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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Osteopathie

Sanfte Heilkraft der Hände


Von Carina Steyer / Handauflegen, eine eingeschränkte Beweglichkeit spüren, beheben und die Selbstheilungskräfte anregen – so könnte man den Ablauf einer Behandlung durch einen Osteopathen beschreiben. Obwohl es bis heute keinen eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit gibt, wird diese »sanfte Heilmethode« bei Patienten immer beliebter.

 

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Der amerikanische Arzt Dr. Andrew Taylor Still hatte eine Vision: Er glaubte, dass der Mensch eine Einheit aus Körper, Geist und Seele bildet, die alle Möglichkeiten der Heilung in sich trägt. Die einzige Voraussetzung: eine gute Beweglichkeit und Dynamik in allen Körperbereichen. Einschränkungen wollte er mit seinen Händen aufspüren und beseitigen können, wodurch der Körper seine Selbstheilungskräfte wiedererlangen sollte. Aus dieser Vorstellung heraus entwickelte er im 19. Jahrhundert das Konzept der Osteopathie und gründete die erste Osteopathie-Schule.




Durch sanfte Berührungen Blockaden erspüren und auflösen: Auf diese Weise soll der Körper seine Selbstheilungskräfte reaktivieren.

Foto: Shutterstock/Agustin Vai


Während Still seine Aufmerksamkeit auf den Bewegungsapparat richtete, entwickelten andere Osteopathen neue Richtungen. Dr. William Garner Sutherland entdeckte feine, eigenständig pulsierende Bewegungen, die am Kopf, Steißbein und an weiteren Strukturen zu spüren sein sollen. Diese sogenannte primäre Respirationsbewegung ist unabhängig von Herzschlag und ­Atmung die Grundlage für die cranio­sakrale Osteopathie. In Frankreich erarbeiteten Jean-Pierre Barral und Jacques Weischenck die viszerale Osteopathie, deren Fokus auf der Untersuchung und Behandlung der inneren Organe sowie deren bindegewebigen Aufhängungen liegt.

Auch heute untersuchen und behandeln Osteopathen ihre Patienten ausschließlich mit den Händen. Dabei wollen sie das Gewebe Schicht für Schicht erspüren und die Beschaffenheit, Temperatur, Spannung und Beweglichkeit von Haut, Gewebe, Bändern, Faszien, Knochen und inneren Organen wahrnehmen können. Diese Wahrnehmung soll auf präzisen anatomischen, physiologischen und pathologischen Kenntnissen beruhen. Aus Sicht der Osteopathie kann der Körper nur optimal funktionieren, wenn genügend Bewegungsfreiheit vorhanden ist. Ist dies nicht der Fall, entstehen zunächst Gewebespannungen, dann Funktionsstörungen und schließlich Beschwerden. Das Ziel der Behandlung ist es, diese Blockaden aufzuspüren und manuell zu beseitigen. Sobald alle Strukturen gut beweglich sind, soll der Körper sich selbst heilen können.




Viele Eltern schätzen den sanften Therapieansatz der Osteopathie. Der erste Weg sollte jedoch immer zum Kinderarzt führen.

Foto: Shutterstock/Dmitry Naumov


Laut dem Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) e. V. müssen Patienten für eine osteopathische Sitzung zwischen 30 und 50 Minuten einplanen. Körperliche Reaktionen sollen für einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen möglich sein, dabei sollen sich die Beschwerden mitunter auch verstärken können. Im Durchschnitt sei nach vier Behandlungen mit einer Besserung zu rechnen.

Universelle Anwendung

Den Anwendungsgebieten der Osteopathie sind kaum Grenzen gesetzt. Ob heilend oder unterstützend hängt jedoch von der Erkrankung ab. Schwerwie­gende Krankheiten wie Krebs können mit einer osteo­pathischen Behandlung nicht geheilt werden. Sie soll sich jedoch gut bei Schmerzen am Bewegungsapparat, Migräne, Atemwegsbeschwerden, Ver­dauungs­problemen, neurologischen und zahlreichen HNO-Erkrankungen eignen.

Häufig wird die Osteopathie auch als begleitende Maßnahme während der Schwangerschaft und als Behandlungsmethode bei Säuglingen empfohlen. Nach Ansicht der Osteopathen wird das Kind während der Geburt stark zusammengeschoben und muss anschließend seinen Körper wieder entfalten und reorganisieren. Medikamente, ein Kaiserschnitt, schwierige, lang dauernde Geburten oder eine Saugglockenentbindung sollen diesen Prozess stören können, was sich an Einschränkungen der Kopfbeweglichkeit, in Trinkschwäche, C-förmiger Haltung, Abflachung des Hinterkopfs, Schlafstörungen und Unruhe oder Koliken zeigen soll.

