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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Karpaltunnelsyndrom

Funktionsausfall des Mittelnervs


Von Carina Steyer / Die Finger kribbeln, fühlen sich taub an, und das Greifen fällt immer schwerer: Dahinter kann das Karpaltunnel­syndrom stecken. Es entsteht durch eine Druckschädigung des Mittelnervs im Bereich des Handgelenks und kann nur durch eine Operation dauerhaft behoben werden.

 

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Der Karpaltunnel ist ein natürlicher Durchgang im Handgelenk, der aus den Handwurzelknochen und dem darüberliegenden Karpalband gebildet wird. Durch ihn ziehen der Mittelnerv (Nervus medianus) sowie die neun Sehnen der Fingerbeugemuskulatur vom Unterarm zur Hand. Das Karpaltunnelsyndrom tritt auf, wenn der Mittelnerv durch eine Druckerhöhung im Karpaltunnel so stark zusammengedrückt wird, dass es zu Funktionsausfällen kommt.




Foto: Your Photo Today


Die Auslöser für diesen Druckanstieg sind vielfältig. Neben Traumata, Handgelenksarthrosen und Tumoren können degenerative, rheumatische, hormonelle oder stoffwechselbedingte Erkrankungen, die eine Schwellung des Sehnenleitgewebes verursachen, verantwortlich sein. Auch bestimmte Lebensumstände können ein Karpaltunnelsyndrom auslösen. So sind bis zu 25 Prozent aller Schwangeren im letzten Schwangerschaftsdrittel davon betroffen. Wer aus beruflichen Gründen wiederholt die Hände im Handgelenk strecken und beugen muss oder Hand-Arm-Schwingungen wie beim Halten eines Steinbohrers ausgesetzt ist, trägt ein besonders hohes Risiko, am Karpaltunnelsyndrom zu erkranken.

Ursache unklar

Bei der Mehrheit der Betroffenen lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache feststellen. Ärzte sprechen in diesem Fall von einem idiopathischen Karpaltunnelsyndrom. Vermutet wird, dass ein von Natur aus zu eng angelegter Karpaltunnel oder eine anatomische Veränderung an einem der Handwurzelknochen die Erkrankung fördert.

Das Karpaltunnelsyndrom gilt als das häufigste Kompressionssyndrom eines Nervs, der außerhalb von Gehirn oder Rückenmark liegt. Etwa 10 Prozent der Erwachsenen zeigen Symptome unterschiedlicher Ausprägung, vor allem Frauen sind betroffen. Sie erkranken drei- bis viermal häufiger als Männer, mit einem deutlichen Anstieg der Erkrankungszahlen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr.

Kribbeln in den Fingern

Typischerweise beginnt das Karpaltunnelsyndrom mit leichtem Kribbeln in den Bereichen, die vom Mittelnerv versorgt werden. Das sind der Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie die daumenseitige Hälfte des Ringfingers. Am Anfang bemerken Betroffene nur am Morgen eingeschlafene Finger, die entstehen, wenn die Hände im Schlaf abknicken, wodurch der Druck auf den Nerv verstärkt wird. Später kann das Kribbeln auf die ganze Hand ausstrahlen und das Feingefühl in den Fingern abnehmen. Hinzu kommen nadelstichartige Schmerzen, die sich mit der Zeit auf den ganzen Arm ausbreiten.

Im Frühstadium bessern sich die Beschwerden durch Lageveränderungen oder Ausschütteln der Hand meist wieder schnell. Doch je weiter die Nervenschädigung fortschreitet, umso stärker werden die Beschwerden. Bei Greifbewegungen tritt das Gefühl eines elektrischen Schlags auf, das Taubheitsgefühl verstärkt sich zunehmend und besonders nachts kommen Schmerzen dazu, die den Schlaf beeinträchtigen. Weil der Mittelnerv nicht nur für das Gefühl der Finger, sondern auch für die Muskelsteuerung der Hand verantwortlich ist, kommt es zusätzlich zu einer Rückbildung der seitlichen Daumenballenmuskulatur. Dadurch wird das Abspreizen des Daumens zunehmend erschwert, die Hand immer schwächer und die Feinmotorik eingeschränkt. Tätigkeiten wie das Arbeiten mit der Computermaus oder das Greifen einer Flasche fallen Betroffenen immer schwerer.

Wie das Karpaltunnelsyndrom verläuft, ist individuell unterschiedlich. Viele Betroffene haben über Jahre hinweg nur leichte Beschwerden, die sich mit symptomfreien Intervallen abwechseln. Zu einem erneuten Auftreten oder einer Zunahme der Beschwerden kommt es oft nach manueller Überlastung, beispielsweise durch intensive Gartenarbeit. Auch spontane Verbesserungen oder stabile Krankheitsverläufe sind möglich.

Der beste Ansprechpartner für das Karpal­tunnelsyndrom ist der Neurologe. Mit verschiedenen klinischen Tests (siehe Kasten) und einer Elektroneurografie, bei der die Leitgeschwindigkeit des Mittelnervs gemessen wird, kann er schnell eine Diagnose stellen.

