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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Polyneuropathie

Wenn Nerven nerven


Von Caroline Wendt / Taubheit, Kribbeln, Schmerzen: Das können die ersten Anzeichen von Nerven­schädigungen sein. Die Ursachen solcher Polyneuropathien sind vielfältig, eine kausale Therapie gibt es nicht. Unbe­handelt können irreversible Schäden auftreten.

 

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Bei einer Polyneuropathie werden zen­trale oder periphere Nerven geschädigt. Es können sowohl motorische als auch sensorische Nerven betro­ffen sein. Die Erkrankung äußert sich mit unterschiedlichen Sympto­men, die besonders zu Anfang sehr unspezifisch sein können. Daher wird eine Polyneuropathie oftmals nicht sofort erkannt.




Brennen, Stechen, Kribbeln: Polyneuropathie-Patienten leiden unter unangenehmen Empfindungsstörungen.

Foto: Shutterstock/koszivu


Bei der peripheren Polyneuropathie sind meist die Nervenbahnen in Beinen und Armen betroffen. Es kommt zunächst zu Sensibi­litätsstörungen: Die Patienten klagen über Taubheit, Kribbeln (Ameisen­laufen) oder Brennen. Wenn sensorische Nerven betroffen sind, wird Druck nicht richtig wahrgenommen, was im weiteren Verlauf der Krankheit zu gefährlichen Druckstellen – wie beim diabetischen Fußsyndrom – führen­ kann. Einige Betroffene geben an, wie auf Watte zu laufen, was in einer­ Gangunsicherheit resultiert. Oft leiden Poly­neuropathie-Patienten auch vor allem nachts unter Muskelkrämpfen. Neben einer verminderten Empfindlichkeit kann es aber auch zu einer erhöhten Empfindlichkeit oder zu Fehlem­pfindungen kommen, beispielsweise kann das Wärme-­ oder Kälteempfinden gestört sein. Auch erhöhte Druckempfindlichkeit und Schmerzen kann die Nervenschädigung verursachen.

Diabetes und Alkohol

Die häufigste Ursache einer Poly­neuropathie ist die Stoffwechsel­erkrankung Diabetes mellitus. Fast jeder zweite Diabetiker, sowohl Typ 1 als auch Typ 2, entwickelt im Laufe seiner Erkrankung Störungen an den Nervenbahnen. Warum genau es dazu kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich sind der erhöhte Blutzuckerspiegel und die Zucker-Abbauprodukte im Blut direkt­ für die Schäden an den Nerven verantwortlich. Häufig leiden beson­ders schlecht eingestellte Diabetiker früh und schwer unter den Folgeschäden.

Der zweithäufigste Grund für eine Polyneuropathie ist übermäßiger Alkoholkonsum, denn Alkohol wirkt direkt toxisch auf die Nervenbahnen. Dazu kommt, dass nach jahrelangem chronischem Alkoholabusus häufig ein Mangel­ an Vitamin B1 und B6 vorliegt. Das Fehlen dieser Vitamine wird ebenfalls als Auslöser von Nervenschäden diskutiert, ebenso ein Mangel der Vitamine B2, B12 und E. Daneben können auch Leber- oder Nierenerkrankungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Borreliose und Immun­erkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom zu Schäden an den Nerven­ führen. Insgesamt sind mehr als 500 verschiedene Ursachen bekannt.

Medikamente als Auslöser

Auch Medikamente können Neuropathien verursachen. Sie können beispielsweise als Neben­wirkung einer Therapie mit Zytos­tatika wie Cisplatin, einigen Antibiotika, darunter Metronidazol und Nitro­furantoin, oder HIV-Therapeutika auftreten. Statine allerdings, die in der Vergangenheit auch im Verdacht standen­, Nervenschäden zu verur­sachen, sind aktuellen Studien zufolge nicht für das Auftreten von Neuropathien verantwortlich.

