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PANORAMA

PTA-Schule in Burundi

Zukunft in der Heimat


Burundikids e. V. / Der kleine ostafrikanische Staat Burundi ist von Bürgerkrieg und Armut gezeichnet. Deutsche Hilfsorganisationen investieren in die Bildung der Kinder und Jugendlichen und damit in die Zukunft des Landes. In der »Ecole Polyvalente Carolus ­Magnus« haben sie unter anderem die bis heute einzige Schule für PTA in Burundi aufgebaut.

 

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»Vor ein paar Jahren noch hätte ich nie gedacht, dass ich einmal dahin komme, wo ich heute bin!« Der junge Mann im weißen Laborkittel hält kurz inne und schaut nachdenklich in die Ferne. Sévérin ist 27 Jahre alt und lebt in Burundi, einem kleinen, sehr armen Staat in Ostafrika. Er studiert im zweiten Jahr Pharmazie am »Institut National de la Santé Publique« (INSP), einer Hochschule für Berufe des Gesundheitswesens. Doch sein Weg dorthin war lang und beschwerlich. Ohnehin studieren nur wenige junge Menschen in Burundi. Die Hälfte aller Kinder schließt nicht einmal die Grundschule ab. Während Sévérin seine Geschichte erzählt, ist er ruhig und gefasst, als wäre es die Vita eines anderen.




Sévérin war einer der ersten Schüler, der die PTA-Ausbildung in Burundi absolvierte.

Fotos: Burundikids e.V.


Als im Herbst 1993 nach der Ermordung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten in Burundi der Bürgerkrieg zwischen den rivalisierenden sozialen Gruppen Hutu und Tutsi ausbrach, wurde Sévérin zum Waisenkind und floh aus seinem Heimatdorf. Der Krieg in Burundi forderte schätzungsweise 300.000 Tote, mehr als eine Million Menschen wurden zu Flüchtlingen. Dennoch hat er über den afrikanischen Kontinent hinaus keine sonderliche Beachtung erfahren. Bis heute wird der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi fast ausschließlich mit dem Nachbarstaat Ruanda in Verbindung gebracht. In Burundi jedoch wütete der Krieg mehr als ein Jahrzehnt. Bis 2008 war die letzte Rebellengruppe aktiv.

Viele der Bürgerkriegs-Flüchtlinge blieben intern Vertriebene, so wie Sévé­rin und seine Schwester. »Wir hatten das Glück, bei einer Pflege­familie unter­zukommen, wenn auch weit weg von zu Hause und in sehr großer Armut«, erinnert sich Sévérin. Mehrere Jahre schlug er sich durch. »Wenn ich mich daran erinnere, dann danke ich Gott und all denjenigen, die mir geholfen haben, diese Zeit zu überstehen und der zu werden, der ich heute bin!« Damit meint er vor allem die Mitarbeiter der Fondation Stamm, eine lokale Hilfsorganisation, die sich mit humanitären Aktivitäten und Bildungsprogrammen vor allem für die Jugend stark macht. In eines ihrer Kinderheime kam Sévérin nach langer Odyssee. Die Wiesbadenerin Verena Stamm lebt seit den 1970er-Jahren in Burundi und gründete während der Bürgerkriegsjahre die Organisation, die sie bis heute ehrenamtlich leitet.

»Angefangen hat alles in den Flüchtlingslagern«, erzählt Stamm über ihr Engagement, das immer mehr zu einer Lebensaufgabe werden sollte. »Wir fanden viele Kinder in den Lagern, die ohne Chance geblieben wären.« Das erste Waisenhaus wurde gegründet, Aktivitäten zugunsten der Straßenkinder in der Hauptstadt Bujumbura entwickelt und umgesetzt.

»Wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, kommt man schnell zur Frage der Bildung«, so Stamm. Eine Schule musste her. Bis heute gibt es in Burundi viel zu wenige Bildungseinrichtungen, mehrere Kilometer Fußmarsch sind keine Seltenheit für diejenigen, die überhaupt die Chance bekommen, zur Schule zu gehen. Zusammen mit deutschen Unterstützern konnte Stamm ihren Traum bald realisieren: Ein Verbund der Hilfsorganisationen Burundikids, Human Help Network und Aktion Tagwerk sollte es ermöglichen, Burundi mehr in den Fokus zu rücken und einen Beitrag zum Bildungsangebot in dem krisengeschüttelten Land zu leisten.

