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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Neue Arzneistoffe

Sixpack im September


Von Sven Siebenand / Insgesamt sechs neue Wirkstoffe kamen im Laufe des Septembers neu auf den deutschen Markt. Sie verteilen sich auf fünf verschiedene Präparate, eines davon enthält gleich zwei Neulinge. Die Indikationen der neuen Medikamente reichen von Hepatitis C über Brustkrebs und Schuppenflechte bis hin zu einer Unterfunktion der Nebenschilddrüse.

 

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Im vergangenen Jahr kam mit Epclusa® das erste pangenotypisch einsetzbare Hepatitis-C-Präparat auf den Markt. Nun folgten im September zwei weitere: Vosevi® Filmtabletten von Gilead und Maviret® Filmtabletten von Abbvie. Vosevi ist sozusagen eine Weiterentwicklung von Epclusa. Denn es enthält neben den beiden Wirkstoffen aus Epclusa – Sofosbuvir und Velpatasvir – zusätzlich den Neuling Voxilaprevir, einen neuen NS3/4A-Proteasehemmer.



Die Behandlungsdauer mit Vosevi beträgt acht Wochen für DAA-naive Patienten ohne Zirrhose und zwölf Wochen für DAA-naive Patienten mit kompensierter Zirrhose, wobei die Behandlungsdauer bei Patienten mit einer Infek­tion vom Genotyp 3 auf acht ­Wochen verkürzt werden kann. DAA-vorbehandelte Patienten ohne oder mit kompensierter Zirrhose erhalten das neue Medikament für zwölf Wochen. In Sachen Kontraindikation und Wechselwirkungen von Vosevi gibt es einiges zu beachten: Zum Beispiel verbietet sich die gleichzeitige Gabe starker P-Glykoprotein-Induktoren und/oder starker CYP-Induktoren. Zudem ist die gleichzeitige Anwendung mit Rosuvastatin, Dabigatranetexilat oder mit Ethinyl­estradiol tabu.

Vorsicht und häufige Funktionsprüfungen der Nieren sind geboten, wenn Patienten gleichzeitig bestimmte antiretrovirale HIV-Wirkstoffe anwenden, etwa Tenofovirdisoproxilfumarat oder Efavirenz. Amiodaron sollte nur zusammen mit Vosevi verabreicht werden, wenn keine alternative Behandlung zur Verfügung steht.

Die empfohlene Dosis lautet eine Tablette pro Tag, und zwar zusammen mit einer Mahlzeit. In einer Tablette stecken 400 mg Sofosbuvir sowie je 100 mg Velpatasvir und Voxilaprevir. Aufgrund des bitteren Geschmacks sollten PTA und Apotheker dazu raten, die Filmtabletten weder zu zerkauen noch zu zerkleinern.

In Schwangerschaft und Stillzeit sollten Frauen Vosevi nicht anwenden. Die am häufigsten beobachteten Neben­wirkungen waren Kopfschmerzen sowie Durchfall und Übelkeit.

Hepatitis C zum Zweiten

Das zweite neue pangenotypische Hepatitis-C-Präparat Maviret enthält mit dem NS3/4A-Proteasehemmer Gleca­previr und dem NS5A-Inhibitor Pibrentasvir gleich zwei neue Wirkstoffe. Es kann als einmal tägliche Acht-Wochen-Therapie zur Behandlung therapie­naiver, nicht zirrhotischer Hepatitis-C-Patienten aller Genotypen ohne Ribavirin eingesetzt werden.



Therapienaive Patienten mit Zirrhose erhalten eine zwölfwöchige Behandlung. Bei vorbehandelten Patienten liegt die Behandlungsdauer zwischen acht und 16 Wochen, je nachdem, welcher Genotyp vorliegt und ob der Patient eine Zirrhose hat oder nicht. Eine Filmtablette Maviret enthält 100 mg Glecaprevir und 40 mg Pibrentasvir. Patienten nehmen in der Regel einmal pro Tag drei Tabletten ein, auch hier zusammen mit einer Mahlzeit. Patienten dürfen auch die Tablet­ten weder zerkauen oder zerstoßen noch zerbrechen.

Maviret eignet sich auch für Patienten mit schwerer beziehungsweise terminaler Nierenfunktionsstörung, einschließlich Dialyse-Patienten. Häufigste Nebenwirkungen waren Kopfschmerzen, Durchfall, Übelkeit und Fatigue. Kontraindiziert ist die gleichzeitige Anwendung mit den Wirkstoffen Atazanavir, Atorvastatin, Simvastatin, Dabigatranetexilat, Ethinylestradiol sowie starken P-Glykoprotein- und CYP3A-Induktoren. Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung dürfen Maviret nicht einnehmen. Wie Vose­vi wird auch Maviret Stillenden und Schwangeren nicht empfohlen.

