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BERATUNGSPRAXIS

Gehaltsabweichung bei Rezepturen

Den Fehlerquellen auf der Spur


Von Ingrid Ewering / Ein Arzneimittel muss exakt die deklarierte Arzneistoffmenge enthalten. Diese Forderung gilt für Rezepturarzneimittel genauso wie für industriell gefertigte Medikamente. Doch bei Ersteren bemängeln Aufsichts­behörden und das Zentrallabor in Eschborn immer wieder falsche Wirkstoffgehalte. Meist liegt der Fehler beim Wiegen.

 

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»Wir lassen unsere Waagen alle zwei Jahre eichen, so wie es die Mess- und Eichverordnung vorschreibt. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass die Wiegeergebnisse korrekt sind. Dazu muss man einiges beachten«. Mit diesen Worten beginnt die Apothekenleiterin Sabine Kirchhoff die Teambesprechung. Heute soll es um das korrekte Wiegen gehen. In der Delphin-Apotheke gibt es im Rezepturbereich zwei elektronisch arbeitende Waagen: Die Rezepturwaage, auch Präzisionswaage genannt, zeigt die Masse mit zwei Stellen nach dem Komma an und gehört damit zur Gerätegenauigkeitsklasse II. Die Feinwaage mit vier Stellen nach dem Komma gehört zur Genauigkeitsklassse I.



»Beide Waagen arbeiten nach dem Prinzip der elektromagnetischen Kraftkompensation: Je schwerer das Wägegut ist, desto mehr Kompensationskraft wird mit Hilfe einer magnetischen Spule erzeugt, die über den fließenden Strom gemessen wird, erklärt Kirchhoff. Sie erläutert, dass magnetische Gegenstände wie der »Rührfisch« die magnetische Spule beeinflussen. Je nach aufgelegter Position ändert sich der angezeigte Wert. Wenn möglich, rühren Sie bei der Herstellung mit einem Glasstab oder verwenden Sie einen Korkuntersetzer«, erinnert Kirchhoff ihre Angestellten.

Die Apothekenleiterin erläutert, dass das elektromagnetische Feld eine Stunde benötigt, um sich aufzubauen – die sogenannte Aufwärmzeit. »Um nicht bei jeder Rezeptur so lange warten zu müssen, sollten die Waagen immer im Standby-Modus laufen«, fasst Kirchhoff zusammen. »Die Waagen mögen auch keine Erschütterungen oder Zugluft. Deshalb die Schieber beim Ablesen immer geschlossen halten«, ermahnt sie. Das Wägegut sollen die Mitarbeiterinnen mittig direkt über die Messeinheit ausrichten, denn durch die Belastung der Waage am Rand des Wägetellers entstehen sogenannte Eckenlastfehler. Auch sollte das Wägegut Zimmertemperatur haben. »Ist es noch warm, steigt die Temperatur der Umgebungsluft. Wegen des dynamischen Auftriebs zeigt die Waage dann niedrigere Werte an. Ist es aufgrund von Kühlschranklagerung kälter als die Umgebungsluft, so sackt die kühlere Luft nach unten. Die Waage zeigt zu hohe Werte an. Achten Sie bitte auf Sauberkeit, denn verschüttetes Pulver stört den Messvorgang extrem. Bitte entfernen Sie Pulverreste mit feuchten Tüchern und nicht mit einem Haar­pinsel.

Nivellieren, justieren, kalibrieren

»Vor jedem Wiegen müssen Sie zunächst die Libelle kontrollieren«, erinnert die Apothekerin. »Ist die Luftblase verrutscht, steht die Waage nicht im Lot. Dann dreht man so lange an den Fußschrauben, bis sie wieder ausgerichtet ist. Dieser Vorgang heißt ›nivellieren‹.«




Foto: iStock/kushala


Die PTA Kathrin Sommer wirft ein, dass »justieren« doch eigentlich »ausrichten« bedeute. »Ja, das stimmt«, antwortet die Chefin. »Das ist leider etwas verwirrend. Die bessere Übersetzung des Fremdwortes ist ›etwas genau einstellen‹. Beim Wiegen beginnen wir mit dem Nivellieren. Der nächste Schritt ist das Justieren. Dazu drückt man die cal-Taste an der Waage. Damit startet ein automatischer Vorgang, bei dem die Waage eigenständig Justiergewichte auflegt und Abweichungen automatisch korrigiert. Diese Selbstkontrolle der Waage ist nach der Aufwärmzeit und dem Nivellieren an der Reihe«, beendet die Apothekenleiterin ihre Erklärung.

