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ALTER UND DEMENZ

Demenz vorbeugen

Chancen der Ernährung nutzen


Von Ulrike Becker/ Viele Menschen haben Angst, sie könnten an Demenz erkranken. Diese Sorgen sind Grund genug, nach Möglichkeiten der Vorbeugung zu suchen. Bestimmte Ernährungsfaktoren leisten vermutlich einen Beitrag zur Prävention.


Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen abnimmt. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sind hierzulande etwa 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Die mit 60 bis 70 Prozent der Fälle häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz. Die Erkrankung geht unter anderem mit einem allmählich fortschreitenden Verlust des Gedächtnisses und Persönlichkeitsveränderungen einher. Ablagerungen von Amyloiden und anderen Proteinpartikeln in Form von Plaques beziehungsweise Fibrillen, zu wenig Botenstoffe sowie sich verdickende Nervenzellen stören bei dieser Demenzform die Reizweiterleitungen: Immer mehr Nervenzellen im Gehirn sterben ab.




Foto: iStock/vicuschka


Deutlich seltener ist die vaskuläre Demenz, bei der Durchblutungsstörungen der Gefäße längerfristig die Gehirnleistungen beeinträchtigen. Die beiden Demenzformen treten manchmal auch gemeinsam auf. Bis heute können Wissenschaftler keine eindeutigen Ursachen benennen. Die sogenannte sekundäre Demenz ist die Folge anderer Faktoren wie bestimmter Stoffwechselerkrankungen, von Alkoholmissbrauch oder Kopfverletzungen.

Bekannte Risikofaktoren

Als Risikofaktoren für Demenz gelten Diabetes mellitus, depressive Erkrankungen, ein erhöhter Cholesterolspiegel sowie Rauchen, wenig soziale Kontakte und ein geringer Bildungsstand. Mit dem Alter steigt die Erkrankungsrate deutlich an: Während bei den Unter-70-Jährigen nur etwa 1,6 Prozent eine Demenz entwickeln, sind es bei den Über-90-Jährigen bereits geschätzte 40 Prozent. Beheben lassen sich die Defizite im Gehirn bislang nicht. Umso mehr rückt die Prävention in den Fokus der Forschung. Daher gilt es, Faktoren zu erkennen und zu vermeiden, die das Erkrankungs­risiko erhöhen. Experten sind davon überzeugt, dass durch effektive Bekämpfung der Risikofaktoren weltweit eine Million Menschen weniger an Alzheimer erkranken würden.

Alles, was den Gefäßen schadet – hoher Blutdruck, erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte – scheint die Entwicklung einer Demenz zu begüns­tigen. Daher ist das Demenzrisiko für Diabetiker höher, denn häufige Spätschäden bei Diabetes mellitus wie Durchblutungsstörungen und Gefäßveränderungen betreffen offenbar auch das Gehirn. Wissenschaftler aus den USA wiesen im Jahr 2015 in einer kleinen Studie mit 150 Teilnehmern nach, dass Typ-2-Diabetiker im Alter eher geistige Fähigkeiten abbauen als gesunde Senioren. Schlecht eingestellte Blutzuckerspiegel und Insulinresistenz erhöhen das Risiko.

Diese Beobachtung machten auch Wissenschaftler aus Schweden, als sie die Daten des schwedischen National Diabetes Registry anschauten und mit Fällen von Demenzerkrankungen abglichen. Daher plädieren sowohl die US-amerikanischen als auch die schwedischen Forscher für eine bessere glykämische Kontrolle – und das bereits ab dem mittleren Lebensalter. Denn der Prozess, dass die zunehmende Insulinresistenz Blutgefäße und Nerven schädigt, vollzieht sich über Jahre hinweg. Eindeutig waren in der schwedischen Studie zudem die Zusammenhänge zwischen einer erhöhten Demenzrate und einem hohen Body-Mass-Index (BMI), hohen LDL-Cholesterolwerten sowie Bluthochdruck.