Umstrittene Wirksamkeit

Wissenschaftlich ist das Konzept der Osteopathie äußerst umstritten. Trotz weltweit wachsender Forschungsaktivitäten existieren nur wenige Studien, die den Anspruch der evidenzbasierten Medizin erfüllen. Die meisten Unter­suchungen weisen zudem widersprüchliche Ergebnisse auf. Einzig bei Rückenschmerzen von Erwachsenen haben sich positive Erfolge gezeigt. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Rückenschmerzen häufig von muskulären Verspannungen herrühren. Objektive Beweise für die angenommenen Bewegungen der craniosakralen Osteopathie fehlen hingegen vollständig. Zudem ist es mehr als fraglich, ob die menschliche Hand derartige Rhythmen überhaupt wahrnehmen könnte.




Osteopathie wird hierzulande kontrovers diskutiert. Ein Argument der Kritiker: Es gebe ausreichend Physiotherapeuten, deren Berufsbild im Gegensatz zu dem des Osteopathen anerkannt sei.

Foto: Shutterstock/racorn


Dennoch steigt die Nachfrage nach dieser »sanften Heilmethode«. Etliche Krankenkassen erstatten inzwischen zumindest anteilig die Kosten der Behandlung, die laut VOD bei 60 bis 150 Euro pro Sitzung liegen. Die Bedingungen der Kostenübernahme sind allerdings äußerst unterschiedlich, weshalb es sich lohnt, vorab bei der eigenen Kasse nachzufragen.

Da besonders unter Eltern die Nachfrage nach osteopathischen Behandlungen für ihre Kinder stark gestiegen ist, hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte kürzlich gemeinsam mit der Gesellschaft für Neuropädiatrie, der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin sowie der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin eine Stellungnahme zum Einsatz der Osteopathie in der Pädia­trie veröffentlicht. Obwohl bisher keine Daten zu Nebenwirkungen existieren, gehen die Experten davon aus, dass schwerwiegende Zwischenfälle bei klassischen osteopathischen Behandlungen nicht auftreten sollten. Sie seien meist die Folge abrupter Rotationsbewegungen, die in der Osteopathie nicht angewendet werden. Dennoch sehen die Kinderärzte eine gewisse Gefahr in der starken Zunahme der Behandlungen. Unter Umständen könne bei ausschließlicher osteopathischer Behandlung eine richtige Diagnose verzögert gestellt werden. Deshalb sollte der erste Gang immer zum Kinderarzt führen, auch um Kontraindikationen auszuschließen. Wichtig ist ebenfalls zu wissen, dass gerade bei Säuglingen osteopathische Indikationen wie Unruhe, übermäßiges Schreien oder Rumpfasymmetrien sehr häufig spontan und ohne jegliches Zutun verschwinden.

Nicht anerkannt

Anders als in den USA, wo der Doctor of Osteopathy den Ärzten in allen Rechten und Pflichten gleichgestellt ist, gibt es in Deutschland weder einen anerkannten Abschluss noch einheitliche Lehrpläne für Osteopathen. Die Ausbildung erfolgt überwiegend an privaten Osteopathieschulen. Ärzte, Heilpraktiker und Physiotherapeuten können sich berufsbegleitend ausbilden lassen. Abi­turien­ten nutzen meist die Möglichkeit von Vollzeitschulen. Mit 5000 Unterrichtseinheiten und einer Dauer von fünf Jahren ist dies die längste osteo­pathische Ausbildung.

Der Osteopath ist bisher kein eigenständiger, staatlich anerkannter Beruf. Er gilt als Heilkundler, der Beruf wird durch das Heilpraktikergesetz geregelt und ist in seiner selbstständigen Ausübung Ärzten und Personen mit bestandener Heilpraktikerprüfung vorbehalten. Osteopathisch geschulte Physiotherapeuten ohne bestandene Heilpraktikerprüfung dürfen erst auf Zuweisung durch einen Arzt oder Heilpraktiker tätig werden.

Die beiden größten Berufsverbände in Deutschland, der VOD und der Bundesverband Osteopathie (BVO) e. V. fordern deshalb ein Berufsgesetz, das die Qualität der Ausbildung gewährleistet und Rechtssicherheit für die Osteopathen bietet. Laut VOD ließen sich die Ausbildungskriterien derzeit kaum überprüfen, und der einzige Qualitätsstandard sei die Berufsverbandszugehörigkeit.

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e. V., die Deutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin und der Berufsverband der Ortho­päden und Unfallchirurgen hingegen lehnen den eigenständigen Beruf des Osteopathen eindeutig ab. Viele Mediziner sehen die Osteopathie als Teil der Manuellen Medizin, die vor allem bei schmerzhaften Funktionsstörungen und Erkrankungen der Bewegungsorgane, wie Knie-, Schulter- oder Rückenschmerzen, eine Alternative oder Ergänzung zur medikamentösen Behandlung oder operativen Eingriffen darstellt. Ihrer Ansicht nach ist die osteopathische Versorgung durch Ärzte und Physiotherapeuten in Deutschland ausreichend gewährleistet, so dass der eigenständige Beruf des Osteopathen nicht notwendig ist. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2017

 

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