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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Krankheiten ausrotten

Aus für Polio, Masern und Röteln


Von Carina Steyer / Impfbare Krankheiten lassen sich ausrotten, das konnte durch die Pocken bewiesen werden. Doch einfach ist ein solches Vorhaben nicht. Neben den spezifischen Eigenschaften der Krankheit spielt die Einstellung der Bevölkerung eine entscheidende Rolle.

 

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Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten Errungenschaften der Medizin. Sie schützen nicht nur zuverlässig vor zahlreichen Infektionskrankheiten, sondern tragen auch entscheidend dazu bei, dass folgenschwere Erkrankungen gezielt verdrängt und ausgerottet werden können. Notwendig dafür sind einige Voraussetzungen, die auf der Website des Robert-Koch-Instituts (RKI) wie folgt zusammengefasst werden:

  • Die Weiterverbreitung der Krankheit kann durch Impfstoffe verhindert werden.
  • Die Infektion ist leicht zu identifi­zieren.
  • Der Mensch bildet das einzige Infektions­reservoir, sodass die Krankheitsübertragung ausschließlich von Mensch zu Mensch stattfindet.

Die Entscheidung darüber, welche Krankheiten ausgerottet werden können und sollen, trifft die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie legt auch fest, ob das Ziel eine Elimination oder eine Eradikation (siehe Kasten) ist und definiert die dafür notwendigen Rahmenbedingungen. Einfach umzusetzen ist beides nicht. Bis heute gelten ausschließlich die Pocken als vollständig ausgerottet. Sie sind gleichzeitig auch der Beweis, dass eine Eradikation möglich ist. Noch in den 1960er-Jahren erkrankten mehr als zwei Millionen Menschen an Pocken, von denen etwa 30 Prozent verstarben. Dank erfolgreich umgesetzter, intensiver Impf­programme konnte die WHO rund 20 Jahre später die weltweite Pockenfreiheit verkünden.




Foto: Shutterstock/VGstockstudio


Umgesetzt und an länderspezifische Gegebenheiten angepasst werden Eliminations- und Eradikationsprogramme auf nationaler Ebene. Deutschland beteiligt sich zurzeit an vier Eliminationsprogrammen der WHO in der Region Europa. Ziel ist es, die Krankheiten Poliomyelitis (Kinderlähmung), Masern, Röteln und damit einhergehend die konnatale Rötelnembryopathie (Rötelninfektion, die von der Mutter auf das Ungeborene übertragen wird) aus der Region zu eliminieren.

Bei Polio Ziel in Sicht

Noch nicht geschafft, aber weit fortgeschritten ist die Ausrottung der Kinderlähmung. Seit Beginn des Eradikationsprogramms 1988 konnten vier WHO-Regionen für poliofrei erklärt werden: Amerika (1994), Westpazifik (2000), Europa (2002) und Südostasien (2014). Inzwischen lebt der größte Teil der Weltbevölkerung in krankheitsfreien Gebieten. Endemische Polioerkrankungen betreffen derzeit noch Pakistan, Afghanistan und Nigeria. Hier glaubt die WHO jedoch ebenfalls an einen schnellen Fortschritt und erwartet die weltweite Ausrottung für 2018.

Solange die Eradikation nicht abgeschlossen ist, muss die Impfquote weiterhin ausreichend hoch sein. Das ist vor allem in einigen afrikanischen Gebieten nicht der Fall. Hier kommt es deshalb regelmäßig zu importierten Erkrankungen und Ausbrüchen.

Auch in Europa ereigneten sich in den vergangenen Jahren einige Ausbrüche. So wurden 2010 in Tadschikistan, Russland, Turkmenistan und Kasachstan mehr als 400 Fälle registriert. In Israel konnten Wissenschaftler im Jahr 2013 Polioviren im Abwassersystem nachweisen, und 2015 sind in der Ukraine zwei Kinder erkrankt.

Damit Polioerkrankungen schnell erkannt, diagnostiziert und Ausbrüche eingedämmt werden können, verfügt jedes Land über ein sensitives Überwachungssystem. In Deutschland wachen die Experten des Nationalen Referenzzentrums für Poliomyelitis und Enteroviren am RKI über die Zirkulation der Viren. Die letzten Fälle in Deutschland liegen jedoch schon weit zurück. Importierte Erkrankungen wurden zuletzt 1992 registriert.

