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Upcycling

Mehrwert aus Müll


Von Isabel Weinert / Bis 2025 rechnen Experten mit sechs Millionen Tonnen Müll pro Tag weltweit allein in den Ballungsgebieten dieser Erde. Hierzulande verabschieden sich die Menschen gerade von Plastiktüten, in vielen Ländern setzt ein Umdenken noch langsamer ein. Upcycling ist ein Mosaikstein im Kampf gegen den Müll, wie ein Beispiel aus Jordanien zeigt.

 

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In Deutschland wird der Müll getrennt und in Teilen recycelt, das System heißt Kreislaufwirtschaft. Auch die Apotheker hierzulande engagieren sich, etwa in der Kampagne »Wir packen’s ohne Plastik«. Zudem kümmern sie sich gut um die Entsorgung alter Medikamente, wie eine Apokix-Umfrage des Instituts für Handelsforschung (IfH) Köln jüngst zeigte.




Foto: Yousef Farraj



In vielen Ländern fehlen jedoch Möglichkeiten und Bewusstsein für diese Art des Umgangs mit dem Abfall. Etliche Menschen entwickeln deshalb eigene Ideen gegen das Wegwerfen, darunter der 26-jährige Ala’a Ziadeh (Foto oben, vorne), der in Amman lebt, der Hauptstadt Jordaniens.

Gemeinsam mit der deutschen Islam­wissenschaftlerin Marianne Sievers (Foto oben, 2. Reihe, Mitte) setzt er in seinem kleinen Unternehmen auf Upcycling. Dabei entstehen aus Müll Möbel und Gebrauchsgegenstände. Darüber hinaus zeigt Ziadeh Menschen, wie sie sich selbst schaffen können, was ihnen fehlt.

Müll, wohin man schaute, so hat es Ala’a Ziadeh schon als Kind empfunden, wenn er durch die Straßen Ammans lief. Wie in vielen anderen Ländern existiert auch in Jordanien kein umfassendes Müllentsorgungswesen. Amman hat eine staatliche Mülldeponie, ansonsten kommt alles, was Menschen wegwerfen, sei es aus Privathaushalten oder öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, unsortiert auf wilde Deponien – oder auf die Straßen. »In einigen Vierteln gibt es eine Müllabfuhr, dennoch landen viele Abfälle, Holz und Plastik auf den Gehwegen«, weiß Sievers. Dass Müll nicht wertlos ist, dieses Bewusstsein hat sich noch nicht flächendeckend durchgesetzt.

Jeder kann mitmachen

Studiert hat Ala’a Ziadeh Ingenieurwesen für Landvermessung. Nach einiger Zeit in diesem Beruf ließ ihn jedoch die Idee nicht mehr los, dem Müll auf Ammans Straßen den Kampf anzusagen. Er wollte aufwerten, was weggeworfen wurde. Das erste Produkt war ein Kind des Zufalls. Ziadeh saß mit einem Freund vor einer angesagten Konditorei im Stadtzentrum von Amman. Die dort gebackene Spezialität gibt es als Take away, inklusive Plastiklöffel. Den lassen die Leute meistens fallen, wenn sie aufgegessen haben. Ziadeh sammelte die Löffel, säuberte sie und baute daraus eine Lampe. Mittlerweile haben sich verschiedenste Möbel und Gebrauchsgegenstände hinzugesellt – Paletten spielen dabei eine wichtige Rolle, alte Autoreifen oder Plastikflaschen. Sievers stieß dazu, als sie einen neuen Tisch brauchte und bei Ziadeh nachfragte. Sie kamen ins Gespräch.Heute kümmert sie sich hauptsächlich um PR und die Weiterentwicklung des Unternehmens.




Foto: Marianne Sievers


»Am Anfang haben wir auf den Straßen Ammans nach verwertbarem Müll geschaut«, berichtet die junge Frau. Doch heute übersteigt der Bedarf an altem Holz, an Plastik und Gummi die Mengen, die sie finden können. Denn Ziadehs Idee hat sich bei Hilfsorganisationen und Unternehmern in Amman herumgesprochen. »Das liegt auch an dem winzigen Geschäftsraum, sagt Sievers, er lässt kaum Platz für die Arbeit, weshalb sie davor stattfindet, auf der Straße«. Das führte zu einer steigenden Zahl interessierter Passanten. Anfangs bekam der junge Jordanier keine Wertschätzung, »er war der, der im Müll wühlt«, erinnert sich Sievers. Doch das hat sich verändert: »Viele bringen Müll und kaputte Gegenstände zu uns, mit der Bitte, dass wir ihnen daraus etwas Neues bauen. Andere kommen und wollen lernen, was sie selbst aus dem Müll schaffen können«, erzählt die Islamwissenschaftlerin. So hat sich die Kunde von Ziadehs Laden verbreitet. Heute müssen sie auch Rohstoffe hinzukaufen – allerdings nur recycelte.

Von Nutzen für Flüchtlinge

Daran und an Ziadehs Ideen zeigen immer wieder Hilfsorganisationen Interesse, die sich vielfach um diejenigen syrischen Flüchtlinge kümmern, die abseits der offiziellen Flüchtlingslager in Dörfern leben. Mehr Menschen, mehr Müll zum einen, mehr Menschen, mehr Bedarf zum anderen. Da eignet sich Upcycling hervorragend, um günstig an Notwendiges zu kommen und gleichzeitig dazu beizutragen, den Müll zu reduzieren. Sievers berichtet: »In einem Projekt gemeinsam mit der Hilfsorganisation Innovation Aid habe ich mit syrischen Flüchtlingen Tische aus Holz gebaut, ummantelt mit Plastikflaschen. Dafür wärmt man das Plastik mit einem Fön an, es wird dann weich und dient als Verbindungsstück, dass Holzteile zusammenschweißt«. Die beteiligten Flüchtlinge haben künftig Tische und wissen zudem, wie sie diese selbst mit einfachen Mitteln herstellen können.

Mittlerweile sind Projekte in diese Richtung und in Sachen Upcycling im Kommen. Ziadeh und Sievers sagen bei Anfragen dann zu, wenn sie darin einen Nutzen für die Flüchtlinge erkennen, der diesen wirklich zu mehr Selbstständigkeit verhilft.

Auch immer mehr Unternehmen in Amman, wie Cafés, Restaurants und jüngst das französische Institut, das sie nun mit Upcycling-Möbeln neu ausstatten, zeigen Interesse an Ziadehs Arbeit. Das lässt ihn den Wunsch, die Menschen für den Wert von Müll und Rohstoffen zu sensibilisieren, jedoch nicht vergessen. »Wir haben seit kurzem eine große Recyclingbox vor dem Laden stehen, für Müll, aus dem sich noch etwas machen lässt. Viele Menschen werfen jetzt hinein, was sie nicht mehr brauchen und was früher einfach auf der Straße oder einer der wilden Deponien gelandet wäre«, sagt Sievers.

Upcycling findet auch in Deutschland statt. Wer es selbst ausprobieren möchte, kann sich zum Beispiel auf der Website www.ziadat4recycling.com inspirieren lassen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2017

 

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