Wegweisende Studien

Ernährungsgewohnheiten, die sich positiv auf die Gefäß­gesundheit auswirken, müssten daher auch geeignet sein, das Demenzrisiko zu senken. Die Wirkung spezieller Ernährungsformen auf die Entstehung einer Alzheimer-Demenz nahmen Wissenschaftler aus Chicago im Herbst 2015 unter die Lupe. Dabei verglichen sie die Mittelmeer-Diät mit der DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) sowie mit einer Kombination dieser beiden Ernährungsformen, die auch als MIND-Diät (Mediterranean-DASH Interven­tion for Neurodegenerative Delay = Mittelmeer-DASH Intervention für Neurodegenerative Verzögerung) bezeichnet wird.

Kennzeichen der Mittelmeer-Diät sind ein hoher Anteil an Gemüse und Obst, reichlich Fisch sowie Olivenöl und Nüsse. Die DASH-Diät wurde als dauerhafte Ernährungsform zur Prävention von Bluthochdruck konzipiert und ist ähnlich zusammengesetzt. Neben viel Gemüse und Obst, magerem Fleisch und Fisch werden auch Vollkorn sowie eiweißreiche Lebensmittel wie Bohnen, Linsen, Soja und fettreduzierte Milchprodukte empfohlen. Anlass für die amerikanischen Forscher waren unter anderem die positiven Ergebnisse einer Ernährungsinterventionsstudie, bei der Teilnehmer mit einem hohen vaskulären Risiko durch eine Mittelmeer-Diät nach 6,5 Jahren kognitiv deutlich besser abschnitten als die Kontrollgruppe, die eine fett­arme Diät einhielt.

Effekt der MIND-Diät

Ähnlich wie die Mittelmeer- und DASH-Diäten empfiehlt die MIND-Diät in erster Linie pflanzliche Lebensmittel und begrenzt die Zufuhr an tierischen Produkten und gesättigten Fettsäuren. Empfohlen werden außerdem wöchentlich zwei Portionen Beerenobst, mehrmals pro Woche grünes Blattgemüse zusätzlich zu anderem Gemüse sowie eine Fischmalzeit pro Woche. Da die Empfehlungen für Obst, Milch oder Fisch deutlich geringer ausfallen als bei der Mittelmeer- oder DASH-Diät, halten die Wissenschaftler die MIND-Diät für leichter durchführbar.

In der aktuellen Untersuchung konnten die Wissenschaftler belegen, dass alle drei Diäten das Alzheimer- Risiko reduzieren. In der Studie mit mehr als 900 Menschen im Alter zwischen 58 und 98 Jahren verringerte die MIND-Diät die Alzheimer-Rate um 53 Prozent, wenn Menschen sich die Diät-Vorschriften streng einhielten. Selbst wer seine Ernährungsgewohnheiten nur leicht in Richtung MIND- Diät verändert, profitiere noch von der Alzheimer-Prävention, resümieren die Wissenschaftler des Rush University Medical Center in Chicago. Im Gegensatz dazu wirkten die anderen Diäten nur dann vorbeugend, wenn die Empfehlungen streng eingehalten werden, so die Forscher.

Einschränkend geben die Wissenschaftler zu bedenken, aus ihren Ergebnissen ließen sich Ursache und Wirkung nicht eindeutig ablesen. Dazu müssten randomisierte Interventionsstudien mit vergleichbaren Gruppen durchgeführt werden. Die verzehrten Speisen mit Fragebögen zu erfassen, ergäbe ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Ernährung. Dennoch sprächen die Ergebnisse dafür, dass der hohe Verzehr pflanzlicher Lebensmittel sowie die begrenzte Zufuhr tierischer Lebensmitteln und gesättigter Fettsäuren das Demenzrisiko reduzieren könne.




Immer eine gute Wahl: Egal ob Mittelmeer-, DASH- oder MIND-Diät, Fisch steht bei allen regel­mäßig auf dem Speiseplan.

Foto: Shutterstock/Natalia Klenova


Zudem enthalten viele Gemüse- und Obstsorten hohe Konzentrationen an antioxidativ wirkenden sekundären Pflanzenstoffen, die den Körper vor oxidativem Stress durch freie Radikale schützen. Gerade das Gehirn gilt als besonders anfällig für diese zellschädigenden sauerstoffhaltigen Verbindungen, die vermutlich an der Entwicklung der schädlichen Eiweißablagerungen beteiligt sind.