Jetzt ist die PTA völlig verwirrt und ruft: »Beim Drücken der cal-Taste wird doch kalibriert!« Kirchhoff antwortet: »Die Namensgebung ist wirklich ex­trem unglücklich. Beim Betätigen der cal-Taste wird justiert. Kalibrieren bedeutet, dass die Waage auf Messgenauigkeit geprüft wird. Dazu legt man mit Hilfe des beiliegenden Spezialtuches ein 10-g-Gewicht auf die betriebsbereite Rezepturwaage mittig auf den Wägeteller, bei der Analysenwaage mit der Pinzette ein 100-mg-Gewichtstück. Bitte nie mit den Fingern anfassen, denn Hautfett kann die Messung verfälschen!«, schärft sie allen ein. Handschuhe können den Wert durch Fusseln oder andere Partikel ebenfalls verändern. Dann erklärt sie dem Team, dass die Rezepturwaage beim Kalibrieren einen Wert zwischen 9,99 bis 10,01 g anzeigen muss; die Analysenwaage zwischen 99 bis 101 mg. Andernfalls sind die Geräte nicht in Ordnung. »Jetzt muss ich nochmal nachfragen«, wirft eine andere PTA ein: »Wenn ich die cal-Taste drücke, justiert sich die Waage eigenständig, und lege ich Gewichte auf, so kalibriere ich die Waage?« »Ja, so ist es«, bestätigt die Chefin.

Eichwert und Verkehrsfehlergrenze

Die Apothekenleiterin fährt fort: »Für jede Waage existiert eine Mindestlast. Sie beträgt bei unserer Analysenwaage 10 mg. Massen unter dieser Mindestlast können mit der Analysenwaage nicht gewogen werden. Wenn man 5 mg abwiegen muss, nützt es nichts, eine Wägeunterlage, die mehr als 10 mg Gewicht mitbringt, unterzulegen. Das führt nicht zum korrekten Wiegeergebnis. Die Lösung besteht darin, ein Rezepturkonzentrat zu verwenden. Der Wert 10 mg muss von jedem einzuwiegenden Stoff allein überschritten werden.«


Tabelle: Kalibrierung von Rezeptur- und Analysenwaage

Waagentyp Rezepturwaage Präzisionswaage Analysenwaage Feinwaage 
Kalibrierung   
Kalibrierung mit Prüfgewichten 10 g 100 mg 
Erlaubte Abweichung und Waagenanzeige ± 0,01 g 9,99 bis 10,01 g ± 1 mg 99 bis 101 mg 
Kennzahlen   
Höchstlast Max.  3200 g 220 g 
Mindestlast Min. 0,5 g 0,01 g entspricht 10 mg 
Eichwert e 0,1 g 0,001 g entspricht 1 mg 
Ablesegenauigkeit Digitalwert d 0,01 g 0,0001 g entspricht 0,1 mg 
Niedrige Belastung ≤ 500 g ≤ 50 g 
Hohe Belastung 500 bis 2000 g 50 bis 200 g 

»Kann man mit der Feinwaage 25 mg Betamethasonvalerat mit ausreichender Genauigkeit abwiegen?«, fragt Kirchhoff dann in die Runde. »Das ist unproblematisch, denn die Mindestlast von 10 mg ist doch überschritten«, meint eine PTA. »Ja, stimmt. Aber es gibt ein Problem, das mit der sogenannten Verkehrsfehlergrenze zu tun hat, also der eichtechnisch erlaubten Abweichung nach oben und unten«, antwortet die Chefin. Als sie die fragenden Gesichter ihrer Mitarbeiter sieht, erklärt sie: »Schauen Sie auf das Typenschild unserer Analysenwaage: Der Eichwert e ist angegeben mit 0,001 g. Dieser Wert wird auch Verkehrsfehlergrenze genannt, da er die vom Eichamt erlaubte Abweichung definiert. Das bedeutet, jede geeichte und damit verkehrsfähige Waage hat einen Wägefehler, der jedoch begrenzt sein muss. Unsere Analysenwaage hat also bis zur Gesamtbelastung von 50 g einen maximalen Wägefehler, der einmal dem Eichwert e entspricht. Als Wert ausgedrückt ist eine Abweichung von bis zu ±1 mg möglich. Wenn Sie also punktgenau 0,0250 g Betamethasonvalerat einwiegen, dann beträgt die auf dem Wägeteller liegende Menge zwischen 24 und 26 mg.« Dies bedeutet, dass die abgewogene Menge bis zu 4 Prozent vom geforderten Gewicht abweichen kann. Laut NRF sind Wägungen bei der Arzneimittelherstellung möglichst auf 1,0 Prozent genau vorzunehmen.

Erschreckt stellen alle Anwesenden fest, dass die geforderte Genauigkeit des Einwiegens nicht gewährleistet ist. Auch dieser Fall lässt sich mit Einsatz eines Rezepturkonzentrats lösen.

