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BERATUNGSPRAXIS

Akupunktur

Stiche gegen den Schmerz


Von Annette Immel-Sehr / Akupunktur ist eine in Deutschland beliebte alternative Heilmethode. Ihr seriöses Image mag mit darin begründet sein, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten bestimmter Akupunkturbehandlungen erstatten. Zudem gibt es anerkannte Zusatz-Weiterbildungen für Ärzte. Der genaue Wirkmechanismus der Methode ist nach wie vor unklar.

 

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Akupunktur ist eine Therapieform der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Neben der klassischen Körperakupunktur gibt es weitere Verfahren, wie die Schädel-, Ohr- oder Laserakupunktur. In China zählt das Verfahren seit mehr als 2.000 Jahren zu den gängigen Heilmethoden. Die Asiaten sind aber vermutlich nicht die Einzigen, die Nadeln zum Heilen einsetzten. Auch in anderen Kulturen waren Reizverfahren wie Tätowierungen als Schmerztherapie gebräuchlich, gerieten aber – anders als bei den Chinesen – in Vergessenheit. Heute erklärt man sich den Ursprung der Akupunktur damit, dass frühzeitliche Menschen entdeckten, dass sich Schmerzen manchmal durch Massage oder Drücken bestimmter Körperstellen lindern lassen. Weil die manuellen Manipulationen nicht immer halfen, versuchten die Menschen, das Prinzip des gezielten Drucks durch Holz- oder Knochensplitter zu verfeinern.




Foto: Shutterstock/Goami


In der Denkweise der TCM durchziehen den Körper Energiebahnen, die sogenannten Meridiane. In diesen und in den Blut- und Lymphgefäßen fließt die Lebenskraft Qi, die Körperfunktionen aufrecht erhält und Leben ermöglicht. Störungen des Qi und anderer Lebensenergien äußern sich in Beschwerden und Krankheiten. Indem der Therapeut Nadeln in bestimmte Punkte sticht, versucht er, auf den Energiefluss einzuwirken und Blockaden und Störungen zu lösen. Dazu verwendet er spezielle feine Einmalnadeln unterschiedlicher Länge. Welche Akupunkturpunkte der Therapeut auswählt, entscheidet er nach der sogenannten Zungen- und nach der Pulsdiagnostik. Zudem tastet er die Meridiane ab und befragt den Patienten ausführlich. Um anhaltende Effekte zu erzielen, reicht eine einmalige Behandlung nicht aus. Vielmehr wird Akupunktur in Behandlungsserien von mehreren Sitzungen durchgeführt.

Kaum Nebenwirkungen

Die Meridiane sind bestimmten Organen zugeordnet. Oft liegen die Akupunkturpunkte weit entfernt vom erkrankten Organ. Der Patient verspürt beim Stechen anfänglich einen leichten Schmerz, danach entwickelt sich in der Regel ein angenehmes Wärmegefühl. Während der Behandlung kann der Therapeut weitere Verfahren anwenden, zum Beispiel kann er die Akupunkturnadeln auf und ab bewegen. Zusätzlich kann er die Gebiete rund um die Akupunkturnadeln mit den Fingern massieren oder mit Reizstrom stimulieren. Die Nadeln verbleiben zwischen zehn und 30 Minuten in der Einstichstelle. In manchen Fällen werden sie aber auch mit Pflastern fixiert und länger getragen.

Akupunktur gilt als sehr sichere Behandlungsmethode. Zu den unerwünschten Wirkungen zählen Blutungen an der Einstichstelle. Außerdem kann sich die Haut entzünden, wenn die Nadeln lange darin verbleiben. Für Menschen, die Antikoagulantien einnehmen oder eine Blutgerinnungsstörung aufweisen, gilt Akupunktur als ungeeignet. Des Weiteren zählen schwere psychiatrische Erkrankungen, Epilepsie und unklare Krankheitsbilder, die einer dringenden Abklärung bedürfen, zu den Kontraindikationen.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist der Wirkmechanismus der Akupunktur bislang nicht geklärt. Forscher vermuten, dass die Nadeln Nervenreize hervorrufen, die verhindern, dass Schmerzsignale zum Rückenmark gelangen. Des Weiteren sind Effekte im Mittelhirn, in der Hypothalamus-Hypophysen-Achse und im Cortex beobachtet worden. Nach der Behandlung werden mehr schmerzhemmende Endorphine und Neurotransmitter im Gehirn gebildet und reizabhängig ausgeschüttet. In Untersuchungen fanden Wissenschaftler auch einen Anstieg des Serum-Cortisols und einen möglichen Einfluss auf den Stoffwechsel. Dennoch lässt sich die Wirkung kaum mit dem westlichen Verständnis von Körperfunktionen in Einklang bringen. Dessen ungeachtet hat die Methode hierzulande viele Anhänger gefunden. Viele Europäer beeindruckt die Tatsache, dass die Gabe von Narkosemitteln bei einer Operation reduziert werden kann, wenn Ärzte gleichzeitig Akupunktur anwenden.

