992 gab es zwei Erkrankungen als Folge von Einschleppungen aus Ägypten und Indien. Seitdem wurden keine Polio-Erkrankungen mehr gemeldet. Trotzdem ist vor dem Hintergrund der weltweiten Migrationsströme und der Zunahme des Tourismus die Impfung weiterhin wichtig.

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