Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Anti-Pilz-Diät

Darmpilz-Phobie ist Vergangenheit


Von Ulrike Becker / Ein Befall mit dem Hefepilz Candida albicans galt in den 1990er-Jahren als Ursache zahlreicher Beschwerden. Heute sehen Mediziner eine Pilzinfektion in erster Linie für erkrankte Menschen als Problem. Eine gezielte Ernährung kann die Darmflora günstig beeinflussen und so unerwünschten Pilzen das Überleben erschweren. Die Anti-Pilz-Diät gilt jedoch als überholt.

 

Anzeige

 

Hefen kommen in der Erde und im Wasser praktisch überall vor. Sie besiedeln die Schleimhäute von Menschen und Tieren und haften auf Pflanzen. Lebensmittelhersteller setzen unter anderem gezielt Bier- und Backhefen ein, die für den Menschen völlig unschädlich sind. Dies gilt in der Regel auch für die Gattung Candida albicans. Experten schätzen, dass 60 bis 75 Prozent aller gesunden Menschen diese Hefepilze auf Schleimhäuten im Mund- und Rachenraum, im Genitalbereich und vor allem im Dickdarm tragen.




Foto: Shutterstock/ESB Professional


Vor rund 20 Jahren gab es eine regel­rechte Phobie vor Darmpilzen. Ihren Nachweis in einer Stuhlprobe machten vor allem Heilpraktiker und Naturheilärzte für zahlreiche Beschwerden verantwortlich: angefangen von Völlegefühl, aufgeblähtem Bauch und Schmerzen im Verdauungstrakt, über Müdigkeit, Kopfschmerzen und Hautprobleme bis hin zu Allergien und Gelenkschmerzen. Einige Therapeuten gingen zudem davon aus, dass Hefen bestimmte schädliche Stoffe produzieren, die beispielsweise Migräne auslösen und auf Dauer die Leber schädigen können. Als Therapie wurde eine streng zuckerfreie Ernährung empfohlen, die sogenannte Anti-Pilz-Diät.

Mittlerweile bewerten Mediziner die Besiedlung mit Hefepilzen differenzierter. Bekannt ist inzwischen, dass sie bei den meisten Menschen keine Beschwerden verursachen. Das zelluläre Immunsystem ist zusammen mit den Epithelbarrieren in der Darminnenwand in der Lage, eine Ausbreitung zu verhindern.




Candida albicans kann in zwei unterschiedlichen Formen in Erscheinung treten. Die rundliche Form wird vom Immunsystem als harmlos eingestuft. Bildet er jedoch Fäden und haftet am Gewebe an, leitet der Körper Gegenmaßnahmen ein.Fotos: Science Photo Library/ Stanley Flegler

Bei Menschen mit einer Immunschwäche besteht allerdings die Gefahr, dass sich die Hefepilze über das normale Maß hinaus vermehren. Das betrifft vor allem HIV-Infizierte, Dia­betes- und Krebspatienten. Im Alter nimmt die Aktivität des Immunsystems allmählich ab, und Senioren leiden daher eher an einer Pilzerkrankung als junge Menschen. Neugeborene gelten ebenfalls als anfällig, da ihre Abwehrkräfte noch nicht ausgereift sind. Nicht zuletzt stört der Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika, Glucocorticoiden wie Cortison oder Immunsupressiva die Besiedlung mit gesunden Darmbakterien und schwächt die natürlichen Abwehrkräfte. Hefepilze können sich dann leichter festsetzen, vermehren und schließlich dominieren. Wiederkehrende Scheidenpilze, Juckreiz am Darmausgang oder Alkoholunverträglichkeit können auf eine Übermacht der Hefen hindeuten.

