Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Chronisch krank

Der Seele Halt geben


Von Carina Steyer / Chronische Krankheiten stellen für viele Betroffene eine große seelische Belastung dar. Um das Leben mit Multipler Sklerose zu meistern, benötigen Erkrankte ein breites Spektrum an psychischen Fertigkeiten, die oft zunächst fehlen.

 

Anzeige

 

Die Diagnose Multiple Sklerose vertreibt von einem Augenblick zum nächsten die Ordnung und Normalität des gewohnten Alltags. Plötzlich stehen existenzielle Fragen im Raum, über die kein Betroffener bisher nachdenken musste: Wie wird die Multiple Sklerose mein Leben verändern? Mit welchen körperlichen Einschränkungen muss ich rechnen? Welche Auswirkungen hat die Krankheit auf Partnerschaft oder Berufsleben? Wer unterstützt mich?




Chronisch krank – das zu verarbeiten ist häufig ein längerer Prozess mit vielen Höhen und Tiefen.

Foto: Shutterstock/Stock-Asso


Verlässliche Antworten auf diese Fragen gibt es wenig. Meist lassen sich weder die Schwere noch die Art der auftretenden Symptome oder der Verlauf der Erkrankung vorhersagen. Betroffene reagieren sehr unterschiedlich auf diese einschneidende Veränderung in ihrem Leben. Wie, das hängt von der jeweiligen Persönlichkeit, dem Zeitpunkt der Diagnose, dem bisherigen Verlauf der Erkrankung, dem familiären und beruflichen Umfeld sowie von der sozialen Situation ab.

Um die Diagnose zu verarbeiten, braucht es Zeit, in der sich Phasen voller Verzweiflung, Angst oder Wut abwechseln mit solchen, in denen es den Betroffenen recht gut gelingt, die Krankheit zu akzeptieren.

Typisch ist auch das Durchleben von Phasen, die denen ähneln, die die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross für unheilbar Kranke beschrieben hat. Unmittelbar nach der Diagnose können viele Betroffene die Bedeutung und das Ausmaß der Erkrankung noch nicht richtig erfassen. Sie befinden sich in einem »Schock-Zustand«, in dem Gefühle wie Verunsicherung oder Bedrohung im Vordergrund stehen. Sachliche Informationen können sie nur schwer verarbeiten, und auch konkrete Fragen tauchen oft erst später auf. Manche der Betroffenen zweifeln an der Diagnose oder verdrängen die Krankheit. Sie stürzen sich dann zum Beispiel in die Arbeit und erhöhen ihr Arbeitspensum, um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht krank sind.

Irgendwann wird die Bedeutung der Diagnose jedoch in ihrem ganzen Ausmaß realisiert. Typischerweise erleben die Betroffenen dann eine Phase, in der sie sehr niedergeschlagen sind. Schlechte Laune, grundlose Gereiztheit, aber auch Traurigkeit, Zorn oder Wut können selbst das sonst sonnigste Gemüt überkommen. Hilfreich sind nun Gespräche, in denen Raum ist, die negativen Gefühle zu thematisieren und Antworten auf die meist drängenden Fragen »warum und wozu« zu finden. Ein schwieriger Prozess, weil es keine pauschalen, einfachen Antworten gibt. Jeder Erkrankte muss individuelle Antworten finden, die darüber entscheiden, wie gut die Anpassung an die neue Lebensrealität gelingt.

Je schwerer es einem Betroffenen fällt, die Krankheit zu verarbeiten, umso hilfreicher kann eine professionelle Herangehensweise in einer Beratungsstelle oder im Rahmen einer Psychotherapie sein. Sollte sich das Gefühl der Verzweiflung soweit steigern, dass konkrete Selbstmordgedanken aufkommen, wird eine Psychotherapie dringend empfohlen.

Erwartungen anpassen

Ängste begleiten fast alle Betroffenen während der Zeit nach der Diagnose. Auch im weiteren Krankheitsverlauf treten sie immer wieder auf. Zu Beginn sind es vor allem diffuse Ängste, die durch das bisherige Wissen über Multiple Sklerose geprägt sind. Ihnen begegnet man am besten mit umfassendem sachlichem Wissen.