Baupläne

»Viele haben mich damals für verrückt erklärt«, erinnert sich Martina Wziontek, freie Architektin, Gründerin und bis heute ehrenamtliche Vorsitzende des Kölner Vereins Burundikids. Als sie 2002 zum ersten Mal ihren Fuß auf burundischen Boden setzte und Stamm in Bujumbura kennenlernte, war der Bürgerkrieg noch überall sicht-, hör- und spürbar. Zwei Jahre später begingen Hutu-Rebellengruppen nahe der kongolesischen Grenze und unweit der geplanten Schule ein Massaker an Tutsi-Flüchtlingen. »Um das Grundstück außerhalb der Stadt, wo die neue Schule entstehen sollte, patrouillierten Soldaten, die den Bau bewachten«, schildert Wziontek die Anfänge ihres Engagements. Den Plan für das Schulgebäude lieferte sie selbst. »Endlich gab es eine Möglichkeit für mich, meinen Beruf sinnvoll einzusetzen«, freut sich die Kölnerin. Mit dem Verein Burundikids sammelte sie Spenden, um den Bau zu unterstützen.

Zum Schuljahr 2006/2007 war es soweit: die »Ecole Polyvalente Carolus Mag­nus« (EPCM) wurde feierlich eröffnet. Zu diesem Anlass reiste der damalige Bildungsminister Brandenburgs, Holger Rupprecht, nach Burundi. Über den deutschen Verein Aktion Tagwerk hatte sich das Bundesland für eine partnerschaftliche Beziehung mit dem ostafrikanischen Staat entschieden. Konkretes Produkt der Kooperation war das Schulgebäude der EPCM. Ein Engagement, dem ein weiteres Bundesland einige Jahre später folgte: 2009 reiste eine Delegation aus Baden-Württemberg nach Burundi, was schließlich 2014 in der Unterzeichnung einer offiziellen Partnerschaft mündete. Freundschaftliche Verbindungen zwischen Burundi und dem »Ländle« bestehen bereits seit den 1980er-Jahren.




Heute lernen die PTA-Schüler in einem modernen Labor. Die Lehrkräfte wurden in Deutschland geschult, etwa beim ZL in Eschborn.

Als die Grundschule der EPCM nicht lange nach Bürgerkriegsende ihre Pforten öffnete, besuchten 300 Mädchen und Jungen die Klassen eins bis sechs. »Wir hatten noch keine Fenster eingebaut, da brachten schon die ersten Eltern ihre Kinder«, erinnert sich Wziontek. »Sie waren kriegsmüde und wussten: Nur wenn ihre Kinder zur Schule gehen, haben sie eine Chance.« Heute sind es bereits 900 Schülerinnen und Schüler. Wer gute Noten hat, lernt an der EPCM bis Klasse 13 und schließt mit dem allgemeinen, naturwissenschaftlichen Abitur oder dem Fachabitur in einem der Bereiche Hotelfach-Tourismus, Laborassistenz, Krankenpflege oder pharmazeutisch-technischer Assistent ab.

Neue Ausbildung

Sévérin war einer der ersten, der die Ausbildung zum PTA absolvierte. Nicht nur an der EPCM, sondern in ganz Burundi. Den PTA-Abschluss können Jugendliche bis heute allein an dieser Schule absolvieren. Zurück geht die Idee ebenfalls auf Verena Stamm, die selbst einmal in Burundi Apotheken geleitet hatte, und auf Dr. Peter Häufel, ehemaliger Herstellungsleiter beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Hilfsorganisation Human Help Network lernte er Stamm kennen und entwickelte mit ihr den Plan, die PTA-Ausbildung in Burundi zu eta­b­lieren. Ein Vorhaben, das bei den burundischen Behörden auf große Zustimmung stieß. Man war bemüht, das durch den langen Krieg marode Gesundheitswesen zu sanieren. »Während des Kriegs mussten sich die Leute irgendwie zurechtfinden. Aber der ist vorbei. Jetzt ist es möglich, Gesetze durchzusetzen und Standards einzuhalten«, sagt Stamm.

Häufels Engagement setzte einen langen Atem voraus. Dazu viele ehrenamtliche Helfer, die bereit waren, an Ort und Stelle mit anzupacken. Außerdem wurde Geld benötigt, ebenso wie Fachwissen. In Kooperation mit den burundischen Ministerien für Gesundheit und Bildung entwickelten Häufel und sein Team auf Basis der deutschen Ausbildung das erste PTA-Programm Burundis. Inhaltlich ähneln sich die Ausbildungen, burundische PTA-Auszubildende müssen allerdings vier Jahre lernen. Dazu kommen Fremdsprachen wie das in Ostafrika weit verbreitete Kisuaheli. Unterrichtssprache ist Französisch. »Vor allem viel Praxis ist notwendig«, sagt Häufel, »damit die Jugendlichen wissen, wovon sie reden und später bei der Arbeit nicht überfordert werden.« Das stellte ihn, Stamm und ihre Mitstreiter vor die nächste Herausforderung: PTA brauchen ein Labor.