Feinwaage für geringe Mengen

Eine neue Mitarbeiterin erzählt, dass sie Massen ab 1 g grundsätzlich auf der Rezepturwaage direkt in die Mischschale einwiegt, um so Verluste an Wirkstoff zu vermeiden. »Ja, ich verstehe, was Sie meinen«, entgegnet die Apothekenleiterin. »Aber erinnern Sie sich bitte: Die Feinwaage mit der Genauigkeitsklasse I ist die bessere der beiden Waagen. Bis zur Gesamtbelastung von 50 g beträgt der Messfehler maximal ±0,001 g. Sie wiegen aber lediglich 1 g ein! Außerdem arbeitet jede Waage im unteren Wägebereich, also bei kleiner Belastung, viel genauer. Deshalb bitte zur Einwaage von Wirkstoffmengen immer ein leichtes Wägeschiffchen einsetzen. Nicht-voluminöse Wirkstoffmengen bis zu 5 g sollten in unserer Rezeptur immer auf der Feinwaage (Analysenwaage) und nicht auf der Präzisionswaage (Rezepturwaage) gewogen werden. Die anschließende Zuwaage von Grundlage oder Kapselfüllstoff erfolgt mit der Rezepturwaage.« Mit den Worten: »Man darf auch während der Rezepturherstellung die Waage wechseln. Wir haben die beiden Waagen deswegen nah beieinander stehen«, beendet sie schmunzelnd ihre Erklärungen. Gemeinsam schaut sich das Team ein Herstellungsprotokoll an. Der Arzt hatte 50 g einer 0,25-prozentigen Hydrocortison-Creme verordnet (siehe Tabelle).




Laut Analysenzertifikat beträgt der Trocknungsverlust der in der Apotheke vorrätigen Wirkstoffcharge 1 Prozent. Das bedeutet, 100 g Wirkstoff hat 1 g Wasser an seiner Oberfläche adsorbiert. Die Gehaltsbestimmung, durchgeführt nach dem Trocknen der Substanz, zeigt abermals ein Defizit von 1 Prozent. Dies ist kein Oberflächenwasser, sondern es handelt sich um vom Arzneibuch erlaubte Verunreinigungen, wie zum Beispiel Syntheserückstände. Da sowohl Wasser als auch andere Begleitstoffe nicht wirksam sind, muss die vom Arzt verordnete Arzneistoffmenge entsprechend erhöht werden. Aus den Werten des Analysenzertifikates errechnet sich zu Fuß oder mit der online-Rechenhilfe des NRF der Einwaagekorrekturfaktor f von 1,020, der auf das Standgefäß notiert wird. Durch Multiplikation mit dem Einwaagekorrekturfaktor erhöht sich die ärztlich verordnete Wirkstoffmenge von 125 mg auf 127,5 mg. Laut Protokoll wurden aber lediglich 125,4 mg Wirkstoff eingewogen. »Ich kann diese Rezeptur nicht freigeben, da der Einwaagekorrekturfaktor nicht berücksichtigt wurde«, sagt die Apothekenleiterin. Sie ergänzt: »Als Inprozess­kontrolle fordert das NRF die Rückwaage der Wägeunterlage nach dem Überführen des Wirkstoffs. Der angezeigte Wert darf nicht höher sein als 1 Prozent der eingesetzten Wirkstoffmenge. In unserer Apotheke arbeiten wir stattdessen mit einem mathematisch berechneten Einwiegekorridor in Höhe von ±1 Prozent. Idealerweise wiegen Sie bitte im oberen Bereich ein, denn so vermeiden wir Mindergehalte durch Berücksichtigung eines ›Wirkstoffzuschlages‹ von maximal 1 Prozent. Bei der letzten Revision war der Amtsapotheker sehr von dieser Idee angetan. So gewährleisten wir die vom NRF geforderte Wirkstoffgenauigkeit, da wir zusätzlich Wirkstoffreste immer mit dem Anreibemittel abspülen; bei wasserlöslichen mit etwas Wasser.« »Ein Glück!«, sagt die neue PTA. »Die zeitaufwändige Rechnerei des Wirkstoffverlustes durch Anhaftungen am Einwiegegefäß hat mich immer genervt.«

»Aber bei dem Anreibemittel sind doch 10 Prozent mehr eingewogen worden«, stellt PTA Kathrin Sommer überrascht fest. »Ja, Sie haben Recht. Die Kollegin, die diese Rezeptur gemacht hat, hat mir erklärt, dass sie großzügig abgespült hat und dass deswegen so viel Anreibemittel enthalten ist. Da es sich um einen indifferenten Hilfsstoff handelt, ist das akzeptabel. Aber der Mindergehalt des Arzneistoffs geht gar nicht!«, beendet die Apothekerin ihre Ausführungen. »Doch ab heute wissen Sie ja nun, wie man Wäge­fehler vermeidet.« /




Tipp

Zur Vertiefung des Themas und für Teamschulungen eignen sich die Filme »Gute Wägepraxis in der Apotheke« und »Qualitätssicherung der Waagen« des Zentral­labors.



Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2017

 

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