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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Ernährung bei Hyperurikämie

Vielfalt statt Verzicht


Von Inka Stonjek / Bei der Stoffwechselerkrankung Gicht können Patienten mit einer purinbewussten Ernährung viel erreichen. Experten raten heute nicht mehr zu einer strengen Diät, sondern empfehlen eine abwechslungsreiche Alltagskost.

 

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Sie starben an Schlaganfällen und Wassersucht, waren extrem beleibt und litten an Gicht: Verschiedene Krankheiten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Familien­geschichte der Hohenzollern, eine der bedeutendsten Dynastien des deutschen Hochadels. Zu einer familiären Disposition kam bei den Adligen die Vorliebe für üppige Speisen. An der Tafel des Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620 bis 1688) etwa wurden an gewöhnlichen Tagen bis zu 20 Gänge aufgetragen.




Foto: iStock/letterberry


Die pathophysiologisch entscheidende Substanz bei der Gicht ist Harnsäure. Sie fällt beim Abbau von Purinbasen an, wenn körpereigene oder mit der Nahrung zugeführte Zellen im Stoffwechsel zerlegt werden. Die Harnsäure wird normalerweise über Nieren und Darm ausgeschieden. Eine Störung dieser Sekretion ist in 98 Prozent der Fälle die Ursache für die primäre Gicht, die eigenständig und nicht als Folge einer anderen Grunderkrankung auftritt. Bei ungefähr 2,8 Prozent der Männer und 0,4 Prozent der Frauen im Alter zwischen 30 und 59 Jahren in Deutschland reichert sich Harnsäure auf diese Weise im Blut an. Die Substanz ist im wässrigen Milieu löslich, doch ab einer Serum-Konzentration von circa 6,5 mg pro 100 ml kann sie als Natriumuretat auskristallisieren und sich im gesamten Körper ablagern.

Im zarten Gewebe der Ohrmuschel werden Urate, die Salze der Harnsäure, etwa in Form weißer Knötchen sichtbar. In den Gelenken lagern sich Uratkristalle als feine, spitze Nadeln ab. Sie können einen akuten Gichtanfall provozieren, wenn sie von den Leukozyten als Fremdkörper eingestuft und attackiert werden. Die dabei freigesetzten Entzündungsstoffe lassen das betroffene Gelenk anschwellen, röten und überhitzen. Auch in den Organen können sich sogenannte Gichttophi bilden, etwa Harnsteine in den Nieren.


Harnsäurespiegel im Blutserum

normal Männer zwischen 3,4 und 7,0 mg/100 ml 
normal Frauen zwischen 2,4 und 5,7 mg/100 ml 
Hyperurikämie > 6,5 mg/100 ml 

Gichtanfälle sind nicht nur äußerst schmerzhaft. Treten sie häufig auf, können sie Knorpel und Knochen irreparabel schädigen und die Beweglichkeit des Gelenks einschränken. Lagern sich Gicht­tophi in den Organen ab, können sie abhängig vom Erscheinungsort Hypertonie, Insulinresistenz und Hyper­lipidämie begünstigen – allesamt Elemente des metabolischen Syndroms. In den Nieren können sie zu Niereninsuffizienz führen.

Die Ziele einer Ernährungstherapie sind deshalb, Gichtschübe zu ver­meiden, die Harnsäurewerte zu senken und Komorbiditäten entgegenzu­wirken. Deshalb muss die Zufuhr an Purinen­ über die Ernährung lebenslang eingeschränkt werden. Gichtpatienten sollten ihren Speiseplan so gestalten, dass die Purine der verzehrten Lebensmittel zu maximal 500 mg Harnsäure pro Tag beziehungsweise 3000 mg pro Woche abgebaut werden. In besonderen Fällen, beispielsweise direkt nach einem Gichtanfall, können streng purin­arme Diäten mit Obergrenzen von maximal 300 mg Harnsäure pro Tag beziehungsweise 2000 mg pro Woche angezeigt sein.

Normalgewicht anstreben

Etwa zwei von drei Gichtpatienten sind übergewichtig. Da sich bereits durch die Normalisierung des Körpergewichts die Harnsäurekonzentration im Blut senken lässt, ist die Gewichtsreduktion ein Grundpfeiler der Therapie. Radikale Fastenkuren sind allerdings ungeeignet, weil sie aufgrund der Ketoazidose Anfälle provozieren können. Selbstverständlich sollten PTA und Apotheker Gicht-Patienten auch vermehrte körperliche Aktivität empfehlen.


Beratungstipp

Der Purinrechner der Gichtliga enthält mehr als 2000 Lebensmittel, mit denen sich purinarme Gerichte zusammenstellen lassen. Dazu unter www.gichtliga.de den QR-Code einscannen und die App für das mobile Gerät herunterladen.