Neues Mittel gegen Schuppenflechte

Für Patienten mit Plaque-Psoriasis steht seit September ein neues Biologikum als Erstlinientherapie zur Verfügung: Brodalumab (Kyntheum®, Leo Pharma). Es kommt bei Erwachsenen mit mittelschwerer bis schwerer Erkrankung zum Einsatz, die eine systemische Behandlung benötigen. Bei Brodalumab handelt es sich um einen monoklonalen Antikörper, der den Interleukin (IL)-17-Rezeptor A bindet.



Dadurch bremst er das Entzündungsgeschehen bei Schuppenflechte. Er weist somit einen ähnlichen Wirkmechanismus wie die Antikörper Secukinumab (Cosentyx®) und Ixekizumab (Taltz®) auf, die jedoch nicht den Rezeptor, sondern IL-17A binden. Der IL-17-Rezeptor A spielt aber nicht nur bei der Signalübermittlung von IL-17A, sondern auch bei der einiger anderer Zytokine eine Rolle. Damit darf man bei Brodalumab auf eine breitere Wirkung hoffen.

Nach einer Schulung dürfen die Patien­ten den Antikörper selbst subkutan injizieren. Die empfohlene Dosis beträgt 210 mg und wird in den ersten drei Wochen einmal pro Woche und danach alle zwei Wochen verabreicht. Der Arzt kann die Behandlung abbrechen, wenn sich die Erkrankung nach zwölf bis 16 Wochen nicht bessert.

PTA und Apotheker können den Hinweis geben, die Fertigspritze nicht zu schütteln. Patienten sollten das Medikament nicht in schmerzempfindliche, geprellte, rote, harte, dicke, schuppige oder von Psoriasis betroffene Haut spritzen. Zudem steht für sie der Gang zum Arzt an, wenn unter der Therapie Anzeichen oder Symptome einer Infektion auftreten. Vor Beginn einer Brodalumab-Behandlung gilt es, den Impfschutz gemäß den aktuellen Impfempfehlungen zu aktualisieren. Kyntheum darf jedoch nicht gleichzeitig mit Lebendimpfstoffen verabreicht werden.

Sehr häufige Nebenwirkungen des Antikörpers zeigen sich in Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Durchfall und Schmerzen im Mund und Rachen. Kyntheum darf weder bei Patienten mit potenziell schweren Infektionen, zum Beispiel Tuberkulose, noch bei Patienten mit aktivem Morbus Crohn angewendet werden. Es liegen einige Berichte über suizidales Verhalten bei Patienten vor, die dieses Arzneimittel anwendeten. Obwohl es keine Belege für einen Zusammenhang mit diesem Arzneimittel gibt, sollten Ärzte die Entscheidung für eine Brodalumab­-Behandlung bei Patienten, die in der Vergangenheit suizidales Verhalten gezeigt oder an Depressionen oder Angststörungen gelitten haben, nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung treffen. Die Behandlung mit dem neuen Arzneimittel sollte beendet werden, wenn Patienten Depressionen oder Angst zeigen beziehungsweise, wenn sich diese Symptome verschlechtern.

Frauen im gebärfähigen Alter sollten während und bis zwölf Wochen nach einer Brodalumab-Therapie sicher verhüten. Vorsichtshalber sollte eine Therapie mit dem Antikörper bei Schwangeren vermieden werden. In der Stillzeit entscheidet der Arzt, ob die Therapie abgebrochen werden muss oder auf das Stillen verzichtet wird.

Das Präparat ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius zu lagern. Patienten können Kyntheum im Umkarton ein einziges Mal für maximal 14 Tage bei Zimmertemperatur bis zu 25 Grad Celsius aufbewahren.

Option bei Brustkrebs

Ribociclib (Kisqali® 200 mg Filmtabletten, Novartis Pharma) dient der Behandlung von postmenopausalen Frauen mit lokal fortgeschrittenem oder bereits metastasierendem Brustkrebs. Zudem müssen der Hormon­rezeptor (HR) positiv und der humane epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor-2 (HER2) negativ sein. Das Medikament wird immer mit einem Aromatase-Hemmer kombiniert.