Ein Labor für PTA

Mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Spenden von Human Help Network wurde ein zweites Gebäude für EPCM, parallel zum Grundschulgebäude, errichtet. Der Neubau sollte ein komplettes Labor für die PTA beherbergen. Burundikids beteiligte sich, um ihn mit einer Etage für weitere Klassenzimmer der Oberstufe zu ergänzen. Zeitgleich organisierte Häufel mit freiwilligen Helfern Containertransporte mit Sachspenden von deutschen Firmen und Schulen. Stamm kümmerte sich vor Ort um Behördengänge, Inspektionen und notwendige Genehmigungen. Auf alle Details wurde wert gelegt, schließlich sollte eine für Burundi völlig neue, qualitativ hochwertige Ausbildung an der EPCM möglich werden. So entstand ein professionelles Labor direkt am Tanganjikasee. Häufel war und ist zufrieden: »Ich glaube, da ist das am besten ausgestattete Labor Burundis entstanden.« 2008 schrieben sich die ersten Schüler für die PTA-Ausbildung ein. Heute nutzen auch Studenten des INSP in einer Kooperation mit der EPCM das Schullabor.




Lernen für die Zukunft: Rund 1000 Mädchen und Jungen besuchen derzeit die EPCM.

Häufel blieb mit seinem Engagement nicht allein. Durch seine früheren Kontakte in der Pharmabranche schaffte er es, teils pensionierte, teils noch aktive Kollegen zu mobilisieren. Vor allem über den Senior Experten Service in Bonn, ein Entsendeservice für Experten im Ruhestand, organisierten die Hilfsorganisationen mehrere Kurzeinsätze von Spezialisten unterschiedlicher Fachgebiete. Auch Häufel selbst reiste mehrmals nach Afrika, um einheimische Lehrerkollegen fortzubilden und angehende PTA zu schulen. Auch umgekehrt machte die Schulpartnerschaft zur PTA-Abteilung der Kerschensteinerschule in Stuttgart den Besuch zweier burundischer Lehrkräfte in Deutschland möglich. Einige Jahre später besuchte der Laborleiter der EPCM Deutschland, ermöglicht durch Boehringer Ingelheim und das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker in Eschborn. Zurück in Burundi, bringen seitdem die Lehrer ihr Fachwissen in die Ausbildung ein.

Burundis PTA sind auf dem Markt gefragt. Sie können in einer öffentlichen Apotheke arbeiten, durch Praktika besteht auch eine gute Vernetzung mit Krankenhäusern, Laboren, zum Pharmazeuten-Verband und zur bescheidenen Pharmaindustrie Burundis. Doch es gibt noch mehr Möglichkeiten. »Die PTA-Ausbildung in Burundi ist anspruchsvoller als in Deutschland«, weiß Häufel. Der Abschluss, vergleichbar mit dem deutschen Fachabitur, berechtigt zum Studium an einer Hochschule. Diesen Weg hat Sévérin eingeschlagen. »Mein Traum ist es, später den Master zu machen und vielleicht das Doktorat. Das ist aber in Burundi leider nicht möglich«, sagt der Pharmaziestudent. Mittlerweile ist Sévérin auch Gründer und Vorsitzender des ersten Vereins für PTA in Burundi.

Neue Krisen

Er hat Träume für seine Karriere. Und persönlich? Er winkt ab. Aktuell gibt es wieder eine politische Krise im Land, die die Preise für Lebensmittel und andere Waren in die Höhe treibt. Die Vereinten Nationen (VN) und Nichtregierungsorganisationen berichten von Menschenrechtsverletzungen. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der UN (UNHCR) hat die Flüchtlingsbewegung aus Burundi in die umliegenden Länder die 400.000er-Marke geknackt. Täglich werden es mehr Menschen, die in Lagern in Tansania, Ruanda und in der Demokratischen Republik Kongo überleben müssen. Die Hälfte davon sind Kinder. Ein Ende dieser Krise ist nicht in Sicht, weder an den Verhandlungstischen der Ostafrikanischen Gemeinschaft und der Afrikanischen Union, noch beim Sicherheitsrat der VN in New York. Im Partnerland Baden-Württemberg herrscht Ratlosigkeit, wie man mit der Situation umgehen soll, zumal die deutsche Bundesregierung die Kooperation mit der burundischen Regierung bis auf Weiteres ausgesetzt hat.

»Es ist utopisch für junge Menschen wie mich, an große private Vorhaben zu denken.« Sévérin meint damit Hochzeit und Familiengründung. Und dennoch glauben vor allem die jungen Menschen wie er an eine bessere Zukunft, zu der sie selbst beitragen möchten. In ihrer Heimat Burundi. /


Hilfe für Kinder und Jugendliche in Burundi

Die Kinderhilfsorganisation Burundikids wurde 2003 zur Unterstützung der Fondation Stamm in Burundi gegründet. Ziel des Vereins ist es, die Lebenssituation von Kindern, Jugendlichen und Familien in Burundi zu verbessern. Eine langfristige Unterstützung und der Aufbau selbstständiger Strukturen sind die wichtigsten Aspekte der Organisation – durch Ausbildung, Schule und Beruf.

Mehr im Internet: www.burundikids.org

 

Spendenkonto:

GLS Bank

IBAN: DE50 4306 0967 4045 9481 00

BIC: GENODEM1GLS



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2017

 

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