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Selbstmedikation bei Schlafstörungen

Wenn Schäfchen zählen nicht hilft

25.06.2014  11:52 Uhr

Von Ulrike Viegener / Schlafprobleme sind mehr als eine leichte Befindlichkeitsstörung. Je länger sie dauern, umso mehr gefährden sie die physische und psychische Gesundheit. »Schlafpillen« sind auf Dauer keine Lösung. Kurzfristig jedoch kann der Einsatz vor allem pflanzlicher Sedativa sinnvoll sein.

Fast jeder Dritte hat zumindest zeitweilig mit Schlafstörungen zu kämpfen. An chronischer – länger als einen Monat andauernder – Insomnie leiden 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen. Der moderne Lebensstil mit seiner Hektik und den hohen Anforderungen bringt es mit sich, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, abzuschalten und auszuspannen. Da bleiben Schlafprobleme nicht aus.

Viele Schlaflose müssen schlichtweg umlernen: Das Leben besteht nicht nur aus Action und Leistung, sondern es gehören auch Erholungsphasen dazu. Wer immer auf Hochtouren läuft, der ist irgendwann nicht mehr in der Lage, mehrere Gänge herunterzuschalten und zu regenerieren. Das Kopfkino lässt die Menschen nicht zur Ruhe kommen. Unaufhörlich kreisen die Gedanken und lassen sich nicht abstellen: Was muss ich morgen alles erledigen? Werde ich den Chef überzeugen können? Kann ich mir bei dem voll gepackten Schreibtisch wirklich drei Wochen Ferien erlauben?

Der Leistungsdruck verfolgt viele Menschen bis in die Nacht hinein und hindert sie daran, in einen gesunden Schlaf zu sinken. Und wenn sie sich dann schlaflos von einer Seite auf die andere drehen, taucht ein neuer marternder Gedanke auf: Wie schaffe ich es einzuschlafen?

Verhaltenstherapie bringt’s

Wer sich Nacht für Nacht derart quält, sollte den Rat eines Verhaltenstherapeuten einholen. Bei länger bestehenden primären Schlafstörungen ist die Verhaltensintervention die Methode der Wahl – dafür sollten PTA und Apotheker im Beratungsgespräch sensibilisieren.

Mithilfe der verhaltenstherapeu­tischen Intervention gelingt es, schlaf­feindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen auf die Schliche zu kommen und sie zu korrigieren. Bei leichteren Schlafstörungen bringt oft schon das Befolgen einfacher Verhaltensregeln eine deutliche Besserung. Schlafhygiene heißt das Stichwort. Als Schlafhygiene werden Verhaltensweisen bezeichnet, die einen gesunden Schlaf fördern (siehe Kasten).

Verhaltensänderung erfordert allerdings Geduld und Disziplin, weshalb viele Betroffene eher den leichteren Weg gehen und sich eine Schlafpille einwerfen. Medikamente sind hilfreich, um den Teufelskreis aus Schlaflosigkeit und Stress zu durchbrechen, doch eine Dauerlösung sind sie nicht. Sie lindern zwar die Beschwerden, aber beseitigen nicht die Ursachen. Daher sollten PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch einfühlsam darauf hinweisen, dass länger bestehende Schlafstörungen ein Fingerzeig dafür sind, dass etwas im Leben des Betroffenen nicht stimmt. Sie sollten den Betroffenen empfehlen, den Hausarzt zu konsultieren, der bei Bedarf Verhaltenstherapeuten beziehungsweise spezielle Schlafmediziner mit einbeziehen wird.

Zunächst wird der Arzt aber überprüfen, ob sich hinter der Schlaf­störung eine Krankheit verbirgt, die er gezielt behandeln muss. Chronische Schmerzsyndrome, Demenz, Morbus Parkinson und Tinnitus sind in rund einem Drittel der Fälle an Schlafstörungen beteiligt, und psychiatrische Erkrankungen – vor allem Depressionen und Angststörungen – zeichnen für ein weiteres Drittel verantwortlich. Die Diagnose solcher sekundärer Schlafstörungen darf durch eine Selbstmedikation nicht verschleppt werden. Hier die Weichen richtig zu stellen, ist ein wichtiger Aspekt des Beratungsgesprächs in der Apotheke.

Schlaf ohne Erholungswert

Von primären Schlafstörungen sprechen Mediziner, wenn der Schlaf selbst das eigentliche Problem ist. Viele der Betroffenen legen sich müde zu Bett, finden aber nicht in den Schlaf. Andere werden in der Nacht immer wieder wach, und wieder andere wachen morgens viel zu früh auf und können nicht mehr einschlafen. Das Resultat ist immer dasselbe: Der Schlaf führt nicht zur Erholung. Der normale Schlaf nimmt einen mehrphasigen Verlauf, bekannt als REM- und Non-REM-Phasen (REM= rapid eye movement, die Phase der schnellen Augenbewegungen). Beide Phasen sind für die Erholung unerlässlich, ihr Wechsel wird durch die Wachphasen zerstört.