Lange Zeit stand lediglich der Purin­gehalt der Lebensmittel im Mittelpunkt des Interesses. Purine kommen in Zellkernen aller Lebensmittel vor. Nahrungsmittel mit vielen Zellen – tierische­ Erzeugnisse – enthalten tendenziell mehr als solche mit wenigen Zellen – also Pflanzliches. Ernährungsmediziner empfahlen demnach eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung, die Eier und Milch, aber kein Fleisch oder gar Innereien enthält. Abgeraten wurde zusätzlich von purinreichen pflanz­lichen Lebensmitteln wie Hülsenfrüchten und auch von purinarmen Sorten wie Blumenkohl, Spinat, Brokkoli und Pilzen, weil sie in größeren Mengen gegessen werden. Übrig blieb eine recht einseitige Speisenauswahl, die von den meisten Patienten kaum akzeptiert und umgesetzt wurde und nicht zuletzt deswegen oft wenig wirksam war.




Der regelmäßige Verzehr von Tomatensuppe hatte in einer Studie einen positiven Effekt auf den Harnsäurespiegel.

Foto: Shutterstock/zloitapok


Doch in die Empfehlungen und vor allem deren praktische Umsetzung ist Bewegung gekommen. »Der Therapieansatz geht weg von einer strengen Diät hin zu einer abwechslungsreichen Alltagsernährung«, erklärt Dr. Jürgen Schwarzl, Pharmazeut und pharmakologischer Berater bei der Gichtliga. Vorangetrieben wurde das Umdenken durch Studien, die den Einfluss der Purine aus pflanzlicher Kost untersucht haben. Forscher um den US-Epidemiologen Hyon K. Choi haben die Annahme widerlegt, dass diese den Harnsäure­spiegel ansteigen lassen. Tatsächlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Hülsenfrüchte, Nüsse, Spargel, Spinat, Pilze, Haferflocken, Kohl und viele andere Gemüse haben dank ihres hohen Gehalts an Proteinen und anderen Inhalts­stoffen wie Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien sogar eher positive Effekte­ auf die Harnsäurewerte und das Gichtrisiko. »Dieser Aspekt trifft allerdings nur zu, wenn sie nicht in größeren Mengen gegessen werden. Auch hier ist es besser, aus der Vielfalt an Lebensmitteln zu schöpfen, als es mit einzelnen zu übertreiben“, so Schwarzl.

Vitamin C supplementieren

Insbesondere dem enthaltenen Vitamin C kommt eine wichtige Bedeutung zu. In Dosen von 500 mg pro Tag re­duziert das Vitamin durch seinen urikosurischen Effekt das Gichtrisiko um 20 Prozent. Zudem fördert es die Harnsäure-Ausscheidung über die Niere durch eine gesteigerte glomeruläre Filtrations­rate. 1500 mg Vitamin C pro Tag senken das Risiko um bis zu 50 Prozent. Da das Vitamin auch das kardiovaskuläre Risiko günstig beeinflusst, können PTA und Apotheker Gichtpatienten Vitamin-C-Supplemente empfehlen. Hohe Vitamin-C-Dosen allein über Obst aufzunehmen, ist nicht ratsam. Denn in den süßen Früchten steckt Fructose.

Fructose reduzieren

Studien haben gezeigt, dass der Einfachzucker über Inosinmonophosphat ebenfalls zu Harnsäure abgebaut wird und gleichzeitig die renale Ausscheidung behindert. Besonders ausgeprägt ist diese Störung scheinbar bei Menschen, deren Harnsäurespiegel bereits erhöht ist. Deshalb sind zwei Portionen Obst pro Tag genug für Gicht-Patienten.


Lebensmittelauswahl

Bevorzugt: Purinfreie oder purinarme Lebensmittel Eingeschränkt: Lebensmittel mit mittlerem Puringehalt Meiden: Purinreiche Lebensmittel 
Gemüse, Obst, Kartoffeln, fettarme Milch, Milchprodukte, Käse, Eier, Getreide, Brot, Backwaren mit niedrigem Harnsäuregehalt Hülsenfrüchte (zum Beispiel Erbsen, Bohnen, Sojaprodukte), bestimmte Gemüsesorten (zum Beispiel Rosenkohl, Brokkoli, Blumenkohl, Spargel, Spinat), bestimmte Pilze (Steinpilze, Champignons), gekochter Schinken, fettarmes Rinder-, Schweine-, Geflügelfilet Innereien, Haut von Schwein, Geflügel, Fisch, Hering, Makrele, Ölsardinen, Sprotten, Bier (auch alkoholfrei), Spirituosen, mit Fructose gesüßte Getränke, Hefe, Hefeextrakte, Instantbrühen, fette Lebensmittel (zum Beispiel Wurst), Lebensmittel mit hohem Zucker- oder Weißmehlanteil 

Quelle: Vera Herbst, Dagmar von Cramm: Gut essen bei Gicht. Verlag  Stiftung Warentest, 2. aktualisierte Auflage 2016


Doch Vorsicht: Die nutritive Hauptquelle für Fructose ist nicht Obst, sondern vielmehr zuckerhaltige Softdrinks und Multivitaminsäfte. Bereits ein solches Getränk pro Tag erhöht bei gesunden Menschen das Gichtrisiko um 45 Prozent. Auch in Müsliriegeln, Frucht­joghurt, Eis und anderen Süßigkeiten ist Fructose enthalten. Gicht-Patienten oder Menschen mit bereits bestehender Hyperurikämie sollten fructosehaltige Produkte daher un­bedingt reduzieren oder besser ganz meiden.




