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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Traditionelle Chinesische Medizin

Lebensenergie im Fluss


Von Clara Wildenrath / Anders als die westliche Schulmedizin behandelt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) nicht in erster Linie Krankheiten, sondern energetische Störungen des Körpers.

 

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»Sie sind ein feucht-kalter Typ.« Wie ein Kompliment klingt die Diagnose eines TCM-Arztes nicht. Auch seine Erklärung mutet für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig an: Die Milz sei geschwächt und könne Nahrung und Flüssigkeiten nicht mehr richtig verarbeiten. Dadurch habe sich Feuchtigkeit angesammelt, die das physiologische Feuer löscht. Die Folge: schnelle Erschöpf­ung, ständige Müdigkeit und Verdauungsbeschwerden. Der Patient soll deshalb künftig weniger Salate und Milchprodukte essen, dafür mehr gekoch­tes Gemüse und fernöstliche Gewürze. Dazu stellt ihm der TCM-Arzt eine Mischung aus verschiedenen Kräutern zusammen, die er als Tee zube­reitet zweimal täglich trinken soll.




Foto: iStock/4X-image


Der über 2000 Jahre alten chine­sischen Medizin vertrauen auch im Westen immer mehr Menschen. Einer Allens­bach-Umfrage zufolge würden sich 61 Prozent aller Bundesbürger, wenn sie die freie Wahl hätten, für eine kombinierte Therapie aus Schulme­dizin und fernöstlicher Heilkunde entscheiden. Dr. med. Naixin Wu aus Nanjing­, TCM-Arzt mit chinesischer und deutscher Approbation, ist Ärzt­licher Leiter der Integrativen TCM-Klinik Illertal in Iller­tissen. »Eigentlich ist jede Erkrankung mit TCM behandelbar«, sagt er. »Die meisten Menschen kommen aber zu uns, wenn die Schulmedizin versagt oder zu viele Nebenwirkungen hat.« Häufig leiden seine Patienten beispielsweise an chronischen Rückenbeschwerden, an Tinnitus, Gürtelrose oder Neurodermitis. »70 bis 80 Prozent können wir durch TCM in Kombination mit Schulmedizin heilen«, sagt er. Grenzen sieht er zum Beispiel bei Tumoren: »Da wirkt TCM nur unterstützend. Sie kann Schmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern.«

Nach der Vorstellung von TCM-Medi­zinern beruht jede Erkrankung auf ­einer Störung des Qi-Stroms. Mit Qi (Tschi ausgesprochen) bezeichnen sie die Lebensenergie, die auf einem unsichtbaren Netz von Leitbahnen durch den Körper fließt. An den Knotenpunkten dieser sogenannten Meridiane befin­den sich die Akupunkturpunkte. Mangelt es an Qi oder stockt es irgendwo, entstehen in dem entsprechenden Bereich des Körpers Krankheitssymptome. Ziel jeder chinesischen Therapie ist es deshalb, das Qi wieder harmonisch strömen zu lassen. Dazu bedient sie sich der fünf Säulen der TCM: der Kräuterheilkunde, der Ernährungs­lehre, der Akupunktur, der Tuina-Massa­ge und Bewegungsübungen aus dem Qi Gong.

Kräuter kontrollieren

Während sich im Westen vor allem die Akupunktur etabliert hat, gilt in China die Kräuterheilkunde als das wichtigste Verfahren. Sie kennt mehrere Tausend pflanzliche, tierische und mineralische Substanzen – darunter so abenteuerliche wie Tigerhoden oder Bärengalle. In Europa kommen allerdings praktisch ausschließlich pflanzliche Extrakte zum Einsatz; geschützte Tier- oder Pflanzenarten werden nicht verwendet. Rund 400 der gebräuchlichsten chinesischen Arzneimittel sind in deutschen Apotheken erhältlich, die für deren kontrollierte Qualität und Reinheit garantieren. Aus dem Internet oder direkt aus Asien bezogene Drogen können dagegen Schwermetalle oder Pestizide enthalten, warnt das Berliner »Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie«. Dadurch kam es in einigen Fällen schon zu schweren Vergiftungen. Chinesische Fertigarzneimittel zur Behandlung von Krankheiten sind in der EU generell nicht zugelassen.

Aus bis zu 20 verschiedenen Komponenten stellt der erfahrene TCM-Arzt ein individuelles Teerezept zusammen. Für viele Beschwerdebilder gibt es bereits feste Rezepturen. Während die Kräuter für ein sogenanntes Dekokt früher stundenlang gekocht werden mussten, stehen heute Granulate zur Verfügung, die der Patient nur noch mit heißem Wasser aufzugießen braucht. »Das ist der Vorteil, wenn tausendjährige Erfahrung auf neue Technik trifft«, lacht Dr. Wu.




Kräuterkäufe aus dem Internet bergen Gefahren.

Foto: Shutterstock/Chinaview


Höchste wissenschaftliche Anerkennung fand die chinesische Kräuterheilkunde 2015, als die Chinesin Youyou Tu mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde. Die TCM-Professorin und Apothekerin aus Peking hatte es geschafft, aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua) den Wirkstoff Artemisinin zu isolieren, der heute als potenter Anti-Malaria-Wirkstoff eingesetzt wird.

