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Die Gemeine Pestwurz

Gut gegen Krämpfe, schlecht für die Leber

26.05.2014  16:25 Uhr

Die gemeine Pestwurz

Gut gegen Krämpfe, schlecht für die Leber

Von Gerhard Gensthaler / Im Mittelalter setzten die Menschen Pestwurz wegen ihrer schweißtreibenden Wirkung vor allem bei den Pestkranken ein. Danach wurde es bald sehr still um die Pflanze. Erst nachdem ihre krampflösende Wirkung bekannt wurde, stieg ihre Beliebtheit im Einsatz gegen Krampfhusten, Kopfschmerzen und Migräne. Wegen des hohen Gehalts an Pyrrolizidinalkaloiden sollte jedoch niemand Pestwurz in der Selbstmedikation anwenden.

Die griechischen und römischen Ärzte des 1. Jahrhunderts, vor allem der griechische Arzt Dioskurides, verwendeten die fein gestoßenen Blätter der Pestwurz gegen alle Arten von Geschwüren und bei schlecht heilenden Wunden. Im Mittelalter fand die Pflanze wegen ihrer schweißtreibenden Wirkung weite Verwendung zur Behandlung der Pestkranken. Die Pestwurz als Heilpflanze bei Atemwegserkrankungen wie Husten, Bronchitis und Asthma empfahl die Äbtissin und Heilerin Hildegard von Bingen (1098–1179). Der deutsche Botaniker Hieronymus Bock (1498–1554) schrieb 1539 in seinem »New Kreutterbuch«: Die Pestwurz mit Ihrem Kraut nent man auch Roßpappel, der grossen Bletter halbe, und Pestilenz Wurzel, darumb das sie ein köstlich experiment ist in giftigen Febern der Pestilenz, treibet den schweiß mit gewalt auß …«

Dass Pestwurz Schmerzen stillt und Krämpfe löst, war zwar bereits im 19. Jahrhundert bekannt, doch fand sie keine häufige Verwendung. Dies mag vielleicht auch der Grund dafür sein, dass kein Autor der vielen Kräuter­bücher des Jahrhunderts die Heilpflanze erwähnt.

Viele Namen

Die gemeine Pestwurz, Petasites hybridus (L.) Gärtner., Meyer et Scherb., gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) und trägt eine ganze Reihe volkstümlicher Namen wie Großer Huflattich, Falscher Huflattich, Lattichwurz, Neunblattkraft, Pestillenzwurz, Sonnendächle, Wasserklette und Rote Pestwurz. Engländer nennen sie butterbur, Franzosen pétasite vulgaire und die Italiener farfaraccio sowie tussilagine maggiore.

Verbreitet ist die Pestwurz hauptsächlich in Europa, Nord- und West­asien und Nordamerika. Sie liebt die Feuchtigkeit und siedelt meist im Uferbereich von Gewässern mit lehmigem Boden und nährstoffreichen, sandig-kiesigen Tonböden.

Die Pestwurz im Garten

Ihre aparten, sehr auffälligen Blütenstände im Frühjahr und die riesigen Blätter reizen dazu, die Pestwurz im heimischen Garten anzupflanzen. Dies sollte gut überlegt sein. Denn steht die Pestwurz auf feuchten, kalkhaltigen Böden an einem sonnigen bis halbschattigen Standort, kann sie sich rasant ausbreiten. Daher sollten Rhizomsperren unbedingt dafür sorgen, dass die Pflanze nicht große Teile des Gartens überwuchert.

Extravagante Blüte

Die Pestwurz ist eine mehrjährige Pflanze und erreicht eine Wuchshöhe von 15 bis 80 Zentimetern. Zwischen März und Mai erscheint ein hohler und beschuppter Stängel, an dem die auffallenden rötlich-weißen bis rot-violetten Blüten erscheinen. Die Blüten stehen in kleinen Körbchen und bilden zusammen eine bizarre, große Traube. Die Pflanze blüht im Frühjahr vor dem Wachstum der herzförmigen Blätter. Die anfänglich kleinen Blätter wachsen nach der Blütezeit zu riesigen Blättern heran – die größten Blätter einer Pflanze in Mitteleuropa. Diese sind auf der Unterseite wollig behaart und erinnern in ihrer Form an Huflattichblätter. Sie werden bis zu 60 cm breit und schmecken unangenehm bitter. Das Rhizom der Pestwurz ist circa 4 cm dick, bräunlich und an den Enden verdickt.

