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ALTER UND DEMENZ

Biografiearbeit

Positive Emotionen wecken


Von Carina Steyer / Demenz und Identitätsverlust sind unausweichlich miteinander verbunden. Aufhalten lässt sich der Prozess nicht, aber ein wenig hinauszögern. Bei der Betreuung der Erkrankten kann Biografiearbeit Wohlbefinden erzeugen, Sicherheit vermitteln und helfen, wichtige Erinnerungen zu bewahren.


»Ich habe mich sozusagen verloren.« Diesen Satz soll die erste Alzheimer-Patientin Auguste Deter ständig wiederholt haben. Und sie beschrieb damit wohl sehr treffend, was die meisten Demenzpatienten erleben: den Verlust der eigenen Identität. Dieser zählt zu den Hauptsymptomen einer Demenz­erkrankung. Ab dem mittleren Erkrankungsstadium, wenn die Betroffenen sich immer weniger zurechtfinden und sich kaum noch etwas merken können, verblassen auch zunehmend die Erinnerungen an prägende Erlebnisse und wichtige Personen ihres Lebens. Genau diese Erinnerungen, die im autobiografischen Gedächtnis abgespeichert sind, bilden jedoch die Grundlage der menschlichen Identität. Erinnerungen und Identität sind integraler Bestandteil einer sich selbst bewussten Persönlichkeit.




Foto: iStock/Rawpixel Ltd.


Auch wenn der Prozess des Vergessens bisher nicht aufgehalten werden kann, lässt er sich zumindest ver­zögern. Ein wichtiger Bestandteil in der Betreuung Demenzkranker ist die Biografie­arbeit. Das Konzept dazu entwickelte der Gerontologe Robert Neil Butler (1927–2010). Butler ging davon aus, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter den Wunsch verspüren, ihrem vergangenen Leben einen Sinn zu geben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Ver­gangenheit kann ihr Selbstvertrauen stärken und ihnen helfen, schwierige Situationen des Älterwerdens besser zu bewältigen. Vergangene Erlebnisse neu zu beurteilen, kann dazu beitragen, diese leichter in die eigene Biografie zu integrieren. So können ­Abweichungen zwischen eigentlich ­Gewolltem und tatsächlich Erlebtem kleiner werden.

Regelmäßiges Erinnern

In der Biografiearbeit mit Demenzkranken steht jedoch nicht die biografische Selbstreflexion im Vordergrund, sondern es werden vielmehr alle Maßnahmen eingesetzt, die Erinnerungen bewahren, Sicherheit vermitteln und Wohl­befinden erzeugen.

Das gemeinsame Betrachten von ­Fotos, das Vorlesen aus Werken des Lieblingsschriftstellers, das gemein­same Hören oder Singen bekannter Lieder ist inzwischen fester Bestand­­teil der Arbeit mit Dementen. Regelmäß­iges Erinnern hilft, die wichtigen ­Lebenserlebnisse und die eigene Iden­tität ein wenig länger zu bewahren. ­Darüber hinaus wecke es in Betrof­fenen das Gefühl der Kompetenz, so­dass sie aktuelle Gefühle des Versagens besser kompensieren können, so Priv. Doz. Dr. Martin Haupt, Vizeprä­sident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychothe­rapie. Erhaltene Erinnerungen seien Erfolgserlebnisse und gäben dem Betroffenen ein Gefühl der Sicherheit.

Bedeutsame Beschäftigung

Ab dem mittleren Demenzstadium schränkt die Erkrankung immer weiter die Selbstständigkeit der Betroffenen ein. Demenzkranke verlieren zunehmend die Fähigkeit, individuell bedeutsame Tätigkeiten selbstständig auf­zunehmen oder den Wunsch danach zu kommunizieren. Gleichzeitig sind sie aber noch gut in der Lage, lange aus­geübte Tätigkeiten richtig auszuführen. Fand jemand sein Leben lang Ruhe und Entspannung während einer Hand­arbeit, könnte er dasselbe Gefühl immer noch erleben, vorausgesetzt, er würde sich an die Handarbeit erinnern. Hier ist es die Aufgabe der Betreuungs- und Pflegepersonen durch genaue Kenntnis der Biografie, dem Demenzkranken Beschäftigungsmöglichkeiten anzubieten, die ihm Freude machen und seinen Interessen entsprechen. Ziel ist es, den Alltag möglichst individuell auf die Vorlieben, Abneigungen und Gewohnheiten des Demenzkranken abzustimmen. Dadurch gewinnt jeder Tag für den Erkrankten an Bedeutung.

Im Verlauf der Erkrankung leben ­Demenzkranke schließlich immer mehr in der Vergangenheit. Erlebnisse aus der Kindheit, Jugend oder dem frühen Erwachsenenalter sind plötzlich wieder präsent. Diese empfindet der Kranke so, als hätte er sie gerade erst erlebt. Dann kommt es vor, dass die Erkrankten die eigenen Kinder oder den Ehepartner mit den längst verstorbenen Eltern verwechseln.