Beschreiben Patienten in der Apotheke Symptome, die auf eine Poly­neuropathie hinweisen, sollten PTA und Apothe­ker ihnen raten, einen Arzt aufzusuchen. Dieser wird zunächst ein ausführliches Anamnesegespräch führen, um die Hinter­gründe zu erfahren. Besteht bereits eine Diabetes-Erkrankung? Wurde der Patient vor Kurzem von einer Zecke gebissen? Welche Medi­kamente nimmt der Patient zurzeit ein? Trinkt er übermäßig viel Alkohol? Außerdem geben Bluttests Auskunft über Blutzuckerwert, Vitaminstatus sowie Leber-, Nieren­- und Schilddrüsenwerte. Dazu wird die Be­rührungs- und Temperaturempfindlichkeit untersucht. Mit einer Stimmgabel kann der Arzt zum Beispiel über die Vibrationsempfindlichkeit die Tiefensensibilität im Fuß oder Bein prüfen. Auch testet er Muskelkraft, Reaktionen und Reflexe.

Folgeschäden verhindern

Ist die Polyneuropathie die Folge einer anderen Grunderkrankung, muss diese unbedingt behandelt werden, um ein weiteres Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Diabetiker müssen auf eine gute Blutzuckereinstellung achten, bei einer Entzündung können Glucocorticoide oder Immunsuppressiva helfen. Alkoholkonsum sollte möglichst vermieden werden.

Die Symptome einer Polyneuropathie zu behandeln, ist nicht leicht. Viele Patienten müssen Verschiedenes ausprobieren, bis sie das für sie richtige Arzneimittel gefunden haben. Ziel einer­ Behandlung soll laut der Leitlinie »Pharmakologisch nicht interventionelle Therapie chronisch neuropathischer Schmerzen« der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) eine Schmerzreduktion um 30 bis 50 Prozent sein. Auch sollen die Schlaf- und Lebensqualität verbessert werden.

Mittel der Wahl

Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Di­clofenac oder Acetylsalicylsäure sind bei neuro­pathischen Schmerzen kaum wirksam und werden in der Leitlinie, die noch bis Ende September gültig ist und zurzeit über­arbeitet wird, nicht empfohlen. Auch Paracetamol oder Metamizol zeigen­ nur begrenzt Wirkung. Mittel der ersten Wahl zur symptomatischen Therapie sind trizyklische Anti­depressiva wie Amitriptylin, selek­tive Sero­tonin-Noradrenalin-Wiederauf­nah­me­hemmer (SSNRI) wie Duloxetin oder Venlafaxin und Antikonvulsiva wie Pregabalin oder Gabapentin. Ebenfalls Mittel­ der ersten Wahl bei neuropathischen Schmerzen sind Wirkstoffpflaster mit Capsaicin oder Lidocain. Diese werden bei starken Schmerzen verordnet oder wenn ein schneller Wirk­eintritt erforderlich ist. Ebenfalls bei starken Schmerzen können Opioide eingesetzt werden. Da es unter ihnen zu einer Toleranzentwicklung kommen kann, sind sie allerdings nicht Mittel der ersten Wahl.


Symptome der Polyneuropathie

  • Parästhesien (Ameisenlaufen): Kribbeln und Brennen
  • Sensibilitätsstörungen: Schmerzen, Taubheit, Berührungen oder Druck werden vermindert wahrgenommen, Laufen »wie auf Watte«
  • Fehlempfindungen: Schmerzen oder gestörtes Kalt/Warmempfinden
  • Muskelkrämpfe
  • Motorische Ausfälle, Muskelschwäche


α-Liponsäure, auch Thioctsäure genannt (zum Beispiel in Alpan®, Alpha-Lipogamma®, Thiogamma®, Unilipon®), wirkt antioxidativ. Sie soll direkt in die pathophysiologischen Mechanismen der Polyneuropathie eingreifen. Da die Säure Komplexe mit Metallionen bildet, sollten die Patienten die Tabletten oder Kapseln 30 Minuten vor dem Frühstück auf nüchternen Magen ein­nehmen. Eisen-, Calcium oder Mag­nesiumpräparate sollten sie erst zum Mittagessen einnehmen und auf Milch­produkte zum Frühstück möglichst verzich­ten. Da insbesondere zu Therapiebeginn die blutzuckersenkende Wirk­ung von Insulin oder oralen Antidia­betika durch α-Liponsäure verstärkt werden kann, sollten PTA und Apotheker Kunden zu einer engmaschigen Blutzuckerkontrolle auffordern.