Als Droge werden die getrockneten oder frischen Blätter (Petasitidis folium) und das Rhizom (Petasitidis rhizoma) verwendet. Die Droge stammt meist aus Wildsammlungen, die in den Monaten Mai bis August erfolgen.

Die Blätter der Pestwurz enthalten Flavonoide, unter anderem Astragalin und Isoquercitrin, Sesquiterpene sowie in Spuren Pyrrolizidinalkaloide. Dagegen enthält das Rhizom 0,1 bis 0,4 Prozent ätherisches Öl mit Dodecanol als Geruchsträger sowie Schleim- und Gerbstoffe. Pyrrolizidinalkohole finden sich vor allem im Rhizom, der Gehalt schwankt von 0,0001 bis 0,05 Prozent.

Rhizom positiv bewertet

Pestwurz wirkt spasmolytisch auf die glatte Muskulatur der Bronchien und des Magen-Darm-Traktes, aber auch analgetisch und beruhigend. Die arzneiliche Verwendung wird vor allem auf die Sesquiterpene Petasin und Isopetasin sowie mehrere ähnliche Substanzen zurückgeführt. Die Sesquiter­pene hemmen die Bildung von Leuko­trienen und wirken daher krampf­lösend und schmerzstillend.

Für das Rhizom der Pestwurz formulierte die ehemalige Kommission E des Bundesgesundheitsamtes im Jahr 1986 eine Positiv-Monografie für die Anwendung bei Katarrhen der Atemwege. Kontrollierte klinische Studien mit Patienten, die unter chronischen Kopfschmerzen und Migräne litten, ergaben positive Effekte der Pestwurz.

Daher wird das Rhizom eingesetzt bei krampfartigen Schmerzen des Kopfes, des Verdauungs- und Harntraktes sowie bei Bronchialkrämpfen. Die Blätter werden ausschließlich in der volkstümlichen Medizin verwendet.

Im Jahr 1992 haben die Experten des European Committee for Proprietary Medicinal Products (CPMP) die Blätter von Petasites hybridus in eine Liste der »Herbal drugs with serious risks« (pflanzliche Drogen mit ernsthaften Risiken) aufgenommen. Als Grund für diese Aufnahme nannten die Experten die enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide (PA). Die Kommission E kam zum gleichen Ergebnis und formulierte eine Negativ-Monografie.

In der traditionellen Medizin wurden und werden Pestwurzblätter bei nervösen Krämpfen und Koliken genutzt, um die Schmerzen zu dämpfen, aber auch zur Wundheilung.

In standardisierten Extrakten wurden die potenziell leberschädigenden, mutagenen, teratogenen und kanzerogenen Pyrrolizidinalkaloide mit der Ionenaustauscherchromatographie entfernt oder alternativ durch Extraktion der Rhizome mit CO2. Die dabei gewonnenen Extrakte enthalten die wirksamen Sesquiterpene, aber keine Pyrrolizidinalkaloide. Außerdem enthalten moderne Pestwurzzüchtungen keine Pyrrolizidinalkaloide mehr oder nicht mehr zu berücksichtigende Spuren. Daher sollte niemand Pestwurz selbst sammeln und verwenden.

Die maximale Tagesdosis von Pyrrolizidinalkaloiden und ihren N-Oxiden darf nicht über 1 µg liegen. Patienten mit einer Leberschädigung, Schwangere und Stillende sollte die Pflanze nicht anwenden. /

Petasites in der Homöopathie

Für Zubereitungen aus Petasites hybridus verwendet die Homöopathie die frischen oberirdischen Teile der Pflanze gegen Ende der Blütezeit, die Pyrrolizidinalkaloide mit einem 1,2-ungesättigten Necin-Gerüst sowie deren N-Oxide enthalten können. Nach der Vorschrift des HAB 2013 ist ihr Gehalt nach einer validierten und von den zuständigen Behörden anerkannten Methode zu bestimmen und in der Beschriftung anzugeben. Davon aus­genommen sind Zubereitungen für die innerliche Anwendung, wenn der Verdünnungsgrad mindestens D6 entspricht. Ebenso ausgenommen sind Zubereitungen für die äußerliche Anwendung mit einer Endkonzentration von mindestens D4.

Die Urtinktur ist eine dunkelgrüne bis gelbbraune Flüssigkeit mit aroma­tischem Geruch. Die Identitätsprüfung erfolgt mittels Dünnschicht­chromatographie.