Später werden die Ängste konkreter und betreffen oft den Verlust einer speziellen Körperfunktion. Wie stark die Angst ausfällt, ist individuell sehr unterschiedlich. Haben Betroffene bereits mehrfache Verlusterfahrungen durchlebt, kann dies traumatisierend wirken und die Angst vor weiteren steigern. Experten raten, sich dem angst­ein­flößen­den Ereignis gedanklich zu nähern. Betroffene sollen sich möglichst genau vorstellen, wie es wäre, wenn die gefürchtete Situation eintreffen würde. Welche Möglichkeiten hätten sie, mit dem Verlust umzugehen, welche Hilfen gibt es, wer würde sie unterstützen? Die konkrete Auseinandersetzung mit den Angstauslösern soll dazu führen, dass sie an Bedrohung verlieren.

Weniger leisten zu können, verunsichert und bereitet ebenfalls Angst. Eine entscheidende Rolle spielt hier auch, wie viel der Betroffene von sich selbst erwartet. Er muss lernen, persönliche Grenzen immer wieder neu auszuloten und festzulegen und sich so der Krankheitssituation anzupassen. Hier gelingt es leichter, sich neu zu orientieren, wenn man sich auf die vorhandenen Fähigkeiten und ihre optimale Nutzung konzentriert. Auf fremde Hilfe oder Hilfsmittel angewiesen zu sein, widerstrebt den meisten Menschen und ängstigt viele Multiple-Sklerose-Betroffene besonders dann, wenn sie merken, dass es anders nicht mehr geht. Manche Patienten überspielen die Symptome zunächst. Dadurch überschreiten sie krankheitsbedingte Grenzen, was Misserfolge oder gar eine Symptomverschlechterung provozieren kann. Auch hier ist es ein Prozess, zu erkennen, dass Hilfsmittel sinnvoll sein können und nicht aus Angst oder falscher Scham abgelehnt werden sollten. Eine wichtige Rolle spielt auch, über Hilfsangebote von Angehörigen zu sprechen. Nur so lässt sich ein Gleichgewicht ausloten zwischen zu viel und zu wenig Hilfe.

Professionelle Unterstützung

Aufgrund ihres nicht vorhersagbaren Verlaufs ist die Multiple Sklerose ein großer Unsicherheitsfaktor im Leben der Betroffenen. Um die bedrohliche Realität zu verarbeiten und sich immer wieder bestmöglich an die Veränderungen anzupassen, muss die Krankheit in das Selbstbild integriert werden, ohne alle anderen Aspekte der Identität zu verdrängen. Dafür benötigen Betroffene ein breites Spektrum an Bewältigungsfertigkeiten. Sie müssen lernen, ihre Emotionen zu regulieren, ihre Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, und sie brauchen das Gefühl, die Kontrolle wiedererlangt zu haben. Vor allem dieses Gefühl stabilisiert die psychische Gesundheit und trägt entscheidend zu einem förderlichen Umgang mit der Erkrankung bei.

Den meisten Menschen fehlt es jedoch an Bewältigungsstrategien, und so schränkt die psychische Belastung die Lebensqualität häufig wesentlich stärker ein als die aktuellen Symptome der Multiplen Sklerose. Hier hilft es, den Verarbeitungsprozess professionell unterstützen zu lassen und auch im Krankheitsverlauf immer wieder situationsangepasste Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Während individuelle Schwierigkeiten meist mit einer Verhaltens- oder Gesprächstherapie gut gelöst werden können, reicht bei kleineren Problemen oft schon eine psychologische Beratung aus, um eine neue Sichtweise zu entwickeln. Sehr nützlich sind auch Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen sowie Verhaltens- und Selbstsicherheitstrainings. Hier erhalten Betroffene seriöse Informationen zu verschiedenen Themen, wie etwa der Familien- oder Berufsplanung sowie zu gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen. Im Verhaltenstraining geht es dann zum Beispiel darum, Bewältigungsstrategien zu erlernen, die im Umgang mit Schmerzen oder Müdigkeit helfen können. /


Aktiv werden

Obwohl die enorme psychische Belastung durch eine chronische Erkrankung heute medizinisch bekannt ist, sind psychologische Hilfestellungen nach der Diagnose nicht vorgesehen. Für die Betroffenen bedeutet das, sie müssen selbst aktiv werden. Eine gute Anlaufstelle ist die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Hier erhalten Betroffene kostenlose Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung sowie der Suche nach einem geeigneten Psychotherapeuten. Die Beratung kann telefonisch, per E-Mail oder persönlich erfolgen. Darüber hinaus werden Seminare und Therapiekurse angeboten oder Gesprächsgruppen für Neuerkrankte organisiert.

Geeignete Ansprechpartner finden Betroffene bei ihrem Landesverband. Eine Übersicht dazu gibt es auf der Website der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft: www.dmsg.de/dmsg-bundesverband/landesverbaende.



Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=10987