Foto: iStock/FredFroese


Hoher Fleischverzehr ist der häufigste Ernährungsfehler bei Gicht-­Patienten. Das liegt nicht nur am hohen Purin-Gehalt, sondern auch an den ent­hal­tenen gesättigten Fettsäuren, die den Lipid-Stoffwechsel ungünstig beeinflussen und zur Entstehung einer Insulinresistenz beitragen. Da mit dem Verzehr­ von viel Fleisch kein protektiver Effekt einhergeht, sollte der Genuss möglichst eingeschränkt werden.

Anders­ sieht es bei Fisch und Meeresfrüchten aus: Sie sind zwar reich an Purinen­, aber auch an Omega-3-Fettsäuren. Moderater Konsum von fettem Seefisch ist also alleine wegen seiner kardioprotektiven Wirkung sinnvoll. Kommt es jedoch bereits nach ge­legentlichem Fischkonsum zu Gicht- Anfällen, lässt sich die Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren auch mit pflanz­lichen Ölen wie Lein- oder Rapsöl oder auch Supplementen sicherstellen. Milchprodukte senken den Harnsäurespiegel und das Gichtrisiko. Dies wird der urikosurischen Wirkung der Milchproteine Casein und Lactalbumin zugeschrieben.


Ernährungs-Empfehlungen

Derzeit gibt es in Deutschland keine S3-Leitlinie zu Therapie und Management von Hyperurikämie und Gicht. Die Ernährungstherapie orientiert sich daher an der S1-Handlungsempfehlung »Akute Gicht in der hausärztlichen Ver­sorgung« der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienme­dizin (DEGAM) sowie der Lang­fassung zur S2-Leitilinie »Gicht­arthritis – fachärztliche Versorgung« von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). Beide Schriften behandeln schwerpunktmäßig das thera­peutische Management von Gicht, gehen aber auch auf Ernährungs- und andere Lebensstilelemente ein.


Zudem haben Bestandteile wie Glykomakropeptid und Milchfettextrakte antiinflammatorische Eigenschaften, was die Schubhäufigkeit senken soll. Milchprodukte haben sich darüber hinaus als günstig erwiesen, um den Blutdruck und die Inzidenz des Diabetes Typ 2 und der koronaren Herzkrankheit zu senken.

Ausreichend trinken

Und Alkohol? »Es spricht nichts gegen ein Glas Wein«, sagt Schwarzl. Tabu sollten allerdings Spirituosen und Bier sein. Zum einen wegen des Alkoholgehalts: Alkohol steigert die Harn­säureproduktion in der Leber und hemmt die Ausscheidung über die Niere. Bier enthält Hefe und damit zusätzlich reichlich Purine. Deshalb ist auch alkoholfreies Bier nicht erlaubt.




Foto: Shutterstock/mylisa


Empfehlenswert ist eine tägliche Trinkmenge von mindestens 2 Litern aus alkohol- und möglichst zuckerfreien Getränken wie Wasser, Saftschorlen und Kräuter- und Früchtetees. Bei einer akuten Gichterkrankung und einer Urolithiasis mit Harnsäuresteinen empfiehlt der Berufsverband Deutscher Rheumatologen sogar, 3 Liter am Tag zu trinken. Auch Kaffee darf einen Beitrag zur täglichen Flüssigkeitszufuhr leisten. Regelmäßig genossen kann er die Serumharnsäurespiegel sogar senken. In geringerem Ausmaß vermag dies auch die koffeinfreie Variante, nicht hingegen Tee. Weil eine rasche Senkung der Serumharnsäurewerte Gichtschübe provozieren kann, sollte Kaffee möglichst nicht unregelmäßig in großen Mengen konsumiert werden.

Zubereitung entscheidet

Nicht zuletzt lässt sich auch durch die Lagerung, Zubereitung und Verarbeitung der Puringehalt von Lebensmitteln verändern. Beim Reifen wird ein Teil der Purine zu niedermoleku­laren Verbindungen aufgeschlossen, die vom Darm leichter aufgenommen werden können. Abgehangenes Fleisch und gelagerter Fisch erhöhen die Harnsäurekonzentration daher stärker als frische Ware. Lebensmittel zu kochen ist sinnvoller als zu braten, da beim Kochen­ ein Teil der Purine ins Kochwasser übergeht. Der Puringehalt lässt sich dadurch um etwa 10 bis 20 Prozent senken, sofern das Kochwasser anschließend verworfen wird. Die Purinaufnahme lässt sich zudem reduzieren, wenn bei Fisch und Geflügel die Haut entfernt wird. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2017

 

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