Bedrohliche Pilzinfektionen

Bei einer massiven Pilzinfektion sprechen Mediziner von einer Candidose oder Mykose. Candida-Hefepilze gelten zwar als Hauptverantwortliche für Pilzinfektionen, doch können auch andere Arten Erkrankungen verursachen. Die Pilze können nicht nur zu Entzündungen in der Mundhöhle, Speiseröhre, im Enddarm und im Scheidenbereich führen. Schlimmstenfalls durchdringen sie bei einer massiven Vermehrung die Darmschleimhaut, gelangen über den Blutkreislauf in innere Organe und schädigen diese. In der Intensivmedizin stellen Pilzinfektionen eine lebensbedrohliche Erkrankung dar und Wissenschaftler warnen davor, dass bestimmte Candida-Arten in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Eine Studie chinesischer Wissenschaftler aus dem letzten Jahr weist auf die enormen Fallzahlen an Erkrankungen und Todesfällen in der Intensivmedizin hin, die durch Candida albicans als Eindringling in die Blutbahn von abwehrgeschwächten Menschen verursacht werden.



Erst im letzten Jahr konnten britische und deutsche Wissenschaftler um Professor Dr. Bernhard Hube vom Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie nachweisen, dass Candida albicans einen Giftstoff freisetzt. In der Laborstudie mit Schleimhautzellen des Menschen wiesen die Experten nach, dass Candida albicans ein Toxin produziert, das die Epithelmembranen im Darm schädigt und zerstört. Die körpereigene Barriere gegen schädliche Keime wird so erheblich geschwächt. Die Forscher nannten das Toxin Candidalysin, da es die Zellwände angreift und auflöst. Offen bleibt die Frage, unter welchen Umständen der Hefepilz das Toxin produziert.

Anpassungsfähiger Darmbewohner

Candida albicans lebt so lange als unauffälliger Darmbewohner im Körper des Menschen, bis eine Immunschwäche oder Darmschädigung auftritt. Erst dann wird aus dem sogenannten Kommensalen – also dem unschädlichen Mitbewohner – ein pathogener Erreger. Der Pilz hat folglich Eigenschaften entwickelt, die es ihm ermöglichen, sich den Abwehrkräften zu entziehen. So bescheinigen ihm Forscher eine bemerkenswerte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im menschlichen Körper.

Eine weitere Besonderheit von Candida albicans sind seine zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen: Er kann als eiförmige sowie als fadenförmige Hefezelle auftreten. In der rundlichen Form wird er vom Immunsystem als harmlos eingestuft. Bildet er Fäden und haftet sich fest an Gewebe an, erkennt der Körper das von ihm produzierte Toxin als fremd und leitet Gegenmaßnahmen ein. Bei einer Immunschwäche bleiben diese unzureichend und der Pilz kann sich ungehindert vermehren.

Eine Infektion mit Darmpilzen zu diagnosti­zieren, ist nicht ganz einfach. Die vom Patienten beschriebenen Symp­tome wie Blähungen oder Durchfall und Verstopfung im Wechsel sind wenig spezifisch und können auch andere Ursachen haben. Die Analyse der Stuhlprobe liefert ebenfalls keine eindeutigen Ergebnisse. Die Hefepilze können als ungleichmäßig verteilte Pilznester im Stuhl vorkommen, so dass sie bei der Beprobung möglicherweise gar nicht erfasst werden. Doch selbst ein positiver Befund ist nicht zwangsläufig für die beobachteten Beschwerden verantwortlich, da sich der Keim auch bei Gesunden nachweisen lässt.




Joghurt scheint sich positiv auf die Bakterien­vielfalt im Darm auszuwirken. Es muss nicht die als pro­biotisch deklarierte Variante sein.

Foto: Shutterstock/asife


Im Internet werden Selbsttests angeboten, die mittels einer Speichelprobe eine Infektion nachweisen sollen. Dieser Nachweis liefert jedoch keine eindeutigen Ergebnisse und trägt eher zur Verunsicherung denn zur Klärung bei.

Ganzheitliche Therapie

Besteht der begründete Verdacht oder eine sichere Diagnose für eine Pilz­infektion im Darm, verordnet der Arzt zunächst ein Antipilzmittel, das den unliebsamen Darmbewohner bekämpft. Anschließend gilt es, das geschwächte Immunsystem zu stärken und die Mikro­biota (Darmflora) zu regenerieren. Die sogenannte mikrobiologische Therapie setzt darauf, den Patienten über drei bis sechs Monate spezifische Darmkeime zuzuführen, um die Besiedlung mit gesundheitsförderlichen Bakterien zu unterstützen. Dabei kommen meist Präparate mit Colibakterien, Milchsäurebakterien und Bifidokeimen zum Einsatz.