Erfahrung als Basis

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine Liste von Erkrankungen erstellt, die mit Akupunktur behandelt werden können. Dazu zählen zahlreiche Lungenerkrankungen, Augenerkrankungen, Erkrankungen der Mundhöhle sowie orthopädische, gastrointestinale und neurologische Erkrankungen. Die Indikationsliste beruht allerdings nicht auf wissenschaftlichen Studien im Sinne der evidenzbasierten Medizin, sondern vor allem auf langjährigen positiven Erfahrungen.

In den letzten Jahren führten Wissenschaftler verschiedene, nach schulmedizinischen Maßstäben konzipierte Studien durch, um der Wirksamkeit der Akupunktur auf die Spur zu kommen. In den »Gerac« (German Acupuncture trials – Klinische Untersuchungen zur Akupunktur in Deutschland) wurden zum Beispiel Patienten mit Kniegelenkarthrose auf drei verschiedene Weisen behandelt: entweder schulmedizinisch, mit Akupunktur gemäß TCM oder mit Akupunktur, bei der die Nadeln an zufällig ausgewählte Körperstellen, nicht aber an den Akupunkturpunkten gesetzt wurden. Am Ende der Studie berichteten 28 Prozent der schulmedizinisch behandelten Patienten über weniger Schmerzen und eine bessere Gelenkfunktion. Die Erfolgsraten bei den Akupunktur-Patienten lag bei etwa 50 Prozent – und zwar unabhängig von der gewählten Akupunktur-Methode. Eine andere Studie mit rund 300 Männern und Frauen zeigte eine hohe Wirksamkeit der Akupunktur bei Migräne. Eine Gruppe erhielt zwölf Anwendungen der traditionellen chinesischen Akupunktur, eine zweite Gruppe eine unspezifische Akupunktur und eine dritte Gruppe keine Therapie. Bei beiden Akupunktur-Behandlungen gab es deutlich weniger Migräneattacken – statt fünf nur zwei pro Monat. Im April 2005 veröffentlichten die Berliner Charité und die Techniker Krankenkasse eine Studie, bei der rund 10.000 Ärzte über viereinhalb Jahre rund 300.000 Patienten mit Akupunktur behandelt hatten. Fazit: Akupunktur hilft dauerhaft bei einigen Krankheiten, beispielsweise bei Allergien und Wirbelsäulenschmerzen. Aus den genannten Studien lässt sich auch der Schluss ziehen: Entscheidend ist, dass Nadeln gesetzt werden. Ihre Position ist jedoch zweitrangig.

Akupunktur soll auch die Geburtsdauer verkürzen können – bei Erstgebärenden von im Schnitt zehn auf acht Stunden. Mediziner erklären dies damit, dass der Gebärmutterhals schneller reift und die Wehentätigkeit in der Eröffnungsphase der Geburt effektiver ist. Des Weiteren soll die geburtsvorbereitende Akupunktur dafür sorgen, dass die Gebärende die Wehen als weniger schmerzhaft empfindet. Die Behandlung beginnt ab der 36. Schwangerschaftswoche und umfasst mindestens drei 20- bis 30-minütige Sitzungen. In der Regel setzt der Gynäkologe oder die Hebamme die Nadeln dabei an je vier bestimmte Stellen unterhalb der Knie. /


Erstattung oder Zuschuss möglich

Seit dem Jahr 2017 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten einer klassischen Körperakupunktur bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule oder bei Knie­gelenkarthrose. Voraussetzung ist, dass die Schmerzen seit mindestens sechs Monaten bestehen und die Behand­lung von einem Vertragsarzt mit entsprechender Zusatzqualifikation durchgeführt wird. Der Patient hat Anspruch auf bis zu zehn Akupunktursitzungen innerhalb von sechs Wochen. Darüber hinaus bezuschussen manche Krankenkassen im Rahmen ihrer Bonusprogramme Akupunkturbehandlungen auch bei anderen Krankheitsbildern und zur Geburtsvorbereitung. Akupunktur ist offenbar in Deutschland angekommen.



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2017

 

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