Nach Palbociclib (Ibrance®) aus dem Vorjahr ist Ribociclib der zweite Vertreter aus der Klasse der Inhibitoren der Cyclin-abhängigen Kinasen 4 und 6 (CDK 4/6). Diese spielen eine Schlüsselrolle bei der Regulierung des Zellzyklus und bei der Steuerung des Zellwachstums. Werden die Kinasen gehemmt, bremst das die Zellvermehrung.

In der Regel müssen die Patientinnen 21 Tage lang einmal täglich drei Ribociclib-Filmtabletten à 200 mg einnehmen. Danach folgt eine siebentägige Einnahmepause, bevor der nächste Einnahmezyklus beginnt. Kisqali kann zu oder unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. PTA und Apotheker können der Patientin empfehlen, die Tabletten jeden Tag ungefähr zur gleichen Zeit einzunehmen.

Schwere oder nicht tolerierbare Nebenwirkungen können dazu führen, dass der Arzt die Behandlung vorübergehend unter- beziehungsweise sie ganz abbricht oder, dass er die Dosis reduziert. Vor Behandlungsstart sollte der Arzt ein großes Blutbild erstellen lassen und dieses während der ersten zwei Zyklen alle zwei Wochen wiederholen. Danach ist ein großes Blutbild zu Beginn eines jeden neuen Zyklus vonnöten. Auch die Leberfunktion ist vor und während der Therapie zu überprüfen. Ebenso wird dazu geraten, regelmäßig ein EKG zu erstellen.

Die gleichzeitige Anwendung starker CYP3A4-Inhibitoren sollte ver­mieden werden. Falls ihr Einsatz unverzichtbar ist, sollte der Arzt die Ribociclib-Dosis reduzieren. Vorsicht gilt bei Patientinnen mit schwerer Nieren­funktions­störung. Sie sind engmaschig auf Anzeichen einer Toxizität zu überwachen. Bei mittelschwerer oder schwerer Leberfunktionsstörung wird eine Dosisreduktion von Ribociclib empfohlen.

Neutropenie war die am häufigsten beobachtete Nebenwirkung. Sehr häufig traten zudem Harnwegsinfektionen, verminderter Appetit, Dyspnoe, gastrointestinale Beschwerden, Alopezie, Juckreiz, Rückenschmerzen und Fatigue auf.

Ersatz für Parathormon

Beim selten auftretenden Hypoparathyreoidismus produzieren die Nebenschilddrüsen nicht genug oder gar kein Parathormon. Das neue Arzneimittel Natpar® von Shire enthält als Wirkstoff rekombinantes Parathormon, dessen Aminosäuresequenz derjenigen des körpereigenen Hormons gleicht. Es darf bei Erwachsenen mit Hypoparathyreoidismus zum Einsatz kommen, deren Erkrankung sich mit einer Standardtherapie – bestehend aus Calcium plus Vitamin D – nicht kontrollieren lässt. Die Behandlung zielt auf einen kontrollierten Blutcalciumspiegel und die Verminderung der Symptome. Es stehen die Stärken 25, 50, 75 und 100 µg zur Verfügung. Wie er das Arzneimittel mischt und den Pen nutzt, erfährt der Patient in einer Schulung. Danach verabreicht er sich das Mittel selbst einmal täglich subkutan im Wechsel in jeweils einen Oberschenkel. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 50 µg einmal täglich. Die Dosis von Natpar sowie die Dosis der Calcium- und Vitamin-D-Mittel passt der Arzt dann auf Grundlage der Calciumspiegel im Blut an. Die Tageshöchstdosis beträgt 100 µg.


Sehr häufige Nebenwirkungen sind zu hohe oder zu niedrige Calciumspiegel im Blut, was zum Beispiel zu Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Parästhesien und reduziertem Tastsinn führen kann. Natpar darf nicht angewendet werden bei Patienten, bei denen eine Strahlentherapie der Knochen durchgeführt wird oder wurde, bei Patienten mit Knochenkrebs oder einem Krebs, der in die Knochen gestreut hat, sowie bei Patienten mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung eines Osteosarkoms. Tabu ist das Präparat zudem bei erhöhten Spiegeln des Enzyms knochenspezifische alkalische Phosphatase und bei Pseudohypoparathyreoidismus.

In der Schwangerschaft wägt der Arzt ab, ob eine Therapie mit Natpar eingeleitet beziehungsweise abgebrochen werden soll. In der Stillzeit bespricht er mit der Patientin, ob das Medikament abgesetzt oder auf das Stillen verzichtet wird. /





Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2017

 

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