Konservativ oder operativ

Die einzige dauerhafte Behandlungsmöglichkeit des Karpaltunnelsyndroms ist derzeit die operative Spaltung des Karpaltunnelbandes. Ob dies umgehend notwendig ist, hängt von den Beschwerden des Betroffenen ab. So lange die Symptome nur gelegentlich auftreten oder gering ausfallen, kann der weitere Verlauf erst einmal abgewartet und konservativ behandelt werden. Dazu gehören das nächtliche Ruhigstellen des Handgelenks mit einer speziellen Nachtlagerungsschiene und das Spritzen eines Corticosteroids in den Karpaltunnel. Cortison wirkt entzündungshemmend und abschwellend und nimmt Druck vom Nerv.




Bei einem operativen Eingriff wird das bindegewebige Karpalband durchtrennt, um den Druck auf den Nerv zu verringern.

Foto: Shutterstock/Aksanaku


Manchmal wird auch zur Verwendung einer ergonomischen Tastatur, zu Akupunktur, Ultraschalltherapie, Entspannungsverfahren, einem Schmerzbewältigungstraining oder Yoga geraten. Laut der Leitlinie der Deutschen Gesellschaften für Handchirurgie, Neurochirurgie, Neurologie und Orthopädie handelt es sich hierbei jedoch um Verfahren, die allenfalls eine zeitlich begrenzte Wirkung haben und deshalb nicht empfohlen werden.

Bei erheblichen nächtlichen Beschwerden über einen längeren Zeitraum oder anhaltenden Gefühlsstörungen ist die Gefahr einer irreparablen Nervenschädigung mit bleibenden Taubheitsgefühlen groß. Bleibt die konservative Therapie erfolglos, ist eine Operation sinnvoll. Mit 300 000 Eingriffen pro Jahr in Deutschland ist die Karpaltunnelspaltung ein häufiges und gut erprobtes Verfahren, das in 90 Prozent der Fälle ambulant durchgeführt werden kann.

Das Karpalband besteht aus derbem, straffem Bindegewebe und wird für die Funktion der Hand nicht benötigt. Während der Operation wird es getrennt, wodurch der Druck im Karpaltunnel und auf den Mittelnerv umgehend nachlässt. In den meisten Fällen bessern sich dadurch die nächtlichen Schmerzen sofort. Bis dagegen die Sensibilitätsstörungen verschwinden, kann es einige Tage bis Wochen dauern. Bestand bereits eine anhaltende Taubheit der Finger, müssen mehrere Wochen bis Monate eingeplant werden, bis diese vergehen.

Die Operation kann wahlweise unter Vollnarkose oder Lokalanästhesie, offen oder endoskopisch durchgeführt werden. Bei der offenen Variante setzt der Chirurg den Schnitt am Handgelenk an und gelangt von dort in den Karpaltunnel. Bei der endoskopischen Methode setzt er mehrere kleine Hautschnitte und führt die Instrumente darüber ein. Weil der offene Eingriff als risikoärmer gilt und preisgünstiger ist, wird er von vielen Chirurgen derzeit noch bevorzugt.

Nach der OP

Die Schonfrist nach der Operation ist kurz. Bereits am Folgetag sollen Patienten versuchen, die Finger bis zur Faust zu bewegen. Schweres Heben oder Aufstützen auf die Hand sollte allerdings noch vermieden werden. Bis die Hand wieder voll einsatzfähig ist, vergehen im Durchschnitt zwei bis drei Wochen. Eine Rückkehr in den Beruf ist meist nach drei bis vier Wochen möglich.

Für die Pflege der Narbe wird eine fetthaltige Salbe empfohlen. Gegen die Schmerzen nach der Operation helfen in den ersten Tagen Schmerzmittel, zum Beispiel nicht steroidale Antirheumatika, und Kälteanwendungen. In der Regel bessern sich Wundschmerzen innerhalb von sechs Wochen, in Extremfällen können sie auch bis zu sechs Monate bestehen bleiben. Sollte es zu zunehmender Taubheit oder Schmerzen kommen, wird ein Arztbesuch empfohlen. Eine erneute neurologische Abklärung ist notwendig, wenn nach sechs Monaten noch immer Schmerzen und Taubheitsgefühle auftreten. Insgesamt gilt die Operation jedoch als risikoarm, da Infek­tionen, Nerv-, Sehnen- oder Gefäßverletzungen selten vorkommen. /


Tests zur Diagnose

Phalentest: Das Handgelenk wird bei gestrecktem Ellenbogen eine Minute lang maximal gebeugt. Treten Gefühlsstörungen (Kribbeln, Taubheit, Einschlafen) oder Schmerzen auf, ist das ein Hinweis auf das Karpaltunnelsyndrom.

Hoffmann-Tinel-Zeichen: Durch Beklopfen des Mittelnervs können Gefühlsstörungen, ein elektrisierendes Gefühl oder Schmerzen provoziert werden.

Kompressionstest bei gebeugtem Handgelenk: Mit zwei Fingern wird Druck auf den Mittelnerv ausgeübt und gleichzeitig das Handgelenk um 60 Grad gebeugt. Der Ellenbogen wird gestreckt und der Unterarm nach außen gedreht. Kommt es zu Missempfindungen, ist der Test positiv.



Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2017

 

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