Essen als Arznei

Zweitwichtigste Säule der TCM nach der Kräuterlehre ist die Ernährungs­therapie. Die Nahrung gilt in China als Hauptquelle für das Qi. »Wenn die Bilanz gestört ist, kann man das Qi durch die Auswahl geeigneter Speisen wieder ins Gleichgewicht bringen«, erklärt Wu. Die TCM-Ernährungslehre klassifi­ziert Lebensmittel nicht anhand ihres Kalorien-, Nährstoff- oder Vitamingehalts, sondern nach ihrem Geschmack und ihrer Wirkung im Organismus. Die fünf Geschmacksrichtungen sauer, bitter, süß, scharf und salzig werden dabei den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zugeordnet. Diese wiederum entsprechen den inneren Organen Leber, Herz, Milz, Lunge und Niere. So stimuliert beispielsweise Bitteres das Herz und Süßes die Milz. Von großer Bedeutung ist außerdem die thermische Qualität der Speisen und Getränke: Wer friert, braucht mehr wärmende Lebensmittel – nach TCM-Kriterien etwa geschmortes Wurzelgemüse, Lammfleisch, Nüsse oder heißen Gewürztee.

Ergänzt werden Kräuter- und Ernährungstherapie je nach Bedarf durch manuelle Verfahren, die ebenfalls das Qi wieder harmonisch zum Fließen bringen sollen. Dazu gehört das Nadeln der Meridiane und ihrer Knotenpunkte bei der Akupunktur oder ihr Erhitzen durch Verbrennen von Beifußkraut (Moxibustion). Bei der chinesischen Massage »Tuina Anmo« regt der Therapeut die Qi-Zirkulation durch spezielle Handgriffe, Kneten und Schieben an. Sie eignet sich auch für Säuglinge und Kleinkinder und wird häufig bei Beschwerden des Bewegungsapparates, chronischen Erkrankungen und zur allgemeinen Stärkung eingesetzt. Selbst aktiv zu seiner Genesung und Gesund­erhaltung beitragen kann der Patient mithilfe von Bewegungsübungen aus dem Qi Gong oder Tai Chi. Ziel ist es dabei, Atmung, Konzentration und Bewegung so aufeinander abzustimmen, dass der Praktizierende den Fluss des Qi wahrnehmen und harmonisieren kann. Oft sind die Übungen – etwa »Fliegen wie ein Kranich« oder »Stehen wie ein Baum« – der Natur entlehnt.

Ganz ohne Apparate

Nicht nur die Therapie, auch die chinesische Diagnostik unterscheidet sich wesentlich von der westlichen Medizin. Apparate und andere Hilfsmittel sucht man vergebens. Stattdessen verlassen sich Wu und seine TCM-Kollegen in erster Linie auf ihre Sinne. Eine wichtige Rolle spielt die Befragung des Patienten. Dabei geht es nicht in erster Linie um seine Beschwerden, sondern beispielsweise um seinen Appetit, die Verdau­ung, den Schlaf, sein Wärme- und Kälteempfinden: »Alles hat eine Bedeutung«, betont Wu. Bei der Puls­diagnostik unterscheidet der TCM-Arzt mehr als 30 verschiedene Qualitäten des Pulsschlags, die Auskunft über die im Körper zirkulierende Energie geben sollen.

Die Zunge des Patienten gilt als Spiegel der inneren Organe. So entspricht beispielsweise die Zungen­spitze dem Herz und dem Dünndarm, während der Zungengrund die Niere abbildet. Aus Farbe, Form, Struktur und Belag der Zunge schließt der TCM-Kundige auf die Konstitution des Patienten und die Funktion seiner Organe. Dar­über hinaus nimmt er Atem- und Darmgeräusche sowie den Geruch von Schweiß, Urin und Stuhl wahr. Die Gesamt­heit der Eindrücke vermittelt ihm ein Bild davon, wo und wodurch der Qi-Fluss und die Harmonie der gegensätzlichen Pole Yin und Yang gestört sind – etwa durch eine stagnierende Feuchtigkeit in der Milz. Daraus ergibt sich dann der Einsatz geeigneter Kräutermischungen, diätetischer Maßnahmen und ergänzender Verfahren wie Akupunktur oder Massage.

Die Kosten dafür muss – mit Ausnahme der Akupunktur bei bestimmten Indikationen – der gesetzlich Versicherte in der Regel selbst tragen. Einige Kassen fördern allerdings Qi-Gong- und Tai-Chi-Kurse. Die privaten Krankenkassen sind nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes zumindest dann verpflichtet zu zahlen, wenn die Behandlung einer Erkrankung mit schulmedizinischen Verfahren nicht zum Erfolg geführt hat. TCM ausüben dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker, im Rahmen der Geburtshilfe auch Hebammen. Die Ausbildung ist allerdings nicht einheitlich geregelt – sie variiert zwischen Wochenend-Fortbildungen und einem mehrjährigen Studium. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2017

 

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