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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Sepsis

Früh erkennen, Leben retten


Von Inka Stonjek / Die Sepsis, eine Blutvergiftung, ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Selten wird die Infektion rechtzeitig als medizinischer Notfall erkannt. Apotheken-Mitarbeiter können helfen, das zu ändern.

 

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Seit dem 26. Mai 2017 steht die Sepsis auf der To-do-Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO weit oben. An diesem Tag wurde die Resolution zur »Verbesserung der Prävention, Diagnose und Behandlung der Sepsis« verabschiedet. Das Papier macht die Erkrankung zu einem vorrangig zu bekämpfenden Gesundheitsproblem: Es fordert die 194 UN-Mitgliedsstaaten auf, Maßnahmen zu ergreifen, damit weltweit weniger Menschen an einer Sepsis erkranken und Betroffene schneller und besser behandelt werden.




Die Sepsis ist die wichtigste Indikation für Antibiotika. Deren Resistenzen gilt es, einzudämmen.

Foto: Shutterstock/Jarun Ontakrai


Dafür müssen beispielsweise vielerorts die hygienischen Bedingungen bei Geburten und Operationen verbessert werden, ebenso der Zugang zu sanitären Anlagen und sauberem Wasser. Außerdem soll die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen eingedämmt werden. Denn laut Resolution ist Sepsis die wichtigste Indikation für den Einsatz dieser Arzneimittel.

Die ehemalige WHO-Generaldirektorin Margaret Chan spricht von 31 Millionen Menschen, die jedes Jahr an Sepsis erkranken, und von 6 Millionen, die daran sterben. Für Deutschland ist die Datenlage unklar. Nicht immer melden Krankenhäuser ihre Fälle auf Basis des Internationalen Klassifikationssystems ICD-10. Zudem gehen in die Todesursachenstatistiken gemäß WHO-Empfehlung nur die Grunderkrankungen ein – eine Sepsis als Komplikation taucht dort also gar nicht auf. Die Sepsis-Hilfe zitiert die Zahlen einer Studie des Kompetenznetzes Sepsis (SepNet) aus den Jahren 2003 und 2004 mit jährlich 154 000 Erkrankungen und 56 000 Todesfällen hierzulande. Demnach wäre die Sepsis die dritthäufigste Todesursache in Deutschland.


Der schnelle SOFA-Score

Mit dem qSOFA-Score lässt sich das Risiko für eine Sepsis schnell abschätzen:

  • Atemfrequenz über 22 Atem­züge/min
  • verändertes Bewusstsein
  • systolischer Blutdruck unter 100 mmHg
  • Erfüllt ein Patient mindestens zwei Kriterien, ist der qSOFA-Score positiv und eine Sepsis möglich.

Mehr dazu unter www.qsofa.org.


Das Team um Professor Dr. Konrad Reinhart vom Universitätsklinikum Jena, das die Fallpauschalen-bezogene Krankenhausstatistik (DRG-Statistik) von 2007 bis 2013 ausgewertet hat, kommt auf höhere Zahlen. Die Forscher erfassten 27 verschiedene Sepsis-Typen, die in diesem Zeitraum als Grund- und Folgeerkrankungen auftraten. Für das Jahr 2013 zählten sie rund 280 000 Erkrankungen und 68 000 Todesfälle.

Wissen verbessern

Viele Todesfälle durch eine Sepsis wären vermeidbar. Häufig werden Dringlichkeit und Auswirkungen der Blutvergiftung unterschätzt. Einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Sepsis-Stiftung zufolge haben lediglich 62 Prozent der Deutschen den Begriff überhaupt schon einmal gehört. Ebenso wissen nur 30 Prozent, dass sie nicht nur durch äußere Wunden, sondern durch nahezu alle Infektionserkrankungen entstehen kann. »In beinahe der Hälfte aller Fälle steckt eine Lungenentzündung dahinter«, erklärt Professor Dr. Frank Brunkhorst, Leiter des Zentrums für klinische Studien am Universitätsklinikum Jena und Generalsekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft. Nur etwa jeder fünfte Deutsche weiß, dass sich mit Impfungen gegen einzelne Sepsis-Erreger wie Pneumokokken solche Infektionen verhindern ließen. Zu den Empfehlungen der WHO-Resolution gehört daher auch, medizinische Laien besser aufzuklären.

Auf eine Infektion reagiert der Körper im Normalfall mit einer Entzündung. Er setzt eine Immunantwort in Gang, unter der sich die Gefäße um den Infektionsherd weiten und durchlässiger werden. Das Blut fließt langsamer und erleichtert es den Leukozyten so, ins Gewebe überzugehen und die Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten zu bekämpfen. Bei einer Sepsis entgleist dieser Prozess; warum, ist nicht bis ins letzte Detail geklärt. Wahrscheinlich spielt das Verhältnis von Menge und Aggressivität der Keime auf der einen und den Abwehrkräften des Kranken auf der anderen Seite eine Rolle. Deshalb sind Menschen mit Implantaten oder Verweilkathetern, die Immunsuppressiva oder Zytostatika einnehmen, keine funktionsfähige Milz haben, frisch operiert sind oder an Diabetes mellitus, Krebs oder Leberzirrhose leiden, besonders gefährdet. Auch Frühgeborene und Hochbetagte erkranken signifikant häufiger.