Wirkung umstritten

Experten betrachten die Wirksamkeit von α-Liponsäure bei Neuropathien kritisch. Zwar gibt es einzelne Studien, die durchaus Effekte belegen. So hat etwa eine Metaanalyse gezeigt, dass eine tägliche Infusion von 600 mg Thioctsäure über drei Wochen Schmerzen und Wahrnehmungsstörungen lindern­ kann. Auch Patienten, die über fünf Wochen α-Liponsäure in Tablettenform in Dosen von 600 bis 1800 mg eingenommen hatten, gaben an, weniger Beschwerden zu haben­. Trotzdem wird der Nutzen einer Therapie mit α-Liponsäure als gering ange­sehen. Laut der Leitlinie ist eine vorübergehende intravenöse Gabe und möglicherweise auch orale Einnahme von α-Liponsäure aufgrund des geringen Nebenwirkungsprofils in ausgewählten Fällen möglich.

Therapie mit B-Vitaminen

Vitamin B1, beziehungsweise das lipidlösliche Derivat Benfotiamin (wie in Milgamma® mono, protekt), kann bei Polyneuropathie, die durch einen Vitamin-B-Mangel ausgelöst wurde, helfen­. Patien­ten sollten entsprechende Präparate einmal täglich über einen Zeitraum von drei Wochen einnehmen und danach, je nach Erfolg, über eine Weiterbehandlung entscheiden. Besonders bei Alkoholikern, bei denen in der Regel ein solcher B-Vitamin­-Mangel vorliegt, ist eine Supple­mentierung der Vitamine B1 und B6 (Pyridoxin), zum Beispiel als Kombina­tion in Milgamma® 300 oder Neurobion® N forte, ratsam. Bei einem nachgewiesen Mangel sollten die Patien­ten in der Selbstmedikation einmal täglich eine Tablette einnehmen. Nach vierwöchiger Einnahme entscheidet der Arzt, ob die Behandlung fortgesetzt werden soll, da Vitamin B6 bei einer Einnahme über mehr als sechs Monaten selbst Polyneuropathien hervorrufen kann. Des Weiteren sollten PTA und Apotheker Patienten mit Parkinson da­rauf hinweisen, dass die Wirkung von L-Dopa durch die Einnahme von Vitamin B6 vermindert sein kann.

Keltican®forte, eine bilanzierte Diät aus Uridinmonophosphat, Vitamin B12 und Folsäure, wird ebenfalls bei Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Missem­pfindungen durch Nerven­schäden eingesetzt. Die Nährstoff-Kombination soll die Reparatur geschädigter Nerven unterstützen. Patienten nehmen eine Kapsel täglich mit etwas Flüssigkeit über einen längeren Zeitraum ein.

Gute Fußhygiene

Ein sehr wichtiger Hinweis: Patienten mit einem diabetischem Fußsyndrom sollten unbedingt auf eine umfassende Fußhygiene achten. Neben bequemem Schuhwerk und der täglichen Kontrolle der Füße auf Druckstellen und kleine Verletzungen ist auch ein regelmäßiger Besuch bei einem Podologen ratsam. Durch die nachlassende Empfindlichkeit könnten ansonsten Druckstellen und Entzünd­ungen zu spät bemerkt werden. Physio­- und Ergotherapie sind ebenfalls möglich. Die Durchblutung wird ge­fördert, Muskeln werden aktiviert und gestärkt. Dadurch kann die Mobilität der Patienten verbessert werden. /


Aus der Forschung

Ein Forscherteam des Universitätsklinikums Düsseldorf untersucht die Wirkung der Heilpflanze Mutterkraut (Tanacetum parthenium) bei Polyneuropathie. Im Zellkulturexperiment konnten sie zeigen, dass die enthaltene Substanz Parthenolide das Nachwachsen von Axonen beschleunigt. Im Versuch mit Mäusen mit geschädigtem Ischiasnerv beobachteten die Forscher, dass mit Parthenolide behandelte Mäuse schneller regenerierten als unbehandelte. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, ob der Wirkstoff dazu geeignet ist, auch Nervenschäden beim Menschen zu behandeln.



Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2017

 

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