Menschen mit Schlafproblemen fühlen sich deshalb beim Aufstehen wie gerädert. Sie sind ständig müde, sie reagieren gereizt und unkonzentriert. Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit lassen nach. Außerdem besteht das Risiko, dass sie depressive Verstimmungen und Angststörungen entwickeln oder dass sich der Schlafmangel auf somatischer Ebene auswirkt, beispielsweise zu Bluthochdruck führt.

Tipps für das Beratungsgespräch

  • Jeder sollte sich nur dann zum Schlafen hinlegen, wenn er wirklich müde ist.
  • Wer nicht innerhalb von 20 Minuten einschlafen kann, sollte wieder aufstehen und sich ablenken. Sich auf das Einschlafen zu konzentrieren, verschlimmert dagegen das Problem.
  • Menschen mit Schlafstörungen sollten einen festen Zeitplan fürs Schlafen haben und diesen auch am Wochenende einhalten. Auch wenn sie müde sind, sollten sie tagsüber möglichst auf ein Nickerchen verzichten.
  • Schwere Mahlzeiten zu später Stunde behindern den Schlaf. Eine leichte Nachtmahlzeit jedoch fördert ihn, wobei Milchprodukte, die Tryptophan enthalten, besonders gut geeignet sind.
  • Größere Mengen an alkoholischen Getränken eignen sich nicht als Schlafmittel, da sie einen unruhigen Schlaf und Schlafstörungen provozieren.
  • Einige Tassen Kaffee oder Tee tagsüber beeinträchtigen den Nachtschlaf in aller Regel nicht. Wer Schlafprobleme hat, sollte allerdings versuchsweise seinen Coffein­konsum reduzieren.
  • Das Schlafzimmer sollte dunkel, ruhig und wohltemperiert sein. Auch Lüften ist zu empfehlen.
  • Bei Rauchern tragen eventuell nächtliche Entzugserscheinungen zu Schlafstörungen bei.
  • Mäßiger, aber regelmäßiger Sport macht angenehm müde und fördert einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Um sich ein genaueres Bild zu machen, sollten PTA oder Apotheker gezielt nach Art, Dauer und Auswirkungen der Schlafstörungen sowie nach Begleiterkrankungen fragen. Andererseits sollten sie bedenken, dass vor allem ältere Menschen nur subjektiv das Gefühl haben, schlecht zu schlafen, ohne dass objektiv eine Schlafstörung besteht.

Der kurzfristige Einsatz von Schlafmitteln ist dann sinnvoll, wenn eine Entlastung dringend erforderlich ist. Die Selbstmedikation ohne vorherigen Arztbesuch ist in erster Linie bei akuten Störungen gerechtfertigt, für die es eine plausible Ursache gibt. So schlafen die meisten Menschen beispielsweise im Vorfeld einer wichtigen Prüfung schlecht oder auch als Reaktion auf einschneidende Lebensereignisse wie eine unerwartete Kündigung.

Dabei sollten die Anwender rezeptfreier Schlafmittel einige Informationen mit auf den Weg bekommen. Sie sollten erstens die adäquate Dosierung kennen. Zweitens sollten sie wissen, dass sie Schlafmittel ohne ärztlichen Rat nur begrenzt anwenden sollten.

Vorsicht: Hangover

Als rezeptfreie Medikamente stehen Antihistaminika, Phytopharmaka und Homöopathika zur Auswahl. Die stark sedierende Wirkung der H1-Rezeptor-Antagonisten Diphenhydramin und Doxylamin hat dazu geführt, dass diese frei verkäuflichen Wirkstoffe auch als Schlafmittel zum Einsatz kommen. Ihre schlaffördernde Wirkung ist deutlich geringer als die von Benzodiazepinen, aber auch bei den Antihistaminika ist infolge der Wirkdauer mit Überhangeffekten (engl. Hangover) bis in den Tag hinein zu rechnen. Anwender sollten wissen, dass zum Beispiel beim Autofahren ihre Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt sein kann.

Besondere Aufmerksamkeit ist bei älteren Menschen geboten. Nicht nur rezeptpflichtige Schlafmittel, auch die genannten Antihistaminika können die Vigilanz stark beeinträchtigen und zu Verwirrtheitszuständen beitragen. Neben dem Hangover spielen dabei auch Einnahmefehler eine Rolle, die bei vielen älteren Menschen an der Tagesordnung sind. Entsprechend kritisch sollte das Apothekenteam entscheiden, ob die Voraussetzungen für eine Selbstmedikation gegeben sind.

Die Tatsache, dass die Anwendung von Antihistaminika um die Indikation »bei Schlafstörungen« erweitert wurde, hat es mit sich gebracht, dass diese Arzneimittelgruppe unter dem neuen Aspekt nicht sehr gut untersucht ist. Insbesondere ist nicht abschließend geklärt, inwieweit Gewöhnung und Abhängigkeit eine Rolle spielen. Eventuell wird die für dieses Jahr angekündigte aktualisierte Leitlinie mit dem Titel »Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen«, auch hierzu neue Erkenntnisse liefern. In der Leitlinie sollen eine Fülle neuer Studienergebnisse berücksichtigt werden.