Einzelne Nährstoffe

Immer wieder verspricht die Laienpresse und die Werbung, einzelne Nährstoffe könnten als Schutzfaktoren für eine Demenz­erkrankung wirken, beispielsweise Vitamin D, B-Vitamine sowie Omega-3-Fettsäuren. Tatsächlich ist der Vitamin-D-Blutspiegel von Alzheimer-Patienten deutlich erniedrigt. Ob aber ein Vitamin-D-Mangel Demenz (mit-)verursacht, lässt sich nicht eindeutig sagen. Nach einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2015 stufen chine­sische Wissenschaftler einen Blutwert von unter 50 nmol/l Vitamin D als erhöhtes Risiko für alle Demenzerkrankungen ein und raten vorbeugend, der Spiegel müsse über 50 nmol/l beziehungsweise 20 ng/ml liegen. Die US-amerikanische National Academy of Medicine empfiehlt Menschen unter 70 Jahren täglich 600 Internationale Einheiten Vitamin D und Über-70-Jäh­rigen 800 IE. Andere Wissenschaftler halten die Studienlage noch zu unklar für konkrete Empfehlungen. Richtig ist jedoch, dass viele alte Menschen unzureichend mit Vitamin D versorgt sind.

Als ein weiterer Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz stehen erhöhte Homocysteinwerte zur Diskus­sion. Im Stoffwechsel sind die B-Vitamine Folsäure, B6 und B12 eng mit dem Homocysteinspiegel verknüpft. Für einen niedrigen Homocysteinwert ist die ausreichende Zufuhr dieser Vitamine erforderlich. Fraglich bleibt allerdings, ob sich eine Demenzentwicklung verhindert lässt, wenn erhöhte Homo­cysteinwerte behandelt werden. Eine groß angelegte Meta-Analyse von elf Studien mit Daten von 22 000 Menschen macht diesbezüglich wenig Hoffnung. Die Wissenschaftler konnten keinen signifikanten Einfluss zusätzlicher Vitamin-B-Gaben feststellen, obwohl die Homocysteinspiegel durch die B-Vitamine um bis zu 28 Prozent sanken.

Wer viel Fisch isst, verringert dagegen offenbar sein Demenzrisiko. Das deuten verschiedene Studien an. Ob daran die Omega-3-Fettsäuren maßgeblich beteiligt sind, untersuchten Experten aus China in einer umfang­reichen Meta-Analyse. Die gesundheitsförderlichen Fettsäuren verbessern die Fließfähigkeit des Blutes und die Elastizität der Zellmembranen. Jedoch erniedrigte lediglich der Fischverzehr das Risiko für Alzheimer-Demenz um 36 Prozent, die Zufuhr der isolierten Fettsäuren blieb ohne Effekt. Aus ihrer Analyse leiten die Forscher als Empfehlung ab, dass ein wöchentlicher, zusätzlicher Verzehr von 100 Gramm Fisch das Risiko für Alzheimer um 11 Prozent reduzieren könne.

Schadstoffe meiden

Aluminium steht schon länger unter Verdacht, Alzheimer-Erkrankung zu begünstigen, denn in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten fanden Forscher höhere Aluminiumkonzentrationen als bei Gesunden. Unbestritten wirkt das Metall neurotoxisch, also nervenschädigend. Neuere Bevölkerungsstudien stützen die These, dass nicht nur einmalige, sehr hohe Aluminiumdosen dem Gehirn schaden, sondern auch niedrige, über einen längeren Zeitraum aufgenommene Mengen. Da Alumi­nium natürlicherweise in der Umwelt vorkommt, lässt sich der Kontakt mit dem Leichtmetall nicht ganz vermeiden. Hinzu kommen freigesetze Mengen aus industriellen Prozessen, sodass sich das Element aktuell im Trinkwasser und in zahlreichen Lebensmitteln nachweisen lässt. Die bedeutsamste Quelle – zumindest in Bayern – sind Laugenbrezel, die auf Aluminium­blechen gebacken wurden. Hohe Werte wurden auch in Miesmuscheln und Spinat gefunden. Außerdem gelangt Aluminium über die unsachgemäße Nutzung von Kochtöpfen aus Aluminium, Aluminiumfolie und Grillschalen in den Körper ebenso wie über aluminium­haltige Pflegeprodukte und Kosmetika. Eindeutige Schlüsse, inwiefern die Aluminiumbelastung tatsächlich Alzheimer begünstigt, lässt die aktuelle Datenlage zwar noch nicht zu. Dennoch scheint es ratsam, die Zufuhr beziehungsweise den Kontakt mit Alumi­nium möglichst gering zu halten. So sollten beispielsweise saure oder salzhaltige Lebensmittel wie Äpfel, Tomaten oder Salzheringe nicht in Alufolie eingewickelt und aufbewahrt werden.