Emotionales Gedächtnis

Möglich wird dies durch das emotio­nale Gedächtnis, das die Gefühle während bestimmter ­Erlebnisse, die Vorlieben und Abneigungen speichert. Rufen Kinder und Ehepartner ähnliche Emo­tionen wie die Eltern hervor, werden sie in das Erleben der Vergangenheit integriert. Für Angehörige und Freunde des Erkrankten ist diese Erfahrung oft schmerzlich, Betroffenen ist sie dagegen nicht ­bewusst. Vielmehr erleichtere die Rekonstruktion des Vergangenen dem Betroffenen, sein eigenes Leben als ­etwas Einmaliges und Wertvolles wahrzunehmen, erklärt Haupt.




Generell ist für alle Pflegenden die Kenntnis der Biografie ihrer Patienten von Bedeutung.

Foto: iStock/LiliGraphie


Heute ist aus Studien mit Alzheimer-­Patienten bekannt, dass das emotionale­ Gedächtnis sehr lange erhalten bleibt. Daher lassen sich selbst in ­einem weit fortgeschrittenen Krankheitsstadium noch Gefühle zu längst vergessenen Ereignissen wecken. Wenn ein Demenzkranker beispielsweise viele Jahrzehnte lang jeden Sonntag für seine Familie denselben Kuchen gebacken hat, kann ihn der Geruch oder Geschmack des Kuchens in den emotionalen Zustand dieser Zeit versetzen.

Dabei spielt es gar keine Rolle, dass sich der Betroffene längst nicht mehr an dieses Familien­ritual erinnert. Kennen Pflege- und ­Betreuungs­personen den Demenzkranken gut, können sie mit vergleichbaren Aktionen sogar auch dann noch subjektives Wohl­befinden erzeugen, wenn eine verbale Kommunikation mit dem Dementen nicht mehr möglich ist.

Persönliche Beziehung

Die Grundlage für eine gelungene Biografiearbeit ist, möglichst viele In­formationen über den Demenzkranken zu sammeln. Dafür ist der Erkrankte selbst die beste Quelle. Auch wenn das Erfassen einer Persönlichkeit mitsamt ihrer Lebensgeschichte zuweilen sehr gezielt und systematisch ablaufen kann, ist die Biografiearbeit mehr als eine reine Datensammlung. Pflege-­Experten betonen, es sei vielmehr wichtig, zu dem Erkrankten eine persönliche Beziehung aufzubauen. Hierbei helfen oft Geschichten aus der ­Vergangenheit, die Informationen über prägende Ereignisse liefern. In erster Linie bedeute dies, geduldig und aufmerksam zuzuhören. Manchmal würde die Bedeutung eines zurückliegenden Erlebnisses erst durch häufige Wiederholungen deutlich.

Ebenso wichtig wie der Beziehungsaufbau zum Demenzkranken ist der ­regelmäßige Kontakt mit den Ange­hörigen oder weiteren wichtigen Bezugspersonen. In Gesprächen lassen sich wesentliche Informationen der Biografie vervollständigen. Zudem fällt es auch leichter, die aktuellen Vorlieben des Demenzkranken besser abzuschätzen.

Außerdem sollten alle innerhalb des Pflege- und Betreuungsteams sich ständig austauschen. Je nach Pfleger verhalten sich Demenzkranke oft sehr unterschiedlich. Daher weichen die Erfahrungen, die die Einzelnen des Teams mit dem Erkrankten machen, manchmal stark voneinander ab.

Die Biografiearbeit mit Demenzkranken ist ein Prozess, der kontinuierlich neue Informationen liefern kann, aber auch von der Krankheit geprägt wird. Sie unterstützt nicht nur den Kranken, sondern erleichtert vielfach auch die Arbeit der Pflege- und Betreuungs­personen. Erst durch Kenntnis der Biografie und Persönlichkeit des Pflegebedürftigen werden etliche Handlungen oder Reaktionen des Erkrankten nachvollziehbar beziehungsweise erklärbar.

Verhält sich beispielsweise der Bewohner einer Demenzstation sehr aggressiv, wenn er daran gehindert wird, jeden Nachmittag den Kaffeetisch zu decken, fühlen sich manche Betreuer überfordert. Wissen sie aber, dass dieser Bewohner bis zu deren Tod mit seinen Eltern zusammengelebt hat und das tägliche Decken des Kaffeetisches schon als Kind seine Aufgabe war, können sie die Situation besser verstehen und einordnen. Ohne Biografiekenntnisse ist es kaum möglich, die Bedürfnisse eines Demenzkranken zu erkennen und richtig zu interpretieren.

Vergessen ermöglichen

Bei allen positiven Aspekten der Biografiearbeit darf nicht vergessen werden, dass manche Erlebnisse mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Scham oder gekränktem Stolz verbunden sind. Diese ­Erinnerungen erlebt der Demenzkranke dann oft wieder sehr intensiv.

Manchmal nutzen Pflegebedürftige dann das »sich nicht erinnern wollen« als Schutz, damit sie sich nicht mit negativen oder ­unverarbeiteten Erlebnissen auseinander setzen müssen. Diese Entscheidung müssen Pflege- und Betreuungspersonen dann akzeptieren. /




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