Früher empfahlen Therapeuten zusätzlich eine streng zuckerfreie Anti-Pilz-Diät, um den Hefepilzen die Nahrungsgrundlage zu entziehen. Sie gingen davon aus, dass bei nahezu vollständigem Verzicht auf Kohlenhydrate der Pilz ausgehungert würde. Im Internet lassen sich heute noch zahlreiche Webseiten finden, die eine Anti-Pilz-Diät propagieren und des Weiteren oftmals eine kostenpflichtige Unterstützung bei der Behandlung eines vermeintlichen Candida-Befalls anbieten. Auch im Buchhandel sind Veröffentlichungen zu Candida-Diäten erhältlich. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) stufen den Nutzen einer solchen Diät jedoch als fragwürdig ein. Denn ein Aushungern der im Darm angesiedelten Pilze lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Stattdessen kann eine massive Einschränkung der Kohlenhydratzufuhr die Nährstoffversorgung des Menschen erheblich beeinträchtigen.

Naturheilmediziner halten es dennoch für sinnvoll, der Ernährung nach der medikamentösen Behandlung mit einem Antipilzmittel besondere Aufmerksamkeit zu zollen. Sie empfehlen, über mindestens vier bis sechs Wochen Zucker, Süßigkeiten, süßes Gebäck, aber auch Produkte aus Weißmehl ­sowie Limonaden und Alkohol strikt zu meiden. Anfangs sollte zudem auf süßes Obst verzichtet werden. Ziel ist es letztendlich, die Besiedlung mit günstigen Darmbakterien positiv zu beeinflussen und die Abwehrkräfte zu stärken.

Vollwertige Ernährung statt Anti-Pilz-Diät

Auch wenn der konkrete Wirksamkeitsnachweis fehlt, schadet es sicher nicht, bei einer diagnostizierten Pilzinfektion auf eine zuckerarme Ernährung zu setzen. Ein Blick auf das Etikett hilft, auch bei verarbeiteten Lebensmitteln wie Fertigsoßen, Dosen oder Tiefkühlmenüs versteckte Zucker zu erkennen. Sie verbergen sich hinter Bezeichnungen wie Haushaltszucker (Saccharose), Traubenzucker (Glucose, Glucosesirup), Fruchtzucker (Fruktose), Maltose (Malzzucker), Maltodextrin oder Invertzucker. Mehrfachzucker wie die komplexen Kohlenhydrate bleiben dagegen empfehlenswert.




Eine ballaststoffreiche Ernährung mit Vollkornprodukten und viel frischem Obst und Gemüse macht die guten Darmbewohner mobil.

Foto: Fotolia/Printemps


Statt Weißmehlprodukten kommen am besten die Vollkornvarianten von Brot und Nudeln auf den Tisch. Sie enthalten reichlich Ballaststoffe und wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe. Bestimmte Gruppen dieser in allen pflanzlichen Lebensmitteln vorkommenden Substanzen stärken nachweislich das Immunsystem. Gerade immungeschwächte Menschen, die ein größere Risiko für eine Pilzinfektion tragen, profitieren von einer entsprechend angepassten Ernährung.

Für eine optimale Versorgung mit abwehrstärkenden sekundä­ren Pflanzenstoffen sorgen neben Vollkornprodukten auch Salat, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Nüsse. Sekun­däre Pflanzenstoffe in Form von Flavonoiden stecken in roten, blauen und violetten Obst- und Gemüsesorten wie Äpfeln, Trauben, Beerenobst oder Auberginen, und auch in Soja sowie schwarzem und grünem Tee sind sie enthalten. Karotten, Tomaten, Paprika, aber auch grüne Gemüse wie Spinat und Grünkohl liefern die gelb-orangen bis roten Carotinoide. Getreide, Leinsamen und Hülsenfrüchte wie Sojabohnen sind gute Quellen für Phytoöstrogene. Glucosinolate kommen in allen Kohlarten, Rettich, Radieschen, Kresse und Senf vor. Bestimmte Pflanzenstoffe üben gleichzeitig eine antimikrobielle Wirkung aus. Dazu zählen die Saponine, die in Hülsenfrüchten, Spargel und Hafer enthalten sind.