Eine Sepsis kann nicht nur durch äußere Wunden, sondern alle Infektionen entstehen. Rötung, Schwellung und Überhitzung der Haut sind Alarmzeichen.

Foto: Shutterstock/DonyaHHI


Bei Patienten mit einem schwachen Immunsystem können die Erreger und deren Toxine die lokalen Abwehr­mechanismen leicht überwinden, sich über den Blut- und Lymphkreislauf ausbreiten und explosionsartig vermehren (einfache Sepsis). Das Immunsystem reagiert auf die große Menge an Erregern und überschwemmt den Körper mit einer Immunantwort. Dabei werden fälschlicherweise auch körpereigene Zellen angegriffen und einzelne Organe geschädigt (schwere Sepsis). Zuletzt versackt das Blut regelrecht im Körper. Der Blutdruck fällt schlagartig ab. Das Herz rast, trotzdem kommt immer weniger Sauerstoff in den Organen an. Ein septischer Schock mit Multi­organversagen ist die Folge.

Neue Definition

Über die eingeschränkte Organfunktion wird die Sepsis seit 2016 definiert. Demnach ist die Krankheit eine »lebensbedrohliche Organ-Dysfunktion aufgrund einer fehlregulierten Körperantwort auf eine Infektion« und liegt vor, wenn sich der SOFA-Score (Sequen­tial Organ Failure Assessment) als Folge einer Infektion akut um mindestens zwei Punkte verändert. Der Score wird auf Intensivstationen genutzt, um den Zustand eines Sepsis-Patienten und das Ausmaß seiner Organ­schädigung zu beschreiben. Anhand eines Punktesystems bewertet er die Funktion der Atmung, des Herz-Kreislauf-Systems, der Leber, der Blutgerinnung, der Nieren und des Zen­tralnervensystems. Der SOFA-Score wurde bereits 1996 publiziert, hat aber in der klinischen Diagnostik erst 2016 offiziell die SIRS-Kriterien (Systemic Inflammatory Response Syndrome) abgelöst.

Wettlauf gegen die Zeit

Bei einer Sepsis erhöht jede Stunde ohne Behandlung das Sterberisiko um bis zu 7 Prozent. Trotzdem wird sie zu oft verschleppt und zu spät erkannt, denn ihre Symptome können unspezifisch sein. »In diesem Punkt müssen wir besser werden. Ein früher Behandlungsbeginn mit zuverlässig wirksamen Antibiotika und Kreislauf stabilisierenden Mitteln entscheidet maßgeblich über den Therapieerfolg«, sagt Brunkhorst. Hier kommen die Apotheken ins Spiel. »Deren Mitarbeiter können eine wertvolle Unterstützung sein. Sie sollten die Zeichen einer sich verschlechternden Infektion kennen«, so Brunkhorst. Dabei gehe es darum, für die Sepsis sensibilisiert zu sein, zuzuhören und nachzufragen – insbesondere jetzt zur Urlaubszeit, wenn Reisende aus Ländern wie Indien, China, Griechenland, Türkei oder Spanien mit hohen Raten an multiresistenten Keimen zurückkehren. »Wenn ein Patient mit einer Infektionserkrankung zusätzlich über Atemnot, Verwirrtheit oder Kreislaufprobleme klagt, sollten die Mitarbeiter hellhörig werden und zum Besuch des Arztes drängen«, rät Brunkhorst.

qSOFA als Schnelltest

Diese drei Symptome fragt auch der qSOFA-Score (quick SOFA, siehe Kasten) ab. Das Instrument ist ein vereinfachter SOFA-Score, der als Sepsis-Schnelltest dient und speziell für Situationen außerhalb von Intensivstationen gedacht ist. Erfüllt ein Patient mit einer Infek­tion mindestens zwei Kriterien, ist der Score positiv. Dann sind zügig weitere Untersuchungen nötig, denn ein ­qSOFA-Score von 2 geht bereits mit einer dreifach erhöhten Sterblichkeit einher. Bei drei Kriterien ist sie um das 14-Fache erhöht. Wichtig zu wissen: Der qSOFA-Score gilt – ebenso wie SOFA – nur für Erwachsene. »Bei Kindern bleibt es schwierig, eine Sepsis zu erkennen«, sagt Brunkhorst. Oftmals ist die Körpertemperatur erhöht, sie werden schläfrig, schwach und verlieren an Muskeltonus. Sie atmen schwer, haben keinen Appetit und wirken irgendwie verändert. »Wenn ein Kind eine Infektion hat und sich sein Gesundheitszustand derart verschlechtert, ist umgehend ein Arzt aufzusuchen«, sagt Brunkhorst. /


Welt-Sepsis-Tag

Verschiedene Aktivitäten weltweit sollen am 13. September auf die Missstände in verschiedenen Berei­chen der Sepsis-Prävention, -Diagnostik, -Therapie und -Rehabilitation aufmerksam machen.

Weitere Informationen unter www.world-sepsis-day.org.



Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2017

 

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