Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIMITTELTHERAPIE

Stammzellen bei MS

Neustart des Immunsystems


Von Clara Wildenrath / Bei der Multiplen Sklerose (MS) zerstören körpereigene Immunzellen die Hüllen von Nerven­fasern im Gehirn und Rückenmark. Der Austausch des erkrankten Abwehrsystems gegen ein neues könnte die Erkrankung deshalb theoretisch heilen. Bisher ist die Stammzelltherapie aber mit hohen Risiken verbunden.

 

Anzeige

 

Zwar wissen Forscher bis heute nicht, warum sich das Immunsystem bei manchen Menschen plötzlich nicht nur gegen schädliche Eindringlinge, sondern auch gegen körpereigene Strukturen richtet. Dass MS die Folge einer solchen Fehlsteuerung ist, gilt aber als sicher: Übereifrige Abwehr­zellen attackieren die sogenannten Myelin­scheiden im Zentralnervensystem, Nervenimpulse gelangen nicht mehr ungehindert weiter. So entstehen neurologische Ausfallerscheinungen wie Seh-, Empfindungs-, Sprech- oder Bewegungsstörungen.




Foto: Shutterstock/Lonely


Könnte man das fehlgeleitete Immunsystem ausschalten und durch ein neues, gesundes ersetzen, ließen sich MS und andere Autoimmunerkrank­ungen heilen – zumindest in der Theorie. Möglich wäre das mit Hilfe so­genannter Stammzellen. Das sind quasi die Urzellen aller Körperzellen, aus denen andere, spezialisierte Zelltypen entstehen können – etwa Blut-, Nerven- oder Leberzellen. Dieses breite Spezialisierungspotenzial nennen Wissenschaftler Pluripotenz. Stammzellen finden sich zum Beispiel im Knochenmark und im Blut, aber auch in vielen Organen. Die Idee, sie zur Therapie von Krankheiten zu nutzen, ist nicht neu. Schon vor 45 Jahren gelang dem US-amerikanischen Arzt Edward D. Thomas die erste erfolgreiche Knochenmarkstransplantation bei einem Leukämie-Patienten.

Die Stammzelltherapie bei MS funktioniert im Prinzip ähnlich. Anders als bei Blutkrebs ist jedoch kein Verwandter oder fremder Mensch als Stammzellspender notwendig. In den meisten Studien kommen blutbildende (hämatopoietische) Stammzellen zum Einsatz, die aus dem Knochenmark oder dem Blut des MS-Kranken entnommen und gereinigt werden. Potenzielle, bisher aber wenig getestete Alternativen sind mesenchymale Stammzellen aus dem Knochenmark, der Haut oder dem Fettgewebe. Nach der Entnahme der Stammzellen erhält der Patient eine Chemotherapie, die sein Immunsystem ausschaltet. Die zwischengelagerten Stammzellen spritzen ihm Ärzte dann wieder in die Blutbahn (autologe Transplantation), von wo aus sie ins Knochenmark wandern und ein neues Immunsystem bilden – ohne die Fehlprogrammierung gegen körpereigenes Myelin.

Viele Patienten mit schwerer MS, die auch durch moderne Medikamente nicht ausreichend in Schach zu halten ist, setzen große Hoffnungen in dieses Verfahren. Im Gegensatz zur Stammzelltransplantation bei Blutkrebs befindet sich der Therapieansatz bei MS aber noch in einem experimentellen Stadium und wird nur im Rahmen von medizinischen Studien durchgeführt. Deren Ergebnisse klingen teilweise vielversprechend – sie zeigen aber auch das hohe Gefahrenpotenzial der neuen Behandlung.




Zunächst wird die Stammzellbildung angeregt, dann ernten Mediziner die Zellen mit Hilfe einer Blutwäsche.

Foto: iStock/VILevi


Die Risiken ergeben sich zum einen aus der kompletten Zerstörung des Immunsystems. Dadurch sind die Patien­ten für einen gewissen Zeitraum jeglichen Infektionen schutzlos ausgeliefert. Zum anderen handelt es sich bei den dafür eingesetzten Chemo­therapeutika um teilweise hochgiftige Medikamente, die auch andere Zellen des Körpers schädigen können.