Ein Plus an Ballaststoffen in der Nahrung ist bei Immunschwäche ebenfalls anzuraten. Die Nahrungsfasern können direkt darauf hinwirken, dass sich eine gesunde Mikrobiota entwickelt. Denn die löslichen und unlöslichen Nahrungs­bestandteile dienen den nützlichen Darmbewohnern als Nahrung und unterstützen ihr Wachstum. Möglicherweise sorgen sie zusätzlich für einen gewissen Putzeffekt, da sie aufquellen und zu voluminösen, faserreichen Stühlen führen, die wiederum die Darmwände gewissermaßen reinigen und Pilznester entsorgen können. Für die Darmbakterien sind lösliche Ballaststoffe besonders günstig, die vor allem in Gemüse, Obst sowie in Hafer stecken.

Günstige Darmbewohner stärken

Der Verzehr von Sauermilchprodukten wie Joghurt oder Kefir wirkt sich nachweislich günstig auf die Besiedlung einer gesunden Bakterienvielfalt im Darm aus. Die auch in milchsaurem Gemüse wie Sauerkraut enthaltenen Milchsäurebakterien sorgen für ein saures Milieu und erschweren Hefepilzen vermutlich, sich anzusiedeln. Darauf deuten zumindest einzelne Studien mit Milchsäurebakterien (Lactobazillen) hin. In einigen Untersuchungen zeigten sich die nützlichen Bakterien wirksam in der Therapie von Infektionen des Urogenitaltraktes. Mit allgemein gültigen Aussagen halten sich Wissenschaftler jedoch zurück.

Möglicherweise ist auch die Einnahme von Probiotika oder speziellen probiotischen Lebensmitteln sinnvoll. In einer Meta-Analyse von 2016 konnten Wissenschaftler zeigen, dass Frühgeborene, die ein hohes Risiko für eine Pilzinfektion mit Candida tragen, bei einer Nahrungsergänzung mit probiotischen Keimen ein geringeres Risiko für eine Besiedlung mit dem Hefepilz hatten.

Bereits 2011 wiesen indische Forscher in Laborversuchen nach, dass Terpenoide aus den ätherischen Ölen von Gewürzpflanzen gegen Candida-Hefen wirken. Sechs unterschiedliche Terpenoide aus Gewürznelken, Koriander, Limet­te, Jasmin, Lemongras und Zimtbaum (Eugenol, Linalool, Citronellal, Linalylacetat, Citral und Benzylbenzoat) hemmten unter Laborbedingungen nicht nur das Wachstum der Pilze, sondern töteten sie auch ab. Sie bekämpften sogar Stämme, die gegen das häufig angewandte Antimykotikum Fluconazol resistent waren.

Ob die Konzentrationen der Terpenoide, die üblicherweise über die Nahrung zugeführt werden, für einen solchen Effekt ausreichen, wurde allerdings nicht untersucht.

Weniger Zucker schadet nicht

Ein massiver Hefepilz-Befall stellt bei immun­geschwächten Personen eine ernsthafte Gesundheitsgefahr dar. Die medika­mentöse Therapie mit Antimykotika ist dann unverzichtbar, die Bekämp­fung allein über eine Anti-Pilz-Diät dagegen unverantwortlich. Eine bewusste Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln kann zur Stärkung der Abwehrkräfte beitragen und die Besiedelung mit nützlichen Darmbakterien unterstützen. Das schafft die besten Voraussetzungen, um unerwünschten Erregern wie den Hefepilzen das Leben schwer zu machen.

Eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzliche Ernährungsweise ist auch für Gesunde die beste Wahl. Und bei aller Kritik an der Wirksamkeit einer Anti-Pilz-Diät: Wer auf zuckerreiche Lebens­mittel achtet und ihren Verzehr möglichst gering hält, schadet seiner Gesundheit bestimmt nicht – im ­Gegenteil. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=11256