Masern und Röteln zäh

Wesentlich schwieriger als die Ausrottung der Kinderlähmung gestaltet sich die Elimination von Masern und Röteln. Obwohl die Länder der WHO-Region Europa bereits seit 1984 (Masern) und 2005 (Röteln) an der Eliminierung arbeiten, ist sie bis heute nicht geglückt. Einige osteuropäische und die skandinavischen Länder gelten jedoch bereits als krankheitsfrei. Unter den WHO-Regionen hat bisher ausschließlich Amerika die offizielle Masernfreiheit erlangt.

Masern und Röteln sind typische Beispiele dafür, dass die Bereitschaft der Bevölkerung zur Impfung eine wichtige Rolle bei der Eliminierung von Krankheiten spielt. Masern zählen zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten, an denen vor Einführung der Impfung annähernd jedes Kind erkrankte. In Entwicklungsländern gelten sie nach wie vor als bedeutende Todesursache bei Kindern. Röteln verlaufen meist ohne größere Komplikationen, stellen aber für Schwangere mit unvollständigem Impfschutz eine besondere Gefahr dar. Das Virus kann von der Mutter auf das Ungeborene übertragen werden (konnatale Rötelnembryopathie). Besonders in der Frühschwangerschaft sind dabei schwere Entwicklungsschäden und Fehlgeburten zu erwarten.

Impflücken schließen

Trotz der Gefahr, die von Masern und Röteln ausgeht, sind die Impflücken in Deutschland nach wie vor zu groß. Um Deutschland für masern- oder rötelnfrei erklären zu können, fordert die WHO ­einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten, in denen keine endemischen Krankheitsfälle beobachtet wurden. Notwendig wäre dafür eine Bevölkerungsimmunität von 95 Prozent. Schätzungen zufolge wird diese jedoch ausschließlich unter Erwachsenen erreicht, die vor Einführung der Impfung geboren wurden und die Infektion im Kindesalter durchgemacht haben.

Beobachtet und wissenschaftlich begleitet wird die Eliminierung von Masern und Röteln durch die Nationale Verifizierungskommission Masern/Röteln (NAVKO-MR) am RKI. Die Experten registrieren seit vielen Jahren regelmäßig Ausbruchsgeschehen. So wurden im vergangenen Jahr 95 Rötelnfälle erfasst, was einer Häufigkeit von 1,2 Neuerkrankungen pro 1 Million Einwohner entspricht.

Im Fall der Masern wird seit etwa zehn Jahren beobachtet, dass auf krankheitsreiche oft krankheitsarme Jahre folgen und umgekehrt. Noch vor zwei Jahren zählte Deutschland laut der WHO und dem European Centre for ­Disease Prevention and Control (ECDC) mit 31 Neuerkrankungen pro 1 Million Einwohner zu den Ländern mit den meisten Masernfällen. Für das vergangene Jahr hingegen schätzt die NAVKO-MR die Lage entspannter ein. Mit 3,3 Neuerkrankungen pro 1 Million Einwohner schlussfolgern sie sogar, dass die endemische Übertragung der Masern unterbrochen werden konnte.

Um die komplette WHO-Region Europa für masern- und rötelnfrei erklären zu können, fordert die WHO den Ausschluss der endemischen Übertragung in allen Mitgliedsstaaten für mindestens 36 Monate. Durch importierte Viren, etwa durch erkrankte Reisende, darf die Zahl der Neuerkrankungen nicht höher als 1 Fall pro 1 Million Einwohner sein. Noch erfüllt auch Deutschland diese Kriterien nicht ausreichend. Dennoch hält die WHO den Plan, die Ausrottung von Masern und Röteln in Europa bis 2020 abzuschließen, nach wie vor für realistisch. Gleichzeitig wird bereits an der weltweiten Ausrottung der Masern gearbeitet. Um beide Ziel zu erreichen, laufen in vielen Ländern umfangreiche Aufklärungs- und Informationskampagnen, die auf die Gefahr der Krankheiten aufmerksam machen und die Impfquote steigern sollen. /


Elimination und Eradikation

Geht es um das Ausrotten von Krankheiten, unterscheiden Epidemiologen Elimination und Eradikation:

  • Elimination: Die Immunität der Bevölkerung wird durch intensive Impfaktivitäten so weit gesteigert, dass eine Krankheit in einer geographisch definierten Region nicht mehr auftritt. Die Krankheit gilt damit als eliminiert.
  • Eradikation: Die Elimination einer Krankheit ist in allen Regionen der Erde geglückt. Die Krankheit gilt als eradiziert.



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2017

 

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