Zum Teil ist die Schlummerwirkung mancher Pflanzenextrakte, die meist einen Cocktail wirksamer Substanzen enthalten, schon seit der Antike bekannt. Baldrian, Hopfen, Melisse, Passionsblume und Lavendel werden bis heute als Schlafmittel angewendet und haben sich inzwischen auch in klinischen Studien als effektiv erwiesen.

Vorteil der Phytopharmaka

Ein großer Vorteil der pflanzlichen Müdemacher: Sie erzeugen definitiv keine körperliche Abhängigkeit und – falls ein längerfristiger Einsatz schlaffördernder Medikamente erforderlich scheint – ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis vergleichsweise gut. Die pflanzlichen Schlafmittel sind gut verträglich und verursachen in der Regel keine Überhangeffekte. Jedoch ist auch bei pflanzlichen Schlafpillen nicht auszuschließen, dass manche Anwender von den Substanzen psychisch abhängig werden.

Baldrian (Valeriana officinalis) hilft vor allem bei Einschlafstörungen. Wie Forscher inzwischen herausgefunden haben, modulieren Inhaltsstoffe der Baldrianwurzel Neurotransmitter im Gehirn und wirken so beruhigend. Dabei ist die Dosis entscheidend. Unterdosierung führt ebenso wie Überdosierung zu paradoxen Reaktionen: Eine bestehende Unruhe wird dann nicht abgeschwächt, sondern sogar noch verstärkt. Deshalb ist es wichtig, die empfohlene Dosierung einzuhalten. Auf Alkohol sollten Patienten während der Baldrian-Therapie am besten verzichten. Außerdem sollten PTA oder Apotheker dringend davon abraten, das Phytopharmakon mit synthetischen Schlaf- und Beruhigungsmitteln zu kombinieren, da sich nicht abschätzen lässt, wie sich die Wirkung der Substanzen gegenseitig verstärkt.

Bewährt hat sich dagegen die Kombination von Baldrian mit anderen Phytopharmaka, zum Beispiel Hopfen (Humulus lupulus). Inhaltsstoffe der Hopfenzapfen beeinflussen den Schlaf-Wach-Rhythmus, wobei sie offenbar an die Rezeptoren des körpereigenen Schlafhormons Melatonin andocken. Aufgrund dieses andersartigen Wirkmechanismus ergänzt Hopfen sinnvoll die Effekte des Baldrians.

Bei der Melisse (Melissa officinalis) wirken die Inhaltsstoffe in den Blättern beruhigend, schlaffördernd und angstlösend. Abschließend geklärt ist deren Wirkweise nicht, aber vermutlich beeinflussen sie die Produktion von Histamin und Serotonin.

Auch Extrakte der Passionsblume (Passiflora incarnata) kommen bei Schlafstörungen zum Einsatz und haben sich vor allem in Kombination mit Baldrian bewährt. Kombinationspräparate helfen gut bei leichten bis mittelschweren Einschlaf- und auch Durchschlafstörungen.

Ätherische Öle aus den Blüten des Lavendels (Lavendula angustifolia) sind vor allem bei leichteren Einschlafstörungen hilfreich. Sie wirken beruhigend und angstlösend.

Placeboeffekt nutzen

Die therapeutische Wirkung der genannten Phytopharmaka bei Schlafstörungen ist inzwischen durch klinische Studien belegt. So konnte zum Beispiel für Baldrian gezeigt werden, dass dessen Extrakte nicht nur beim Einschlafen helfen, sondern auch den physiologischen Ablauf der Schlafphasen günstig beeinflussen.

Zusätzlich dürfte ein gewisser Placeboeffekt zum Tragen kommen. Davon ist bei Schlafstörungen grundsätzlich auszugehen, weil die Psyche eine entscheidende Rolle spielt. Im Unterschied zu früher setzt sich mehr und mehr die Auffassung durch, dass es durchaus legitim und sinnvoll ist, den Placeboeffekt bei bestimmten Indikationen gezielt zu nutzen. Placeboeffekte dürften der Grund dafür sein, dass manche Patienten gleich zu Beginn der Therapie mit Phytopharmaka besser schlafen, obwohl mit deren Wirkung erst nach 10 bis 14 Tagen zu rechnen ist. Hier gilt es abzuwägen, ob PTA oder Apotheker die Patienten über diese Wirklatenz informieren oder zu riskieren, dass diese Aussage einen möglichen Placeboeffekt zunichte macht.

Als Alternative zu den Fertigarzneimitteln kommt bei leichteren Schlafstörungen auch ein schlaffördernder Kräutertee in Frage. Diese Darreichungsform ist möglicherweise doppelt so effektiv, weil das beruhigende Ritual des Teetrinkens die schlaffördernden Effekte unterstützt.

Manche Menschen mit Schlafproblemen erwarten Hilfe von der Homöopathie. Die Klassiker bei Schlafstörungen sind Passiflora incarnata, Avena sativa, Coffea arabica und Zincum isovalerianicum. Außer den Monoprä­paraten enthalten Komplexmittel wie Neurexan diese Komponenten in Tablettenform. /