Nutzen und Risiken genau abwägen

In einer kanadischen Studie erhielten 24 Patienten mit fortschreitender MS und bleibenden Behinderungen eine Stammzelltherapie. Ihre hämatopoietischen Stammzellen wurden zunächst mit dem Immunstimulans Filgrastim vermehrt und mit Hilfe des Zellgifts Cyclo­phosphamid aus dem Knochenmark ins Blut gelockt. Nach zehn Tagen ernteten die Mediziner die potenziellen Neustarter des Immunsystems durch eine Blutwäsche (Leukopherese). Eine aggressive Chemotherapie mit Cyclophosphamid, Busulfan und Antithymozytenglobulin zerstörte anschließend das »alte« Immunsystem. Nachdem die Patienten ihre Stammzellen zurück­infundiert bekommen hatten, verbrachten sie mehrere Wochen auf einer Isolierstation, um vor äußeren Keimen geschützt zu sein. Vor der Behandlung hatten die Studienteilnehmer im Durchschnitt 1,2 Krankheitsschübe im Jahr. Danach trat bei 16 von ihnen bis zu 13 Jahre lang kein Schub mehr auf.




Stammzellen können in flüssigem Stickstoff gelagert werden.

Foto: Shutterstock/Elena Pavlovich


In der Magnetresonanztomographie (MRT) zeigten sich keine neuen Ent­zündungsherde im Gehirn oder Rücken­mark. Bei gut einem Drittel der Behandelten verbesserten sich sogar bestehende neurologische Einschränkungen wie Sehstörungen, Muskelschwäche und Gleichgewichtsprobleme. Die Atrophie des Gehirns, die als Maß für das Fortschreiten von MS gilt, sank auf das normale Maß bei gesunden Menschen. Einer der 24 Patienten starb jedoch nach einer schweren transplan­tationsbedingten Infektion. Ein weiterer erholte sich von einer ähnlichen Komplikation. Als häufigste Nebenwirkung der Therapie veränderte sich das Blutbild: Die Konzentration weißer Blutkörperchen sank.

Vergleichbare Ergebnisse brachte eine im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte größere Studie. In 13 Ländern wurden insgesamt 281 MS-Patienten be­handelt. Innerhalb von 100 Tagen nach der Stammzelltransplantation traten acht Todesfälle auf, die die Mediziner als Folge der Therapie einordneten. Von den überlebenden Patienten kam die Erkrankung bei etwa der Hälfte mindestens fünf Jahre lang zum Stillstand. Generell schien die Therapie bei jüngeren Patienten, solchen mit einer schubförmigen MS, weniger vorangegangenen Immuntherapien und einem ge­ringeren Grad von Behinderung besser anzuschlagen.

Dass sich das Fortschreiten von MS bei einem so großen Anteil der Patienten über einen so langen Zeitraum aufhalten ließ, war den Wissenschaftlern mit medikamentösen Therapien bisher nicht gelungen – auch wenn diese bei einem gewissen Prozentsatz ebenfalls sehr gute Erfolge bringen. Wissenschaftler warnen dennoch vor allzu großer Euphorie. Wegen der hohen Risiken kommt eine Stammzelltherapie bisher nur für wenige Patienten in Frage, bei denen die Krankheit besonders aggressiv verläuft und Medikamente kaum Wirkung zeigen. Und: Entsprechende medizinische Studien lassen sich nur in hochspezialisierten Zentren mit großem Know-how durchführen.

Auch unseriöse Anbieter

Immer wieder warnen die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) und verschiedene Patientenverbände vor unseriösen Stammzelltherapien, die auch in deutschen Kliniken für viel Geld angeboten werden. Diese seien nicht nur unnütz und teuer, sondern unter Umständen sogar lebensgefährlich. Zudem würden solche voreiligen Versuche den Ruf der gesamten Stammzellforschung gefährden. Durch die Teilnahme an einer klinischen Studie zur Stammzelltherapie bei MS entstehen dem Patienten in der Regel dagegen keine Kosten. Bis die Technik ausgereift und ausreichend untersucht ist, um als reguläre Therapie von der EMA zugelassen zu werden, können nach Meinung von Experten noch zehn bis 20 Jahre vergehen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=10993