Auch für das Element Quecksilber ist die neurotoxische Wirkung erwiesen, ebenso ein Zusammenhang zwischen Quecksilberbelastung und geis­tigen Fähigkeiten. Daher sollte auch die Quecksilberaufnahme so gering wie möglich gehalten werden. Mit Quecksilber belastet sind vor allem Fische, hauptsächlich Salzwasserfische wie Schwert- oder Thunfisch, aber auch manche Wildpilze, in erster Linie Steinpilze. In Fisch ist allerdings außerdem das Spurenelement Selen enthalten und der Selengehalt scheint das Gehirn vor schädlichen Auswirkungen des Quecksilbers zu schützen. So lautet das Resümee einer Gruppe amerikanischer Wissenschaftler aus Chicago. Die Forscher hatten die Gehirne von 286 Verstorbenen untersucht und deren Zustand mit den vorab dokumentierten Essgewohnheiten verglichen.

In ihrem Internetportal führt die unabhängige Cochrane-Sektion Österreich zudem die Aufnahme von Pesti­ziden als mögliches Demenzrisiko an. Diese Annahme bedeutet für die Prävention: Verbraucher sollten Gemüse und Obst aus ökologischer Landwirtschaft bevorzugen, denn im Bio-Anbau ist der Pestizideinsatz verboten.

Aktiver Lebensstil

Trotz einiger Fragezeichen kristallisieren sich aus der Vielzahl der Studien Empfehlungen für eine Ernährungs­weise heraus, die das Demenzrisiko vermutlich reduzieren kann. Zu den Schutzfaktoren zählt viel Altbekanntes: reichlich Gemüse und Obst, Nüsse, pflanzliche Öle wie Oliven-, Raps- und Leinöl, wenig tierische Lebensmittel und regelmäßig Fisch. Die Aufnahme von Pestiziden, Quecksilber und Aluminium sollte möglichst gering ausfallen. Da sich eine Demenzerkrankung schleichend entwickelt, plädieren Wissenschaftler dafür, bereits in jüngeren Jahren mit der Prävention zu beginnen und unter anderem Übergewicht und Bluthochdruck zu vermeiden.

Neben einer ausgewogenen Ernährung tragen regelmäßiger Sport, die Beschäftigung mit geistig fordernden Tätigkeiten sowie eine gute soziale Einbindung zur Vorbeugung der Demenzentwicklung im Alter bei. Das ergeben zwei Quellen: die ständig aktualisierte Online-Seite www.uptodate.com und eine aktuelle Meta-Analyse der Agency for Health Care Research and Quality. Jeder kann folglich selbst etwas tun, um die Risikofaktoren möglichst gering zu halten – ein sicherer Schutz vor Demenz­erkrankungen ist das allerdings nicht. Doch unabhängig vom Demenzaspekt tragen die Empfehlungen auf jeden Fall zur Vorbeugung zahlreicher Zivilisa­tionskrankheiten bei. /


Kaffeetrinker im Vorteil?

Mit der Wirkung des Kaffeekonsums auf die geistige Leistungsfähigkeit beziehungs­weise auf Demenz haben sich Wissenschaftler aus China aktuell beschäftigt. Die Autoren werteten neun prospektive Kohortenstudien mit insgesamt über 34 000 Teilnehmern aus, die Daten wurden über einen Zeitraum von bis zu 28 Jahren erfasst. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass ein bis zwei Tassen Kaffee am Tag möglicherweise den Abbau der kognitiven Fähigkeit verzögern. Welche Wirkstoffe im Kaffee für diesen Effekt verantwortlich sind, konnten die Wissenschaftler nicht klären. Zu viel Kaffee sollte es aber nicht sein: Mit dem über zwei Tassen hinausgehenden Konsum stieg auch das Risi­ko allmählich wieder an.




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