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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Autoimmunerkrankungen

Abwehr auf Irrwegen


Von Caroline Wendt / In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen, davon immer mehr jüngeren Alters, an einer Autoimmunerkrankung. Wissenschaftler vermuten, dass verschiedene ungünstige Faktoren zusammentreffen müssen, bis eine gegen den eigenen Körper gerichtete Krankheit ausbricht.

 

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Es scheint eine genetische Veranlagung für Autoimmunerkrankungen zu geben. Doch zeigen Zwillingsstudien, dass die Erkrankung eines Zwillings nicht zwangsläufig bedeutet, dass es auch den anderen Zwilling trifft. Je nach Krankheit liegt die Wahrscheinlichkeit bei 30 bis 50 Prozent.




Foto: Shutterstock/gopixa


Häufig treten Autoimmunerkran­kungen in Kombination auf, wie beispielsweise Typ-1-Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen oder Morbus Chron und Multiple Sklerose (MS). Dies sehen Wissenschaftler als weiteren Hinweis darauf, dass Gene zumindest dafür prädisponieren, dass das Immunsystem zu falschen Reaktionen neigt.

Verwirrung durch Keime

Als weitere Faktoren für die Attacken auf das Selbst stehen einige Infektionskrankheiten im Verdacht. Manche Krankheitserreger weisen ähnliche Antigenstrukturen auf wie körpereigene Zelloberflächen. Deshalb kann es passieren, dass die zur Erregerabwehr gebildeten Antikörper im Anschluss an eine Infektion körpereigene Strukturen angreifen. Eine Streptokokkeninfektion verursacht dann nicht nur Halsschmerzen, sondern löst auch rheumatisches Fieber aus, weil sich die Antikörper gegen Zellen von Gelenken, Herz, Gehirn und die Haut richten.

Mangel an Schmutz

Auch die Hygiene spielt womöglich eine Rolle, wenn sich Autoimmunkrankheiten entwickeln: Unsere Umgebung ist zu sauber, sagen einige Experten. Ähnlich wie bei Allergien würde das Immunsystem in den ersten Kindheitsjahren zu wenig mit Keimen konfrontiert.


Insulin-Impfung

Bei der Impfstudie Pre-POINTearly erhalten Kinder zwischen sechs Monaten und zwei Jahren mit einem familiären Risiko an Typ-1-Diabetes zu erkranken, orales

Insulin-Pulver. In einer vorangegangenen Studie mit Kindern zwischen zwei und sieben Jahren konnten die Forscher erste Erfolge einer Immuntoleranz feststellen. Bei Kindern, die einen Typ-1-Diabetes entwickeln, richtet sich häufig die erste autoimmune Reaktion gegen Insulin. Das oral verabreichte Pulver hat keine blutzuckersenkende Wirkung. Es soll lediglich das Immunsystem trainieren und so verhindern, dass die chronische Krankheit ausbricht.


Eine Studie aus Boston scheint diese Hypothese zu bestätigen. Die Forscher untersuchten keimfreie Mäuse, die erst im Erwachsenenalter mit den ersten Mikroorganismen in Kontakt kamen. Die Mäuse wiesen eine erhöhte Anzahl von T-Killerzellen in den Schleimhäuten der Lunge und des Darms auf. Das führte zu einer Überreaktion des Immunsystems und verursachte Asthma und Morbus Chron.

Einfluss der Darmflora

Dass der Darm eine Rolle bei Auto­immunerkrankungen spielen kann, ist eine weitere Theorie. Im Darm befindet sich ein Großteil des Immunsystems, es verteidigt dort eine 500m2 große Grenzfläche zur Außenwelt. Die Immunzellen müssen hier nicht nur körpereigen und körperfremd unterscheiden, sondern auch gute Bakterien, mit denen wir in Symbiose leben, von pathogenen. Eine Langzeitstudie bei finnischen und estnischen Säuglingen und Kleinkindern konnte zeigen, dass die mikrobielle Vielfalt im Darm vor Ausbruch eines Typ-1-Diabetes abnimmt.

Tierexperimentelle Studien aus Toronto belegten ebenfalls, dass unterschiedliche Darmbakterien autoimmune Vorgänge beeinflussen. Forscher untersuchten Mäuse mit einer starken genetischen Disposition für Typ-1- Diabetes. Normalerweise erkrankten 85 Prozent der Weibchen, doch nach einer Stuhltransplantation von erwachsenen Männchen auf unreife Weibchen erkrankten nur noch 25 Prozent. Jedoch veränderte die Darmflora der Mäuse nicht nur das Immunsystem, sondern auch den Hormonhaushalt: Die Forscher beobachteten bei den weiblichen Mäusen mit männlichem Darmmikrobiom auch einen Anstieg der Testosteronwerte.

Gene auf den Geschlechtschromosomen und Sexualhormone scheinen ebenfalls autoimmune Prozesse zu beeinflussen, denn Frauen erkranken häufiger als Männer. Ihr aktiveres Immunsystem schützt sie zwar besser vor schweren Infektionen, reagiert jedoch auch häufiger falsch.

Die Rolle der Hormone

Paradoxerweise lassen die Symptome vieler MS-Patientinnen aber während einer Schwangerschaft nach, obwohl der Östrogenspiegel hier deutlich höher ist. Das Immunsystem scheint während einer Schwangerschaft weniger aktiv zu sein, um den Fötus, der von der Abwehr ebenfalls als körperfremdes Gewebe eingeordnet wird, nicht anzugreifen.

Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben kürzlich herausgefunden, dass dies an Cortisonrezeptoren und deren Empfindlichkeit für Progesteron liegen könnte. Bindet das Schwangerschaftshormon am Cortisonrezeptor, nimmt die Anzahl regulatorischer T-Zellen zu. Sie mindern die Aktivität autoaggressiver Immunzellen. Ein therapeutischer Einsatz von Progesteron führte in klinischen Studien allerdings bisher noch zu keinen Ergebnissen, so dass MS-Patientinnen von den neuen Erkenntnissen noch nicht profitieren können. Ernährung, Stress, Vitamin D-Mangel oder Umweltgifte: Wissenschaftler untersuchen den Einfluss vieler weiterer Umwelteinflüsse, um noch mehr Puzzleteile über die Entstehung von Autoimmunerkrankungen zu finden. Sie hoffen, dass autoimmune Prozesse irgendwann voraussagbar und vermeidbar sein werden. /


Autoimmunreaktion: das passiert im Körper

Bei einer Autoimmunerkrankung handelt es sich um einen chronisch entzündlichen Prozess, der körper­eigenes, gesundes Gewebe schädigt und zerstört. Es können einzelne Organe, wie bei Morbus Basedow, oder Strukturen im gesamten Körper betroffen sein, wie zum Beispiel bei Myasthenia gravis.

Sowohl T-Lymphozyten als auch Auto-Antikörper können Körpergewebe atta­ckieren. Einige Auto-Antikörper binden an Rezeptoren und lösen damit eine pathogene Reaktion im Körper aus. So stimulieren diese beispiels­weise bei Morbus Basedow die TSH-Rezeptoren; die Schilddrüse produziert dann zu viele Hormone. Bei Myasthenia gravis blockieren Auto-Anti­körper die Achetylcholin-Rezeptoren der motorischen Endplatte und unterbrechen die Nervenübertragung.



Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2017

 

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